Drogenkrise

Trumps Amerika im Griff des Heroins

Von Frauke Steffens, New York
 - 10:34
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Carry Naloxone – save a life“, das steht neuerdings auf Bussen und Plakatwänden in New York. „Packen Sie Naloxone ein und retten Sie ein Leben“ also – dazu fordert die Kampagne der städtischen Gesundheitsbehörde jeden auf. Naloxone ist ein Mittel gegen Heroin- und Schmerzmittelüberdosen und bislang hatten es vor allem Polizisten und Ärzte dabei. Jeder kann inzwischen in die Drogerie gehen und es rezeptfrei kaufen, da man tatsächlich nie weiß, wer im eigenen Umfeld süchtig nach Schmerzmitteln ist, argumentieren die Behörden.

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Drogenkrise in Amerika: Wie Heroin ein ganzes Land fest im Griff hat

Heroin und Medikamente wie Oxycontin, eines der bekanntesten verschreibungspflichtigen Opioide, sind chemisch sehr ähnlich. Laut einer Schätzung der amerikanischen Bundesbehörde für Suchtkontrolle und psychische Gesundheit kamen 2015 80 Prozent der Heroinsüchtigen im Lande von Schmerzmittelmissbrauch zu Heroin. Während eine Oxycontin-Pille auf dem Schwarzmarkt bis zu 30 Dollar kosten kann, ist ein Päckchen Heroin vielerorts für 5 Dollar zu haben – billiger als Zigaretten. 100.000 Menschen sollen in den Jahren zwischen 2004 und 2014 in Amerika an Opioid-Überdosen gestorben sein, berichtete die „New York Times“ unter Berufung auf offizielle Statistiken. Pro Jahr sollen es inzwischen laut der Bundesgesundheitsbehörde (CDC) mehr als 30.000 sein, das sind über 60 Prozent aller Drogentoten. Die Behörde nennt das Problem schon seit Längerem offiziell eine Epidemie.

In New York City allein ist die Zahl der tödlichen Überdosen durch Heroin und andere Opioide in den Jahren 2000 bis 2015 um 300 Prozent angestiegen, so die städtische Gesundheitsbehörde. Jeden Tag sterben drei Menschen hier an einer Überdosis – und der Anteil von Opioiden daran wächst, warnt die Stadt. Der in Teilen gutbürgerliche Stadtteil Staten Island ist so schwer betroffen, dass manche ihn „Heroin Island“ getauft haben – auf der auch bei Touristen populären Fähre dorthin begegnen einem jetzt Drogenspürhunde. „Mehr Einwohner von Staten Island sterben durch Überdosen als durch Autounfälle“, warnt die Gesundheitsbehörde.

Süchtige kommen aus allen sozialen Schichten

Staten Island ist auch eine von New Yorks wenigen Trump-Hochburgen – viele der Gegenden Amerikas, die für den Präsidenten gestimmt haben, sind auch besonders von der Heroinkrise betroffen. Das liegt aber nicht nur daran, dass ein Teil der verarmten Arbeiter Trump gewählt hat, sondern daran, dass er auch eine starke Basis in der weißen Mittelschicht der Vorstädte hat. Die soziale Zusammensetzung der Süchtigen ist anders als bei der Heroinkrise der 1970er und 80er Jahre, als es vor allem ärmere Menschen in den großen Städten traf.

Dokumentarfilme wie „Oxyana“ von 2013 haben die Krise ins öffentliche Bewusstsein gebracht, sind aber auch dafür verantwortlich, dass oft ein verkürztes Bild von der Gruppe der Betroffenen entsteht. Regisseur Sean Dunne zeichnete ein geradezu apokalyptisches Bild von der Stadt Oceana in West Virginia, deren Bewohner früher einmal gut vom Kohleabbau leben konnten. Fast jeder im Film ist abhängig von Schmerzmitteln oder kennt jemanden, der es ist. Dunnes Protagonisten leben in Armut, in Trailerparks oder heruntergekommenen Häusern. Die Armen trifft es tatsächlich hart, die ganz große Presseaufmerksamkeit für die neue Heroinkrise kam aber erst, als klar wurde, dass das Problem auch die Mittelschicht der Vorstädte erfasst hat.

West Virginia
Überleben in Amerikas „Heroin-Hauptstadt“
© afp, afp

Wegen Verletzungen zur Sucht

Besonders gefährdet sind zum Beispiel junge Sportler, die sich verletzen. „Sports Illustrated“ berichtete etwa über einen typischen Fall: College-Student Roman Montano aus Albuquerque verletzte sich beim Basketball am Fuß, sein Arzt verschrieb Oxycontin, er wurde schnell davon abhängig. Dann entdeckte der junge Mann durch Freunde Heroin, wurde auch davon süchtig und starb an einer Überdosis. „Er sah so gesund aus, ein großer stabiler Kerl, nicht wie ein Junkie“, zitierte das Magazin Romans Vater. Sein Sohn war ein gesunder 22-Jähriger aus einer Familie der Mittelschicht, mit guter Ausbildung – seine Geschichte ist typisch für die neue Heroinkrise. Jack Riley, stellvertretender Chef der Bundesbehörde gegen Drogenkriminalität (DEA), sagte 2015: „Im sportlichen Bereich kann man Heroin mit einer Massenvernichtungswaffe vergleichen.“

Man kann die Geschichte von jungen Menschen, die durch Verletzungen zu Süchtigen werden, dieser Tage in vielen traurigen Varianten lesen. Dass der Weg so oft von verschriebenen Medikamenten in die Sucht und den Tod führt, hat die Kritiker der Pharmaindustrie dazu veranlasst, die Wurzel der jetzigen Krise vor allem in deren Geschäftspolitik zu sehen.

Pharmaunternehmen zahlen Millionen wegen falscher Werbung

Pharmaunternehmen wie Purdue, Erfinder des populären Schmerzmittels Oxycontin, haben die Mittel jahrzehntelang aggressiv vermarktet und verdienen damit Milliarden Dollar. Michael McMahon, für Staten Island zuständiger Bezirksstaatsanwalt, sagt: „Die Pharmaunternehmen tragen viel Verantwortung, sie haben die Opioide in den Markt gepusht.“ Das geschah seit den neunziger Jahren nicht zuletzt über finanzielle Anreize für Ärzte, wenn sie das Mittel verschrieben. Schulungen für diese Ärzte sollten vor allem eine Botschaft vermitteln: Oxycontin und andere Opioide machen nicht oder nur sehr selten süchtig. Purdue machte parallel gründliche Lobbyarbeit in Washington. Jegliche schärferen Regulierungen wurden über Jahre hinweg erfolgreich blockiert. Die Verschreibungen von Opioiden vervierfachten sich zwischen 1999 und 2010. Oxycontin wurde zum meist verkauften Produkt in dieser Kategorie und brachte Purdue drei Milliarden Dollar pro Jahr ein.

Die Behauptung, dass Oxycontin und andere Opioide, die etwa in Deutschland vor allem bei schweren Krebserkrankungen zum Einsatz kommen, nicht süchtig machen, war einer der wesentlichen Gründe, warum das Justizministerium schließlich gegen Purdue ermittelte. Mehrere Staaten hatten wegen irreführender Werbung geklagt; die Bundesbehörde für Medikamentenkontrolle FDA hatte festgestellt, dass das Unternehmen Ärzten Vergünstigungen für die Verschreibung von Oxycontin gegeben und sie über das Suchtpotential des Medikaments getäuscht hatte. 634,5 Millionen Dollar musste Purdue im Jahr 2007 schließlich zahlen.

Belastungen für Städte und Gemeinden

Die Leidtragenden der Drogenkrise sind nicht nur die Süchtigen selbst. Neben den hohen Kosten im Gesundheitswesen gibt es auch Belastungen für Städte und Gemeinden: die Süchtigen nehmen die Krankenhäuser und Beratungsstellen in Anspruch, die Beschaffungskriminalität beschäftigt die Polizei. Chicago und zwei Kommunen in Kalifornien klagten 2014 gegen Purdue und andere Unternehmen wie Johnson&Johnson. Irreführende Werbung soll auch hier der Hebel sein, um die Unternehmen für den Schaden zur Verantwortung zu ziehen. Das Unternehmen Teva hat in Kalifornien kürzlich einem Vergleich über 1,6 Millionen Dollar zugestimmt. Pfizer schloss 2016 eine ähnliche Vereinbarung mit der Stadt Chicago und verpflichtete sich, auf die Suchtgefahren aufmerksam zu machen. Zur Zeit klagen unter anderem Ohio und New Hampshire. Vorbild sind die erfolgreichen Klagen gegen die Tabakindustrie, die 1998 über 200 Milliarden Dollar an 46 Bundesstaaten auszahlen musste.

Die Unternehmen beteuern auch heute noch, dass ihre Medikamente – richtig angewandt – sicher seien. Verschiedene Produktinnovationen sollen zudem die Gefahr senken: So sollen die Oxycontinpillen heute nicht mehr so leicht zu zerkleinern sein. Allerdings nehmen auch Süchtige das Medikament oft ganz normal als Pillen ein. Auch die Kontrollen der Ärzte und Apotheken sind in den vergangenen Jahren verbessert worden. Bis vor Kurzem war es möglich, mit gefälschten Papierrezepten an die Opioide zu kommen oder „doctor shopping“ zu betreiben. Inzwischen gibt es zum Beispiel in New York gar keine Papierrezepte mehr, alles wird elektronisch abgewickelt und abgeglichen, so dass es wesentlich schwerer geworden ist, von Arzt zu Arzt zu gehen und sich Schmerzmittel verschreiben zu lassen. Doch viele Menschen treibt das eben auch schneller auf den Schwarzmarkt und zu Heroin.

Trumps Drogen-Dilemma

Präsident Donald Trump, der noch vor Kurzem New Hampshire wenig sensibel als „drogenverseuchtes Loch“ bezeichnete und jungen Leuten zur Prävention riet, einfach die Finger von Drogen zu lassen, hat inzwischen den Ernst der Lage erkannt oder handelt zumindest so. Der „nationale Notstand“, den er in der vergangenen Woche ausrief, ist ein Anfang. Dadurch können mehr Mittel gegen die Epidemie zur Verfügung gestellt werden – ein Ziel, das schon Vorgänger Barack Obama verfolgt hatte. Der Senat hatte mit einer eigens gegründeten Kommission die Rolle der Pharmaindustrie untersucht und Obama unterzeichnete im vergangenen Jahr ein von beiden Parteien getragenes Gesetz, mit dem die Epidemie bekämpft werden sollte. Trump versucht unterdessen trotzdem, seinem Vorgänger die Schuld für die Krise in die Schuhe zu schieben. Der habe eindeutig nicht genug getan, ließ der Präsident verlauten.

Kein Wunder: Für Trump ist das Thema in mehrfacher Hinsicht unangenehm. Da sind zum einen die vielen Süchtigen in Trumps Hochburgen – West Virginias Arbeitslose etwa, die zur Behandlung der Folgen ihrer Sucht auf das durch ihren Präsidenten bedrohte Medicaid-System angewiesen sind. Zum anderen hat Trump aber auch viele Anhänger in der besser verdienenden weißen Mittelschicht der Vorstädte, deren Kinder als College-Athleten mit Oxycontin angefixt werden und die nach Antworten suchen. Es wird nicht so einfach werden, einen Erfolg im Kampf gegen die Sucht zu erzielen, wenn Trump sich nur auf die Drogenkartelle aus Lateinamerika und die Heroin-Dealer konzentriert und nicht auf Big Pharma. Wenn er das wiederum täte, bekäme er wohl Ärger mit seinen Großspendern.

Quelle: FAZ.NET
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