Nachwahl in Pennsylvania

Hauchdünner Vorsprung für die Demokraten

Von Frauke Steffens, New York
 - 07:05

Conor Lamb fühlte sich kurz vor ein Uhr nachts sicher genug. In Canonsburg, Pennsylvania, trat er vor seine jubelnden Anhänger und erklärte sich zum Sieger der Nachwahl im 18. Kongress-Wahlbezirk. „Es hat ein bisschen länger gedauert als erwartet, aber wir haben es geschafft. Ihr habt es geschafft,“ sagte der Demokrat. Doch ein offizielles Ergebnis gibt es noch nicht.

„Ich bin ein nervöses Wrack“, stöhnte einer seiner Wahlhelfer etwas früher am Abend. Als Lamb und der Republikaner Rick Saccone zwischendurch nur 95 Stimmen auseinander lagen, suchten die Moderatoren der ABC-Wahlberichterstattung zwischen verblüfft dreinblickenden Lamb-Anhängern nach neuen Gesprächspartnern. Die Nacht wurde länger, als man angenommen hatte. „Dafür wurde das Wort hauchdünn erfunden“, sagte der Reporter. Mit seiner Kollegin stand er vor der Karte des 18. Wahlbezirks von Pennsylvania und versuchte, zu erklären, was da gerade passierte – immer wieder unterbrochen vom Jubel der Demokraten. Doch die anderen jubelten auch – im Hauptquartier von Republikaner Rick Saccone stand eine Reporterin ebenfalls zwischen glücklichen Fans. „Oben beten Rick und seine Familie“, sagte sie. „Sie wissen, er ist sehr religiös.“

Lamb lag am Anfang dieses Wahlabends klar vorn, aber Saccone holte auf, als mehr und mehr ländliche Kreise ihre Ergebnisse meldeten. Knapp 230.000 Menschen waren zur Wahl gegangen. Als hundert Prozent der persönlich abgegebenen Stimmen ausgezählt waren, hatte Lamb 579 Wähler mehr hinter sich. Aber da waren noch die Briefwahlzettel.

Schon wurde der Ruf nach Neuwahlen laut – zu knapp sei es, wenn da ein Fehler passiere, sagten Experten in den Diskussionsrunden des Fernsehens. Einer der Kreise kündigte schließlich an, seine über tausend Briefwahl-Stimmen noch in der Nacht per Hand auszuzählen: In Washington County könne das mehrere Stunden bis in den Morgen dauern, sagte der Wahlleiter.

Ein Marine gegen Trumps Republikaner

Im Hauptquartier von Conor Lamb blieben unterdessen viele gerne länger, weil sie feiern wollten. Dass ihr Kandidat überhaupt so weit kam, zeigte, dass die Demokraten auf den richtigen Mann gesetzt hatten. Ihre Hoffnung, dass ein junger ehemaliger Marine mit zum Teil konservativen Positionen Wechselwähler, Trump-Fans und sogar überzeugte Konservative für sich gewinnen könnte, ging auf. Selbst dort, wo Donald Trump die Präsidentschaftswahl hoch gewonnen hatte, scheinen viele Wähler zu den Demokraten übergelaufen zu sein. Trump holte den 18. Wahlbezirk mit 20 Punkten Vorsprung.

Lamb muss mehr als nur ein paar Fans des Präsidenten überzeugt haben. Wichtiger als seine gesellschaftspolitisch konservativeren Positionen zu Themen wie Waffenbesitz könnte dabei seine Gewerkschaftsnähe gewesen sein. Letztlich führte Lamb eben auch einen leidenschaftlichen Wahlkampf für Arbeiter-Rechte. Die weißen Arbeiter in der Gegend gehörten einmal zur klassischen demokratischen Stammwählerschaft, aber das war schon vor Trump lange vorbei.

Tim Murphy, um dessen vakanten Sitz es hier ging, hatte den Bezirk bereits acht Mal für die Republikaner erobert. Bei den letzten zwei Wahlen trat nicht einmal ein Demokrat gegen ihn an. Für die Partei bedeutet das: Gewinnen ist möglich, selbst in Gegenden mit einer starken „Make America Great Again“-Basis.

„Trump ruiniert jeden Kandidaten“

Ob Rick Saccone die Trump-Hochburg knapp verliert oder ob er sich am Ende mit einigen hundert Briefwahlstimmen rettet – für die Republikaner wird es kein glanzvoller Erfolg mehr. Sie haben mehr als zehn Millionen Dollar in diesem Wahlkampf ausgegeben – am Ende vielleicht für ein paar hundert Stimmen. „Trump ruiniert jeden Kandidaten, für den er Wahlkampf macht“, kommentierte ein Zuschauer bei ABC. Tatsächlich ist jede der außerordentlichen Wahlen vor der großen Kongresswahl im Herbst auch ein Stimmungstest für den Präsidenten. Und manchen Kandidaten hat es nicht genützt, wenn Trump für sie lautstark die Werbetrommel rührte.

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Nachwahl in PennsylvaniaStimmungstest für Trump

Die Republikaner hatten bis zuletzt gehofft, dass etwa die verlorene Wahl in Alabama nur ein Extremfall war – immerhin steckte der Senatsbewerber Roy Moore dort in einem Skandal um sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige. Doch nun müssen sie sich wieder fragen, wie sehr ihnen Trump im November schaden wird.

Drogen-Krise

In Pennsylvania ging es aber auch um die direkten Probleme der Menschen, nicht nur um die Themen, die aus Washington kamen. Die Drogen-Krise wurde in den vergangenen Wochen zu einem zentralen Wahlkampfthema. Viele Menschen hier glauben nicht, dass Donald Trumps Strategie greift und dass der Präsident genug dagegen tut, dass immer mehr Menschen abhängig von Schmerzmitteln und Heroin sind. „Wir haben schon ein paar von unseren Leuten beerdigt“, sagte ein Gewerkschafter am Wahlabend bei ABC. „Das Thema ist mir genau so wichtig wie die Arbeiterrechte.“

Beide Kandidaten hatten im Wahlkampf über die Krise gesprochen – aber viele Menschen hier haben sich nach über einem Jahr im Amt von der Trump-Regierung mehr Hilfe erhofft. Pennsylvania hat die vierthöchste Zahl an Drogen-Überdosen in Amerika. Die Zahl der Todesopfer stieg von 2016 auf 2017 um 15 Prozent. Und mit Washington County liegt ein Kreis im 18. Wahlbezirk, der besonders stark betroffen ist, obwohl hier die Todeszahlen zuletzt leicht sanken.

Dieses und andere Themen könnten den Enthusiasmus der Wähler für Trumps Politik also zusätzlich gestört haben – auf Kosten des Republikaners Rick Saccone. Der wusste am Abend, was er seinen Anhängern schuldig war. Als klar war, dass die Nacht nicht mit einem definitiven Ergebnis enden würde, trat er vor die Kameras und sagte: „Ich bin euch unendlich dankbar, dass ihr so lange ausgeharrt habt. Wir geben nicht auf, und wir werden gewinnen.“ Auch seine Fans jubelten, wie wenig später die von Lamb.

Doch allzu optimistisch klang der Kandidat nicht, als er die Leute nach Hause schickte: „Ich weiß, wir haben alle zu tun morgen. Wir haben euch schon viel zu lange hier aufgehalten. Gott segne euch. Wir geben nicht auf.“

Quelle: FAZ.NET
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