Kriminelle Einwanderer

Wo die Statistik Trumps Blutbad-Gerede widerlegt

Von Christiane Heil, Los Angeles
 - 14:06

Spätestens beim Blick auf die Website des Weißen Hauses macht sich Unsicherheit breit. „Präsident Trump weiß, dass sichere Wohnviertel und geringe Verbrechensraten nicht zufällig entstehen“, heißt es dort. „Die Regierung hat daher während ihres ersten Jahres wichtige Schritte unternommen, um die Herrschaft des Rechts wiederherzustellen.“ Herrschaft des Rechts? Und wiederherstellen?

Schon bei seiner Antrittsrede auf den Stufen des Kapitols hatte Donald Trump das Bild eines Landes im Verbrechenssumpf gezeichnet. Zu viele Amerikaner müssten mit Kriminalität, Banden und Drogen leben. „Das amerikanische Blutbad endet hier und heute“, versprach der 45. Präsident der Vereinigten Staaten damals.

Trump tut sich bei der Interpretation schwer

Vor einigen Tagen schickte der Republikaner eine ähnlich düstere Bestandsaufnahme über den Atlantik. Deutschlands Verbrechensrate sei um mindestens zehn Prozentpunkte nach oben geschnellt seit das Land Migranten aufgenommen habe, twitterte Trump. „Die Behörden wollen diese Straftaten aber nicht melden“, ließ er wissen. Woher Trumps Informationen stammten, behielt er für sich. Dass die deutsche Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2017 einen Rückgang angezeigter Straftaten um 9,6 Prozentpunkte verzeichnete, ignorierte er.

Auch bei der Interpretation amerikanischer Zahlen tut sich Trump schwer. Im Gegensatz zu seinem Blutbad-Szenario registrierte die amerikanische Bundespolizei (FBI) in den Jahren 1993 bis 2016 insgesamt einen Rückgang von Gewaltkriminalität um 48 Prozentpunkte. Eine Ausnahme machten die Jahre 2014 bis 2016. Für den Zeitraum meldete das FBI bei Mord und Totschlag einen Anstieg um etwa sieben Prozentpunkte. Die weit häufigeren „property crimes“ wie Einbrüche und Diebstähle gingen in den Jahren 1993 bis 2016 dagegen ebenfalls um fast 50 Prozentpunkte zurück.

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Auch Trumps Darstellung einer flächendeckenden Verbrechenswelle erwies sich als holzschnittartig. Wie das Forschungszentrum Pew Research Center feststellte, variierte die Zahl der Straftaten von Bundesstaat zu Bundesstaat. Während in Alaska, New Mexico und Nevada im Jahr 2016 je 100.000 Bewohner etwa 600 „violent crimes“ gezählt wurden, waren es in Maine, New Hampshire und Vermont knapp 200. Das Washingtoner Institut verwies zudem auf das Gefälle zwischen Stadt und Land sowie starke Unterschiede zwischen einzelnen Städten.

Obwohl Chicago im Jahr 2016 mit einer Rate von 28 Morden je 100.000 Bewohner zur Verbrechenshochburg der Vereinigten Staaten stilisiert wurde, lag die Windy City weit hinter Metropolen wie St. Louis und Baltimore. In Baltimore verzeichnete die Polizei etwa 50 Morde je 100.000 Bewohner, in St. Louis sogar 60. Trumps Statement, die Mordrate in den überwiegend afroamerikanischen Armenvierteln der Großstädte habe im Jahr 2016 drastisch zugenommen, konnten aber selbst die Kritiker des Präsidenten nicht widerlegen.

Trumps oft wiederholte Verbindung von Verbrechensrate und Einwanderung lässt sich dagegen nicht aus den Erhebungen des FBI ableiten. Während sich die Zahl der „undocumented immigrants“ aus Ländern wie Mexiko, Guatemala und El Salvador in den vergangenen 20 Jahren auf mehr als elf Millionen verdreifachte, halbierte sich die Zahl der Straftaten. „Einwanderer verüben weit weniger Straftaten als Amerikaner. Dieses Ungleichgewicht gilt auch für die jungen Männer, die am häufigsten ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten Staaten leben: Mexikaner, Salvadorianer und junge Männer aus Guatemala“, stellte die National Academy of Sciences, eine unabhängige Forschergruppe, vor drei Jahren fest.

Die Studie der Washingtoner Wissenschaftler wurde im Frühjahr 2017 durch eine Untersuchung des libertären Cato Institute zu Einwanderern in amerikanischen Gefängnissen unterstützt. Wie der Think Tank bei der Auswertung von Daten des statistischen Bundesamtes der Vereinigten Staaten feststellte, sitzen Einwanderer viel seltener ein als Amerikaner. Beispielsweise zählten die Justizbehörden im Jahr 2010 bei mexikanischen Männern im Alter von 18 bis 39 Jahren lediglich eine Gefängnisquote von 2,8 Prozent. Bei gleichaltrigen Amerikanern ohne Highschool-Abschluss lag sie fast vier Mal höher.

Trump instrumentalisiert Einzelfall

Forscher wie Walter Ewing, der für den einwanderungsfreundlichen Verein American Immigration Council arbeitet, schrieben die eher geringe Zahl zentralamerikanischer Gefängnisinsassen vor allem dem Bemühen zu, in Amerika ein besseres Leben als in der Heimat zu führen. „Die Einwanderer wollen sich die Chance nicht durch Schwierigkeiten mit der Polizei kaputt machen. Das gilt besonders für Einwanderer ohne Papiere, die jederzeit deportiert werden können“, sagte Ewing der Website Politifact.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik für das Jahr 2017 übten viele Zuwanderer in Deutschland weniger Vorsicht. Obwohl Asylbewerber, Flüchtlinge und Geduldete lediglich zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten, stellten sie etwa 8,5 Prozent aller Straftatverdächtigen.

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Fälle wie der Tod der 32 Jahre alten Kathryn Steinle, die vor drei Jahren in San Francisco durch den Schuss eines mehrfach vorbestraften und deportierten illegalen Einwanderers aus Mexiko starb, heizen derweil die Debatte in den Vereinigten Staaten immer wieder an. Trump nutzte den Tod der Kalifornierin, um während des Präsidentschaftswahlkampfes 2016 die Abschiebung aller „undocumented“ zu fordern.

„Man sollte den Demokraten sagen, dass sie sich Gedanken über die Leute machen sollten, deren Leben durch Verbrechen als Folge illegaler Einwanderung zerstört wurde“, spielte er via Twitter vor einigen Tagen abermals auf die Causa Steinle an. Den Eindruck vieler Amerikaner, immer häufiger von Verbrechen heimgesucht zu werden, schreibt das Pew Research Center einer getrübten Wahrnehmung zu. Etwa sechs von zehn Befragten meinten in den vergangenen 25 Jahren bei Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Gallup, die Gewaltkriminalität habe im Vergleich zum Vorjahr zugenommen – trotz des gegenläufigen Trends.

Quelle: FAZ.NET
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