„New York Times“-Journalist

„Die Anklage gegen Papadopoulos hat Trump geschockt“

Von Daniel C. Schmidt, Washington
 - 13:52
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Als Donald Trump vor einem Jahr die Wahl gewann, wurde Peter Baker von seinen Vorgesetzten nach nicht einmal einem Jahr abrupt nach Washington beordert. Der damalige Jerusalem-Bürochef der „New York Times“ hatte bereits die drei Vorgänger des Immobilien-Tycoons während ihrer Zeit im Weißen Haus begleitet. Zurück in D.C., arbeitet Baker als „Chief White House Correspondent.“ Kurz nach dem Gespräch mit uns bekam er einen Anruf. Am Apparat: Präsident Trump. Warum? Das schrieb Baker anschließend auf.

Herr Baker, Ende Oktober sind im Zuge der Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller mehrere Personen, die für Donald Trumps Wahlkampfteam gearbeitet haben, angeklagt worden. Sie gehen ein und aus im Weißen Haus. Wie war die Stimmung danach?

Sehr gemischt. Als an jenem Montagmorgen bekannt wurde, dass es sich um Trumps ehemaligen Wahlkampfleiter Paul Manafort handeln würde, hat man im Weißen Haus erst einmal durchgeatmet. Am Wochenende zuvor war durchgesickert, dass es erste Anklagen geben würde. Dass Manafort darunter sein würde, hatte man beinahe erwartet. Was in der Anklageschrift stand, wirkte erst einmal erleichternd: nirgendwo tauchte der Name Donald Trump auf. Es klang ganz so, als handle es sich bloß um einen Schurken, dem allerlei Steuervergehen aus vergangenen Tagen angelastet wurden.

Es dauerte keine Stunde, bis die Sensation herauskam: George Papadopoulos, während des Wahlkampfs Mitglied in Trumps außenpolitischen Beraterstab, hatte eingestanden, das FBI über mögliche Kontakte nach Russland angelogen zu haben. Seine Anklage war bis zu dem Morgen unter Verschluss gehalten worden, um die fortlaufenden Ermittlungen nicht zu gefährden. Ist der Fall in Ihren Augen brisanter als Manafort?

Die Nachricht über die Anklage gegen Papadopoulos hat das Weiße Haus geschockt. Niemand wusste, dass er scheinbar über den Sommer hinweg mit den Behörden kooperiert hatte. Das Weiße Haus stellt sich die Fragen: Wer hatte alles Kontakt zu Papadopoulos? Ist er womöglich verkabelt worden, damit die Behörden seine Gespräche abhören konnten? Was den Fall im Vergleich zu Manafort angeht: Mit Papadopoulos Geständnis gibt es jetzt zwei aktenkundige Aussagen über den Versuch von Trumps Wahlkampfteam, die Wahlen zu seinen Gunsten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

In Washington wird deshalb munter spekuliert, ob Trump Sonderermittler Robert Mueller feuert. Eine realistische Diskussion?

Darüber ist im Weißen Haus gesprochen worden, ja. Aber Trump und seine Berater wissen, dass solch ein Schritt ungeheuren Schaden anrichten würde. Es gibt also derzeit keinen Plan, ihn zu feuern. Obwohl: bei diesem Weißen Haus kann man sich nie ganz sicher sein. [lacht]

Trump ist seit knapp 300 Tagen im Amt. Wie sieht Ihre Bilanz bis dato aus?

Es war ein ziemlich stürmisches Jahr. Trump hatte keine Erfahrung in der Politik oder im Militär wie seine Vorgänger. Er bringt nur die Erfahrung und Persönlichkeit eines Reality-Stars mit ins Weiße Haus und lernt sämtliche Kniffe, während er den Job macht. Die Wirtschaft ist im Aufwind. Trump ist besonders auf die gute Börsenbilanz stolz. Seine Anti-Regulierungsmaßnahmen kommen bei vielen gut an. Und trotzdem fehlt ihm ein legislativer Erfolg. Die geplante Steuerreform soll das ändern. Wenn ihm das nicht gelingt, könnten die Börsenmärkte sehr ungehalten reagieren.

Gibt es einen Trump-Moment, der Sie beeindruckt hat?

Es ist nicht mein Job beeindruckt zu sein, so denke ich auch nicht. Ich versuche einfach darüber zu berichten, was passiert.

Als Freund der Presse hat sich der Präsident nicht gezeigt. Ist die tägliche Arbeit im Weißen Haus eigentlich so hart wie es scheint?

Es ist kompliziert. Einige von Trumps Aussagen wirken so, als ob wir Journalisten und er uns rund um die Uhr im Weißen Haus in unermüdlicher Feindseligkeit gegenüber stünden. Oft ist es gar nicht so viel anders als bei anderen Präsidenten. Seit eh und je herrscht zwischen Presse und Weißem Haus eine antagonistische Beziehung. Das ist systemimmanent. Der Unterschied zu anderen Regierungen ist, dass die derzeitige die verschiedenen Auffassungen betont wie keine zweite. Trump selbst nutzt die unterschiedlichen Standpunkte ja gern, um seine Wählerschaft anzustacheln. Und gleichzeitig – das darf man dabei nie vergessen – ist Trump ein Typ, der seit Lebzeiten alles tut, um gute Presse zu bekommen.

Was haben Sie über die Arbeit der Presse oder sich selbst als Journalist gelernt?

Es ist nicht immer ganz einfach, die Beschimpfungen aus der Regierung über sich ergehen zu lassen. Andererseits ist mir schon klar, dass das Teil des Spiels ist.

Haben die amerikanischen Medien den Kandidaten Trump unterschätzt?

Wir haben es versäumt, die Situation im ganzen Land einzufangen und zu verstehen, was die Menschen dort über Politik und Trump denken. Dabei lagen die Umfragen auf nationalem Level gar nicht falsch. Hillary Clinton führte vor Donald Trump und wurde später von der Mehrheit gewählt. Der Fehler dabei lag in der Annahme, dass sie deshalb automatisch auch die Wahl gewinnen würde.

Trump ist der vierte Präsident, den Sie als Reporter begleiten. Ist er wirklich so anders?

Er spuckt nicht ausschließlich Gift und Galle. Trump hat keine allzu große Aufmerksamkeitsspanne. Und er erlaubt uns zugleich wie kein Präsident zuvor über seinen Twitter-Account einen Blick in seinen Kopf. Man bekommt einen Eindruck davon, was ihn beschäftigt, was er im Fernsehen sieht und wie er Informationen verarbeitet.

Ist das nicht ein falscher Gedankengang? Mit seinen Tweets erzeugt er den Eindruck, dass Millionen von Menschen ihm beim Denken zugucken können, stilisiert das als einen Akt der Transparenz, ohne wirkliche Transparenz zu liefern.

Oh, absolut. Twitter ist bloß ein Ausschnitt und seine Weg, eine augenblickliche Befindlichkeit auszudrücken. Das bedeutet nicht, dass er in seiner Rolle als Präsident so transparent ist wie einige seiner Vorgänger. Zum Beispiel haben wir, im Gegensatz zu seinen Vorgängern damals, bislang keine aktuelle Steuererklärung von Trump zu Gesicht bekommen.

Nordkorea-Konflikt
Trump in Südkorea eingetroffen
© AFP, reuters

Gibt es trotzdem etwas, das die vier Präsidenten gemein haben?

Nach den ersten drei Präsidenten, über die ich berichtet habe, hätte ich gesagt: „Ja, gibt es.“ Eine übergreifende Gemeinsamkeit, der alle Präsidenten unterliegen. Am Ende bleibt dem Präsidenten ein gewisser Handelsspielraum, der viel enger gesteckt ist als wir uns das immer ausmalen. Ich könnte Ihnen jetzt eine Reihe von Beispielen geben, wie George W. Bush und Bill Clinton sich sehr ähnlich waren, oder Barack Obama und Hillary Clinton. Aber wie Donald Trump das Amt angeht, wie er Politik macht – das ist ein drastischer Unterschied zu den Amtskollegen.

Arbeitet Washington mit all seinen Berufspolitikern, Bürokraten und Geheimdienstleuten gegen Trump?

Für D.C. ist Trumps Präsidentschaft wie eine feindliche Übernahme: die Stadt ist Demokraten wie Republikaner im Weißen Haus gewohnt, aber nicht eine Figur wie Trump. Er stammt nicht aus diesem Zwei-Parteien-System. Er ist angetreten, alles auseinanderzunehmen. Er arbeitet mit den Republikanern häufiger zusammen als mit den Demokraten. Aber eigentlich fühlt er sich keiner Partei zugehörig. Trump betrachtet Washington nicht als Ort, den man kultivieren, sondern in die Luft jagen sollte. Arbeitet das System gegen ihn? Aber sicher doch. Weil sich hier eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur etabliert hat, die sich plötzlich von einem Eindringling bedroht fühlt.

Ein Jahr Trump-Triumph
Fans stolz auf ihren Präsidenten
© AFP, afp

Trump wurde mit John Kelly ein ehemaliger General als neuer Stabschef zur Seite gestellt. Funktioniert diese Aufpassermaßnahme?

Das Ganze hat seine Grenzen. General Kelly weiß, dass er Donald Trump nicht verändern kann. Er ist da, um für den Präsidenten einen Rahmen zu schaffen, in dem er seine Arbeit effizienter und zielgerichteter erledigen kann. Und mitunter ist ihm das auch gelungen: er hat den Zugang zu Trump eingeschränkt, der Einfluss auf ihn von außen ist dadurch geringer. Er versucht sich zu zügeln. Nehmen wir das Beispiel Mueller: Trump hat aufgehört, ihn direkt anzugehen. Er kritisiert die Untersuchung, er kritisiert Hillary Clinton, aber wenn man sich seinen Twitter-Feed anguckt und seine Aussagen anhört; lässt er Mueller außen vor. Was auch eine direkte Konsequenz der Umstände ist, dass sein Stab unter John Kelly mehr auf die Außenwirkung achtet.

Quelle: FAZ.NET
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