Kim in Singapur

Entwicklungsmodell für Nordkorea?

Von Till Fähnders, Singapur
 - 17:49

Es war ein ungewohntes Bild, die Limousine Kim Jong-uns durch die sauber gefegten Straßen Singapurs fahren zu sehen. Es ist nicht die Art von Umgebung, in der sich der Führer des kommunistischen Landes sonst bewegt. Aus einem heruntergewirtschafteten Land, das unter der Last scharfer Sanktionen leidet, wurde er in eine Welt aus gläsernen Bankhäusern, Einkaufspalästen und Edelrestaurants katapultiert. Untergebracht wurde der nordkoreanische Machthaber in einem der besten Hotels der Stadt, dem „St. Regis“, in dem die Präsidentensuite im 20. Stock rund 8000 Dollar die Nacht kostet. Die Suite, in der Kim zwei Nächte verbringen soll, ist laut Hotelwebsite 335 Quadratmeter groß und verfügt über einen eigenen Butlerservice und einen Jacuzzi. Ausgestattet ist sie mit Gold, Messing, Alabaster und Kristallkronleuchtern.

Vor dem Gipfel zwischen Donald Trump und Kim Jong-un ist schon viel darüber geschrieben worden, warum der Stadtstaat Singapur als Gipfelort ausgewählt wurde. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die Infrastruktur und die Tatsache, dass das Flugzeug des Machthabers den Weg dorthin gerade so schafft, waren als Gründe angeführt (er kam dann mit einem Flugzeug der Air China). Aber Singapur ist auch die Wirtschafts- und Finanzmetropole Asiens. Kaum irgendwo sonst lassen sich die süßen Verheißungen des Kapitalismus so gut studieren wie in der Glitzermetropole. Ein perfekt organisierter Stadtstaat, der es sich leisten kann, 20 Millionen Singapur-Dollar, umgerechnet immerhin 13 Millionen Euro, für die Ausrichtung des Gipfels auszugeben. Und der in Nachbarschaft von Kims Hotel eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Asiens hat, in der sich Edelgeschäfte von Gucci bis Louis Vuitton aneinanderreihen.

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Kim Jong-un und Donald Trump„Raketenmann“ und „alter Greis“

Es dürfte also durchaus zu den Hintergedanken dieses Gipfels gehören, bei Kim Jong-un mit der Entwicklung Singapurs Eindruck zu schinden. Dazu passen die Gerüchte aus der südkoreanischen Presse, wonach der Nordkoreaner den Tag vor dem Gipfel mit der Besichtigung singapurischer Unternehmen zubrachte. Völlig neu ist ihm das alles wohl nicht. Bekanntlich ist Kim in der Schweiz aufgewachsen und hat allein in den vergangenen Monaten zwei Mal China besucht. Auch in seinen Palästen in Pjöngjang wird wohl ein gewisser Reichtum ausgestellt. Aber die glitzernde Großstadt, auf die er am Abend vor dem Gipfel aus seiner Suite im 20. Stockwerk hinunterschaut, steht wie keine andere für den Aufstieg von einem Land der Dritten zu einem Vertreter der Ersten Welt.

Der Vater dieser Entwicklung ist der vor ein paar Jahren gestorbene Staatsgründer Lee Kuan Yew. Er wurde dafür nicht nur von vielen Singapurern, sondern auch von Bürgern in den asiatischen Nachbarländern verehrt. Auch Deng Xiaoping, der Vater der chinesischen Wirtschaftsreformen, war im Jahr 1978 nach Singapur gereist, noch bevor er im Jahr danach zum ersten Mal Amerika besuchte, und hatte dort mit Lee gesprochen. Bis heute gehört das Singapurer Modell, das Kapitalismus mit einem halbautoritären Staat verbindet, zu den einflussreichsten Vorbildern in China.

Dass Kim Jong-un nun vierzig Jahre später am Sonntag mit Lee Kuan Yews Sohn, dem amtierenden Ministerpräsidenten Lee Hsien Loong, zusammensitzt, ist ein Bild, das sich auch aus diesem Grund einprägt. Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan, der in Vorbereitung auf den Gipfel auch Pjöngjang besucht hatte, drückte es in einem Interview am Montag so aus: „Ich glaube, sie schauen auf uns, und sie merken: Hey, alles, was wir hier sehen, können wir auch haben. Und mehr.“ Jedoch warnte der Minister, die Koreaner müssten selbst darüber bestimmen, ob und welchem Beispiel sie folgen wollen. „Singapur stellt sich selbst nie als ein Modell dar“, sagte der Außenminister. Doch der Stadtstaat teile gern seine Erfahrungen und sei wie ein „offenes Buch“.

Kein Geheimnis ist mittlerweile auch, dass Kim Jong-un seit seiner Machtübernahme kleine Schritte der Liberalisierung zugelassen hat. Anfang des Jahres hatte er die wirtschaftliche Entwicklung zur Priorität erklärt. Unabhängig von der Hoffnung auf ein Ende des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms dürfte der Gipfel in Singapur eben auch darauf abzielen, Kim Jong-un in diesen Ansätzen zu bestärken. Auch der große Nachbar China soll Nordkorea ja zunehmend zu einer wirtschaftlichen Liberalisierung drängen.

Dass Nordkorea etwas von dem Stadtstaat lernen kann, beweist schon seit fast zehn Jahren ein privater Verein, der in Nordkorea „Entrepreneure“ ausbildet. Gründer der Organisation „Choson Exchange“ ist ein junger Singapurer mit dem Namen Geoffrey See. Er hatte vor zehn Jahren die nordkoreanischen Behörden davon überzeugt, Training für Kleinunternehmer und Gründer in dem abgeschlossenen Land zu erlauben. Nun fliegen mehrmals im Jahr Freiwillige nach Pjöngjang, um dort Workshops über Themen wie Werbung, Finanzen und Innovation zu geben. Umgekehrt kommen auch Nordkoreaner nach Singapur, um vor Ort etwas über das dortige System zu lernen.

Insgesamt hat die Organisation so schon mehrere tausend Nordkoreaner in praktischen Geschäftsdingen geschult. Die „Washington Post“ nannte die Choson Exchange in einem Artikel als einen der Gründe, weshalb Singapur als Gipfelort ausgesucht worden sei. Für seine Organisation sei der Besuch der nordkoreanischen Führung tatsächlich eine gute Nachricht, sagte Geoffrey See dieser Zeitung. Er werde bei mehr Nordkoreanern ein Interesse wecken, nach Singapur zu kommen. Der Singapurer hält es auch für möglich, dass die Amerikaner Singapur gerade aus diesem Grund als Ort für den Gipfel ausgesucht hätten: Sie wollen den Nordkoreanern ein Vorzeigebeispiel für ein entwickeltes asiatisches Land präsentieren.

Ein ähnlicher Ansatz habe sich gezeigt, als der nordkoreanische Unterhändler Kom Yong-chol von Außenminister Mike Pompeo in ein Apartment mit Blick über Manhattan eingeladen worden war, sagt See. In Bezug auf Singapur laute die Botschaft aber: Wenn ein kleines asiatisches Land eine solche Entwicklung erreichen könne, dann könnt ihr es auch. Lange habe er den Wunsch gehabt, dass ein nordkoreanischer Führer einmal nach Singapur kommen und den früheren Ministerpräsidenten Lee Kuan Yew treffen würde, sagt Geoffrey See. Leider sei dies nicht zu dessen Lebzeiten gelungen. „Aber ich bin sehr froh, dass Kim Jong-un gekommen ist, Lee Hsien Loong getroffen und unsere Entwicklung gesehen hat“, sagt See.

Quelle: F.A.Z.
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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