Proteine in Pflanzenform

Die Sojabohne steht vor den Toren Wiens

Von Eva Konzett
 - 18:45
zur Bildergalerie

Der Ackerboden macht nicht immer, was der Bauer will, und derzeit ist er tiefgefroren. Leopold Ripfl, der breitschultrige Biobauer, zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht. Er steht vor seinem Hof in Großhofen, einem Nest in Niederösterreich, eine halbe Stunde Autofahrt von Wien entfernt. In der Nacht hat es wieder gefrostet, am Horizont drehen sich die Windräder, entlang der Felder stehen winterkahle Kirschbäume.

Großhofen besteht aus einer Handvoll Gebäuden, einem Gemeindehaus mit Feuerwehr und einer Kapelle. Schon Ripfls Urgroßvater hat hier Landwirtschaft betrieben, dann der Großvater und der Vater. Vor zehn Jahren hat Ripfl den Betrieb auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Wo der konventionelle Bauer synthetische Hilfsmittel in der Hand hätte, bleiben ihm als Biolandwirt nur Erfahrung, Instinkt – und die Sojabohne.

Noch liegt Schnee auf seinen Feldern, noch warten die Bewässerungsrohre zu Türmen an der Backsteinwand gestapelt auf ihren Einsatz im Frühjahr. Doch sobald die Bodentemperatur zehn Grad erreichen wird, wird Ripfl Sojapflanzen aussäen. Nicht auf der gesamten, aber doch zehn Prozent seiner Ackerfläche. Er macht das jedes Jahr.

Optimal in die Fruchtfolge integriert

Die Sojabohne hilft ihm, eine gesunde Fruchtfolge, also einen bodenschonenden Kreislauf verschiedener Pflanzen auf einem Stück Acker, einzuhalten. Sie ist der Jackpot in der Fruchtfolge, weil sie keinen Dünger braucht, sondern sich den Stickstoff mithilfe von Bakterien aus der Luft holt. „Als Biolandwirt kann ich nicht einfach den Mineraldünger am Feld verteilen“, sagt Ripfl. Die konventionelle Landwirtschaft kann es sehr wohl: Sie bringt jährlich weltweit rund 200 Millionen Tonnen Kunstdünger aus.

Race to Feed the World
Race to Feed the World

In Zukunft leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde. Wie werden sie satt, ohne dass der Planet kollabiert? Ein Jahr lang suchen wir Antworten.

Mehr erfahren

Leopold Ripfls Sojabohnen sind nicht die einzigen in Österreich. Auf 64.000 Hektar haben österreichische Landwirte im vergangenen Jahr die ursprünglich asiatische Kulturpflanze ausgesät, ein Viertel davon wie bei Ripfl in biologischer Variante. Damit ist die Hülsenfrucht nach Weizen, Gerste und Mais die viertwichtigste Feldfrucht auf österreichischen Äckern - Tendenz steigend.

Das kleine Österreich ist mit 190.000 Tonnen Soja schon der fünftgrößte Produzent in der EU. Und: In keinem anderen Land der EU geht ein ähnlich hoher Anteil in die Lebensmittelproduktion, nämlich die Hälfte. 20 Prozent des in der EU ausgebrachten Soja-Saatguts kommt ebenfalls von hier. Man kann es auch so sagen: An Österreich, kulinarischer Heimat von Leberkäse, Schnitzel und Tafelspitz, kommt die europäische Sojawirtschaft nicht vorbei. Wie das?

Österreich war nicht immer ein Sojaanbauland. In der Feldfruchtstatistik taucht die Pflanze überhaupt erst 1990 auf. Ein von Subventionen aufrecht erhaltener Sojaanbau hatte sich etabliert, da die österreichischen Getreideüberschüsse auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren konnten. Das ist zwar die Geschichte der heutigen österreichischen Sojalandwirtschaft, aber nicht mehr ihr Erfolgsrezept. Vielmehr haben der EU-Beitritt, der die kleinteilige österreichische Landwirtschaft herausforderte, dazu beigetragen, sowie die frühe Nulltoleranz gegenüber Gentechnik – und eine Wertschöpfungskette, die von den Samen über den Acker bis ins Lebensmittelgeschäft reicht und den Bauern Absatz garantiert. Der Ursprung aber, der noch weiter zurückreicht, heißt Friedrich Haberlandt.

Unempfindlich, nährstoffreich und sogar schmackhaft

Es passt zum österreichischen Klischee, dass die Ernährungsrevolution in einem Schloss ihren Anfang hätte nehmen sollen. Im Versuchsgarten des barocken Palais Schönborn mitten in Wien, ab 1872 Sitz der „Kaiserlich-Königlichen Hochschule für Bodencultur“, erkannte der Agrarwissenschaftler Friedrich Haberlandt als erster Europäer das ernährungsphysiologische Potential der Sojabohne. Er hatte 1873 auf der Weltausstellung in Wien von der japanischen Delegation eine Handvoll Sojasamen erhalten und diese zwei Jahre später mit dem Ziel weiter gezüchtet, sie an die mitteleuropäischen Breitengrade zu adaptieren.

Haberlandts Botschaft: An der Sojabohne – unempfindlich, proteinreich, fetthaltig und bei richtiger Zubereitung schmackhaft – sollten sich die Hungernden Europas, vor allem im Osten der Monarchie, endlich satt essen. Soja werde „in den Hütten der Armen eine große Rolle spielen“, prophezeite der Professor. Doch die Ernährungswende scheitert an einem Wanderunfall im April 1878, der Haberlandt eine nicht heilende Wunde zufügt. Er stirbt kurz darauf, seine Erkenntnisse bleiben ungenutzt. Die Sojabohne, die die Europäer hätte ernähren sollen, sie landete fast hundert Jahre später in der Tiermast.

Der Großteil kommt aus Übersee

Man nehme das Bundesland Brandenburg, bepflanze es von Cottbus über die Uckermark bis nach Potsdam mit Sojabohnen – flächendeckend in kilometerlangen schnurgeraden, nur von Fahrrinnen getrennten Reihen, die Konkurrenzpflanzen durch Pestizide niedergestreckt. Man ernte die Bohnen und verfüttere sie den Schweinen, Hühnern und Rindern in deutschen Mastbetrieben. Klingt verwegen? Passiert aber genauso, wenn auch nicht im Nordosten der Bundesrepublik, sondern in Übersee. Nach Deutschland kommt dieses Soja trotzdem: Rund sieben Millionen Tonnen Sojaerzeugnisse werden jährlich aus Brasilien und den Vereinigten Staaten eingeführt – der überwiegende Teil davon genverändert.

Das entspricht rund zwanzig Prozent der deutschen Ackerfläche, oder eben fast der Fläche Brandenburgs. Österreich steht dem großen Nachbarn in wenig nach: Hier werden Sojaerzeugnisse im Ausmaß von einem Sechstel der Ackerfläche importiert. Die ganze EU führt jährlich dreißig Millionen Tonnen Sojaerzeugnisse ein, denen nur eine Million Tonnen aus Eigenproduktion gegenüberstehen. Das genveränderte Soja landet im Futtertrog der europäischen Mastindustrie. Und warum hat sich die europäische Viehwirtschaft, die jährlich 167 Milliarden Euro umsetzt, von Futtermitteln aus Übersee abhängig gemacht? Weil sie hauptsächlich ihnen die eigene Größe verdankt.

Es ist der hohe und qualitativ hochwertige Eiweißgehalt der Sojabohne, der die Intensivmasten in der Tierproduktion ermöglicht, der das Tier physisch von der Weidehaltung entkoppelt. Und es sind handelspolitische Beschlüsse aus der Vergangenheit, die einen autochthonen europäischen Sojaanbau bis heute bremsen. Das Gatt-Abkommen unter dem Dach der Welthandelsorganisation WTO erlaubte es erst den Vereinigten Staaten ab 1962 und später Brasilien und Argentinien, Soja und vor allem Sojaschrot zollfrei nach Europa zu exportieren.

Die Vereinigten Staaten, wo Soja vor allem zur Ölproduktion verwendeten wurde, wurden so den ausgepressten Soja-Abfall zu guten Preisen los und stieg zum weltweit größten Exporteur von Sojaerzeugnissen auf. Als Lateinamerika nachzog, nahm dessen Soja ebenso seinen Weg nach Europa – auch als die ersten gentechnisch veränderten Samen ab Mitte der Neunzigerjahre zur Zulassung gekommen waren. Sojapflanzen auf europäischen Äckern kamen gar nicht erst richtig auf. „Wir laborieren weiterhin an den Nachwirkungen dieser Politik“, sagt Johann Vollmann, Professor an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Der Handel hat auch negative Folgen

Jährlich importiert Deutschland so ein Drittel des verbrauchten Futtermittels – gemessen in verdaulichem Eiweiß –, schrieb der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen 2015. Fast zwei Drittel der Wertschöpfung erzielt die deutsche Landwirtschaft in der Viehwirtschaft. Der Schweinebraten, der einst sonntäglich die Tafel krönte, ist ein Billigprodukt geworden – für den andere den Preis bezahlen:

In Brasilien wird für die Sojaplantagen der Regenwald abgeholzt, die Monokulturen schaden der Biodiversität ebenso wie der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu Resistenzen bei den Schädlingen führt und die energieaufwändige Produktion von Düngern den Klimawandel anfacht. Die intensive Tiermast wie etwa in Niedersachsen wiederum belastet das Grundwasser. Nicht zuletzt braucht der Bauer 600 Gramm Soja, um ein Kilogramm Schlachtfleisch zu produzieren. Würde der Mensch das Futtermittel konsumieren, man könnte zehnmal mehr Menschen ernähren.

In den westlichen Industrienationen mag dieser Aspekt an der Übergewichtigkeit der Bevölkerung abprallen – in den OECD-Ländern ist die Hälfte der Erwachsenen zu dick –, in der Subsahara aber, wo die Menschen wie im Osten Europas noch vor 100 Jahren vor allem an Proteinmangel leidet, könnte Soja als Nahrungsmittel helfen. In Europa hingegen speist Haberlandts Idee indes nicht die Armen, sondern die Ernährungsbewussten. Soja in der gentechnisch unversehrten Variante, biologisch angebaut, hat als Fleischersatz so erfolgreich die Supermarktregale erobert, dass selbst die Fleischverarbeiter reagieren und vegetarische Wurstalternativen anbieten. Auch der österreichische Biobauer Leopold Ripfl baut auf seinen Feldern deshalb Speisesoja an: Großkörnig, mit hohem Proteingehalt und mit hellem Nabel – damit das Lebensmittel keine dunklen Punkte bekommt.

Keine Gentechnik für die Verbraucher

Der EU-Beitritt hat österreichischen Erzeugnissen den europäischen Markt geöffnet – und er hat die Landwirtschaft auch teilweise in die Nische gedrängt, sie angesichts der deutschen, holländischen und französischen Konkurrenz zu Kreativität angetrieben. Der Vorteil der Bauern: In der Nische gab es jemanden, der sie abholte. Etwa das Unternehmen Mona Naturprodukte in Oberwart, das mit seinen Sojadrinks der Marke „Joya“ mittlerweile in Supermärkten in ganz Europa gelistet ist.

Oder die Bamberger Mühle, die zum wichtigsten Zulieferer der europäischen Backwarenindustrie aufgestiegen ist und jährlich 27.000 Tonnen an konventioneller Sojaernte aufbereitet. Soja findet sich längst nicht nur im veganen Knusperriegeln, sondern oft als Granulat im Mehrkornbrot und als Mehl im herkömmlichen Weißgebäck, um den Teig mit Feuchtigkeit zu versorgen, ihn elastischer und länger haltbar zu machen. „Mein Bruder und ich haben die Getreidemühle unserer Eltern auf Soja umgestellt, weil wir die Sojabohnen vor der Haustüre hatten“, sagt Georg Bamberger.

Heute ist das Unternehmen aus Prinzersdorf nicht nur europäischer Marktführer für Sojamehle, sondern exportiert seine Produkte – koscher und halal-zertifiziert – in die ganze Welt. Das schlagende Verkaufsargument in Europa und darüber hinaus: Die Bohnen sind gentechnisch nicht verändert. Zwar akzeptiert der europäische Verbraucher transgene Futtermittel, geht aber bei gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln auf die Konsumbarrikade. Die Österreicher taten das besonders früh: Schon 1997 sprachen sich bei einem Volksbegehren 1,2 Millionen Menschen gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel aus. Dass sich statistisch mehr als jeder achte Österreicher gegen Gentechnik auf dem Teller wehrte, hat den Bauern ein Marktpotential aufgezeigt, auf dem sie aufbauen konnten.

Die heutigen Landwirte führen Wirtschaftsbetriebe jenseits der Bauernhofidylle aus dem Kinderbuch. Angebaut wird, was sich rechnet. Bauer Leopold Ripfl bringt seine 35 Tonnen Soja-Jahresernte problemlos an den Mann. Er liefert sie an einen Zwischenhändler, der den Großteil an Speiseverarbeiter weiterverkauft. Auch Ripfl selbst greift im Supermarkt zum Tofu. Er sagt: „Gut möglich, dass ich dann meine eigenen Sojabohnen esse.“

Video starten

Race to feed the worldFelix Kangwa aus Sambia

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenWienEuropäische UnionEuropaÖsterreichSojaFeuerwehrBrasilienUSA
Race to Feed the World

Race to Feed the World ist ein Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, gefördert durch das European Journalism Centre über dessen Programm „Innovationen im Entwicklungsjournalismus“.faz.net/feedtheworld