Trumps Präsidentschaft
Transgender bei der Bundeswehr

„Trumps Tweets waren wie ein Schlag ins Gesicht“

Von Sebastian Eder
© Privat, FAZ.NET

Frau Biefang, Donald Trump hat verkündet, dass er keine Transgender mehr in der Armee haben will, weil die Kosten für die medizinische Versorgung zu hoch seien. Sie sind Offizier bei der Bundeswehr und leben seit mehreren Jahren als Frau. Wie haben Sie diese Entscheidung erlebt?

Ich bin gerade im Urlaub, aber natürlich habe ich das hier sofort mitbekommen: Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Mich hat vor allem die unverschämte Art und Weise fassungslos gemacht, wie er es verkündet hat. Im Endeffekt hat Trump Tausenden Menschen mit ein paar Tweets gesagt, dass sie ab sofort nicht mehr erwünscht sind. Das sind ja Existenzen, die da zerstört werden könnten, ganze Lebensentwürfe.

Glauben Sie, er bedient damit eine Stimmung, die auch in der Bundeswehr wieder stärker werden könnte?

Das glaube ich nicht, dafür sind wir in der Bundeswehr deutlich weiter. Die Wertschätzung für uns ist da, die Politik fördert das Thema und die Inklusion läuft in meiner Wahrnehmung schon sehr gut. Ende Januar hat die Bundesministerin Ursula von der Leyen in Berlin zum Workshop „Sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr“ geladen, ich habe dort über Transsexualität bei der Bundeswehr gesprochen. Das läuft alles in die Richtung und daran wird Trump nichts ändern.

Sie haben 40 Jahre als Mann gelebt. Wie kam es zu Ihrem Coming-out?

Ich habe mich mit Zweifeln rumgeschlagen, seit ich 17 oder 18 war. Zur Bundeswehr kam ich über die Wehrpflicht und habe dann Karriere gemacht. Ich habe mich in diesen Beruf gestürzt und versucht, meine geschlechtliche Identität zu verstecken, aber das hat nicht geklappt. Nach Feierabend war ich mit Freunden oft mit Perücke und in Frauenkleidern unterwegs – aber im Dienst war ich dann wieder der Soldat mit ordentlichem Kurzhaarschnitt. Damit wurde ich immer unglücklicher, ich wollte endlich komplett als Frau leben. Als ich 40 Jahre alt war, habe ich mich entschlossen: Jetzt reicht es mir.

Hatten Sie Sorgen um Ihre Karriere?

Ich hatte Sorgen um meine Existenz. Ich bin sehr gerne Offizier, ich bin sehr gerne Soldat, das ist ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Aber ich als Mensch bin mir wichtiger. Also habe ich einen Entschluss gefasst und war mit mir im Reinen: Egal, was passiert, ich ziehe das jetzt durch, das ist mir wichtiger als alles andere. Und zum Glück haben sich dann überhaupt keine der Befürchtungen bewahrheitet. Ich habe mit meinem Vorgesetzten gesprochen und ihm die Situation erklärt. Er war etwas ratlos, aber er hat gesagt: Wir schaffen das gemeinsam.

Wie lief das konkret ab?

Ich bin zur Truppenärztin, die mich an einen Sexualtherapeuten im Bundeswehrkrankenhaus Berlin überwiesen hat. Dort habe ich erklärt, dass ich eine Frau im Körper eines Mannes bin und das ändern möchte. Es gab dann viele psychologische Tests und ärztliche Gutachten – es ist ein langer Weg vom Mann zur Frau. Ich musste ein Jahr lang als Frau leben, der sogenannte Alltagstest, bevor es weitergehen konnte.

© AP, afp

Was haben Sie seitdem machen lassen, was ist noch geplant?

Im September 2015 erhielt ich die Hormone, es folgte die Epilation der Barthaare und in diesem August steht die erste von zwei Operationen zur Geschlechtsangleichung an.

Wie haben Ihre Kameraden reagiert?

Die hatten erst mal sehr viele Fragen. Auch die Umgebung muss sich daran langsam gewöhnen, es fängt damit an, dass alle „Frau“ statt „Herr“ sagen. Ich habe angefangen, mich im Dienst zu schminken, bin mit in die Frauendusche und habe eine Frauenuniform getragen. Es ist ja nicht so, dass mit der Entscheidung alles erledigt ist. Damit geht es ja erst los. Aber niemand hat sich von mir abgewandt.

Sie sind im Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr. Es gibt keine Zahlen dazu, wie viele Transgender es in der Truppe gibt, aber wenn man die für die Bevölkerung ermittelten Werte umrechnet, müssten es etwa 1300 sein. Wie oft meldet sich jemand bei Ihnen?

Ich führe keine Statistik, aber es melden sich schon regelmäßig Transgender-Menschen. Manche sind schon in der Bundeswehr und wollen wissen, wie sie vorgehen sollen: Wie sage ich es, wem sage ich es, wie läuft das medizinisch ab? Auf diesem Weg berate ich sie dann. Es melden sich aber auch Menschen, die noch gar nicht in der Bundeswehr sind und wissen wollen, wie die Bedingungen sind.

Welche Leistungen übernimmt die Bundeswehr denn bei der Behandlung?

Wenn entsprechende Diagnosen und Gutachten da sind, wird grundsätzlich alles übernommen, was nötig ist: Brustaufbau oder die Entfernung der Brüste, Gesichtshaare per Laser entfernen – und die notwendigen Operationen zur Geschlechtsangleichung. Zwischen den Eingriffen bekommt man auch Zeit zur Genesung.

Und werden die Kosten für diese medizinischen Maßnahmen die Bundeswehr in absehbarer Zeit in den Ruin stürzen, wie Trump es in Amerika offenbar befürchtet hat?

Die Kosten sind meines Erachtens überschaubar und deutlich geringer, als vielleicht vermutet wird. Diese stürzen weder die zivilen Krankenkassen noch die Bundeswehr in den finanziellen Ruin. Und die Bundeswehr unterstützt mit diesen Maßnahmen einen Staatsbürger, der sich verpflichtet hat, im Ernstfall die eigene Gesundheit oder sogar das eigene Leben für unsere Gesellschaft zu geben.

Quelle: FAZ.NET
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