Wenn der Staat entführen lässt

Lockvögel, Schlafmittel, quietschende Reifen

Von Jonathan Raspe
 - 20:14

Ungeheuerlich klingen die Vorwürfe, die derzeit in Berlin an Hanoi gerichtet werden: Die Bundesregierung wirft dem vietnamesischen Geheimdienst vor, einen ehemaligen Parteifunktionär, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hatte, Ende Juli auf offener Straße im Berliner Tiergarten entführt und nach Vietnam verschleppt zu haben. Der Fall illustriert ein altbekanntes Problem, vor dem nicht nur autoritär geführte Staaten in einer zunehmend globalisierten Welt stehen: Was tun mit flüchtigen Landsleuten, die sich in der Heimat etwas zu Schulden haben kommen lassen, wenn alle Auslieferungsgesuche scheitern? Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Staatlich angeordnete Entführungen waren schon immer ein probates Mittel – auch auf deutschem Boden.

Nach Rom gelockt

Wenige Monate nach dem Tschernobyl-Unglück war es eine Sensation: Im Oktober 1986 berichtete die Londoner „Sunday Times“, Israel verfüge über genug waffenfähiges Plutonium für mehr als hundert nukleare Sprengkörper. Zuvor hatten sich israelische Politiker jahrzehntelang in zweideutiges Schweigen gehüllt, wenn es um das Atomprogramm des Landes ging. Doch es war nicht nur die längst vermutete Gewissheit, die international für Aufsehen sorgte, sondern auch die Umstände ihres Zustandekommens: Übergeben hatte die Informationen ein israelischer Techniker, der zuvor zehn Jahre lang in der Nuklearanlage bei Dimona in der Negev-Wüste gearbeitet hatte.

Wenige Tage bevor seine Angaben veröffentlicht wurden, verschwand Mordechai Vanunu spurlos. Erst einen Monat später tauchte er in Israel wieder auf, wo er unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen Landesverrats und Spionage zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde. Eine Agentin des Mossad, des israelischen Geheimdienstes, hatte ihn aus London nach Rom gelockt. Dort war Vanunu von weiteren Agenten überwältigt, betäubt und per Frachter nach Israel verschifft worden. Im Frühjahr 2004 kam Vanunu frei – unter zahlreichen Auflagen, die seine Bewegung und Kommunikation erheblich einschränken. Wegen Verstößen gegen diese Bedingungen wird er regelmäßig verhaftet und verurteilt, zuletzt im Juli dieses Jahres zu zwei Monaten Haft auf Bewährung. Die Ausreiseerlaubnis, die Vanunu immer wieder beantragt, wird ihm ebenfalls verweigert: Zu gefährlich ist der glühende Pazifist in den Augen der israelischen Regierung.

Aus Liebe zur DDR

Kaum eine Gefahr mehr stellte dagegen Jeffrey Carney dar, als Spezialagenten der amerikanischen Luftwaffe ihren Landsmann am 22. April 1991 im wiedervereinigten Berlin auf offener Straße in ein Auto zerrten. Mit quietschenden Reifen brachten die Amerikaner ihn nach Tempelhof, von dort aus wurde Carney über Frankfurt in die Vereinigten Staaten ausgeflogen. Acht Jahre zuvor hatte der damals Zwanzigjährige, der für die Army im West-Berliner Ortsteil Marienfelde stationiert war, versucht, sich in die DDR abzusetzen. Persönliche Probleme in der amerikanischen Armee, unter anderem die Angst vor der Aufdeckung seiner Homosexualität, aber auch seine Begeisterung für Deutschland spielten eine wichtige Rolle. Doch die Stasi hatte größere Pläne mit ihm: Einen wie Carney, der Einsicht in wichtige Militärdokumente hatte, konnten sie bei der Staatssicherheit nur zu gut gebrauchen. Ein Jahr lang steckte Carney fortan geheime Unterlagen und Berichte aus der amerikanischen Armee an seine neuen Dienstherren durch.

Auch nach seiner Rückversetzung in die Vereinigten Staaten 1984 blieb Carney den Stasi-Generälen treu, versorgte sie von seinem Stützpunkt in Texas aus mit Informationen über die amerikanische Luftwaffe. Heimweh nach Deutschland trieb ihn 1985 schließlich über die Botschaft in Mexiko doch noch in die DDR, wo Carney bis zur Wende für die Stasi amerikanischen Funkverkehr abhörte und 1987 eingebürgert wurde. Im Frühjahr 1991, wenige Wochen vor seiner Entführung, soll er sogar bundesdeutsche Papiere erhalten haben. Doch das alles half wenig, als ihn die amerikanischen Dienste schließlich aufspürten. An Carney, der in den Vereinigten Staaten zu 38 Jahren Haft verurteilt wurde, hatte der deutsche Staat kein Interesse. Nach seiner vorzeitigen Entlassung 2003 bemühte Carney sich vergeblich um eine abermalige Einbürgerung in das Land seiner Träume. Die amerikanischen Agenten, die ihn 1991 aus diesen Träumen gerissen hatten, wurden nie für die Entführung belangt.

Der Stasi ein Dorn im Auge

Carneys Vorgesetzte in der DDR waren selbst nicht zimperlich, wenn es um flüchtige Staatsbürger ging. Allein in den Fünfzigerjahren entführte die Stasi rund 400 Menschen aus der BRD und West-Berlin in den Osten, darunter auch zahlreiche „Abtrünnige“. Einer der bekanntesten Fälle ist die Verschleppung des Journalisten und Publizisten Karl Wilhelm Fricke. Bereits in jungen Jahren regimekritisch eingestellt, gelang dem Neunzehnjährigen im Frühjahr 1949 die Flucht in den Westen. Nach dem Studium schrieb er dort über Justizverbrechen in der DDR – so gut, dass die dortigen Machthaber auf ihn aufmerksam wurden und einen Agenten der Stasi auf ihn ansetzten.

Der Spitzel gab sich als Berufskollege aus, der in der Sowjetischen Besatzungszone inhaftiert worden war, und weckte so Frickes Interesse. Am ersten April 1955 lud der Stasi-Agent den nichtsahnenden Fricke in seine Wohnung in Berlin-Schöneberg ein, wo seine Ehefrau dem Journalisten eine Schlaftablette ins Getränk mischte. Bewusstlos über die Grenze nach Ost-Berlin geschmuggelt, wurde Fricke 1956 vom Obersten Gericht der DDR zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt – wegen „Kriegs- und Boykotthetze“. Im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten Fällen ging Frickes Geschichte letzten Endes glimpflich aus. Nach seiner Haftentlassung konnte Fricke Ende der Fünfzigerjahre nach Westdeutschland zurückkehren, wo er in den folgenden Jahrzehnten zu einem der renommiertesten Fachleute für den Repressionsapparat der DDR aufstieg.

Gefährliche Flitterwochen

Auch nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Volksrepubliken in Europa besteht die Teilung der koreanischen Halbinsel bis heute fort. Dass der lange Arm Pjöngjangs über die Grenzen der abgeschotteten Volksrepublik hinausreicht, ist spätestens seit der öffentlichen Ermordung des Halbbruders von Kim Jong-un in Malaysia im Februar dieses Jahres bekannt. Einem Ehepaar aus Nordkorea wurde das 2004 ebenfalls zum Verhängnis. Jin Gyeong-suk war es zwei Jahre vorher gelungen, nach Südkorea zu fliehen, wo sie ihren zukünftigen Ehemann Mun Jeong-hun kennenlernte. Im August 2004 verbrachte das Paar seine Flitterwochen in der chinesischen Provinz Jilin, die an Nordkorea grenzt.

Nach Angaben der südkoreanischen Behörden beabsichtigten die Eheleute, einen Film über die Verstrickung des nordkoreanischen Regimes in den Drogenhandel zu drehen, und wollten dafür Bildaufnahmen von Opiumfeldern in Nordkorea erstehen. Jins Angehörige behaupten, sie habe lediglich Waren an Verwandte übergeben wollen. Jedenfalls entpuppte sich das Treffen mit dem Mittelsmann in der Nähe des Grenzflusses Tumen als Falle. Während der Ehemann fliehen konnte, wurde Jin von mutmaßlichen Agenten des nordkoreanischen Geheimdienstes überwältigt und nach Nordkorea verschleppt. Dort soll die einstige Überläuferin 2005 an den Folgen der Folter im berüchtigten Lager Chongjin gestorben sein.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKim Jong-unBerlinDDRDeutschlandIsraelOstberlinUSABundesregierungGeheimdienstMossadItalien-ReisenVietnam-Reisen