Wahlhilfe

Alexa, wen soll ich wählen?

Von Adrian Lobe
 - 20:02

Nach der Wahl hieß es bei den Volksparteien ebenso staatstragend wie pflichtschuldig, es gelte jetzt, den „Wählerwillen“ umzusetzen. Was aber ist der Wählerwille? Was ist der „rationale“ Wähler, der zu den Standardmodellen der politischen Ökonomie gehört, in der Praxis aber wie ein Dummy erscheint?

So mancher Sozialdemokrat staunte nicht schlecht, als ihm der Wahl-O-Mat beim Abklopfen der 38 Thesen nicht das erwartete Ergebnis SPD, sondern die ödp und die Piraten ausspuckte. Ähnlich ging es CDU-Leuten, wenn die AfD herauskam. Der automatisierte Abgleich von Parteiprogrammen bildet einen recht genauen Näherungswert für die Parteipräferenz. Doch wohl kaum schwenkt der Sozi um und wählt statt der SPD die Piraten. Obwohl das seinen Positionen womöglich viel eher entspräche. Das Beispiel zeigt, wie wahrgenommene und tatsächliche Vorlieben auseinanderfallen können. Doch wenn der Wähler, der eigentlich die Piraten wählen müsste, glaubt, er wäre ein Sozialdemokrat, sein Kreuz dann zwar folgerichtig, aber systemwidrig bei der SPD macht – läuft dann nicht etwas schief in der Demokratie? Ist das Ideal der deliberativen Demokratie nicht, dass derjenige gewählt wird, der mit seinen Positionen die Wähler überzeugt?

Es wäre interessant, die Ergebnisse des Wahl-O-Mats, den Bürger im Bundestagswahlkampf mehr als 13 Millionen Mal befragten, mit den tatsächlichen Wahlergebnissen zu vergleichen. Das Sample dürfte einigermaßen repräsentativ sein. Gewiss, zur Demokratie gehört auch die Freiheit, das zu wählen, wofür man eigentlich nicht ist, also irrational zu sein. Überzeugte Nazis, die sich nach außen hin als bürgerlich geben, dürfen auch die SPD wählen und Gewerkschafter die NPD. Das mag der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht schmecken, folgt aber demokratischen Spielregeln. Aber wäre es nicht wünschenswert und auch im Sinne des Repräsentationsgedankens, vielleicht sogar systemstabilisierend, wenn Wähler rational handeln, also für die Partei stimmen, die ihren Präferenzen am ehesten entspricht? Könnte man dem Wähler dafür nicht eine maschinelle Hilfe zur Seite stellen, die ihm sagt, was er wirklich denkt?

Der Datenwissenschaftler Seth Stephens-Davidowitz schreibt in seinem Buch „Everybody Lies: Big Data, New Data, and What the Internet Can Tell Us About Who We Really Are“, dass Google alles über seine Nutzer weiß, ihre Sexualpraktiken, Konsumgewohnheiten, politischen Vorlieben kennt. Auch Netzwerklautsprecher wie Amazon Echo oder Google Home, die laufend mithören und unsere Küchengespräche analysieren, könnten daraus ableiten, wo jemand politisch steht. Algorithmen kennen uns womöglich besser als wir selbst. Wäre es da nicht konsequent, die besser informierten virtuellen Assistenten für uns wählen zu lassen? Oder zumindest eine Wahlempfehlung zu unterbreiten?

Wahlanalyse
Was in Deutschland passiert ist
© dpa, F.A.Z.

Mit dem Algorithmus zum Wählerprofil

Aaron Siegel, Spezialist für datenbasiertes Informationsdesign und Dozent an der University of Southern California in Los Angeles, wollte mit der Initiative „Watson 2016“ IBMs Superrechner Watson als Kandidat für die amerikanische Präsidentenwahl nominieren. Er hat außerdem die Idee einer computerisierten Psychoanalyse entwickelt, mit der man Gedanken, Wünsche und Absichten von jedem beliebigen Individuum modellieren könnte: Mit Hilfe eines maschinell lernenden Algorithmus ließe sich ein politisches Profil für jeden Wähler erstellen.

Die Überlegung könnte man zu einem Gedankenexperiment verdichten: Ein nebliger Septembermorgen 2021, Wahltag, Jens Spahn bewirbt sich als CDU-Kanzlerkandidat für die Nachfolge von Angela Merkel. Der Wähler tendiert zur CDU, ist sich aber nicht hundertprozentig sicher. Also fragt er den smarten Lautsprecher: „Alexa, wen soll ich wählen?“ Darauf antwortet die digitale Assistentin: „Eine Analyse deiner Sprachbefehle und Suchanfragen zeigt mir, dass eine 79-prozentige Übereinstimmung mit dem Parteiprogramm der SPD besteht.“

Aus Schlüsselbegriffen und Stimmanalysen (hob der Nutzer bei bestimmten Begriffen oder Personen die Stimme?) hat der Algorithmus eine Parteipräferenz ermittelt. Man muss nicht so weit gehen, dem virtuellen Assistenten, wenn auch nur treuhänderisch, das Wahlrecht zu überantworten und sich damit eines Grundrechts zu entäußern. Mit der Entscheidungshilfe könnte der Wähler aber ins Wahllokal gehen und seine Stimme für die SPD abgeben. Es würde mithin eine Informiertheit hergestellt, die Grundvoraussetzung für den Wahlakt ist. Das Versprechen einer „elektronischen Demokratie“ ist, dass der Wählerwille besser abgebildet würde und das Votum am Ende demokratischer wäre, weil jeder die Partei wählt, die seinen Vorlieben am ehesten entspricht.

Kritiker mögen darin ein paternalistisches Weltbild erblicken, ein Modell, das dem Wähler unterstellt, dass er nicht wüsste, was er will. Und ihm deshalb der Algorithmus diktiert, wo er sein Kreuz zu machen hat. Algorithmen sind die neuen Autoritäten im Dataismus. Doch handeln Funktionseliten in Gewerkschaften und Kirchen, die ihren Mitgliedern mit moralischem Überschuss weismachen, wo sie am besten ihr Kreuz zu machen haben, nicht genauso? Ist die Idee eines Wahlführerscheins, also der Nachweis politischer Fähigkeiten, der an das Wahlrecht gekoppelt ist, in Wirklichkeit nicht viel bevormundender? Und verzichten mündige Bürger und Konsumenten nicht freiwillig auf ihre Autonomie, wenn sie sich von Amazons Weiterempfehlungsmechanismus zum nächsten Bücherkauf nudgen lassen, so dass das vielbeschworene Ideal des freien Willens ohnehin schon eine Fiktion ist?

Es gibt auch in der Politik ein Bedürfnis nach Klarheit und Bequemlichkeit. Mal ehrlich: Wer liest schon 200 Seiten Parteiprogramm? Parteien konkurrieren in der Aufmerksamkeitsökonomie mit Spiele-Apps und Serien. Wenn vom politischen „Angebot“ die Rede ist, so, als wären Parteiprogramme ein Sortiment, und dieses Angebot immer diffuser wird, ist es nur legitim, den Meinungsmarkt mit technischen Möglichkeiten zu sondieren. Virtuelle Assistenten können eine Orientierungshilfe sein für Bürger, die sich in einer Gesellschaft der vielen Möglichkeiten immer schwieriger zurechtfinden. Diejenigen, die in einer algorithmischen Wahlhilfe einen versteckten Paternalismus wittern, verkennen, dass auch der Staat durch Gebote und Verbote seine Bürger bevormundet, indem er vorgibt, zu wissen, was besser für sie ist. Ob nun der Algorithmus oder der Staat die Nanny ist, kann dahinstehen.

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Vielleicht kann ein Selbst-Tracking, das politische Parameter aus Gesagtem und Geschriebenen herausfiltert, auch eine neue Vergleichbarkeit und einen neuen Wettbewerb im politischen System erzeugen und zu einer Politisierung beitragen. Gewiss, eine Datifizierung der politischen Willensbildung macht auch verwundbar und birgt Manipulationsgefahren. Der Wählerwille kann hackbar werden. Und womöglich hat der Diskurs dann etwas Simulatorisches, wenn politische Prozesse a priori definiert sind. Doch der maschinelle Transmissionsriemen könnte, indem alle digital gewillkürten Äußerungen einbezogen werden, dafür sorgen, dass die Präferenzen genauer als bei analogen Verfahren in eine Wahlabsicht übersetzt werden. Es wird der Tag kommen, an dem Programmierer eine App entwickeln, die auf Grundlage unserer Suchhistorie eine Wahlempfehlung ausspricht. Den Untergang des Abendlands bedeutet das nicht. Vielleicht ist es ein digitales Update der Demokratie. Und vielleicht sind die Wähler am Ende mit ihrer Wahlentscheidung zufriedener.

Quelle: F.A.S.
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