Salatanbau im Selbstversuch

Es muss nicht immer Cannabis sein

Von Birgit Ochs
 - 08:35

Seit vergangenem Dienstag sind sie umgetopft: Dreizehn Salatpflänzchen der Sorte Lollo bionda beziehungsweise rosso und fünf noch hauchzarte Senfkohlsetzlinge sind in der Erde. Und weder ein jäher Temperatursturz, tagelange Sonnenabstinenz noch fiese Schädlinge können dem Blattgemüse etwas anhaben. Zwar unwahrscheinlich, aber ein ernsthaftes Problem wäre dagegen ein längerer Stromausfall. Denn die Pflanzen wachsen nicht im Freien, sondern gut geschützt in einem Spezialzelt im Keller eines Frankfurter Mehrfamilienhauses – unter dem violetten Licht einer Pflanzenleuchte, deren winzige LEDs per Zeitschaltuhr das junge Gemüse täglich zwölf Stunden lang bescheinen und wärmen. Und wenn wir das Gießen nicht vergessen, ist die Ernte sicher, hat Nils Andreas, Chef des Gartenfachgeschäfts Samen Andreas in Frankfurt versprochen. Doch ob die Zucht von Kellergemüse sich auch lohnt?

Das wollen wir herausfinden. Das Zelt mit den Setzlingen ist daher auch nicht aus überschäumendem gärtnerischen Enthusiasmus im Keller gelandet, sondern ein kleines Experiment im Rahmen eines großen Projekts zur Welternährung. Unter dem Titel „Race to feed the world“ geht die Frankfurter Allgemeine ein Jahr lang auf verschiedene Weise der Frage nach, wie die erwarteten mehr als neun Milliarden Menschen, die bis 2050 die Welt bevölkern, satt werden können. In den Zukunftsszenarien spielt dabei die Stadt als Anbaugebiet für Obst und Gemüse eine wichtige Rolle, auch weil man damit rechnet, dass dann gut zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben.

Schon heute gibt es Projekte, die beweisen, dass unter Einsatz der entsprechenden Technik das Reservoir der Städte in dieser Hinsicht gewaltig – und bisher noch weitgehend ungenutzt – ist. Das fängt ganz simpel beim Gärtnern auf Brachen und Parkplätzen an, die Aktivisten der Urban-Gardening-Szene machen es vor, und hört bei der Mobilisierung von Dächern zur Bienenhaltung und Champignonzucht nicht auf. In Los Angeles, Tokio, London und Berlin erproben urbane Gemüsebauern das sogenannte Vertical Farming, bei dem die Fassaden von Hochhäusern ebenso als Anbaufläche dienen können wie das Innere mehrgeschossiger Gebäude, oberirdisch oder im Untergrund. Oft haben die Pioniere der städtischen Landwirtschaft eine Verbindung zur Gastroszene, wie etwa die Initiatoren von „Farmers Cut“ aus Hamburg, die in einer riesigen Halle in der Nähe des Hauptbahnhofs auf neun übereinanderliegenden Wachstumsebenen achtzig verschiedene Sorten Salat ziehen.

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SelbstversorgungGemüse aus dem Keller

Damit verglichen sind unsere achtzehn Töpfe mit Blattgemüse natürlich lächerlich. Aber die Ernte soll auch keine Restaurantgäste satt machen. Was uns interessiert, ist, inwieweit sich die Städter selbst versorgen können, wenn sie keinen Garten besitzen, ja vielleicht nicht einmal einen Balkon. Ein kleines Kellerabteil aber hat (beinahe) jeder. Unseres misst gut vier Quadratmeter, allerdings mit Schräge, da es in einem Gewölbe unter einem typischen Gründerzeitaltbau liegt, ist gut belegt und dürfte damit ziemlich typisch sein.

Was kann man damit anfangen? Drei, maximal vier Rabatte bepflanzen und mit verschiedenen LED–Leuchten bestrahlen? Die allererste Idee ist schnell verworfen. Zu unsicher, denn Mäuse und Ratten könnten sich über den Salat hermachen, und zu ineffizient, weil die leistungsstarken Hightech-Leuchten von 300 Watt und mehr gleich den ganzen Keller illuminieren. Dazu kommt noch die relativ niedrige Temperatur im Gewölbe. Anbaufachmann Nils Andreas bringt deshalb ein Spezialzelt, auch Growzelt oder Growbox genannt, ins Spiel. Das hat sich im illegalen Cannabisanbau bewährt und diese Erfahrung machen sich nun die Indoorgärtner ob im kleinen oder großen Stil zunutze. „So wie das Internet für die Pornographie erfunden wurde, kommen die technische Ausrüstung und das Wissen über die Pflanzenzucht in geschlossenen Räumen aus dem Drogenanbau“, sagt Andreas.

Race to Feed the World
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In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

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Der Weg führt daher zunächst vom in fünfter Generation geführten Samenhandel mit 150-jähriger Tradition ein paar Straßen weiter in einen sogenannten Headshop, der Adresse für Zubehör rund um den Genuss der berauschenden Heilpflanze und deren Anbau. Das so freundliche wie kundige Personal empfiehlt Leuchttypen und hat auch diverse Zelte parat. Doch die sind zu groß. „Hat aber Standard-Kleiderschrankformat“, werden wir belehrt mit einem Lächeln, das sagt: „Erzähl mir nix von Salat, Mutter!“

Der Samenfachhändler bestellt schließlich für uns im Internet ein Zelt mit den passenden Maßen: 120 (Breite) mal 60 (Tiefe) mal 150 (Höhe) Zentimeter. Mit dieser geringen Höhe können wir den Anbau von normalen Tomaten schon mal vergessen, erklärt uns Pflanzexperte Nils Andreas. Das Teil sieht aus wie einer dieser provisorischen Kleiderschränke. Das zerlegbare Metallgestänge ist mit einem schwarzen, sehr festen Polyestertuch überzogen und lässt sich mit einem Doppelreißverschluss öffnen. Innen ist es mit einer silbrigen, reflektierenden Folie ausgekleidet. Dazu kommt eine nach Herstellerangaben 300 Watt starke LED-Pflanzleuchte plus Aufhänger. Außerdem zwingend notwendig ist eine Lüftungsanlage. Die gibt es im Set mit einem Aktivkohlefilter, der für die Cannabis-Züchter unverzichtbar ist, weil er den Geruch mindert. Auch uns wird er nützen. Kohl riecht schließlich ziemlich streng.

Als die Ausrüstung da ist, geht alles ganz schnell. Im entrümpelten Keller ist das Zelt zu zweit mit wenigen Handgriffen aufgebaut. Halterungen befestigen, die Lampe mittig einhängen, die Lüftungsanlage oben am Gestänge anbringen und den Schlauch mit dem Ventilator durch die dafür vorgesehene Öffnung führen. Das alles ist kein Hexenwerk.

Die Setzlinge kommen in ein Gemisch aus Blumenerde und einem Zusatz namens Perlit, der die Feuchtigkeit im Topf regulieren soll. Zudem rät der Gartenexperte zu einem Wachtsumspusher aus Pilzgranulat. Das grauschwarze Pulver kommt ebenfalls in die Erde. Die Pilze werden sich mit den Wurzeln des Gemüses verbinden und so das unterirdische Geflecht vergrößern. „Die Pflanzen können so besser Nahrung aufnehmen und haben mehr Widerstand“, erläutert Nils Andreas. Die Profianbauer, die Salatköpfe unter ähnlichen Bedingungen im großen Stil ziehen, verwenden gar keine Erde mehr.

Als die achtzehn Töpfe auf dem Zeltboden plaziert sind, bleibt nicht mehr viel zu tun. Wässern, Reißverschluss zu, Licht und Lüftung an. Die Zeitschaltuhr wird so eingestellt, dass der Salat täglich von acht bis zwanzig Uhr im rosaroten Schein der LED-Lampe badet. Außerdem misst ein Stromzähler den tatsächlichen Energieverbrauch bis zur Ernte. Rund 300 Euro hat die Grundausstattung inklusive Töpfe und Erde gekostet. Es wird eine ganze Reihe von Pflanzdurchgängen mit Kohl und Co. nötig sein, bis sich allein dieser Betrag amortisiert. Am Tag der Ernte jedenfalls lässt sich beziffern, wie groß der Energiebedarf je Salatkopf war. Dann klären wir auch die alles andere als unwichtige Frage: Schmeckt das Kellergemüse?

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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