Gastbeitrag

Im Schwarm

Von Byung-Chul Han
© Greser & Lenz, F.A.Z.

Die digitale Vernetzung bringt einen Paradigmenwechsel mit sich, der in seiner Konsequenz genauso weitreichend ist wie der Buchdruck. Sie hat Konsequenzen bis in die Tiefenstruktur des Denkens, der Empfindung und des Habitus. So brauchten wir heute eine digitale Anthropologie, eine digitale Ethik oder Politologie. Die digitale Kommunikationsrevolution führt vor allem zur Erosion des öffentlichen Raumes, in den früher Informationen hinausgetragen und in dem Informationen auch erworben wurden. Heute werden Informationen im privaten Raum produziert und ins Private kommuniziert. Diese Veränderung des Informationsflusses hat Konsequenzen in vielen Lebensbereichen, auch im Politischen. Die Shitstorms ergießen sich in die Leere des öffentlichen Raumes.

Der Erfolg der Piratenpartei, der im Moment bereits gefährdet zu sein scheint, verdankt sich weitgehend dem digitalen Habitus: Es fehlt die Vermittlung. Die digitale Vernetzung der Lebenswelt führt zu genereller Abschaffung der Vermittlungsinstanzen als Zwischenglieder der Kommunikation. Im Politischen verlangt dieser digitale Habitus nach einer Echtzeit- oder Präsenz-Politik, nach der Abschaffung der Repräsentation, also der politischen Repräsentanten, denn diese verursachen einen Zeit- und Informationsstau. Der digitale Habitus ist im wesentlichen Maße verantwortlich für die Krise der repräsentativen Demokratie.

Der Erfolg der Piraten bedarf nicht einer politischen, sondern einer medien- und kommunikationstheoretischen Erklärung. Digitale Medien sind Präsenzmedien. Sie erzeugen den Zwang, alle repräsentativen Instanzen abzuschaffen. Die Piraten bringen kein neues politisches Programm, sondern, wie sie selbst sagen, ein neues Betriebssystem. Dieses System kommt gerade dem digitalen Habitus entgegen. Menschen wollen, so könnte man vereinfacht sagen, nur auf eine Taste drücken und sofort ein Ergebnis sehen, eine Information erhalten oder eine Entscheidung herbeiführen.

Der digitale Habitus lässt, auf das Politische übertragen, nur eine bestimmte Politikform zu. Die politische Handlung als Experiment oder als Vision ist nicht mehr möglich. Ergebnisse sollten ohne großen Zeit- und Informationsstau sofort bewerkstelligt werden. Der Zeit- und Informationsstau wird als Intransparenz wahrgenommen. Der digitale Habitus lässt Dinge nicht zu, die erst langsam reifen müssen. Die Forderung nach Transparenz ist demnach nicht einfach der Ausdruck eines demokratischen Willens oder des Willens nach mehr Aufklärung. Sie ist vor allem medial bedingt.

Die Zukunft als Zeit des Kommenden, des Anderen oder des Ereignisses ist nicht die Zeitform des digitalen Habitus. Sie ist auch nicht die Zeitlichkeit der Transparenz. Der digitale Habitus ist von der Zeitlichkeit unmittelbarer Präsenz und punktueller Gegenwart beherrscht. Eine Gestaltung der Zukunft, ja einer anderen Zukunft, einer anderen Lebensform lässt sich mit dem digitalen Habitus nicht realisieren. Tippen besitzt keine temporale Weite. Es erfasst auch keine weiten Räume. Digital geht auf das lateinische Wort „digitus“ zurück, das „Finger“ bedeutet. Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln.

Zum digitalen Habitus gehören Ungeduld, Nicht-Warten-Können oder auch die Unfähigkeit zur Langeweile, die gerade eine Quelle der Kreativität darstellt. In den siebziger Jahren wurde eine Fernsehanlage mit beschränkter interaktiver Funktion, QUBE genannt, entwickelt. Sie verfügt über eine Tastatur, die eine Auswahl unter mehreren auf dem Bildschirm gezeigten Gegenständen erlaubt. Sie ermöglicht auch ein primitives Wahlverfahren. Auf dem Bildschirm werden mehrere Kandidaten etwa für den Direktor einer Volksschule gezeigt. Man kann dann eine Taste drücken, die einem Kandidaten zugeordnet ist. Das kommt einer direkten Demokratie gleich. Angesichts dieses recht primitiven interaktiven Mediums gerät der Medientheoretiker Vilém Flusser ins Schwärmen. Er malt sich eine zukünftige Demokratie aus, die der Vorstellung der Piraten sehr ähnlich ist. Er spricht von einer „direkten Dorfdemokratie“.

Das Sofort ist die Zeitform des digitalen Habitus. Vieles hängt davon ab, ob der bequeme Druck auf die Tasten tatsächlich mehr Verantwortung schafft oder zu einer total verantwortungslosen Entscheidung führt. Ein „Shitstorm“ war damals sicher noch nicht möglich, weil die Ausdrucksmöglichkeit nur auf das Drücken einer Taste beschränkt war. Flusser spinnt seine politische Utopie weiter. Das QUBE-System entideologisiere die Politik. Er argumentiert vor 40 Jahren fast wie ein Pirat. Er schreibt, dass „im QUBE-System die Kompetenz eines jeden Beteiligten und das Gewicht einer jeden Kompetenz, von aller Ideologie befreit, klar an den Tag tritt“. Diese Entideologisierung der Politik kommt aber einer totalen Entpolitisierung gleich. Die Politik wird auf dieselbe Ebene wie das Einkaufen gestellt.

Das QUBE-System gleicht, politisch eingesetzt, dem Liquid Feedback der Piraten. Die Politik kommt aber dort zu ihrem Ende, wo der öffentliche Raum in Staub verwandelt wird. Das wäre nur in einer postpolitischen Gesellschaft möglich, in der keine Entscheidung eine existentielle Bedeutung mehr besitzt. Wenn ein gesellschaftliches oder wirtschaftliches System tatsächlich eine absolute, unerschütterliche Stabilität und Selbstverständlichkeit erreicht und keine Alternative zulässt, gibt es eigentlich nichts mehr zu entscheiden. Es erübrigt sich jede politische Handlung oder jede politische Entscheidung. An die Stelle der Politiker treten dann Experten, die das System verwalten. Nicht nur politische Repräsentanten, sondern auch Parteien werden dann überflüssig.

Es wird behauptet, dass der unmittelbare Druck auf eine Taste mehr Verantwortung schafft. Das ist aber nicht der Fall. Heute werden immer mehr Leute mit der Diagnose „Information Fatigue Syndrome“ (IFS) konfrontiert. Zu Symptomen dieser psychischen Erkrankung gehört gerade auch die Schwierigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortung setzt zunächst die Verbindlichkeit voraus. Sie ist wie Versprechen oder Vertrauen explizit auf die Zukunft gerichtet. Sie binden und stabilisieren die Zukunft. Zum digitalen Habitus gehören aber gerade Unverbindlichkeit, Beliebigkeit und Kurzfristigkeit. Er schwächt massiv das Verantwortungsgefühl.

Den Trend zur Abschaffung der Vermittlung und Repräsentanz beobachten wir auch in anderen Bereichen. Bei Amazon kann man heute seine Bücher selbst veröffentlichen ohne Vermittlung eines Verlages. Amazon bedient damit den digitalen Habitus. Es ist offensichtlich, was die digitale Politik der Präsenz sein wird, wenn man sich Ergebnisse dieser neuen Form der Bücherproduktion anschaut und sie auf das Politische überträgt. Wenn wir keinen Verlag gehabt hätten, der mit großem Idealismus oder mit einer Vision Bücher verlegte, die kaum von der Masse gelesen werden, würden wir heute wahrscheinlich Kafka nicht kennen.

Hier wird kein Zeit- und Informationsstau geduldet. Es kann auch sein, dass wir in Zukunft tatsächlich weder Verlage noch Parlamente haben werden. Es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen „Ich bin meine Leserschaft“ und „Ich bin meine Wählerschaft“. Wenn ich als Politiker ganz mit meiner Wählerschaft verschmelze, gebe ich meine Stimme, meine Idee, meine Vision ganz auf. Wenn der Politiker jemand ist, der auf seinem eigenen Standpunkt beharrt, wird es keinen Politiker mehr geben. Peter Handke sagte einmal, dass das Schreiben ein Abenteuer, eine Expedition, ein Experiment sei. Das Schreiben hat Ähnlichkeiten mit dem politischen Handeln im emphatischen Sinne. Dieses politische Handeln wird in der postpolitischen digitalen Präsenz-Demokratie nicht mehr möglich sein.

Die Abschaffung der Repräsentanz gilt auch dem Journalismus. Gerade Blogs, Twitter oder Facebook sind Präsenz-Medien, die den klassischen Journalismus in Frage stellen. Journalisten sind auch Repräsentanten. Die Leser von heute wollen nicht nur konsumieren, sondern auch kommunizieren, indem sie selbst Meinungen produzieren und veröffentlichen. Zum digitalen Habitus gehört die selbständige Produktion von Zeichen, die eine Kommunikation möglich macht. Aber wie bei der selbständigen Veröffentlichung von Büchern stellt sich auch hier die Frage nach Qualität. Die Repräsentation wirkt wie ein Filter, der, was die Qualität angeht, einen sehr positiven Effekt besitzt. Ohne ihn kommt es zu einer Vermassung von Zeichen, akustisch ausgedrückt, zu einem erhöhten Lärmpegel.

Auch das Denken ist eine Expedition. Es begibt sich ins Unbegangene und schlägt dort eine Schneise der Unterscheidung. Das ist Theorie im emphatischen Sinne. Die uferlos wachsende Daten- und Informationsmasse lenkt heute die Wissenschaft massiv von der Theorie, vom Denken ab. Informationen sind an sich positiv. Die datenbasierte oder datengetriebene Positivwissenschaft, ja die Google-Wissenschaft, die sich im Ab- und Vergleich von Daten erschöpft, beendet die Theorie im emphatischen Sinne. Die Positivwissenschaft ist bloß additiv oder detektivisch und nicht narrativ oder hermeneutisch.

Ohne die Negativität der Unterscheidung kommt es unweigerlich zur allgemeinen Wucherung und Promiskuität der Dinge. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass die positive Daten- und Informationsmasse, die heute ins Ungeheure wächst, die Theorie überflüssig mache. Die Theorie als Negativität ist vor positiven Daten und Informationen angesiedelt. Die datenbasierte Positivwissenschaft ist nicht die Ursache, sondern eher die Folge des bevorstehenden Endes der Theorie im eigentlichen Sinne. Die Transparenz- oder Informationsgesellschaft ist eine Gesellschaft mit sehr hohem Lärmpegel. Sie produziert sehr viel Lärm und Müll wie Shitstorms.

Angesichts der Shitstorms müsste man auch die Souveränität neu definieren. Souverän ist, Carl Schmitt zufolge, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Man kann diesen Satz der Souveränität ins Akustische übersetzen. Souverän ist demnach, wer eine absolute Stille zu erzeugen vermag. Schmitt konnte keine Erfahrung mit der digitalen Vernetzung machen. Sie hätte ihn bestimmt in eine totale Krise gestürzt. Es ist bekannt, dass Schmitt zeitlebens Angst vor Wellen hatte. Shitstorms sind auch eine Art Wellen, nämlich Empörungswellen, die der Kontrolle entgleiten. Aus Angst vor Wellen soll Schmitt auch Radio und Fernseher aus seiner Wohnung verbannt haben. Er sah sich sogar dazu veranlasst, seinen berühmten Satz der Souveränität umzuschreiben: „Nach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ,Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.’ Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ,Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.’“ Nach der digitalen Revolution müssten wir erneut den Satz der Souveränität umschreiben: Souverän ist, wer über die Shitstorms des Netzes verfügt. Das ist aber in Wahrheit das endgültige Ende der Souveränität, ja das Ende der Politik.

Professor Dr. Byung-Chul Han lehrt Kulturwissenschaft und ist Leiter des Studiums Generale der Universität der Künste Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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