Republikaner Roy Moore

Wenn der Trumpismus über Trump siegt

Von Andreas Ross, Washington
 - 09:06

In dieser Woche hat der Trumpismus über Trump obsiegt. Die meisten republikanischen Wähler in Alabama ignorierten alle Aufrufe des Präsidenten, in der Vorwahl den amtierenden Senator Luther Strange zu unterstützen. Strange hatte vorläufig den Sitz von Jeff Sessions geerbt, als dieser Justizminister wurde. Gerade weil die Begeisterung für Trump in Alabama ungebrochen scheint, flogen die Herzen aber einem anderen Kandidaten zu. Viel feuriger als Strange gelobte der Richter Roy Moore, er werde treu zu Trump stehen und „Amerika wieder großartig machen“. Dafür muss er nach seinem Sieg in der innerparteilichen Stichwahl nur noch im Dezember einen Demokraten bezwingen. Was in Alabama als Formsache gilt.

Roy Moore ist ein Anti-Establishment-Kandidat aus dem erzkonservativen Bilderbuch. Zweimal ist er als Oberster Richter von Alabama abgesetzt worden, weil er „Gottes Gesetz“ höher bewertet als Urteile von Bundesgerichten. So wurde er suspendiert, weil er sich weigerte, Steintafeln mit den Zehn Geboten entfernen zu lassen, die er als Vorsitzender Richter in Alabamas „Supreme Court“ aufstellen lassen hatte. Die Wähler setzten ihn wieder ein. 2006 wetterte Moore gegen die Vereidigung des demokratischen Abgeordneten Keith Ellison. Als Muslim habe er Werte, die der im Christentum verankerten Verfassung widersprächen. 2015 weigerte sich Moore, das Urteil der Obersten Richter in Washington zu akzeptieren, die Homosexuellen ein Recht auf Ehe zugebilligt hatten.

Im Wahlkampf warnte Moore, dass Amerika in einer Welle aus „Verbrechen, Korruption, Immoralität, Abtreibung, Sodomie und sexueller Perversion“ zu ertrinken drohe. Auf einer Kundgebung am Montag zog er eine Pistole aus dem Holster, um sein Bekenntnis zum unumschränkten Waffenbesitz zu bekräftigen. Zu Pferde ritt Moore am Dienstag zur Feuerwache seines Wohnorts, um seine Stimme abzugeben. Am Abend erklärte er, was sein Sieg bedeute: dass sich Washington wieder auf sein Fundament besinnen werde, also auf den Gott der Christen. Und dass die Tage von Mehrheitsführer Mitch McConnell und der Republikaner-Führung gezählt seien.

Trump ist wieder einmal böse auf McConnell. Der hatte ihn bekniet, Strange zu unterstützen. Denn je mehr Radikale in der Fraktion säßen, desto geringer sei die Aussicht auf legislative Erfolge. Wie zur Bestätigung hatte Moore den jüngsten Versuch zur Abschaffung von Obamacare abgelehnt, den McConnell am Dienstag mangels Mehrheit zurückziehen musste. McConnell hatte dafür gesorgt, dass seine Partei und mächtige Verbündete wie die Handelskammer große Summen in die Kampagne von Luther Strange investierten. Auch Trump beugte sich, trat am Freitag in Alabama mit dem Kandidaten auf und schickte Vizepräsident Mike Pence zu weiteren Kundgebungen. Doch echte Begeisterung entfachte nur der 70 Jahre alte Moore – mit einem Siebtel des Geldes, das Strange ausgab. Nicht nur die frühere Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin oder der in der religiösen Rechten gefeierte Reality-TV-Star Phil Robertson warben für Moore. Auch Steve Bannon, Trumps kürzlich entlassener Chefstratege, trat mit dem Richter auf. Er brachte Nigel Farage, Trumps Freund von der britischen Unabhängigkeitspartei, mit. So erkannten die Wähler, wer der wahre Trumpist war.

Noch in der Nacht auf Mittwoch löschte der Präsident die Tweets, mit denen er für Strange geworben hatte, und rühmte Moore. Die Niederlage ahnend, hatte sich Trump schon auf der Kundgebung am Freitag von „seinem“ Kandidaten distanziert. „Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht“, sagte Trump und lobte Moore. Es war derselbe Auftritt, bei dem sich der Präsident mit der Football-Liga anlegte, indem er protestierende Spieler als „Hurensöhne“ beschimpfte und ihnen mangelnde Vaterlandsliebe attestierte. Das kam auch bei vielen Beratern Trumps schlecht an. Einige moderatere Republikaner mochten am Mittwoch zwar hoffen, die Niederlage in Alabama lehre den Präsidenten, dass er nicht immer nur den harten Kern seiner Basis aufpeitschen könne. Doch Trump dürfte aus Roy Moores Erfolg eher die gegenteilige Lehre ziehen – und die Sorgen im McConnell-Lager sind größer denn je.

Im ganzen Land fühlen sich jetzt Radikale ermuntert, republikanische Amtsinhaber herauszufordern. Luther Strange kommentierte seine Niederlage ganz offen: „Die politischen Meere, die politischen Winde in diesem Land sind derzeit schwer zu befahren, schwer zu verstehen“, sinnierte der Verlierer. Bannon klang ganz anders. „Wer ist der Souverän – das Volk oder das Geld?“, fragte der Multimillionär auf Moores Wahlparty. Die Wähler in Alabama hätten die Antwort gegeben: „Das Volk!“

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© AP, reuters
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas (anr.)
Andreas Ross
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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