Gipfelfieber in Singapur

Ein Lächeln für Trump und Kim

Von Till Fähnders, Singapur
 - 13:29

Die Menschenmenge ist kaum mehr zu halten, als sie die Trump- und Kim-Imitatoren entdeckt. In dem Singapurer Einkaufszentrum müssen sich die beiden Doppelgänger, Howard X und Dennis Alan, durch die Masse gezückter Handys, Kameras und Mikrofone bahnen. Dann darf jeder einmal ein Foto mit ihnen machen – gegen ein Entgelt einiger Singapur-Dollar versteht sich. Doch die Menschen stehen sogar Schlange, um sich mit den beiden Imitatoren, die vielen schon seit den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang aus dem Fernsehen bekannt sind, fotografieren zu lassen. Selbst als sie zwischendurch auf die Toilette gehen, folgt ihnen ein Medienpulk.

Wenn man dieser Tage in Singapur unterwegs ist, dann fühlt es sich an, als ob in dem Stadtstaat an einer einzigen riesigen Show gearbeitet wird. Rund 2500 Journalisten werden das Medienzentrum an der Singapurer Formel-1-Strecke bevölkern. Die Polizei baut Absperrungen auf, Bars mixen Trump-Kim-Cocktails und Restaurants verkaufen Gipfel-Hamburger. Die Singapurer Behörden haben eine Gedenkmünze herausgegeben, auf deren Rückseite eine Taube und das Wort „Weltfrieden“ geprägt sind. Dabei ist drei Tage vor dem für Dienstag um drei Uhr morgens deutscher Zeit geplanten Treffen noch nicht einmal klar, was überhaupt dabei herauskommen kann. Manchem Singapurer ist bei dieser Sache deshalb auch nicht ganz wohl. „Ich glaube nicht, dass es Trump wirklich um den Weltfrieden geht. Er streichelt sein eigenes Ego“, sagt eine junge Singapurerin.

Gartenspaziergang bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit?

Die Mischung aus Medienzirkus und Geschäftemacherei passt zu dem Ort, an dem der Gipfel am Dienstag stattfinden soll. Die nur fünf Quadratkilometer große Insel Sentosa, die der Hauptinsel Singapurs vorgelagert liegt, ist für ihre Vergnügungsparks, Golfplätze und Strandbars bekannt. Aus dieser artifiziellen Disney-Welt sticht das Gipfel-Hotel Capella allerdings wohltuend heraus. Mit seinem kolonialen Kern und den von Stararchitekt Norman Foster entworfenen Flügeln verbindet das Gebäude moderne Eleganz und Historie mit Meeresblick auf die Straße von Malakka. Bunte Pfauen streifen normalerweise durch den Hotelgarten. Vielleicht werden ja auch Trump und Kim nach ihrem Handschlag etwas durch das tropische Grün flanieren. In jedem Fall aber nur ein paar Minuten, denn im Singapurer Wetter mit etwa 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit hält es keiner lange aus.

Für die Öffentlichkeit ist das Hotel in diesen Tagen deshalb schon jetzt gesperrt. Das Taxi kommt nicht einmal bis auf die Auffahrt. „Privatveranstaltung“, sagt der Wachmann. Als wüsste nicht schon jeder, dass die Luxusherberge der Ort für das historische Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un sein wird. Die Sicherheitsvorkehrungen sind allerdings umfassend. So wurde ganz Sentosa zu einer Sonderzone mit verschärften Sicherheitsvorkehrungen erklärt, ebenso wie das Gebiet um die Hotels Shangri-La und dem St. Regis weiter im Westen der Stadt. Im Shangri-La hatten schon die Präsidenten Barack Obama und George W. Bush einst genächtigt – nun soll auch Trump dort unterkommen. Kim Jong-un wird wohl im nahegelegenen St. Regis wohnen.

Schon am Samstag hatte sich vor dem St. Regis der Verkehr gestaut, Kamerateams versperrten die Gehwege. Um die Hotels herum gelten mittlerweile besondere Sicherheitsvorkehrungen. Es dürfen keine Waffen, Spreng- und Brennstoffe, pyrotechnischen Gegenstände, Sprühdosen, Flaggen und Banner, Megafone und Drohnen mit in die Sicherheitszonen gebracht werden. Tausende Polizisten sind im Einsatz. „Alle wollen einen erfolgreichen Gipfel, unsere Rolle ist es aber vor allem, für die Sicherheit zu sorgen“, sagt Singapurs Justizminister Kasiviswanathan Shanmugam. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft seien alle verfügbaren Kräfte im Einsatz. Die Singapurerin Irene Lee sagt, für die Geschäfte und Anwohner sei das nur eine kleine Unannehmlichkeit. „Die Wichtigkeit des Ereignisses überschattet das“, so Lee. Es sei eine große Ehre für das kleine Singapur, diesen Gipfel veranstalten zu dürfen.

Auf Facebook nur noch positive Artikel

Die Singapurer „Straits Times“ ruft derweil die Bevölkerung im Ton leichter Bevormundung auf, für die Kameras aus aller Welt ein Lächeln aufzusetzen. Dazu gehöre etwa, in den sozialen Netzwerken nur „positive“ Artikel über Singapur zu teilen. Die große Gipfel-Show soll den „kleinen roten Punkt“ auf der Landkarte, wie sich Singapur selbstironisch bezeichnet, bekannter machen. Irene Lee sagt, dass die Menschen im Ausland oft nicht wüssten, wo ihre Heimat liegt. „In Amerika haben die Leute uns gefragt, wo liegt Singapur? Gehört das zu China?“, sagt die 55 Jahre alte Hausfrau. Für Singapur sei der Gipfel eine gute Gelegenheit, sich unter Beweis zu stellen, sagt Außenminister Vivian Balakrishnan. Nur vereinzelt trauen sich die Singapurer, sich zu beschweren. Ein ehemaliger Seefahrer mit dem Namen Aziz sagt, er sorge sich vor allem darum, dass ein Terroranschlag passieren könnte.

Andere beklagen die hohen Kosten, die Singapur für die Austragung des Gipfels tragen wird. Im strengen Singapur muss aber nicht damit gerechnet werden, dass es zu Protesten gegen den Gipfel oder einen seiner Teilnehmer kommen könnte. In dem Stadtstaat sind Demonstrationen nur mit langfristiger Anmeldung erlaubt und dann auch nur in einem einzigen Park. Trotz der teilweise harten Gesetze tummeln sich in dem Stadtstaat mit 5,6 Millionen Bewohnern auch viele Zugereiste und Touristen. Darunter sind auch rund zwei Dutzend Nordkoreaner, die bei der Botschaft ihres Landes arbeiten sollen. Dagegen leben in dem Stadtstaat jeweils etwa 30.000 Südkoreaner und Amerikaner. Noh Chong-hyun, Südkoreaner und Vorsitzender der Koreanischen Vereinigung in Singapur sagt, seine Landsleute seien sehr glücklich darüber, dass das „historische Ereignis“ nun hier stattfinde. Südkoreanische Geschäftsleute erhofften sich eine Öffnung des abgeschotteten Lands nach dem Gipfel.

Die Amerikaner in Singapur scheinen ihrem Präsidenten gegenüber genauso gespalten zu sein wie ihre Landsleute in der Heimat. Die Werbefachfrau Elissa MacDonald sagt, sie bekomme auf den sozialen Netzwerken nicht ganz ernst gemeinte Warnungen vor einem in Singapur einfallenden Donald Trump. Für sie ist es ein „unangenehmes Gefühl“, die zwei „am meisten gehassten Männer der Welt“ in ihrem Hinterhof zu haben. Die Amerikanerin lebt seit sieben Jahren in dem Stadtstaat und wohnt nur etwa zwei Kilometer von den Hotels Trumps und Kims entfernt. Sie mache sich vor allem Sorgen darüber, dass die Gespräche in einem Eklat enden könnten. „Ich hoffe nur, dass er nicht die Welt in die Luft jagt“, sagt sie über den Präsidenten ihres Landes. Trump sei dennoch herzlich eingeladen, zu einem Grillabend bei ihr vorbei zu kommen.

Quelle: FAZ.NET
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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