Pazifikinsel Guam

„Wir wollen keine Speerspitze sein“

Von Simon Riesche, Hagåtña / Guam
 - 17:03
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Ob die Menschen jetzt öfter in die Kirche kommen, um für Frieden zu beten? „Nein“, sagt Pfarrer Crisostomo und lächelt. „Wenn es Gottes Wille wäre, dass Nordkorea Raketen auf uns abfeuert, dann könnten wir ja sowieso nichts daran ändern.“ Man sei aber „guten Mutes, dass es nicht soweit kommen wird“.

Ja, diese Gelassenheit sei typisch für die Menschen auf Guam, erklärt der katholische Geistliche, dessen Kirche in einem kleinen Dorf in der Nähe der Inselhauptstadt Hagåtña steht. Trotzdem: „Viele Menschen hier machen sich durchaus Sorgen.“ Auf der einen Seite habe man zwar großes Vertrauen in das amerikanische Militär, auf der anderen Seite appelliere man an die Regierung in Washington, den Konflikt mit dem nordkoreanischen Regime nicht allzu leichtfertig eskalieren zu lassen. „Die Menschen auf Guam sind keine Versuchskaninchen.“

Gut drei Monate ist es nun her, dass Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ankündigte, Guam schon bald angreifen zu wollen. Amerikas Präsident Donald Trump antwortete mit der martialischen Androhung von „Feuer und Zorn“ sowie der „totalen Vernichtung“ Nordkoreas. Das wiederum wollte Kim nicht auf sich sitzen lassen und bezeichnete einen seiner nächsten Raketentests als „bedeutungsvolles Vorspiel, um Guam in Schach zu halten“.

In diesen Tagen, in denen Trump in Asien unterwegs ist und sich fast täglich zum Thema Nordkorea äußert, schauen die Menschen auf Guam die Abendnachrichten im Fernsehen mal wieder etwas angespannter als sonst. Wenn ihr Präsident dann noch den nordkoreanischen Diktator, wie gerade geschehen, als „klein und fett“ verspottet, werden sie erst recht nervös. Was, wenn eine von Trumps Pöbeleien Kim so provoziert, dass dieser tatsächlich angreift? Ja, Drohungen aus Pjöngjang gab es auch während Obamas Präsidentschaft immer mal wieder, beruhigen sie sich dann. „Es wird schon nichts passieren“, ist ein beschwörend geflüsterter Satz, den man in diesen Tagen oft auf Guam hört.

Trumps Asien-Reise
Trump zieht positive Bilanz
© AP, reuters

Keine Frage: Die Pazifikinsel, mit 544 Quadratkilometern gerade mal etwas mehr halb so groß wie Rügen, ist für die Vereinigten Staaten von enormer geostrategischer Bedeutung. Fast 10.000 Kilometer von der amerikanischen Westküste, aber weniger als 3500 Kilometer von der koreanischen Halbinsel entfernt, wird sie von kriegslüsternen Kommentatoren gerne als „unsinkbarer Flugzeugträger“ oder „Amerikas Speerspitze“ in Asien bezeichnet. Mehr als fünftausend amerikanische Soldaten sind derzeit auf Guam auf verschiedenen Militärbasen stationiert, unter anderem auf der „Andersen Air Force Base“ im Norden des Eilands. 2013 gab das Pentagon die dortige Stationierung des Raketenabwehrsystems Thaad bekannt, von China misstrauisch beäugt.

Anders als auf ihren Stützpunkten im Ausland, wo sie Rücksicht auf die Wünsche des Gastlandes nehmen müssen, können die Amerikaner auf Guam nach Belieben operieren. Die größte und südlichste Insel des Marianen-Archipels ist schließlich „nichtinkorporiertes Territorium“ der Vereinigten Staaten. Für die Einwohner von Guam bedeutet das, dass sie zwar einen amerikanischen Pass, aber kein Mitspracherecht in Washington haben. Der Vertreter der Insel im amerikanischen Repräsentantenhaus besitzt kein Stimmrecht. Bei den Präsidentenwahlen dürfen die Bewohner von Guam nicht mitstimmen.

„Wir sind eine Kolonie der Vereinigten Staaten“

„Nennen wir die Sache doch einfach mal beim Namen: Wir sind eine Kolonie der Vereinigten Staaten“, sagt Michael Luan Bevacqua, der an der Universität Guam Kultur und Sprache der Chamorro unterrichtet. Die Volksgruppe, die später von spanischen Eroberern unterworfen wurde, hatte die Marianen-Inselgruppe vermutlich bereits vor mehr als viertausend Jahren von den Philippinen aus besiedelt. Heute machen die Chamorro weniger als die Hälfte der etwa 160.000 Einwohner Guams aus. Bevacqua, der selbst chamorrische Wurzeln hat, ist einer der führenden Aktivisten einer Bewegung, die sich für eine „Dekolonialisierung Guams“ einsetzt. Gerade im Zuge des jüngsten militärischen Säbelrasselns habe diese starken Zulauf erfahren. Ja, es habe sogar große Demonstrationen gegeben, was auf Guam alles andere als üblich sei.

„Dieses ganze Gerede von Guam als Speerspitze der Vereinigten Staaten ist furchtbar“, sagt der junge Professor wütend. „Wir wollen hier keine Speerspitze sein“, schließlich werde „ein Speer geopfert, um den Krieger zu schützen.“ Donald Trump und Kim Jong-un würden nur „die Stützpunkte, U-Boote und Flugzeugträger“ interessieren, wüssten aber bestimmt noch nicht einmal, dass das Volk der Chamorro überhaupt existiere. Es sei daher „heute wichtiger denn je, dass wir selbst über unser Schicksal entscheiden“, ist sich Bevacqua sicher. „In diesem Krieg der Worte, der sehr schnell zu einem Krieg der Bomben und Raketen werden könnte, hat nie jemand die Einwohner von Guam gefragt, was sie eigentlich wollen.“

In Bezug auf den politischen Status der Insel könnte ein Referendum Klarheit über den Willen der Einwohner Guams bringen. Die Regierung von Inselgouverneur Eddie Baza Calvo hatte vorgesehen, bereits 2016 in einer solchen Befragung über drei mögliche Optionen abstimmen zu lassen: Vollständige Unabhängigkeit, freie Assoziierung mit den Vereinigten Staaten – oder den Antrag, selbst ein amerikanischer Bundesstaat zu werden.

Dann jedoch scheiterte die Durchführung der Abstimmung an der Frage, wer wahlberechtigt ist und wer nicht. Weil Guams Wahlkommission nur Nachfahren der Chamorro-Ureinwohner zum Referendum zulassen wollte, reichte ein Bürger Guams Klage ein, weil er sich als Nicht-Chamorro diskriminiert fühlte. Ein amerikanisches Bundesgericht gab dem Kläger Recht, wogegen nun wiederum Guams Regierung Berufung eingelegt hat. Doch selbst wenn das Referendum doch noch stattfinden sollte, rechtlich bindend wäre es ohnehin nicht. Am Ende entscheidet der amerikanische Kongress.

„Alles ist besser als der Status Quo“

Selbst die Unabhängigkeitsbefürworter geben unterdessen zu dass sich ihre Gruppe trotz aller Dynamik derzeit immer noch deutlich in der Minderheit befinden dürfte. Die meisten Einwohner Guams sind gerne Amerikaner, erinnern sich voller Dankbarkeit an die Befreiung der Insel im Zweiten Weltkrieg und bezweifeln, eigenständig besser dran zu sein als mit Washington an ihrer Seite. Das Gefühl, „Bürger zweiter Klasse“ zu sein, ärgert sie allerdings sehr.

Der Student Michael Agun etwa kämpfte als amerikanischer Soldat in Afghanistan und kam schwer traumatisiert zurück. Als Einwohner eines Außenterritoriums hat er nun deutlich weniger Anspruch auf Sozialleistungen als seine ehemaligen Kameraden in den fünfzig Bundesstaaten. „Ich hoffe, dass unsere Brüder und Schwestern dort endlich begreifen, dass wir hier genauso stolze Patrioten sind wie sie“, sagt Agun. „Es ist doch nicht richtig, dass ich zwar Soldat sein kann, aber nicht das Recht habe, meinen Oberbefehlshaber zu wählen.“ Unabhängigkeit brauche Guam nicht, sagt Agun, Gleichberechtigung aber sehr wohl. „Alles ist besser als der Status Quo“, findet auch Gouverneur Calvo.

Immer kritischer wird auf Guam die weiter voranschreitende Militarisierung der eigenen Insel gesehen. Auch wenn Navy und Air Force wichtige Arbeitgeber sind, viele Menschen sind alarmiert. Geht es nach der Regierung in Washington, dann sollen in den nächsten Jahren auch tausende amerikanische Marineinfanteristen aus Japan nach Guam verlegt werden. „Dann haben wir bald noch weniger Zugang zu unseren Stränden“, sagt Pfarrer Crisostomo. Seine Sorge ist nicht unberechtigt: Schon jetzt nehmen die Militärbasen fast ein Drittel der Gesamtfläche der Insel ein. An jeder Ecke warnen Schilder vor dem Betreten militärischen Sperrgebiets. Darunter leidet auch der Tourismus.

Apropos Tourismus: In einem absurd anmutenden Telefongespräch, dessen Mitschnitt Guams Gouverneur Calvo später auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, hatte im August kein Geringerer als Donald Trump Guam einen nie dagewesenen Besucheransturm prophezeit. „Eddie“, sagte der Präsident zu seinem republikanischen Parteifreund, „Sie werden extrem berühmt werden, überall auf der Welt spricht man über Guam.“ Der Fremdenverkehr werde sich angesichts der militärischen Drohungen Nordkoreas verzehnfachen, tönte Trump. Calvo freute sich: „Wenn das alles hier beendet ist, werden wir 110 Prozent Auslastung haben.“

Drei Monate nach dem denkwürdigen Telefonat ist von einem Touristenboom auf Guam nicht viel zu spüren. In den meisten Hotels gibt es noch jede Menge freie Betten. Weil Touristen aus China weiterhin nur schwer amerikanische Visa bekommen, kommen die allermeisten Besucher Guams nach wie vor aus Japan und Südkorea. Die immerhin sind Angriffsdrohungen aus Nordkorea bereits von Zuhause gewohnt.

Quelle: FAZ.NET
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