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Darum geht es im „Race to Feed the World“

Von Jan Grossarth
 - 12:30

Rewe ist nicht der günstigste deutsche Supermarkt, doch um so zu tun, als sei das Essen so billig wie im Lidl und Aldi, gibt es dort gleich vor den ersten Gemüseregalen einige Lockangebote. Das waren kürzlich: Litschis aus Madagaskar. Der Preis betrug 39 Cent je 100 Gramm. Das ist für frische Litschis ein Witz.

Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt. 45,9 Prozent der Bevölkerung von 25 Millionen Menschen sind laut Welthungerhilfe unterernährt. Ausgerechnet aus diesem fernen, bitterarmen Land versorgen deutsche Mittelschichtfamilien im Winter 2018 ihre Kinder mit Vitaminen. In einem Land, in dem Äpfel wachsen.

Unsere Ernährung ist voller moralischer und ökonomischer Widersprüche. Das gilt für die individuelle wie für die Welternährung. Denn die Litschi aus Madagaskar lässt sich, andererseits, auch als praktizierte Entwicklungshilfe sehen: Schließlich lebt Madagaskar vom Export von Lebensmitteln, auch von Kaffee oder Zucker, und erwirtschaftet erst dadurch die Devisen, um zum Beispiel Medikamente importieren zu können.

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Zwei Bauern, ein ZielRace to Feed the World

Viele Behauptungen über die Welternährung

Die Landwirtschaft, der Agrarhandel, unser Essverhalten sind hochpolitische Themen. Sie entscheiden mit darüber, wie die Menschen leben, wie sie ihr Leben gestalten können. Es sind die hoffnungslosen Kinder der Nomaden aus Mali, denen das Land geraubt wird oder austrocknet, die zu islamistischen Kämpfern werden. Millionen Bauern, ob aus Bangladesch, Brasilien, Iowa oder Bayern, lassen industrialisierte Großstrukturen keine Perspektive mehr. Wie sie leben, säen und ernten, liegt daran, welches Obst die Kunden im Rewe kaufen. Es liegt an den staatlichen Hilfen, die überall auf der Welt in den Agrarsektor fließen, an Zöllen, Handelsnormen, an der technischen Entwicklung – den Landmaschinen, Drohnen, Big Data und neuen Pflanzenzüchtungen, die dazu führen, dass diejenigen, die über Kapital oder Kreditzugang verfügen, wachsende Marktvorteile haben.

Race to Feed the World
Race to Feed the World

In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

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Über die Welternährung lässt sich vieles behaupten. Die Chemiekonzerne betonen den Beitrag der Technik, also ihren eigenen. Die geplante Übernahme des Saatgutkonzerns Monsanto begründete Werner Baumann, der Vorstandschef des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer, mit seiner Annahme, nur Hightech-Landwirtschaft könne die Welt ernähren. Und als etwa die Grünen in Schleswig-Holstein Bauern verpflichteten, zum Zweck des Naturschutzes winzige, 50 Zentimeter breite Randstreifen zu belassen, buk der aufgeregte Bauernverband 300 Kilogramm Brot – die Menge, die allein aus den Erträgen der Randstreifen eines Ackers wachsen könne. Die Botschaft: Solange es Hunger auf der Welt gibt, sei Insektenschutz unmoralisch.

Die Technikeuphorie ist verflogen

Es geht auch weniger ideologisch. Vor fast 60 Jahren erschien ein Buch, das in viele Sprachen übersetzt wurde: „Der Wettlauf zum Jahre 2000“. Geschrieben hat es Fritz Baade, ein sozialdemokratischer Agronom. „Paradies oder Selbstvernichtung“ fragte der Untertitel mit dem bangen Blick auf die agrartechnischen Umbrüche dieser Zeit, also die Chemisierung, Maschinisierung, Pflanzenzucht. Baade entschied sich für das Paradies: Die Technik als Freund der Menschheit, als Garant eines besseren Lebens. Litschis im Januar, bezahlbar auch für die Ärmsten, hätten ihn an das Paradies erinnert. Zumal dann, wenn man berücksichtigt, dass auch die Menschen in Madagaskar ein längeres Leben haben. Als Baade schrieb, wurden sie im Durchschnitt 40 Jahre alt, heute sind es 65.

Trotzdem ist die Technikeuphorie der frühen sechziger Jahre längst antiquiert. Denn es gibt heute gravierende Fragen bezüglich der Tragfähigkeit des Agrarsystems, das uns das Paradies bringt. Insekten schwinden, immer mehr Unkräuter wachsen, gegen die kein oder kaum noch ein chemisches Herbizid mehr hilft. Die Abhängigkeit von der Chemie wächst. Auch erscheint die Frage berechtigt, ob die „westlichen“ Ernährungsweisen, vor allem der hohe Fleischkonsum auf Kosten der Umwelt, sich halten lassen.

Reportagen, Analysen und Essays

Doch mit Blick auf die Welt ist zugleich klar, dass die Ernten weiter steigen müssen. Im Jahr 2050 leben laut den Vereinten Nationen 9,1 Milliarden Menschen auf der Welt, 70 Prozent davon in den Städten. Die globale Getreideproduktion werde um rund 50 Prozent auf 3 Milliarden Tonnen steigen müssen, die Fleischproduktion überproportional wachsen. Weil das Land knapp wird, müssten die Entwicklungsländer Afrikas und Asiens deutlich intensiver wirtschaften.

Wie das gelingen kann und welche sozialen und ökologischen Folgen das haben kann, wird die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein Jahr lang in den Blick nehmen. Reportagen, Analysen und Essays fokussieren auf die globale Landwirtschaft, gentechnische Entwicklungen, Insektenfarmen, die sozialen Folgen des Wandels. Und von Januar bis Dezember begleiten wir einen deutschen Bauern und einen in Sambia. Denn vor Ort lässt sich genau sehen, wer eigentlich wen ernährt und auf welchen Grundlagen unsere Ernährung beruht. So wird die Frage der Welternährung konkret – dabei nicht weniger politisch, aber befreit von den vielseitigen, interessengeleiteten Ideologisierungen. Heute geht er los, unser – im Sinne von Fritz Baade – „Race to Feed the World“.

Quelle: F.A.Z.
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld