Ein Quartett auf Gewinnerkurs

MICHAELA WIEGEL, Paris

21. April 2017 · Vier Kandidaten haben gute Chancen, am Sonntag die entscheidende Runde der französischen Präsidentenwahl zu erreichen: François Fillon, Marine Le Pen, Emmanuel Macron und Jean-Luc Mélenchon. In den letzten Umfragen vor dem ersten Wahlgang liegen die vier Kandidaten dicht beieinander und mit deutlichem Abstand vor dem Nächstplazierten, dem Sozialisten Benoît Hamon. Es bleibt also spannend. Kann der konservative Republikaner François Fillon seine Skandale um Scheinbeschäftigungen abschütteln? Zahlen sich die Twitter-Pöbeleien des Links-Außen Jean-Luc Mélenchon gegen Bundeskanzlerin Merkel aus? Setzen die Franzosen auf das Versprechen der Rechtspopulistin Marine Le Pen einer „nationalen Priorität“? Bekommt der Elysée-Palast am Ende vielleicht mit dem Sozialliberalen Emmanuel Macron den jüngsten Hausherrn seit Napoleon? Wer die Kandidaten sind und was sie wollen.

François Fillon

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François Fillon wollte der Kandidat einer geistig-moralischen Wende sein. Als erster ergriff er angesichts der kulturellen Verunsicherung vieler Franzosen die Initiative, eine wertkonservative Gesellschaftspolitik vorzuschlagen. Sein Versprechen, den Wert von Familie und Arbeit zu steigern, verknüpfte er mit dem Versprechen tiefgreifender Wirtschaftsreformen. Diese sollten nicht als Selbstzweck angesehen werden, sondern als Mittel der nationalen Selbstvergewisserung.

Mit diesem Programm besiegte Fillon in den Vorwahlen der Republikaner im vergangenen November haushoch seine Rivalen Nicolas Sarkozy und Alain Juppé. Doch seit seiner Kandidatenkür steht der frühere Bürgermeister, Abgeordnete, Senator, Regionalratsvorsitzende, Minister und Premierminister (2007-2012) in der Kritik. Sein Wirtschaftsprogramm wurde als brutal und unzumutbar bewertet. Enthüllungen über eine mutmaßliche Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope sowie zwei seiner Kinder als parlamentarische Mitarbeiter haben Fillons Glaubwürdigkeit erschüttert. Dass er sich von einem windigen Anwalt zwei Anzüge im Wert von 13.000 Euro schenken ließ, deutet auf einen Mangel an politischem Urteilsvermögen.

Fillons Probleme begannen mit Enthüllungen über eine mutmaßliche Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope. Foto: EPA
Seit seinen Skandalen um Scheinbeschäftigungen werden Fillons Wahlplakate verunstaltet. Foto: AFP
Fillon hält am Traum vom Elysee-Palast fest. Video: Reuters

Fillon hat um Entschuldigung gebeten und die Anzüge zurückgegeben, aber der Makel bleibt. Die Justiz hat ein Strafverfahren gegen den 63 Jahre alten Berufspolitiker eingeleitet. Der Vater von fünf Kindern beteuert seine Unschuld, hat sich bei seiner Verteidigung aber in Widersprüche verstrickt.

Der Notarssohn aus dem Westen Frankreichs verdankt sein politisches Überleben der katholischen Bewegung „Sens commun“, die aus dem Protest gegen die Einführung der Homo-Ehe entstand. Mit einer massiven Mobilisierung ihrer Anhänger am Trocadéro-Platz in Paris verhinderte „Sens commun“, dass Fillon den Platz für Juppé räumen musste. Fillon hat zwischenzeitlich angekündigt, sich einen Vertreter der traditionellen Katholiken am Kabinettstisch vorstellen zu können. Als erfahrener Staatsmann wirbt er für eine Erneuerung der deutsch-französischen Freundschaft. Er glaubt, dass die Wähler ihm sein Durchhaltevermögen anrechnen werden.

Marine Le Pen

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Marine Le Pen träumt davon, Frankreichs erste Präsidentin zu werden. Die 48 Jahre alte Politikerin hat es seit ihrer Wahl zur Vorsitzenden des Front National Anfang 2011 geschafft, sich als ernstzunehmende Kandidatin für den Elysée-Palast bei ihren Landsleuten einzuprägen. Damit hat sie ihren Vater überflügelt, dessen Einzug in die entscheidende Stichwahlrunde 2002 als unvorhersehbarer Unfall galt. Dass sich die Tochter für den zweiten Wahlgang qualifiziert, wird hingegen nicht mehr als Überraschung angesehen.

Für Marine Le Pen gibt es keine Medien-Quarantäne wie einst für ihren Vater. Sie gehört längst zum politischen Establishment, das sie zu bekämpfen vorgibt. Das hindert sie nicht daran, einen radikalen Bruch für Frankreich zu befürworten. So will sie das Land aus der EU, dem Euro und aus den integrierten Strukturen der Nato führen und strebt ein Bündnis mit dem Russland Wladimir Putin an.

Marine Le Pen im Porträt Video: Reuters
Le Pen hat eine solide Wählerbasis. Sie liegt seit Monaten in dem Umfragen vorn. Foto: AFP
Die Kandidatur der Rechtspopulistin löst heftige Proteste aus – wie hier in Marseille. Foto: AFP
Dieses Archivbild vom November 2014 zeigt die Le Pens, bevor Marine mit ihrem Vater Jean-Marie offiziell brach. Foto: AP

Die zweimal geschiedene Mutter von drei Kindern gibt sich als Verteidigerin der unteren Schichten. Sie verspricht die Rente mit 60, höhere Familien- und Sozialleistungen und einen verminderten Wettbewerbsdruck durch Zollschranken und Handelsbarrieren. Unter einer Präsidentin Le Pen sollen Franzosen gegenüber Ausländern bevorzugt werden – „nationale Priorität“ nennt sie das Prinzip mit deutlich fremdenfeindlichem Unterton. Sie verheißt einen totalen Einwanderungsstopp und behauptet, auf diese Weise auch die Herausforderung des Terrorismus zu meistern.

Die Juristin hat nur kurz als Anwältin gearbeitet. Zeit ihres Lebens stand sie im Schatten ihres mächtigen Vaters, mit dem sie erst vor zwei Jahren im Streit über dessen Antisemitismus offiziell brach. Das hindert Jean-Marie Le Pen nicht daran, seine jüngste Tochter jetzt über seine Tochterpartei finanziell zu unterstützen und für sie zu werben. Kürzlich twitterte der alte Patriarch: „Ich stimme für Marine!“

Emmanuel Macron

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Jünger als John F. Kennedy, liberaler als Tony Blair, europäischer als Gerhard Schröder: Mit dem 39 Jahre alten Emmanuel Macron strebt ein Franzose an die Macht, der die gesamte politische Führung seines Landes alt, ideenlos und europäisch verzagt aussehen lässt.

Als politisches Wunderkind wurde Macron von Nicolas Sarkozy entdeckt, der ihn in seine Beratungskommission „ für die Befreiung des französischen Wachstums“ holte. Aber letztendlich war es der Sozialist François Hollande, dem Macron sein Talent zur Verfügung stellte: zunächst als Berater und Mit-Autor seines Wirtschaftsprogramms im Elysée-Palast, später als Wirtschaftsminister.

Die „Revolution“, die Macron in seiner programmatischen Autobiographie verheißt, konnte er im Wirtschaftsministerium nicht vollbringen. Er verlangte Notaren, Gerichtsvollziehern und Auktionären ab, die berufsständischen Selbstschutzmaßnahmen abzubauen, lockerte die Vorschriften für Sonntags- und Feiertagsarbeit und zwang der Staatsbahn SNCF die Konkurrenz durch billige Fernbusse auf. Doch einen Bruch mit allen Konventionen hat Macron bislang nur im Privatleben vollzogen. Gegen den Wunsch seiner Eltern, Ärzten aus Amiens, heiratete er die 24 Jahre ältere Brigitte Trogneux, seine frühere Französischlehrerin, und verzichtete auf eigene Kinder.

Die Partei „En marche“ (Vorwärts!) gründete Macron erst 2016 zur Unterstützung seiner Kandidatur. Foto: AFP
Jünger als John F. Kennedy: Macron ist gerade einmal 39 Jahre alt. Foto: EPA
Auf einer Berghütte in den Pyrenäen: Macron an der Seite seiner 24 Jahre älteren Frau Brigitte Trogneux Foto: Reuters
Macron will seinen Mentor Hollande beerben. Video: Reuters

Der Generationensprung in seiner Ehe ist auch der Grund, warum Macron von den Kabarettisten gern als verzärteltes Muttersöhnchen dargestellt wird, der ohne Mama „Bibi“ (so der Spitzname seiner Frau) nicht klar kommt. Dabei hat Macron in seiner Bilderbuchkarriere schon vieles aus eigener Kraft erreicht. An der Elitehochschule Ena schloss er so gut ab, dass er ins Korps der Finanzinspektoren aufgenommen wurde. Als Investmentbanker bei Rothschild fädelte er ein Milliardengeschäft zugunsten des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé ein.

Ähnlich erfolgreich entwickelt sich seine Anfang April 2016 begründete Bewegung „En marche“, die Macron den Einzug in den Elysée-Palast ermöglichen soll. Macron widersetzt sich tapfer dem anti-europäischen Zeitgeist und ruft geradezu inbrünstig dazu auf, die EU zu stärken. Obwohl er keine besondere germanophile Neigung hat, hütet er sich vor billigen antideutschen Ressentiments, die im Wahlkampf gepflegt werden. Im Elysée-Palast wäre er der jüngste Hausherr seit Napoleon.

Jean-Luc Mélenchon

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Jean-Luc Mélenchon will die V. Republik stürzen, die Reichen durch Steuern enteignen und die EU zu einer Ausgaben-Union ummodeln. Mélenchon tritt für „Das unbeugsame Frankreich“ an. Der 65 Jahre alte frühere Sozialist hat es verstanden, das durch den Zerfall der sozialistischen Regierungspartei entstandene Vakuum auf der Linken zu füllen – mit radikalen Forderungen.

Besonders für Deutschland würde es mit ihm an der französischen Staatsspitze ungemütlich werden. Einen Vorgeschmack auf die künftige deutsch-französische Beziehung lieferte Mélenchon, als er kürzlich die Bundeskanzlerin in einem Tweet in deutscher Sprache anpöbelte: „Maul zu, Frau Merkel!“ Grund für die Beschimpfung war ein Zeitungsgespräch, in dem die Bundeskanzlerin Frankreich mehr Reformen nahegelegt hatte.

Mélenchon hält überhaupt nichts von der deutschen „Stabilitätskultur“ und von Reformen zum Abbau der Staatsausgaben. Er nährt seit vielen Jahren die Mär, die EU werde vom vergreisenden Deutschland instrumentalisiert, um seine Rentner abzusichern. Für Frankreich mit seiner dynamischen Demographie seien die Vorgaben aus Berlin hingegen fatal, so eine seiner Hauptthesen.

Jean-Luc Melenchon will radikalen Kurswechsel. Video: Reuters
Wahlkampf-Besuch in einer Recycling-Anlage in Lons-le-Saunier Foto: AFP
In den Fernsehdebatten hatte der rhetorisch gewandte Mélenchon die Lacher stets auf seiner Seite. Foto: EPA

100 Milliarden Euro will Mélenchon für ein Investitionsprogramm ausgeben, aus der Atomkraft aussteigen, den Mindestlohn und die Sozialleistungen erhöhen und zur Rente mit 60 zurückkehren. Die republikanische Monarchie der V. Republik soll unter ihm einer parlamentarischen VI. Republik weichen. In den Fernsehdebatten hat es der rhetorisch gewandte Mélenchon stets geschafft, die Lacher auf seiner Seite zu haben. Als Marine Le Pen über das Verbot von Weihnachtskrippen in den Rathäusern klagte, fuhr er sie an: „Lassen Sie uns endlich mit ihrem religiösen Quatsch in Ruhe!“

Mélenchon wurde in Tanger (Marokko) geboren. Der Vollblutpolitiker wirkte in der Linksregierung unter Premierminister Lionel Jospin als Berufsschulen-Minister (2000-2002). Er brach mit der Sozialistischen Partei nach dem Referendum über den europäischen Verfassungsvertrag und begründete eine „Parti de gauche“ (Linkspartei) nach dem Vorbild seines deutschen Freundes Oskar Lafontaine. Seine kürzlich gestiegene Beliebtheit kommentierte Mélenchon so: „Es ist wie der Frühling: Man sieht ihn nicht kommen, und auf einmal sind die Blumen da.“

Quelle: F.A.Z.