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Buch „Fire and Fury“

Trump als funktionaler Halbanalphabet

Von Andreas Ross, Washington
 - 09:00

Donald Trumps Präsidentschaft verhält sich zum herkömmlichen Washingtoner Betrieb wie Hundejahre zu Menschenjahren. Der Publizist Michael Wolff hastet auf seinem „Insider“-Bericht aus dem Weißen Haus nur durch die ersten sieben Monate. Gemessen an der Menge von Aufregern und Affären, nimmt sein Buch es aber mit Werken auf, die auf ganze Präsidentschaften zurückblicken: Die Amtseinführung mit den imaginierten Massen; die Einreiseverbote; der Rauswurf von Sicherheitsberater Flynn nach 24 Tagen; der Abhör-Vorwurf an Obama; das Scheitern der Gesundheitsreform in mehreren Akten; der Syrien-Luftangriff; der Rauswurf von FBI-Chef Comey und die Ernennung eines Sonderstaatsanwalts; der groteske Hofstaat in Riad; die Kündigung des Pariser Klimaabkommens; der Aufstieg und Fall des Kommunikationsdirektors Anthony Scaramucci binnen zehn Tagen; die Rücktritte von Sprecher Spicer und Stabschef Priebus; die spontane Feuer-und-Zorn-Drohung an Nordkorea; der Rechtsradikalen-Aufmarsch in Charlottesville; der polternde Abgang vom Chefstrategen Steve Bannon.

In einer Fortsetzung müsste Wolffs „Fire and Fury“ selbst als Aufreger behandelt werden. Doch die dürfte es nicht geben, denn den „semiständigen Sitz auf einem Sofa im Westflügel des Weißen Haus“, den sich Wolff erschlichen hatte, musste er vor Monaten aufgeben. Seine Erzählung krankt daran, dass sie endet, als mit Stabschef John Kelly eine neue Zeitrechnung beginnt. Wolff schildert ein Chaos-Dreieck, das in dieser Form nicht mehr existiert. Der politische Brandstifter Bannon, Trumps Business-fixierter Schwiegersohn Jared Kushner und der Technokrat Priebus bekriegten und lähmten einander. Andererseits kommt es auf den Mann im Zentrum an. Donald Trump habe nicht verstanden, „warum er nicht alles haben konnte: Er wollte Sachen kaputthauen, Gesetze der Republikaner unterzeichnen und sich die Liebe der New Yorker Macher und Salons erwerben.“

„Er wusste nichts“

Wolff zeichnet das Bild eines ahnungs- und ideenlosen, desinteressierten, lernunfähigen, auf Äußerlichkeiten fixierten, unreifen, paranoiden, verlogenen, jähzornigen und hoffnungslos selbstverliebten Präsidenten. Einigkeit herrschte zwischen Trump, seinen Kindern und Beratern demnach zuletzt im Wahlkampf: darüber, dass der Kandidat weder Präsident werden könne noch sollte. Demnach wollte Trump nur „berühmtester Mann der Welt“ werden, sich aber weder den Strapazen noch den bescheidenen Wohnverhältnissen im Weißen Haus aussetzen. Der Plan ging nicht auf. „Er hatte irgendwie die Präsidentenwahl gewonnen, aber sein Hirn schien außerstande, die Funktionen zu erfüllen, die für seinen neuen Job wesentlich sein würden. Er war unfähig, zu planen, zu organisieren, zuzuhören und seine Aufmerksamkeit von einem zum nächsten Thema zu lenken“, schreibt Wolff. „Auf elementarer Ebene konnte er Ursache und Wirkung nicht in Beziehung setzen.“ Trump habe geschäftlich Erfolg gehabt, aber „er wusste nichts und konnte noch nicht einmal eine Bilanz lesen“. Wolff stempelt Trump zum „funktionalen Halbanalphabeten“. Auf die besorgte Frage eines Vertrauten, auf wessen Rat er bauen könne, soll Trump gesagt haben: „Ich rede mit mir selbst.“

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Enthüllungsbuch Wie gefährlich ist „Fire and Fury“ für Trump?

Wolff bedient sich aus einer Liste böser Worte, mit denen Trumps „Freunde“ den Präsidenten bedacht haben sollen: Idiot, Depp, verrückt und dumm, doof wie Scheiß. Auch deshalb wird „Fire and Fury“ als Enthüllungsbuch vermarktet. Doch nie wird Trumps Überforderung so deutlich wie dann, wenn Wolff aus seinen wilderen Reden zitiert, etwa den schwer zu folgenden Gedankenfetzen, die er am ersten Amtstag im CIA-Hauptquartier aneinanderreihte.

Wolff schildert, wie Kushner, Bannon und Priebus einander täglich mit Durchstechereien traktiert hätten. Noch mehr „Leaks“ dürften nur vom Präsidenten selbst gekommen sein, der abends Freunden oder flüchtigen Bekannten am Telefon sein Herz ausschütte. „So hat Trumps Regierung wenigstens in Sachen Transparenz neue Standards gesetzt“, lästert Wolff. Damit liefert er freilich auch die Erklärung, warum sein Buch lediglich in Details Neues bietet: etwa, dass Trump aus Angst vor Vergiftung sein Bett selbst abziehe und Panik kriege, wenn jemand seine Zahnbürste berührt. Dass er Comey eine „Ratte“ nannte und Sicherheitsberater H.R. McMaster verachte, weil der wie ein Biervertreter aussehe. Oder dass sich Trumps Stab dessen Russland-Politik unisono damit erkläre, dass er um Putins Anerkennung buhle. Der Russe hatte ihn nämlich bei einer Misswahl 2013 in Moskau nicht treffen wollen.

Wolff outet Bannon als Quelle für eine Story der „New York Times“, in der sie dem Präsidenten fälschlich den Besitz eines Bademantels angedichtet hatte. Damit erinnert er den Leser auch daran, wie unzuverlässig seine Hauptquelle ist. Wer verstehen will, wie das Weiße Haus heute funktioniert, wird ohnehin bedauern, dass sich Wolff an Bannon sowie eine Vertraute von Priebus anlehnte, aber keinen engen Draht zu Kushner und Ivanka Trump fand. Im Gegensatz zu den anderen sind Tochter und Schwiegersohn des Präsidenten nämlich noch da. Das Buch endet bequemerweise, bevor Trump die Steuerreform unterschrieb und damit einen großen Erfolg verbuchte.

An den großen Linien von Wolffs Erzählung gibt es wenig zu zweifeln. Sein Buch bringt die Abartigkeit der Zustände im Zentrum der westlichen Vormacht auf den Punkt. Bevor man jedes Detail für bare Münze nimmt, sollte man aber die Einleitung konsultieren. Im Weißen Haus, warnt Wolff da, werde man mit Widersprüchen und Lügen konfrontiert. „Diese Laxheit mit der Wahrheit, wenn nicht gar mit der Wirklichkeit, zieht sich als roter Faden durch das Buch.“

Michael Wolff: Fire and Fury. Inside the Trump White House. Verlag Henry Holt & Co, New York 2018. 321 Seiten.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Ross
Redakteur in der Politik.
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