Terror und Kriminalität

Sicherheit ist ein Gefühl

Von Thomas Gutschker
 - 18:30
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Am Morgen nach dem Attentat von Las Vegas saßen wir mit drei Amerikanern am Tisch. Man sah ihnen an, dass sie den Abend zuvor auf dem Oktoberfest in München verbracht hatten, in Lederhosen und Dirndl und mit ungezählten Maß Bier. Zwischendurch hatten sie auf ihre Handys geschaut, Eilmeldungen aus der Heimat. Aber sie hatten sich nicht den Abend davon verderben lassen. Es sei ja viel passiert in den letzten Jahren, sagte einer.

Der andere mutmaßte, leicht sarkastisch, als Nächstes werde bestimmt darüber diskutiert, ob Leute in Hochhäusern noch Waffen besitzen dürften. Und wie wäre es, fragten wir, wenigstens in Hotels so streng wie am Flughafen zu kontrollieren, dass Leute keine Waffen dabeihaben? Nein, das fanden alle drei unpraktikabel, viel zu aufwändig.

Europa ist ihnen zu gefährlich

Die Gäste müssen gespürt haben, dass uns diese Antworten nicht befriedigten. Vermutlich sahen wir sogar ziemlich entsetzt aus, die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf. Hilflose Menschen, die sich auf den Boden werfen und nicht ahnen, dass sie sich damit erst recht dem Täter ausliefern. Das Dauerfeuer, minutenlang. Die Angst in den Gesichtern der Überlebenden. Einer der drei Gäste gab dem Gespräch eine neue Wendung. In Amerika, sagte er, müsse man sich wirklich keine Sorge um seine Sicherheit machen. Schließlich würden die Behörden alles tun, um Terroristen auszuschalten, bevor die zuschlagen könnten. Deswegen habe es nach 9/11 auch keine schweren Anschläge mehr gegeben. Maximale Härte, alles überwachen und abhören, Häuser durchsuchen. In Europa sei das offenbar anders – da könnten sich Terroristen ja umstandslos mit Kalaschnikows bewaffnen. Amerikaner würden sich deshalb dreimal überlegen, ob sie noch nach Paris oder London fliegen.

Nach Schießerei
Waffentouristen strömen weiter nach Las Vegas
© AFP, reuters

Das waren nun die Ansichten von drei Amerikanern, alle in den Zwanzigern. Einer erzählte, dass er sich noch ein paar Waffen zugelegt hatte, bevor er nach Kalifornien gezogen war, weil die Waffengesetze dort strenger sind. Der andere hatte keine Waffe, und die dritte hörte etwas gelangweilt zu. Vielleicht wäre das Gespräch ganz anders verlaufen, wenn andere Leute am Tisch gesessen hätten. Vielleicht auch nicht. Dass Amerikaner in Sorge sind wegen der Terroranschläge in Europa, haben wir zuletzt öfter gehört. Und dass sie nach Massenerschießungen in ihren Städten schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, ist auch nicht so neu. Littleton, Aurora, Newtown – fast schon vergessen.

Argumente würden kaum Einsicht bringen

Es hilft in solchen Gesprächen immer, wenn man ein paar Zahlen parat hat. Hatten wir natürlich nicht. Aber hier sind sie: Für unsere drei Kalifornier ist es 49-mal wahrscheinlicher, dass sie in Amerika mit einer Schusswaffe getötet werden als in Europa. Das hat etwas mit der Zahl der Waffen zu tun, die ganz legal im Umlauf sind: Während nur einer von zwanzig Deutschen eine Waffe besitzt, trifft das in Amerika auf fast jeden der 320 Millionen Einwohner zu.

Rein statistisch natürlich. Tatsächlich hat wohl jeder Vierte Waffen, und zwar mehrere. Drei Prozent der Bevölkerung besitzen die Hälfte aller Waffen, 17 pro Person. Die Zahl derjenigen, die durch Schusswaffen ums Leben kommen, war schon 2001 zehnmal größer als die Zahl der Opfer von 9/11.

Hätten wir damit unsere drei Kalifornier überzeugen können? Vielleicht hätten sie eingesehen, dass man nach einem Oktoberfestbesuch zwar immer damit rechnen muss, dass ein paar Leute in der S-Bahn es nicht mehr bis zum Klo schaffen. Aber nicht damit, dass sie ein Sturmgewehr rausholen und damit herumballern. Also: nächstes Jahr wiederkommen, es gibt Schlimmeres. Hätten wir sie aber davon überzeugen können, dass es der totale Wahnsinn ist, wenn Menschen in einem zivilisierten Land bis an die Zähne bewaffnet sind, und das auch noch mit Kriegswaffen? Wohl kaum. Denn auf das Argument würde sich nur einlassen, wer sich in einem solchen Land unwohl fühlt. Den Eindruck machten sie wahrlich nicht.

Schießereien gehören dazu

Sicherheit ist zuerst und zuletzt ein Gefühl. Wenn Leute hierzulande über die vielen Einbrüche klagen, kriegt man das Gefühl auch nicht mit einem Hinweis auf die Statistik weg: Die Zahl der Einbrüche war vor zwanzig Jahren viel größer. Umgekehrt hören Amerikaner täglich in den Nachrichten von Raubüberfällen und tödlichen Schüssen, oft in ihrer Nähe. Aber sie haben Strategien entwickelt, damit zu leben. Wer es sich leisten kann, zieht in ein gutes Viertel. Und wer es sich nicht leisten kann, hortet daheim selbst Waffen. Natürlich gibt es auch beides: gutes Viertel und einen Colt im Küchenschrank. Die objektive Unsicherheit wird mit einem starken Gefühl subjektiver Sicherheit bewältigt.

Diesem Gefühl von Sicherheit liegt jene Unterscheidung zugrunde, die einer unserer drei Amerikaner vortrug: zwischen gewöhnlichen Schießereien und außergewöhnlichem Terrorismus. Gegen das eine kann man nicht viel machen, es gehört irgendwie dazu in dieser Gesellschaft. Jeder Amerikaner darf Waffen besitzen, wenn er sich an bestimmte Regeln hält – so steht es angeblich in der Verfassung. Die Mehrheitsgesellschaft hat es immer akzeptiert, dass diese Waffen auch eingesetzt werden, solange sie nicht gegen den Staat gerichtet wurden, sondern gegen andere Gruppen: Indianer, Schwarze, Einbrecher. Sie nimmt auch die Tragödien in Kauf, die Leute anrichten, die keine „rechtschaffenen Bürger“ sind. Aber für Terroristen zog sie eine fette rote Linie.

Geht Terror nur von radikalen Muslimen aus?

Deshalb blieb nach dem Schock von 9/11 kein Stein auf dem anderen. Ein riesiges Heimatschutzministerium wurde eingerichtet, Jahresetat vierzig Milliarden Dollar. Die Geheimdienste bekamen jeden Wunsch erfüllt. Bürger, die auf den Einbrecher mit dem Sturmgewehr warten, nahmen hin, dass ihre persönlichen Daten über Server der NSA flossen. Dazu noch die Kriege in Afghanistan und im Irak: Amerikas Feinde sollten auf ihrem eigenen Boden geschlagen werden. Alles wegen 2996 Menschen, die in den Türmen des World Trade Centers, im Pentagon und in vier Flugzeugen ihr Leben verloren hatten.

Im Patriot Act, auch ein Produkt jener schrecklichen Anschläge, werden Terrorakte so definiert: Sie gefährden Leben und verstoßen gegen amerikanisches Recht; sie werden absichtlich begangen, um die Bevölkerung einzuschüchtern, die Regierungspolitik zu beeinflussen oder die Regierungsfähigkeit zu beeinträchtigen; sie geschehen hauptsächlich im Zuständigkeitsbereich amerikanischer Gerichte. Amerikaner denken da zum Beispiel an den Anschlag auf den Boston-Marathon vor vier Jahren, als zwei in Tschetschenien geborene Männer Sprengsätze zündeten. Oder an die Schießerei in einem Nachtclub von Orlando, wo ein Mann mit afghanischen Wurzeln im vergangenen Jahr 49 Menschen tötete. Präsident Trump nennt das: „radical islamic extremism“. Terror geht von radikalen Muslimen aus, und vor denen haben Amerikaner eine Heidenangst.

„Ein kranker Mann“

Der Täter von Las Vegas war nicht Muslim, sondern ein wohlhabender weißer Mann. Aber er gefährdete Leben, Hunderte Leben, noch mehr als der Schütze von Orlando. Dabei ging er unheimlich planvoll vor: Überwachungskameras auf dem Gang, 23 Gewehre, darunter das Standardmodell der US Army, extra große Magazine. Kein Zweifel: Er wollte so viele Menschen töten wie möglich, wahllos. Und er wollte, dass möglichst viele Menschen dabei in Angst und Schrecken erstarren. Seine Bühne war ein Festival für Country-Musik mit 60.000 Besuchern.

Der Täter erfüllt damit alle Bedingungen des Patriot Act für eine Terrortat. Die Propagandaabteilung vom „Islamischen Staat“ roch das sofort – und reklamierte die Tat für sich. Allerdings hielt das FBI sofort dagegen: Es gebe keine Verbindung zu einer internationalen Terrororganisation. Die Amerikaner konnten sich wieder beruhigen: kein radikaler Muslim, kein Terror. „Er ist ein kranker Mann, ein wahnsinniger Mann, viele Probleme.“ Das war die Ferndiagnose von Donald Trump. Sie setzte die Unterscheidung zwischen einer gewöhnlichen Schießerei und einem Terroranschlag wieder in Kraft. Und damit das Gefühl von Sicherheit. Jetzt muss nur noch ein Motiv gefunden werden, das dazu passt.

Wo liegt die Grenze zwischen Kriminalität und Terrorismus?

Es gibt allerdings auch Amerikaner, deren Sicherheitsgefühl nachhaltig gestört ist. Die Schauspielerin und Sängerin Ariana Grande zum Beispiel. Sie war im Mai im britischen Manchester aufgetreten. Kurz danach sprengte sich ein Attentäter im Foyer in die Luft und riss 23 Besucher mit in den Tod. Nun forderte sie Trump auf, die Schießerei von Las Vegas „als das zu bezeichnen, was sie ist“.

Das rief sofort Protest im „New Yorker“ herauf, einer eigentlich linksliberalen Zeitschrift. Für Terrorismus fehle in diesem Fall das politische Motiv, argumentierte die Schriftstellerin Masha Gessen. Man solle „weiße Männer, die allgemeine Wut ausdrücken, indem sie mit Waffen feuern“, niemals Terroristen nennen. „Denn dann würden mehr Menschen im Knast landen, aufgeblähte Strafen bekommen und Folter unterworfen sein, jedenfalls potentiell.“

Las Vegas-Massaker
Politiker erwägen Verschärfung des Waffengesetzes
© afp, reuters

Taten werden nach Motiven beurteilt

Das ist nun wirklich sehr amerikanisch gedacht. Nach 9/11 hatte die Regierung von George W. Bush die Figur des „feindlichen Kombattanten“ erfunden. Darunter fielen Terrorverdächtige von Al Qaida oder den Taliban. Für sie sollte weder amerikanisches Strafrecht gelten noch internationales Kriegsrecht gemäß Genfer Konvention. Deshalb konnten die Terrorverdächtigen jahrelang in Guantánamo festgesetzt werden, ohne auch nur angeklagt zu werden. Außerdem waren „verstärkte Befragungstechniken“ erlaubt, eine Beschönigungsformel für Folter. So führte die Unterscheidung zwischen gewöhnlicher Kriminalität und Terrorismus zur Entgrenzung des Rechts. Zu Unrecht. Aber ist das wirklich ein guter Grund, um Taten nicht nach ihrer Wirkung zu beurteilen, sondern nach dem Motiv des Täters? Die Tat von Las Vegas wäre ja nicht schlimmer oder weniger schlimm, wenn der Schütze getötete Muslime hätte rächen wollen. Der Kommentar im „New Yorker“ zeigt aber gut, welche Verbiegungen nötig sind, um die Trennung von Terror und Kriminalität zu retten.

Auch politisch geschieht dafür gerade einiges. Künftig wird der Kongress wohl „Bump Stocks“ verbieten, jene Vorrichtungen, mit denen der Täter von Las Vegas seine halbautomatischen Sturmgewehre in noch tödlichere Maschinengewehre verwandelte. Sogar die Waffenlobby ist dafür – die Bilder von Las Vegas erinnerten wohl zu sehr an Terror. Doch ist auf amerikanische Waffenfreunde Verlass: Sie haben schon die Läden leergekauft, wo es die Dauerfeuervorrichtung noch gab. Sicher ist sicher.

Quelle: F.A.S.
Thomas Gutschker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Gutschker
Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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