Von der Leyen besucht deutsche Soldaten

In die Türkei reisen, an Russland denken

Von Johannes Leithäuser, Kahramanmaras
 - 13:12

Die Verteidigungsministerin spricht vor Bundeswehrsoldaten über „gelebte Bündnissolidarität“, über die moderne Rolle der Bundeswehr: „Schlimmeres verhindern zu wollen“ und „präventiv tätig zu sein“. Sie spricht über die Beistandspflicht in der Nato und darüber, dass die Deutschen „aus eigener Erfahrung“ wüssten, wie wichtig der „gegenseitige Schutz“ im militärischen Bündnis sei und damit füreinander einzustehen. Nun wollten die Deutschen „ein wenig von dem zurückgeben, was wir an Solidarität erfahren haben“.

Die Sätze Ursula von der Leyens klingen, als seien sie an Empfänger in den baltischen Staaten oder in Polen adressiert. Sie fallen aber im Süden Anatoliens, in der Stadt Kahramanmaras, dort, wo seit mehr als einem Jahr zwei deutsche Abwehrraketen-Staffeln den türkischen Luftraum vor möglichen Übergriffen aus syrischem Bürgerkriegsgebiet schützen. Die deutsche Ministerin hat auf der Reise zum deutschen Einsatzverband das Schwarze Meer überflogen, sie konnte die Krim auf dem Routenbild des Flugzeugmonitors betrachten.

Und der Konflikt mit Russland bleibt während ihres Aufenthaltes im Süden der Türkei stets der zweite Referenzrahmen für alle ihre Äußerungen und Stellungnahmen: Am vergangenen Wochenende hatte es eine Satz von der Leyens gegeben, der so aufgefasst worden war, als solle die Nato gegenüber Russland militärisch eindeutigere Zeichen setzen. Die Ministerin fühlte sich missverstanden: Es sei darum gegangen, dass jene neuen Nato-Staaten im Osten Europas jetzt die Solidarität des Bündnisses deutlich empfinden müssten, um dort die Aufregung angesichts der russischen Aktionen auf der Krim und anderswo zu mildern.

„Leuchtendes Beispiel für gelebte Bündnis-Solidarität“

Das Beispiel dafür, das von der Leyen im Kopf hat, bieten gegenwärtig die baltischen Staaten: Sie haben die Überwachung ihres eigenen Luftraumes schon länger an andere Nato-Partner abgegeben; die Amerikaner und die Polen, aber auch die deutsche Luftwaffe patrouilliert seither in regelmäßigen Einsätzen über dem Baltikum.Inzwischen haben die Amerikaner die Zahl ihrer Kampfflugzeuge, die für diese Überwachungsrolle eingesetzt werden, mehr als verdoppelt.

Nun steht die deutsche Verteidigungsministerin auf einem Hügel über der Großstadt Karamanmaras und spricht in türkische Mikrofone und Kameras, die Stationierung der deutschen Patriot-Luftabwehrbatterien sei auch so ein „leuchtendes Beispiel für gelebte Bündnis-Solidarität.“ Es gehe um die Art und Weise, wie die Bündnispartner der Nato gemeinsam für sich Schutz vor Aggression erzeugten. Und sie wehrt sich bei dieser Gelegenheit sogar ausdrücklich gegen Vorhaltungen, die auf Osteuropa gemünzte Zusage von Nato-Solidarität sei eine aggressive Geste gewesen: „Ich finde, dass wir schon berichten können, dass enges Luftraum-Policing auch im Osten des Nato-Gebietes stattfindet“.

Bessere Einsatzbedingungen für die deutsche Soldaten

Immer wieder versucht die deutsche Ministerin in der Türkei auch immer wieder, die Aufmerksamkeit für Momente wegzulenken vom Konflikt mit Russland und hin auf den Ort, an dem sie sich befindet. Offenkundig hat sich die Situation des deutschen Einsatzkontingentes in der Gazi-Kaserne in Kahramanmaras im Lauf des vergangenen Jahres deutlich verbessert, während der Anlass ihres Einsatzes, der syrische Bürgerkrieg, in Deutschland allmählich aus der öffentlichen Aufmerksamkeit rutschte.

Und auch innerhalb des Bundeswehr-Kontingents zeigt sich dieser Wandel. Während die Bedienungsmannschaften der deutschen Patriot-Staffeln anfangs fast jede Nacht die Flugbahn der Raketen verfolgen konnten, welche Assads Armee im syrischen Südwesten auf die abtrünnigen Gebiete im Nordosten nahe der türkischen Grenze abfeuerte, ist die Frequenz solcher syrischen Raketenangriffe mittlerweile auf „ein bis zwei Mal pro Woche“ gesunken, wie einer der Einsatzoffiziere berichtet.

Dafür steigen andere Auswirkungen des Konflikts: 400.000 Einwohner lebten bisher in Karamanmaras, inzwischen sind 40.000 syrische Flüchtlinge dazugekommen; nur knapp die Hälfte von ihnen hat auf der Ebene unter der Stadt in einem Lager Platz gefunden.

Der Oberst, der das deutsche Einsatzkontingent führt, zeigt der Ministerin vom Hügel hinter der Kaserne aus den Ort: Sie sehen die Zelte des Flüchtlingslagers. Die syrische Grenze liegt im Dunst hinter einer Bergkette verborgen.

Syrisches Kampfflugzeug abgeschossen

Den Abschuss eines syrischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe haben die Nato-Verbündeten in Kahramanmaras, Gazi und Adana registriert, eingegriffen haben sie nicht. Die türkische Armee gab später sparsame Informationen über den Zwischenfall weiter.

Allerhand Unzulänglichkeiten und Reibungspunkte, die vor einem Jahr noch Berichte vom Einsatzort der Bundeswehr im türkischen Süden bestimmten - das fing mit dem Zustand der Toiletten an und endete mit Beschwerden über einen fehlenden Geldautomaten - haben sich in einem Zustand guten Einvernehmens verflüchtigt.

Die deutschen Kommandeure berichten von gemeinsamen Bergwanderungen mit den türkischen Stabskollegen der Gazi-Kaserne; und die Soldaten, die in Zivilkleidung in der Stadt unterwegs sind, erzählen, wie sie häufig als Deutsche erkannt und herzlich gegrüßt werden. Wenn man in den Basar der Stadt gehe, sagt einer, dann kämen die Verkäufer sofort hinter ihren Ständen hervor und drängten einem Tee auf; „da kommen Sie gar nicht drum herum“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Leithäuser, Johannes (Lt.)
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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