Früherer Trump-Vertrauter

Amerikas Rechte weint Steve Bannon keine Träne nach

Von Frauke Steffens
 - 21:12

„Bannonfreude“ – die konservative Seite „Redstate“ gab der Schadenfreude über Steve Bannons tiefen Fall den passenden Namen. „Breitbart“, die Seite, die er zum Sprachrohr des Trumpismus gemacht hatte, trennte sich ebenso von Bannon wie „SiriusXM“, wo er eine Radioshow hatte. Und auf Nachfrage erklärte der Fernsehsender Fox News, man habe keine Absicht, mit Bannon zusammenzuarbeiten.

Nachdem Bannon bei Donald Trump in Ungnade fiel, weil er dem Buchautor Michael Wolff nicht nur Interna verriet, sondern auch das Trump-Team des Verrats bezichtigte, kamen die offiziellen Distanzierungen schnell. Niemand wollte auf der Seite des Mannes stehen, der dem Präsidenten unlautere Russland-Kontakte unterstellte und sich anschließend mit einer halbgaren Entschuldigung zu retten versuchte. Doch Steve Bannon hatte nicht nur „Breitbart“ zur Plattform der rechten Trump-Basis gemacht, er war auch deren wichtigstes Verbindungsglied ins Weiße Haus. Das fehlt nun. Wie gehen die Rechte und die „Alt-Right“ damit um?

Nach wie vor hauptsächlich online

Wer wissen wolle, was die Basis denke, müsse nur in die Kommentarspalten von „Breitbart“ schauen, sagte Steve Bannon einst. Die Seite sollte ihm zufolge die Plattform für die „Alt-Right“ sein. Tatsächlich ist es schwer einzuschätzen, wie einflussreich die „Alt-Right“ ist, wie viele Menschen sich mit ihr identifizieren und wo die Grenze zur althergebrachten Rechten verläuft. Die „alternative Rechte“ findet nach wie vor hauptsächlich online statt, auch wenn die öffentlichen Auftritte ihrer Protagonisten zahlreicher werden, wie zuletzt an den Universitäten Berkeley und der Columbia Universität in New York.

Die „Alt-Right“ hat eine ihrer stärksten Wurzeln in der „Manosphere“, dem Internet der „Männerrechtler“ also, mit ihren Themen Antifeminismus und Anti-Liberalismus. Rassismus spielt je nach Medium eine dominante Rolle – etwa, wenn es um Beziehungen weißer Frauen mit schwarzen Männern oder um die als unfair dargestellte Bevorzugung von Minderheiten im Zuge der „Affirmative Action“ geht. Die „Alt-Right“ gruppiert sich heute immer noch um Internetseiten – nicht nur um „Breitbart“, sondern auch um „Infowars“ oder den „Daily Caller“. Es gibt jede Menge persönliche Animositäten und Konkurrenzverhältnisse, die die Szene zersplittern. Dass Steve Bannon half, die Rechten hinter Donald Trumps Kampagne zu einen, gilt vielen als seine größte Leistung.

Steve Bannon hatte die Seite „Breitbart“ zur bekanntesten und vielleicht wichtigsten Stimme der neurechten Szene gemacht. Das Erbe des 2012 verstorbenen Gründers Andrew Breitbart war eine Art Sponti-Mentalität von rechts – gegen das „System“, gegen das Establishment, hier definiert als liberal-feministisch-„gleichmacherische“ Vorherrschaft, die es zu brechen gelte. In einem berühmten Video saß Breitbart vor der Kamera, blickte den Zuschauer direkt an und sagte nur: „Fuck. You.“ Dann starrte er eine Weile wütend vor sich hin und flüsterte: „War“, Krieg.

Diese Wutpose des weißen Mannes war anknüpfungsfähig sowohl für die in sich vielfältigen ideologischen Bedürfnisse des Publikums als auch für Steve Bannon. Der rührte nach Andrew Breitbarts Tod seine eigenen ideologischen Versatzstücke in die disparate „Breitbart”-Mixtur – Protektionismus, Islam-Hass und eine düstere Vision vom Untergangskampf des Abendlandes. Mithilfe des Geldes der Mercer-Milliardärsfamilie und eines guten Marketings brachte Bannon die zerstrittene Redaktion wieder nach vorn – und sich selbst schließlich in die erste Reihe des Trump-Orbits.

Breitbarts Kampf

Die Mercers distanzierten sich inzwischen schnell von Bannon, werden aber wohl „Breitbart“ weiter finanzieren. Für das Internetportal geht es um Schadensbegrenzung und den künftigen Erfolg als eines der wichtigsten Medien der Rechten. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Distanzierung bereits vor Bannons offiziellem Rückzug begann. Mehrere „Breitbart“-Artikel nahmen Bannon nicht in Schutz, sondern zitierten den Präsidenten und seine Leute in ihren Schlagzeilen. Bereits am vergangenen Donnerstag nahm Autor John Nolte zustimmend Bezug auf Donald Trump Jr., der Bannon die Schuld an der Wahlniederlage in Alabama gab und dessen Zeit im Weißen Haus bei Twitter einen „Albtraum“ nannte.

Der verstoßene einstige Chefstratege Trumps hat auch bei vielen „Breitbart“-Lesern keine Chance mehr. Wenn Steve Bannon Recht hatte und die Stimmung von Trumps Basis sich besonders in den Kommentarspalten von „Breitbart“ spiegelt, dann kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Rechte – ob „Alt-Right“-Anhänger oder Neonazis – ihn schnell fallen gelassen hat. Mehr als 40.000 Einträge hat die Diskussion unter dem Artikel, der Bannons Abschied verkündet. Viele Kommentatoren schrieben, dass Bannon selbst Schuld sei, weil er Michael Wolff ins Weiße Haus gebracht habe. „Niemand mag Verräter“, schrieb ein Leser, ein anderer stellte fest: „Bannon ist Opfer seines Egos.“ Viele beendeten ihren Kommentar mit „MAGA“ – Make America Great Again, dem deutlichen Bekenntnis zu Trump.

Einfluss auf Trump behalten

Auch außerhalb von „Breitbart“ war schnell klar, dass die Protagonisten der „Alt-Right“ und anderer rechter Strömungen Bannon nicht die Treue halten werden. Sie wollen vor allem ihren Einfluss auf Donald Trump nicht verlieren – wer für Trump ein Verräter ist, der ist es auch für sie. „Die Leute wollten vor allem Zugang zu Trump“, sagte Mike Cernovic, ein Blogger, der sich selbst als “neu-Rechts“ bezeichnet, in einem Video für seine mehr als 300.000 Follower bei Twitter. An der Spitze der Nahrungskette sei nun einmal der Präsident – deswegen müsse Bannon eben jetzt weichen.

Am ganz rechten Rand vermisst man den Mann mit den zwei T-Shirts ϋbereinander ebenfalls nicht. Evan McLaren, Leiter des von dem Rechtsradikalen Richard Spencer gegründeten „National Policy Institute“, sagte laut „Vice“: „Bannon ist für uns als ideologische Größe schon lange erledigt. Er ist nur so lange relevant, wie er Geld einbringen kann, für die Sache und für Kandidaten.“

Für die Rechten und die Neonazis im Lande ist es letztlich nicht entscheidend, wer die Verbindung zum Weißen Haus hält. Mit Trumps Berater Stephen Miller sitzt nach wie vor ein Mann dort, der mit ihnen sympathisiert und ihre Interessen vertreten kann. Und selbst, wenn die Verbindung ins Zentrum der Macht etwas weniger eng sein sollte, nachdem Bannon in Ungnade gefallen ist: Die Rechten, auch die „Alt-Right“, pflegen Beziehungen in den Kongress und zum Trump-Team. So behauptet der Rechtsradikale Richard Spencer, dass er Stephen Miller einst als Mentor unter seine Fittiche genommen habe. Und Dana Rohrabacher, republikanischer Kongressabgeordneter aus Kalifornien, pflegt eine enge Beziehung zu Holocaust-Leugner und „Alt-Right“-Blogger Chuck Johnson – beide besuchten laut dem „Daily Caller“ im vergangenen Sommer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. Programmatische Berührungspunkte gibt es auch mit Abgeordneten der „Tea Party“.

Aber Steve Bannon wollte mehr: eigene Abgeordnete, die die Ziele der neuen Rechten in den Kongress tragen. Was nun aus seinen Kampagnen in den einzelnen Bundesstaaten wird, wo er rechte Kandidaten in innerparteiliche Vorwahlen schicken wollte, ist unklar. Seine Kandidatin in Arizona, Kelli Ward, wird bereits von rechts herausgefordert: Der von Donald Trump begnadigte ehemalige Sheriff Joe Arpaio, berüchtigt für Foltervorwürfe gegen ihn, will ins Rennen um den Senatssitz gehen.

Für Anhänger der Rechten, der Neonazis und der „Alt-Right“ geht es in erster Linie darum, dass ihre Ziele in Washington Gehör finden, nicht darum, wer ihnen dieses Gehör verschafft. Zur Zeit regen sich viele bei Twitter mehr über einen befürchteten Deal Trumps für die Kinder illegaler Einwanderer auf als über den Abgang von Steve Bannon.

Die Rechten wissen, dass sie Trump Einiges verdanken. Sein Vize Mike Pence hat den Gegnern des geltenden amerikanischen Rechts auf einen Schwangerschaftsabbruch eine breite Plattform verschafft, Bildungsministerin Betsy DeVos würde das Bildungssystem gern noch weiter privatisieren und „Affirmative Action“ an den Universitäten einschränken, Jeff Sessions setzt eine harte Linie gegen Kriminelle und Einwanderer durch – die Rechten haben einige Freunde in der Regierung. Spannend wird sein, ob jemand die Gunst der Stunde nutzen und sich selbst als ihr neues Gesicht ins Rampenlicht kämpfen wird.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSteve BannonDonald TrumpBreitbart NewsAlt-RightMichael WolffTwitterAmerikaFox News