Häusliche Gewalt

Schadet der Porter-Skandal Donald Trump?

Von Frauke Steffens, New York
 - 17:10

Jennifer Willoughby hat die beiden Männer mehrfach in Schutz genommen. Rob Porter, der sie bedroht und ihre Tür eingeschlagen haben soll, sei ganz sicher richtig im Weißen Haus gewesen und habe dort einen tollen Job gemacht, sagte sie in der vergangenen Woche im Fernsehen. Nur, mit ihm verheiratet zu sein, das könne sie eben niemandem empfehlen. Und Stabschef John Kelly, der Porter erst nach längerem Zögern gehen ließ, nachdem die Gewaltvorwürfe öffentlich bekannt geworden waren, habe sicher erst spät von alledem erfahren, sagte sie.

Willoughby machte also nicht den Eindruck, eine Anti-Trump-Kämpferin zu sein. Vielleicht ist so auch ihre Enttäuschung zu erklären – denn sie fühlt sich nun vom Präsidenten verraten, wie sie in einem Artikel für das „Time Magazine“ aufschrieb. Nachdem sein Stabschef John Kelly Rob Porter nach längerem Zögern verabschiedet hatte, wünschte Trump Porter, dem zwei frühere Ehefrauen Gewalttätigkeit vorwerfen, eine „wundervolle Karriere“. Er sagte: „Wir waren sehr traurig, als wir davon gehört haben. Er ist sehr traurig. Er sagt auch, wie Sie wahrscheinlich wissen, er sagt, er ist unschuldig.“

Jennifer Willoughby schrieb, sie sei geschockt über diese Reaktion: „Als Donald Trump zweimal wiederholt hat, dass Rob sich für unschuldig erklärt hatte, war ich fassungslos. Was war seine Absicht, warum hat er diesen Punkt so betont?“ fragte Willoughby im „Time Magazine“. „Meine Freundin drehte sich um und sagte zu mir: ‚Der Präsident der Vereinigten Staaten hat dich gerade eine Lügnerin genannt.‘ Ja, das hatte er getan.“

Porters frühere Ehefrau wirft Trump nun vor, Opfer von Gewalt im Stich zu lassen. Die Arbeit von Männern wie Rob Porter bedeute ihm mehr als das Wohlergehen der Betroffenen. Trump, dem mehrere Frauen sexuelle Belästigung vorwerfen, habe die Diskussion über Gewalt gegen Frauen massiv zurückgeworfen. „Wenn die mächtigsten Menschen angesichts erdrückender Beweise meine Geschichte von häuslicher Gewalt nicht glauben, was für eine Hoffnung haben dann andere darauf, gehört zu werden?“ Für sie selbst sei es nicht das Wichtigste, was Trump sage, die Wahrheit existiere schließlich unabhängig von ihm, schrieb Willoughby. Sie verzeihe ihm, doch er schade anderen Opfern von Gewalt.

Willoughbys Ärger kam nicht nur von den Abschiedswünschen des Präsidenten für ihren früheren Ehemann. Ein Tweet Trumps galt vielen Beobachtern als Versuch, Porters Unschuldsbeteuerungen in den Zusammenhang der Kritik an der „Me Too“-Solidaritätskampagne zu rücken. Trump schrieb: „Das Leben von Menschen wird durch eine bloße Beschuldigung zerschmettert und zerstört.“ Was und wen er damit meinte, schrieb der Präsident nicht. „Es gibt keine Rehabilitation für jemanden, der falsch beschuldigt wird – Leben und Karriere sind weg. Gibt es keinen fairen Prozess mehr?“ Auf welche konkreten Fälle von Falschbeschuldigung sich der Präsident bezog, blieb unklar.

Video starten

„Women’s March“ im JanuarFür Frauen - gegen Trump

Me-Too-Kritiker durch Trump bestärkt?

Manche Kritiker der unter dem Stichwort „Me Too“ bekannt gewordenen Bemühungen von Frauen, sich gegen sexuelle Belästigung und Gewalt zu wehren, versuchen, die gesamte Initiative als „Hexenjagd“ zu diskreditieren. Vertreter einer solchen Sichtweise könnten sich durch den Tweet bestärkt fühlen – zumal der Präsident keine unterstützenden Worte für die Opfer von Gewalt und für Frauen fand. Seine Reaktion nehme ausschließlich die Perspektive von Männern ein und mache deren Sicht damit zur „Standardeinstellung“ des Diskurses, von dem alles andere dann immer nur eine bloße Abweichung sei, kritisierte etwa Megan Garber im Magazin „The Atlantic“ – eine Haltung, die die „Me Too“-Bewegung gerade beenden wolle.

Auch Colbie Holderness, die erste Ehefrau von Rob Porter, veröffentlichte am Montag einen Artikel in der „Washington Post“. Darin schilderte sie, wie schwierig es über Jahre hinweg für sie gewesen sei, anderen Menschen davon zu erzählen, dass ihr Mann gewalttätig war und dass es viel Kraft gekostet habe, ihre Ehe zu beenden. Beide Frauen sind wie Porter Mormoninnen – sie hatten Schwierigkeiten, als sie versuchten, mit Priestern über die Situation in ihrer Ehe zu sprechen.

„Willoughby und ich haben nicht vorgehabt, unsere Geschichten so öffentlich zu erzählen. Andere sind auf uns zugekommen, als sie Rob überprüften“, schrieb Holderness, und: „Am Montag hat sich die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee Sanders, abermals geweigert, zu sagen, ob der Präsident mir und Willoughby glaubt oder nicht.“

Trump „gegen Gewalt“

Das Weiße Haus bemühte sich unterdessen, den Schaden zu begrenzen. Wie so oft schickte man Sprecher, die Trumps Worte zu interpretieren und nachträglich abzumildern hatten. Hogan Gidley, ein stellvertretender Pressesprecher des Präsidenten, sagte am Montag in der Sendung „Fox & Friends“: „Der Präsident kämpft seit langem gegen häusliche Gewalt. Er verachtet sie und denkt, das häusliche Gewalt grotesk ist. Das hat er bei mehreren Gelegenheiten gesagt, auch, dass dafür kein Platz in diesem Land ist. Es ist kein Platz dafür im Weißen Haus und der Präsident wird so etwas auch nicht verteidigen.“

Sprecherin Sarah Huckabee Sanders sagte zu Trumps guten Wünschen für Rob Porter: „Ich denke, der Präsident wünscht allen Amerikanern, dass sie erfolgreich in dem sind, was immer sie tun.“ Davon abgesehen habe Trump lediglich zum rechtsstaatlichen Verfahren für alle Beschuldigten aufgerufen, beteuerte Sanders. „Vor allem anderen unterstützt der Präsident die Opfer häuslicher Gewalt. Und er denkt, dass jeder fair behandelt werden und ein rechtsstaatliches Verfahren bekommen muss.“

Der Verweis auf die juristische Unschuldsvermutung und ein faires Verfahren führt im Falle von Rob Porters Abschied aus dem Weißen Haus allerdings auf eine falsche Fährte. Denn es ging ursprünglich um etwas anderes als um ein strafrechtliches Verfahren, nämlich um einen Sicherheitscheck durch das FBI. Porter erhielt vom FBI keine unbefristete Sicherheitsfreigabe für seinen Job im Weißen Haus, nachdem die Bundespolizisten mit seinen zwei früheren Ehefrauen gesprochen, Gerichtsdokumente eingesehen und weitere Leute aus Porters privatem Umfeld befragt hatten.

Das FBI sucht bei seinen Sicherheitsüberprüfungen dabei nicht nur nach strafrechtlich relevanten Informationen. Um sicherzustellen, dass ein Mitarbeiter psychisch stabil ist und nicht etwa in Gefahr, impulsiv Geheimnisverrat zu begehen, wird eben nicht nur das offizielle Polizeiregister durchleuchtet, sondern auch das private Umfeld des Kandidaten. Dabei muss nicht bewiesen werden, dass jemand eine kriminelle Tat begangen hat – theoretisch reicht es schon, wenn mehrere Menschen aus dem privaten Umfeld begründete Zweifel an der Stabilität einer Person äußern, etwa, weil diese jähzornig ist. Die Straftat, der Geheimnisverrat, soll also präventiv verhindert werden, indem der Charakter eines Mitarbeiters möglichst genau durchleuchtet wird. „Vorverurteilungen“, auch unterhalb des juristisch zu Ahndenden, gehören also zur normalen Routine der Sicherheitsüberprüfungen des FBI, ob das die Kritiker nun gutheißen oder nicht.

In diesem Fall gab es zudem konkrete Anhaltspunkte, etwa den Antrag Willoughbys, ein richterliches Kontaktverbot gegen Porter zu verhängen. Der war unterdessen nicht der einzige, der in dieser Woche wegen Gewaltvorwürfen das Weiße Haus verließ. Redenschreiber David Sorensen ging freiwillig: Auf Beschuldigungen seiner früheren Ehefrau reagierte er mit Gegenvorwürfen und einer Klageandrohung – auch sie sei gewalttätig geworden. Den Streit darüber erkannte er selbst als Belastung für seinen sicherheitstechnisch sensiblen Job.

Der Skandal um den Abgang von Rob Porter ist also nicht nur entstanden, weil das Weiße Haus vermeintlich nicht entschieden genug gegen jemanden vorging, der der häuslichen Gewalt bezichtigt wird. In Frage steht auch der Umgang mit den Sicherheitsfreigaben für Mitarbeiter: Mehrere dutzend Personen, darunter Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, sollen nur temporäre Genehmigungen haben und Stabschef John Kelly soll das zu lange geduldet haben. Danach versuchte Kelly Medienberichten zufolge, sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern in ein günstigeres Licht zu rücken – es folgten Spekulationen darüber, wie viel Vertrauen der Chef beim Stab noch genießt. Der Porter-Skandal droht also, ein Kelly-Skandal zu werden – noch hält dieser sich im Amt.

Laufen Trump jetzt die Frauen weg?

Manche Trump-Gegner hoffen unterdessen, dass die Reaktion des Präsidenten auf die Gewalt von Männern den Republikanern schaden wird – bei den Frauen. Besonders in Mittelschichts-Vorstadtbezirken müssten sie die Wählerinnen unbedingt halten. „Sie können diese Gegenden nicht gewinnen, indem sie die Frauen verlieren“, sagte der ehemalige demokratische Abgeordnete und Kampagnen-Stratege Steve Israel gegenüber dem Magazin „The Hill“. „Und sie verlieren Frauen, wenn sie immer wieder bekräftigen, dass sie in der Diskussion um Gewalt und sexuelle Belästigung auf der falschen Seite stehen.“

Diese Hoffnung könnte sich aber als zu optimistisch erweisen – zumindest für die Vorstädte, an die Israel denkt. Schließlich hatte Trump bereits vor der Wahl gezeigt, dass er Frauen nicht respektiert. Der Skandal um sein Prahlen mit sexueller Belästigung auf einem Tonbandmitschnitt hatte ihm zumindest bei den weißen Frauen des Landes nicht nachhaltig geschadet. Auch die konkreten Vorwürfe mehrerer Frauen gegen ihn waren schon bekannt. Weiße Amerikanerinnen unterstützten Trump trotzdem zu 52 Prozent. Ganz ähnlich war es bei Roy Moore, dem Senatskandidaten aus Alabama, den Trump gegen Vorwürfe der sexuellen Gewalt gegenüber Minderjährigen in Schutz genommen hatte – auch ihn wählte eine Mehrheit der weißen Frauen.

Dass der Umgang Trumps mit den Anschuldigungen gegen Rob Porter ihn nun Stimmen ausgerechnet bei den Wählerinnen in den Mittelschichts-Vororten kostet, die ihn trotz „Grab them by the pussy“ gewählt haben, ist also eine gewagte Hypothese. Schließlich haben viele von ihnen schon einmal gezeigt, dass ihnen andere Themen, wie Trumps Kampf gegen „zu viele Einwanderer“, wichtiger sind.

Allerdings könnte die Auseinandersetzung Frauen ermutigen, die bislang nicht aktiv Politik gemacht haben – die deutlich erhöhte Zahl von Kandidatinnen bei regionalen Wahlen ist ein Hinweis darauf. Und ihre Hoffnungen könnten die Demokraten eher darauf setzen, dass mehr Frauen zur Wahl gehen, die nicht weiß sind. Das kostete Roy Moore in Alabama schließlich tatsächlich den Sieg. Dafür müssen afroamerikanische Frauen und Latinas sich von der Partei vertreten fühlen – auch im Kampf gegen Ungleichheit, sexuelle Übergriffe und Gewalt, und das abseits von Hollywood und Washington.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFrauenDonald TrumpJohn KellyTime MagazineFBIWeißes HausKarriere