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Trump zu Nordkorea

Hemmungslos bloßgestellt

Von Oliver Kühn
 - 15:11
„Ich werde nicht scheitern“: Donald Trump ist sich seines Sieges über Kim Jong-un gewiss. Bild: dpa, FAZ.NET

In Hollywood-Filmen gibt es ein wiederkehrendes Klischee, wenn zwei Polizisten einen Verdächtigen verhören. Einer der beiden bietet dem mutmaßlichen Verbrecher ein Geschäft an und tut so, als sei er sein Freund, während sein Partner Drohungen ausstößt und den Verdächtigen einschüchtert. Good cop, bad cop heißt dieses Spiel und ist mittlerweile so ausgelutscht, dass kaum ein Drehbuchschreiber noch wagen dürfte, es in einen Film einzubauen.

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Der amerikanische Präsident wiederum scheint dieses Spiel gerne zu spielen, doch ist das Opfer in diesem Fall nicht ein Verdächtiger, sondern sein eigener Außenminister. Rex Tillerson war auf einer Auslandsreise in China, um den Besuch seines Präsidenten im nächsten Monat vorzubereiten. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mitgereisten Journalisten am Samstag, dass das Außenministerium weiterhin Gesprächskontakte nach Nordkorea pflege und auf diplomatischem Wege versuche, die gegenwärtige Krise im Verhältnis der beiden Staaten beizulegen. „Wir haben ein zwei, drei offene Kanäle nach Pjöngjang“, sagte Tillerson der „New York Times“ zufolge. Diese Offenbarung der amerikanischen Gesprächsbereitschaft könnte als good-cop-Taktik verstanden werden.

Diese Ankündigung von Tillerson wurde kurze Zeit später von seinem eigenen Haus, dem Außenministerium, wieder etwas relativiert. Sprecherin Heather Nauert sagte, Nordkorea habe seinerseits kein Interesse daran gezeigt, über sein Nuklear- und Raketenprogramm zu verhandeln, obwohl die Vereinigten Staaten dem Machthaber Kim Jong-un versicherten, dass sie nicht planten, seinem Regime ein Ende zu setzen. Eine Tatsache, über die sich Tillerson in China noch ausgeschwiegen hatte.

Doch der echte Schuss in den Rücken folgte am Sonntag. Präsident Trump sei wütend auf Tillerson gewesen, heißt es in der „New York Times“ weiter. Während eines Wochenendaufenthalts in seinem Golfclub in New Jersey griff sich Trump deshalb sein Handy und verkündete in seinem Lieblingsmedium Twitter: „Ich habe Rex Tillerson, unserem wunderbaren Außenminister, gesagt, dass er seine Zeit verschwendet, wenn er mit dem kleinen Raketenmann verhandeln will...“ Und: „Spare deine Kraft, Rex, wir werden tun, was getan werden muss!“

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Mit „kleiner Raketenmann“ ist Nordkoreas Führer Kim Jong-un gemeint; die Ankündigung, zu „tun, was getan werden muss“ könnte darauf hindeuten, dass der amerikanische Präsident eine militärische Lösung des Konflikts bevorzugt. Trump, der bad cop. Doch mit seinen Tweets dürfte Trump dem Verdächtigen, Kim Jong-un, kaum beeindruckt haben. Seinem Partner Rex Tillerson hingegen nimmt er jegliche Glaubwürdigkeit. Auch wenn das Außenministerium danach noch versuchte, Trumps Äußerungen einzufangen und eine Sprecherin twitterte, noch seien die diplomatischen Kanäle für Kim offen, doch das sei nicht endlos der Fall.

Trump macht Politik aus dem Bauch heraus und tut vor allem das, was ihn vor seiner Basis stark aussehen lässt. Diese würde ein Einknicken vor Pjöngjang nicht goutieren, und so opfert Trump lieber seinen Außenminister. Tillerson ist nach diesem Wochenende völlig desavouiert. Niemand im Ausland kann ihn noch ernst nehmen, da keiner weiß, ob er noch die Rückendeckung von Trump hat oder ob der Präsident ihm nicht Minuten später schon wieder in die Parade fährt.

Diese Politik mag bei Trumps Anhängern funktionieren, im Fall Nordkoreas jedoch wirkt sie nicht. Genauso wie der amerikanische Präsident will Kim Jong-un nach innen Stärke demonstrieren. Er will seinen Anhängern klar machen, dass er es sogar mit dem amerikanischen Präsidenten aufnehmen kann und sich nicht einschüchtern lässt. Trumps Äußerungen dürften Kim deshalb eher noch darin bestärken, seine Politik fortzuführen. Nur die glaubwürdige Abschreckung mit funktionstüchtigen Atomraketen, die auch das amerikanische Festland erreichen könnten, wird von Kim als Überlebensgarantie angesehen. Seine Drohung, den ersten Test einer Atombombe in der Atmosphäre seit 37 Jahren durchzuführen, muss also durchaus ernst genommen werden.

Schon jetzt würde eine kriegerische Auseinandersetzung nur Verlierer produzieren. Denn militärisch verfügt Kim durchaus über ein ansehnliches Potential. Seine Artillerie kann die südkoreanische Hauptstadt Seoul erreichen und seine Raketen die großen Städte in Japan. Außerdem kann Kim die Granaten und Raketen noch mit chemischen Waffen bestücken, was Millionen Opfer zur Folge hätte. Dass er auch über atomare Kapazitäten verfügt, zeigen die wiederholten Tests von Nuklearwaffen. Am 3. September erfolgte die bislang letzte und stärkste Sprengung. Aus Nordkorea verlautete, es habe sich um den erfolgreichen Test einer Wasserstoffbombe gehandelt. Einen Militärschlag der Amerikaner muss Kim also erst einmal nicht fürchten, wenn die Vereinigten Staaten rational handeln. So ist es nicht verwunderlich, dass die amerikanischen Geheimdienste noch keine Vorbereitungen im Norden der koreanischen Halbinsel festgestellt haben, die auf eine erhöhte militärische Tätigkeit schließen ließen.

Trotzdem kommen Trumps Äußerungen in Nordkorea an. Auf seine Rede vor den Vereinten Nationen, in der er Kim wieder beleidigte und dem Land mit „vollständiger Vernichtung“ drohte, reagierte der nordkoreanische Diktator persönlich. Werden seine Einlassungen sonst immer von den Staatsmedien verbreitet, trat Kim nun selbst vor die Kamera und verlas eine Erklärung, in der er Trump einen „geistesgestörten amerikanischen Greis“ nannte. Der antwortete in einem Tweet, die Nordkoreaner würden nicht „mehr lange da sein“, wenn sie die Politik Kim Jong-uns weiterverfolgten. Der nordkoreanische Außenminister wiederum fasste dies als „Kriegserklärung“ auf und drohte, amerikanische Bomber abzuschießen, auch wenn diese im internationalen Luftraum unterwegs seien.

Doch auch davon lässt sich Trump von seinem Weg augenscheinlich nicht abbringen. Wenige Stunden nach seinen Tweets vom Sonntag legte er nach: „ Es hat in den vergangenen 25 Jahren nichts gebracht, nett zum Raketenmann zu sein, warum sollte es jetzt etwas bringen? Clinton ist gescheitert, Bush ist gescheitert, und Obama ist gescheitert. Ich werde nicht scheitern“, schrieb er auf Twitter.

Sollte er weiter so regieren wie bisher und sein Personal öffentlich desavouieren, könnte das aber durchaus passieren. Rex Tillerson wird sich mit Sicherheit nicht erst jetzt fragen, wie lange er noch auf seinem Posten ausharren will. Nicht nur scheint er bei Trump keinen großen Rückhalt mehr zu genießen, auch das Außenministerium ist zur Zeit nur ein Schatten seiner Selbst, berichten amerikanische Medien. Das sei zum Teil auch auf den Außenminister zurückzuführen, der über keinerlei Erfahrung in einem politischen Amt verfügte, bevor Trump ihn zum Chef des State Department machte. Noch scheint Tillersons Geduldsfaden nicht gerissen zu sein. Er hat schon durchblicken lassen, dass er versuche, die Tweets des Präsidenten zu ignorieren. Ende Juni sagte er im Kongress, was die politischen Ziele angehe, gebe es „keine Lücke“ zwischen ihm und dem Präsidenten. Es gebe lediglich Unterschiede „in der Frage, wie der Präsident diese Politikziele kommuniziert“, so Tillerson.

Angewiesen ist der 65 Jahre alte Tillerson auf seinen Posten nicht. Er war Vorstandvorsitzender des Ölkonzerns Exxon Mobil und ist Multimillionär. Ob der „wunderbare Außenminister“, der lange keinen Chef gewohnt war, sich die wiederholten Zurücksetzungen durch Trump weiter gefallen lassen wird, bleibt fraglich. Er wäre nicht der erste und wahrscheinlich auch nicht der letzte von Trumps Mitarbeitern, der die Regierung vor der Zeit verlässt.

Nordkorea-Konflikt
Nordkorea- Konflikt: Trump schließt militärische Option nicht aus
Quelle: FAZ.NET
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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