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Zwei Bauern, ein Jahr

Wie sehr die Ernten am chemischen Pflanzenschutz hängen

Von Jan Grossarth
 - 21:04
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Es steht noch in den Sternen, ob die Ernte in diesem Jahr groß werden wird. Das hängt am Regen, am Wind und an der Wärme, die der Sommer bringt. Aber die Grundlagen legt der Bauer Axel Dettweiler jetzt im Mai. Ein Drittel seiner Arbeitszeit etwa verbringen er und sein Kompagnon auf dem Schlepper, dessen Anhänger weite Metallarme ausgefahren hat. Daraus sprüht er Fungizide. Azole, damit der Pflanzenpilz Septoria vom Weizenblatt verschwindet, gegen die Netzflecken und den Mehltau der Gerste.

Und auch Insektizide, etwa Pyrethroide gegen die Grüne Pfirsichblattlaus und die Bohnenlaus. Gegen die Larven des Rothalsigen Getreidehähnchens aber – das sind von einer schwarzen Schleimschicht überzogene, nacktschneckenartige Kreaturen – spritzt er in diesem Mai nichts. Denn die Befalldichte betrug weniger als 1,2 Exemplare je Weizengras, und der wissenschaftsbasierte Ackerbau sieht unterhalb dieser Schadschwelle nicht vor, dass ein Bauer Chemikalien gegen die Larven des Rothalsigen Getreidehähnchens einsetzt.

Am Pranger der Gesellschaft?

Der Fachmann spricht hier vom „Schadschwellenprinzip“, und es ist Axel Dettweiler sehr daran gelegen, mitzuteilen, dass ein mitteleuropäischer Bauer nicht einfach blindwütig Chemie aufs Feld kippt. „Irgendwie stehen wir trotzdem am Pranger der Gesellschaft“, meint er. Dabei hatte er sich schon vor dem Spritzen viele Gedanken und viel Arbeit gemacht. Er ging auf die Felder, begutachtete die Halme, zählte Läuse, Getreidehähnchen, erhob Art und Ausmaß des Pilzbefalls, um zu entscheiden, welches Präparat nötig ist, welches nicht.

Ein Jahr lang begleiten wir ihn, den Ackerbauern in Rheinhessen, und vergleichen sein Jahr mit dem eines afrikanischen Kleinbauern. Die Frage ist, worauf die Ernten basieren und wie sie steigen können, um die wachsende Bevölkerung der Welt zu sättigen. Und bei Dettweiler hat sich vieles getan seit dem letzten Besuch im Frühjahr. Ende März – das Getreide war schon gesät – steckte er die Zuckerrübensamen in den Boden, GPS-gesteuert und punktgenau, ummantelt von orange gefärbter Beize. Mit dem Ende des Frostes begann der hochtechnisierte Kampf gegen allerhand Schädlinge und Pilze, auf den Pflanzen, im Boden.

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Einsatz von PestizidenDer Feind im Weizen

So schön grün und bunt

Und wie sich die Landschaft in nur wenigen Wochen verwandelt hat! Das Kerrygold-Grün der Gerste, das dunkle Grün des Weizens, der kniehoch wächst und schon die Ähren ausgebildet hat, die austreibenden Reben – all das bildet einen großflächigen Flickenteppich.

Aber die Landschaft rund um Wintersheim ist von Hecken und Bäumen ziemlich leergeräumt, der Wind geht schneidend übers Land, die Windräder rattern, kaum eine Biene summt; in den pittoresken Bauerngärten aber, etwa dem von Axel Dettweiler, quaken die Frösche im Tümpel, da summen die Insekten und springen die blonden Kinder auf dem Trampolin.

Draußen ist viel zu tun: Herbizid für Winterweizen und Sommerbraugerste im April, Metamitron gegen den Weißen Gänsefuß, Ethofumesat. Allerhand Fungizide im Mai, Insektizid für die Erbsen; drei-, viermal Herbizid für die Rüben. Wenn im kommenden Jahr die Neonikotinoide verboten sein werden, erwartet Dettweiler „eine Katastrophe“ für den Rübenanbau.

Statt Saatgutbeizung mit minimalen Dosen müsse er dann wieder zwei-, dreimal zusätzlich spritzen. „Dann wird es umwelttechnisch viel schlimmer“, sagt er. Je im Juni, Juli, August: Rübeninsektizide, im Oktober die letzte Behandlung gegen Läuse für die Gerste.

Ein Berg an Auflagen

Es gibt allerhand Umweltauflagen. Abstand zum Gewässer, Feldrand, Fahrgeschwindigkeit, Tageszeit. „Das übersteigt das, was ein normaler Mensch leisten kann“, sagt Dettweiler. Viele Seiten dicke Broschüren über die Mittel und ihre Nebenwirkungen, die Dettweiler an den Vorabenden studiert. Der Ackerbau ist überhaupt perfekt berechnet.

Der Weizen ist dicht gesät. Zweihundertachtzig Körner je Quadratmeter. Ein Biobauer würde nur zweihundert säen, erklärt Dettweiler. So sind die Ernten hier auf Dettweilers Acker größer, aber es bringt auch Probleme: Weil die Pflanzen dichter gedrängt stehen, geht weniger Wind durch die Reihen, es ist ein feuchteres Mikroklima, die Blätter reiben aneinander, und Blattpilze können leichter von einer auf die nächste Pflanze überspringen.

Ohne chemische Kontrolle geht es nicht, nicht ein so konzentierter, produktiver Ackerbau, wie er die Menschen und das Nutzvieh in unseren Kreisen sättigt. Die Besatzdichte ist das eine. Die Pflanzenzucht ist das andere. Die Halme sind kurz, ehe die Ähre sprießt. Mehr Kraft geht in die Frucht. Dieser Weizen wurde Jahrhunderte gezüchtet, aus nicht viel mehr als einem Gras mit dürren Samen. Jetzt geht es viel schneller mit Genomselektion. Mehr Frucht, weniger Blatt und Halm. Wohl auch: größere Anfälligkeit für Pilze und Schädlinge.

Aber es mangelt ja nicht an Schutzmitteln. Die Azolmischung, die Dettweiler an einem Donnerstag im Mai versprüht, kostet ihn zwar rund 2000 Euro, etwa das Jahreseinkommen eines sambischen Kleinbauern. 40 von 300 Hektar sind damit versorgt. Das ist durchkalkuliert. „Ich erwarte mir davon einen Ertragsvorteil von 10 bis 15 Prozent“, sagt Dettweiler. Spritzte man die Erbsen nicht gegen Läuse, dann drohte sogar ein Totalausfall der Ernte.

Heikler Pflanzenschutz

Es ist wichtig, mit dem Pflanzenschutz nicht zu lange zu warten. Auf die frühen Tage und Wochen kommt es an. Erstens sind da die Herbizide, also die Unkrautvernichtungsmittel. Gerade wenn die Pflanzen jung sprießen und mit Unkraut konkurrieren, ist es wichtig, Letzteres zu vernichten. Sie konkurrieren um Nährstoffe und später um Licht.

Später im Hochsommer, wenn Mais und Weizen groß sind, haben sie das Sonnenlicht ohnehin erobert; dann brauchen die Bauern nicht mehr gegen Unkräuter zu spritzen. Aber eines Tages braucht man vielleicht keine Herbizide mehr: An den Universitäten, etwa der ETH Zürich und der Universität Bonn, laufen intensive Experimente mit Robotern, die über die Felder fahren, mit Sensortechnik Unkraut erkennen lernen und es verbrennen.

Schlupfwespen statt Chemie

Zweitens sind da die Mittel gegen Insekten. Die einen fressen die Blätter, die anderen die Früchte, wieder andere die Wurzeln der Pflanzen. Es gibt Mittel gegen Tausendfüßler, Drahtwürmer und Blattläuse; manche sind schon um die Saatkörner gehüllt, andere flüssig. Doch auch der intensive konventionelle Ackerbau bedient sich biologischer Lösungen. Im Juni, wenn der Maiszünsler auftritt, spritzt ihn Dettweiler nicht einfach tot.

Er verteilt über viele Hektar Land sogenannte Trichogrammakapseln, aus denen Schlupfwespen kriechen. Diese fressen gern Maiszünsler. „Diese Methode wende ich seit sieben, acht Jahren an“, sagt Dettweiler, der sich bemüht, so wenig Chemikalien wie nötig zu verwenden.

Auch Felix Kangwa, der Kleinbauer in Afrika, könnte ohne die Mittel wohl nicht mehr leben. Auch bei ihm ist es eine Frage des Geldes. Für den Mais, seine „Cashcow“, bekommt er bares Geld; dafür nutzt er Insektizide und Herbizide, die er aus einem Plastikkanister versprüht, den er als Rucksack mit sich trägt. Axel Dettweiler kennt den. „Die benutzen wir auch noch, auf dem Blumenfeld“, sagt er.

Auf einigen Flächen baut er Schnittblumen an, Tulpen und Pfingstrosen zum Selberpflücken. Die Freilandtulpen sind frischer und langlebiger als die Holland-Blumen. Der Tulpenanbau war in diesem Jahr ein Reinfall. Wegen der plötzlichen Wärme im April reiften alle zugleich. So viele Blumen konnte er nicht verkaufen. Da ging es ihm wie Felix Kangwa in Sambia: Die schönen Früchte verderben einfach auf dem Feld.

Race to Feed the World, ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.

Quelle: F.A.Z.
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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