Comeys Erinnerungen

Ein rechtschaffener Mann gegen Trump

Von Oliver Kühn
 - 13:41

Mehr als 200 Seiten braucht es, bis endlich das kommt, wofür man James Comeys Buch aufgeschlagen hat: Die Verwicklungen des früheren FBI-Vorsitzenden in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2016 und seine nachfolgenden Erfahrungen mit dem jetzigen Präsidenten Donald Trump. Das heißt jedoch nicht, dass es Zeitverschwendung ist, die vorherigen Seiten von „Größer als das Amt – Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an“ (A Higher Loyalty – Truth, Lies, And Leadership) gelesen zu haben.

Auf ihnen beschreibt Comey in groben Zügen seinen Lebensweg bis zu dem Punkt, an dem er wohl allen politisch interessierten Menschen auch außerhalb Amerikas bekannt geworden ist. So schreibt Comey von seiner prägenden Erfahrung als Jugendlicher, als er und sein Bruder zu Hause von einem Mann überfallen wurden, der sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwang, sämtliche möglichen Geldverstecke in dem Haus zu offenbaren. Er erzählt von seiner Zeit in der Schule, als er von den stärkeren und älteren Jungen gehänselt und unterdrückt wurde, wie er später auf dem College selbst zu solch einem Unterdrücker wurde und von sich angewidert war.

Seine berufliche Laufbahn zeigt Comey in Schlaglichtern auf. Seine Zeit als Anwalt und Staatsanwalt in New York und Virginia bilden die ersten rund einhundert Seiten. Danach folgt der zwar zeitlich kurze Abschnitt als stellvertretender Justizminister (2003-2005), in der sich jedoch eine der wohl meist berichteten Begebenheiten ereignete, die Comeys Rechtschaffenheit demonstrieren soll. Die Regierung von George W. Bush versuchte im Jahr 2004 den damals schwer erkrankten Justizminister John Ashcroft im Krankenhaus dazu zu bewegen, eine umstrittene Abhörermächtigung für die Geheimdienste zu erneuern.

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Die Juristen im Ministerium waren jedoch zu dem Schluss gelangt, diese sei fehlerhaft und dürfe in der Form nicht bestätigt werden. Comey beschreibt, wie er, als er von dem Vorhaben erfuhr, an Ashcrofts Krankenbett eilte und den Abgesandten des Weißen Hauses die Stirn bot. Letztlich setzte er sich mit seiner Auffassung durch, auch wenn die gesamte Regierung gegen ihn war, wie er es beschreibt. Die gleiche Erfahrung machte er dann noch einmal im Kampf um die Neufassung der Verhörrichtlinien im Kampf gegen den Terror. Wieder stand er gegen mächtige Gegner in der Regierung, die letztlich aber seinen Standpunkt anerkennen mussten.

Den größten Block des Buches bildet Comeys Zeit als FBI-Direktor ab dem Jahr 2013. Diese Amtszeit wird wohl für immer mit den Untersuchungen der E-Mail-Affäre der früheren Außenministerin Hillary Clinton verbunden sein. Comeys Worten zufolge ging es dabei nicht darum, dass sie ein Mail-Konto außerhalb des Regierungsapparats nutzte, sondern dass darüber womöglich geheime Informationen ausgetauscht wurden.

Comey legt dar, wie die Ermittler seiner Behörde in der „Angelegenheit“ – wie er von der damaligen Justizministerin Lynch angewiesen wurde, die Ermittlung zu nennen – vorgingen und wie er sich bemühte, den Amerikanern möglichst verständlich darzulegen, warum das FBI so handelte, wie es gehandelt hat. Im Rückblick, schreibt er, würde er nur die Art der Ergebnisverkündung – das keine Anklageerhebung empfohlen wird – ändern.

Seine Gewissensnöte in der Situation, als kurz vor der Wahl 2016 mögliche neue Beweise auftauchten und er entscheiden musste, ob er die Öffentlichkeit informiert oder nicht, legt Comey nachvollziehbar dar. Er habe entscheiden müssen, ob er schweigen solle und damit möglicherweise eine Person zur Präsidentin gewählt werde, gegen die ein Ermittlungsverfahren des FBI läuft, oder ob er etwas sage und damit die Wahl beeinflusse. Etwas, dass er eigentlich auf keinen Fall tun wollte, wie er schreibt.

Bekanntermaßen hat er sich dafür entschieden, zu reden und muss nun damit leben, dass ihm die Gegner des derzeitigen Präsidenten Donald Trump immer vorwerfen werden, er habe dessen Wahl Vorschub geleistet. Auch in diesem Fall schreibt er, habe er aufgrund seiner Persönlichkeit und seines Amtsverständnisses jedoch nicht anders handeln können.

Ein Verhalten wie das von Mafiabossen

Im letzten und brisantesten Teil des Buches, der derzeit die amerikanische Öffentlichkeit bewegt, beschreibt Comey seine letzten Amtsmonate unter Donald Trump und seine merkwürdigen Unterhaltungen mit dem Präsidenten. Er legt dar, dass Trump es wohl nicht verstanden habe, dass der FBI-Direktor über eine gewisse Distanz zum Präsidenten verfügen müsse. Auch dessen Wunsch, dass Comey ihm Loyalität schwöre, war dem FBI-Direktor völlig unverständlich. Vielmehr erinnerte ihn das Verhalten Trumps an das von Mafia-Bossen, wie auch schon ausführlich in vorab bekannt gewordenen Auszügen aus dem Buch – für die Trump Comey auf Twitter als „Schleimbeutel“ beschimpft hat – dargelegt wurde.

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Das Thema aber, das das Buch wie ein roter Faden durchzieht, ist die Frage nach ethischer Führung. Comey geht en détail auf die Eigenschaften ein, die seiner Meinung nach Zeichen guter Führung sind. Dazu gehören seines Erachtens nach unter anderem Selbstsicherheit gepaart mit Bescheidenheit, Kritikfähigkeit und moralische Integrität. Wer Comey auf dem Weg folgt, den er beschreibt, wird nachvollziehen können, dass er mit Donald Trump, dem er keine dieser Eigenschaften attestiert, von Anfang an nicht auf freundschaftlichem Fuß stand.

Comey, der Rechtschaffene

Dessen Ergebenheitsforderungen und Lügen sind dem, was Comey unter guter Führung versteht, diametral entgegensetzt. Dabei habe er Trump durchaus gewünscht, dass dessen Amtszeit erfolgreich sein möge, doch eher aus Patriotismus, als aus Zuneigung zu dessen Politik, schreibt Comey.

Comey ist mit seinem Buch, das der erste Einblick eines Insiders in die ersten Monate im Weißen Haus unter Donald Trump ist, ein lesenswerter Bericht gelungen – und eine harsche Abrechnung mit dem Mann, der seine für zehn Jahre angedachte Amtszeit als FBI-Direktor schon nach der Hälfte beendete. Der süffige Stil und die immer wieder eingestreuten Anekdoten lassen den leichten Überdruss vergessen, der sich spätestens nach der Hälfte einstellt, wenn Comey sich immer wieder in die Pose des rechtschaffenen Mannes wirft, der immer nur versucht habe, das Richtige zu tun – eine Tatsache, die dem Autoren durchaus bewusst ist, wie er schreibt.

Den leicht lächerlichen deutschen Untertitel „Der Ex-FBI-Direktor klagt an“ für das Buch, das am Dienstag sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch erscheint und das Aufeinanderprallen zweier großer Egos beschreibt, hätte sich der Verlag aber sparen können.

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Quelle: FAZ.NET
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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