Trumps Präsidentschaft
Nordkorea-Krise

Wenn Trump in den Krieg ziehen will

Von Lorenz Hemicker
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Auf Twitter stockte am Freitag manchem der Atem, als Donald Trump eine Nachricht des Pazifikkommandos der amerikanischen Streitkräfte teilte. Bomber der Luftwaffe stünden auf Guam bereit, hieß es da, um bei Bedarf die Mission der eigenen Truppen in Korea zu unterstützen. Versehen war die Nachricht mit dem Hashtag „FightTonight“, also „Kampf heute Abend“. Schickte sich der amerikanische Präsident ein weiteres Mal an, Prognosen über sein Verhalten zu entkräften? Wollte er aus dem Krieg der Worte, den er mit Kim Jong-un sein Tagen führt, einen handfesten militärischen Konflikt werden lassen? Beabsichtigte er wirklich, Nordkorea präemptiv anzugreifen?

Die Unruhe legte sich rasch wieder. Das Pazifikkommando erklärte kurz darauf in einer eilig herausgegebenen Mitteilung, die amerikanischen Streitkräfte stünden stets bereit, die Vereinigten Staaten, inklusive Guam, sowie ihre Alliierten zu verteidigen. Dabei entpuppte sich der Hashtag „FightTonight“ nicht als (militärisch ziemlich dämliche) Ankündigung eines Angriffs, sondern als Motto der amerikanischen Streitkräfte in Korea. Auch sonst erweckte das amerikanische Militär, dessen Stützpunkte rund um die Welt verteilt sind, an diesem Wochenende bislang nicht den Eindruck, sich intensiv auf einen Krieg vorzubereiten. Große Truppenbewegungen in Richtung koreanische Halbinsel waren nicht zu beobachten. Der Flugzeugträger „Ronald Reagan“ kehrte laut Angaben der Navy samt seiner Armada aus zahlreichen weiteren Kriegsschiffen nach drei Monaten in der Krisenregion zurück nach Japan. Kein Grund zur Sorge also?

Kurzfristig spricht trotz gegenseitiger Drohungen Kims und Trumps sowie einiger Hysterie in den Medien und sozialen Netzwerken wenig für einen militärischen Konflikt. Andererseits aber laufen beide Länder gerade auf eine Sackgasse zu, aus der kein diplomatischer Ausweg mehr herausführt. Kim will um jeden Preis Atomraketen, die Amerika treffen könnten, verbunden mit der Hoffnung, sein Regime so dauerhaft zu sichern. Die Vereinigten Staaten wiederum wollen das um jeden Preis verhindern. Der Diktator gilt nicht nur Donald Trump als unberechenbar. Auf ein Gleichgewicht des Schreckens, das im Kalten Krieg mit reichlich Glück gehalten hat, will sich in Washington kaum jemand einlassen. Das Pentagon hat seit langer Zeit Pläne in den Schubladen liegen, die beschreiben, wie eine militärische Auseinandersetzung gegen Nordkorea geführt werden könnte.

Zudem hat Präsident Trump bei allem rhetorischen Säbelrasseln nicht zu erkennen gegeben, wie er mit konkreten Bedrohungsszenarien umzugehen gedenkt: Was passiert, wenn Kim Jong-un den Plan seiner Generäle umsetzt und Raketen um die Insel Guam herum ins Meer stürzen lässt, ohne dass Menschen verletzt werden oder Infrastruktur zerstört wird? Was passiert, wenn Nordkorea auf offener See eine Atombombe zünden würde, wiederum mit keinen oder nur wenigen Opfern wie früher schon bei Scharmützeln an der koreanischen Grenze?

Sicher ist: Die Bandbreite möglicher Optionen ist für Trump gewaltig. Die Vereinigten Staaten unterhalten die modernste und leistungsfähigste Militärmaschinerie weltweit. Hinzu kommen starke Verbündete wie Japan und Südkorea, wo die Amerikaner bereits heute knapp 30.000 Soldaten stationiert haben. Die amerikanischen Marine könnte binnen kürzester Zeit bis zu drei Flugzeugträgergruppen rund um die koreanische Halbinsel zusammenziehen, bestückt mit hunderten Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern, flankiert von U-Booten und Langstreckenbombern, die von Stützpunkten im Pazifik wie zum Beispiel Guam aufsteigen. Hinzu kommen die immer größeren Wirkungsmöglichkeiten im Cyberraum, für die es keinerlei Truppen vor Ort bedarf.

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Die politisch unbedenklichste Maßnahme wäre es wohl, eine anfliegende ballistische Rakete Nordkoreas zu zerstören. Dafür verfügen die amerikanischen Streitkräfte und ihrer Verbündeten über mehrere Abwehrsysteme (Thaad, Patriot, SM-3), die in Südkorea und auf Basen im Pazifik beziehungsweise auf Kriegsschiffen vorhanden sind. Die Gefahr dabei: Sollten die Raketenabwehrsysteme ihr Ziel verfehlen – und die Möglichkeit besteht – untergräbt das die Glaubwürdigkeit der eigenen Verteidigungsfähigkeiten.

Die nächste militärische Eskalationsstufe wäre es, eine ballistische Rakete Nordkoreas bereits am Boden zu zerstören. Würden die Startvorbereitungen rechtzeitig entdeckt, könnte Präsident Trump den Befehl für einen Luftangriff geben. Mit Marschflugkörpern, die von amerikanischen Kriegsschiffen oder U-Booten in der Region abgeschossen werden könnten, würde das Ziel binnen Minuten zerstört. Auch Kampfflugzeuge könnte die Aufgabe übernehmen, allerdings deutlich langsamer und mit der Gefahr eigener Verluste. Dieser Schritt böte in jedem Fall ein erheblich größeres Risiko, sollte Nordkoreas Machthaber ihn als Vorbereitung für einen breiter angelegten militärischen Angriff sehen. Militärexperten halten es für möglich, dass in diesem Fall Nordkoreas Streitkräfte den Befehl zum Beschuss von Seoul oder gar zum Überschreiten der demilitarisierten Zone geben würde. Ein neuer Korea-Krieg würde ausbrechen.

Jede weitere Eskalationsstufe würde die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel weiter wachsen lassen. Dabei wäre es unerheblich, ob Präsident Trump die Zerschlagung des Atom- und Raketenprogramms oder die Absetzung des Kim-Regimes militärisch zu erreichen suchte. Am Ende wäre eine amerikanisch geführte Invasion Nordkoreas wohl unvermeidbar. Eine solche Operation könnten die amerikanischen Streitkräfte jedoch nicht aus dem Stand führen, selbst mit schlagkräftigen Verbündeten wie den südkoreanischen Streitkräften.

Nordkoreanische Artillerie im Manöver, auf einem Foto der Nachrichtenagentur KCNA
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Das renommierte Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) geht davon aus, dass das Pjöngjang-Regime rund 1,2 Millionen Soldaten unter Waffen hält. Hinzu kommt eine Reserve von 600.000 Frauen und Männern sowie 5,7 Millionen Paramilitärs. Auch wenn die konventionellen Waffensysteme Nordkoreas weitgehend veraltet sind, müssten sich die Amerikaner auf einen blutigen Konflikt einstellen. Besonders die Tausenden an der Grenze eingegrabenen Artilleriegeschütze könnten in den ersten Tagen für erhebliche Verluste sorgen.

Für eine Invasion müssten die amerikanischen Streitkräfte über längere Zeit umfangreiche Vorbereitungen treffen. Truppen müssten eingeschifft und stationiert, Munitionsbestände aufgefüllt, Panzer und Artillerie entladen – und vor allem die rund 250.000 in Südkorea lebenden Amerikaner in Sicherheit gebracht werden. All das würde Nordkorea kaum verborgen bleiben. Es ist nicht anzunehmen, dass Kim Jong-un diesen Bemühungen tatenlos zusehen würde. Sollte er seinerseits auf militärische Stärke setzen, würde er sein Land im günstigsten Fall auf eine Invasion vorbereiten und die Stellungen seiner Streitkräfte härten. Doch wäre nicht auszuschließen, dass er seinerseits zuerst losschlagen würde. Besonders im Raum der 10-Millionen-Metropole Seoul, die in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie liegt, würde binnen kürzester Zeit Zehntausende Tote drohen.

Die größte Eskalationsstufe, über die Donald Trump verfügt, ist militärisch zugleich die einfachste. Ein präemptiver Einsatz von Atomwaffen ist im Pentagon nach allen vorliegenden Informationen nicht vorgesehen und dürfte selbst für Trump keine ernsthafte Option sein. Anders sieht es aus, sollte Kim Jong-un eine Atombombe gegen Amerika oder seine Verbündeten einsetzen, vor allem dann, wenn dabei zahlreiche Menschen ums Leben kommen. Es wäre wohl der letzte Befehl des jungen Diktators. Dann dürfte Amerikas Präsident zum atomaren Gegenschlag ausholen. Um die nötigen Befehle zu geben, bräuchte er nur wenige Minuten.

Von Begeisterung für solche Pläne ist in Washingtons Militärelite nichts zu spüren. Neben der üblichen Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Präsidenten weist Verteidigungsminister James N. Mattis seit Wochen immer wieder darauf hin, welch schreckliche Folgen ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel haben würde.

Der ehemalige Nato-Befehlshaber und Navy-Admiral James Stavridis brachte derweil am Freitagabend noch eine weitere Möglichkeit ins Spiel. Dem Fernsehsender NBC sagte er, im Konfliktfall käme auch eine Cyberoffensive in Betracht. Doch er empfahl dringend, dass die Regierung zuvor zehn Empfehlungen befolgen sollte. Die Erste richtete sich direkt an Donald Trump: Er solle rhetorisch abrüsten und improvisierte Äußerungen über „Feuer und Wut“ unterlassen – und weniger an „Game of Thrones“ denken.

Quelle: FAZ.NET
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