Wo kommt unser Essen her?

Salatbeet im Skyscraper

Von Jan Grossarth
 - 13:47
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Das Leben auf dem Land, es ist das letzte Abenteuer. Aber wer will schon Abenteuer. Sicherheit ist gefragt, und Geld, mit anderen Worten: Stadt. Die Sicherheit dort zeigt sich in Form von dünnen Betonwänden mit Styroporhülle, Eichenparkett und in einem bis 2047 kalkulierbaren Immobilienkredit. Zum Beispiel in Frankfurt: Die Sicherheit heißt „Praedium“, „Solid Home“, „Neue Mitte“, Wohnen im Block oder Turm, siebentausend Euro je Quadratmeter und mehr. Zehntausende Menschen im Jahr ziehen hier ein. Es gibt neue Stadtteile, und jeder hat einen Tengelmann, Norma oder Aldi, und durch die Straßen fahren die kleinen roten Lieferwagen vom Rewe, die Online-Bestellungen ausliefern.

Aber wer versorgt uns da eigentlich? Und woher kommt das, was der kleine rote Wagen bringt? Heute, und übermorgen? 500 Gramm Schweinegeschnetzeltes, 1,99 Euro. Wolfsbarsch aus Aquakultur, 4,50 Euro. Schinken-Käse-Croissant, 53 Cent – Herbst 2017 im Lidl. Diese Preise sind kein Grund zur Klage. Der Lidl speist uns zuverlässig günstig. Der Großteil des Essens kommt über den Discount zu uns, über die Supermärkte. Das Essen kommt vom Land: Massenschweinemast in Cloppenburg, griechische Fischfarmen, Weizen vom Glyphosat-Acker aus Brandenburg. Das Land ernährt die Stadt.

Karl Marx hätte das Entfremdung genannt, in diesem Fall: eine Entfremdung von der Natur, der Erde, dem Boden. Wörtlich nannte er es: Stoffwechselstörung. Was er damit meinte, wird dieser Text erklären. Und auch, warum das noch heute und zukünftig bedeutsam ist.

Die Städte wachsen, das Land wird zum Agrarindustriegebiet. So zuverlässig die Food-Industrie seit 60 Jahren sättigt, so fraglich ist die Stabilität des Systems. Das wird nur dann klar, wenn man sie unter Aspekten betrachtet der Nährstoffströme, der Energie, der Abhängigkeit vom Öl. Die großen Statistiken bezeugen: Wir leben vom Öl. Die Nahrungsproduktion, Weltbevölkerung und der Erdölverbrauch gehen über Jahrzehnte im Gleichschritt und entkoppeln zu langsam. Wie sicher isst die Stadt?

Die Bauern werden zu Technikfreaks

Antworten gibt es auf dem Land. Die Geschichte von zwei Landwirten zeigt, woher das Essen derzeit kommt. Thomas Beuler ist einer, der Lebensmittel für die relativ wenigen, zahlungsbereiten „Bio-Deutschen“ herstellt: ein Biobauer im Vogelsberg, eine Stunde von Frankfurt. Diese Gegend ist eine der am dünnsten besiedelten in Deutschland, der Ackerbau ist hier schwer, überall liegen Steine im Boden. Beulers Kühe grasen also auf der Weide. Das ist etwas Besonderes. Laut einer Studie der Uni Bozen wird die Weidekuh in den kommenden Jahren aus der Landschaft verschwinden. Das Land ist industrialisiert, hier wachsen Energie-Mais und Ethanol-Raps, Tierfutter, Brot für die Welt.

Beuler will aber nicht optimieren: „Ich kämpfe dafür, dass der Betrieb unabhängig bleibt.“ Dafür baut er viele Säulen, die in die Zukunft tragen. Die Milch ist nur eine; Beulers Milch gibt es in Biomärkten in Berlin. Die Famlie vermietet drei Ferienwohnungen, will weitere bauen. Beuler ist gegen Herbizide, mit großem Herz für Frösche. Und er lässt die Kälber einige Tage bei den Mutterkühen – ein No-Go in der hocheffizienten, hochverschuldeten Standard-Kuhhaltung der „Wachstumsbetriebe“. Das wichtigste ist ihm: Freiheit.

Die Freiheitsliebe ist ein Auslaufmodell

Bauern wie er sind ein Auslaufmodell. Moderne Farmer haben andere Interessen. Sie twittern um die Deutungsmacht: Wachstumsbetriebe, denen manchmal das Land mehrerer Dörfer gehört. Sie arbeiten mit iPad statt Forke, die Farm träumen sie als digitalisierten Hightechbetrieb. Hierfür ist etwa Bauer Holtkötter ein Beispiel, bei Twitter: „Bauer Holti“. Er kämpft dort eifrig für die politische Weiter-Genehmigung agrarchemischer „Betriebsmittel“, wie Glyphosat von Monsanto, er ist ein Technikfan mit abenteuerlich festem Händedruck und postet Bilder vom Schützenfest. Er ist stolz auf die Größe seiner Felder und die sauberen Ställe; amerikanische Farmer sind sein Vorbild, Agrarromantik bring ihn zur Verzweiflung.

Die Welt der Bauern, die uns vom Land versorgen, ist keine einheitliche. Es sind Welten. Und dramatisch erodierende. Rund 270 000 Landwirte ernten unser Essen noch, melken Kühe, füttern Hennen und mästen Hühner, noch. Noch im Jahr 1980 waren es drei Mal so viele. Die Zahl gehe „asymptotisch gegen null“, sagte kürzlich ein Berater der Landwirtschaftskammer in Nordrhein-Westfalen, der sich sorgt, dass es dann niemanden mehr zu beraten gäbe. Dann ernährten uns nicht mehr Landwirte, sondern ein vollendetes Industriegeflecht, das womöglich in der Hand der Handelsketten und Banken wäre. Das wäre eine historische Zäsur.

Als Karl Marx lebte, um 1850, gab es in Deutschland Millionen Landwirte. Ein Landwirt erzeugte im Jahr 1900 Lebensmittel, von denen 4 Menschen satt wurden; 2010 konnte ein Betrieb 131 Personen sättigen. Ist das nicht eine Erfolgsgeschichte? Die Zukunftsfrage der Abhängigkeit der Stadt vom Land, damit auch die des Landes vom Erdöl, steht gleichwohl im Raum, und dies seit 150 Jahren. Marx studierte, wie eine neue Studie des Soziologen Kohei Saito (Campus Verlag) zeigt, mit Interesse die landwirtschaftlichen Aufsätze von Justus von Liebig – kurz nach der Stunde null der ackerbaulichen Revolution. Liebig hatte entdeckt, welche Stoffe die Pflanzen wachsen lassen: Stickstoff, Phosphor, Kali. Das Schöne daran war, man konnte die Stoffe künstlich erzeugen oder importieren.

Phosphor kam dann aus kolonialem Vogelmist, Guano. Stickstoff kam aus Restprodukten der Stahlindustrie, später dann aus der Luft, die voll von ihm ist: N-Dünger, gewonnen durch Energien aus der Ölverbrennung. Und so ist es bis heute. Der Landwirt erntet gut und viel, denn sein Feld ist voller Chemie von der BASF, von Monsanto, Dow, Chem China und Syngenta. Nur deswegen ist das Essen reichlich da und billig, und die Städte können wachsen, und die Bauern werden weniger.

Die prekäre Trennung von Stadt und Land

Marx traf den Nerv: Der Wegzug vom Land schien energetisch prekär. Essen und Anbau trennten sich räumlich voneinander. In diesem Sinne steht der Biobauer im Vogelsberg für ein relativ harmonisches Wirtschaften mit der Natur. Und der twitternde Schweinemäster für ein Wachstums-Wirtschaften, das vergleichsweise stärker vom Energie-Input von außen abhängt. Aber: Ohne „Bauer Holti“ und die Großagrarier würden die Städte hungern.

Und eine Stadt wie Berlin oder Paris kann zudem nur deswegen leben, weil täglich viele tausend Lastwagen mit Nahrungsmitteln hereinfahren und industrielle Massenware hereinfahren. Ebenso, wie Rewe und Tegut, versorgen uns also Schenker und DHL und die globale Logistik mit Nahrung. Edeka lässt täglich 2000 Lastwagen durch Deutschland fahren, um die Lager zu füllen. Größer noch ist das europäische und globale Liefernetzwerk von Dachser Food Logistics: Genau 1261 Lastwagen fahren für das Unternehmen mit Lebensmitteln befüllt täglich durch Europa. Ähnliche Größenordnung bringt die Nagel Group auf die Straßen, auch DHL, viele andere.

Immer mehr müssen rein- und rausfahren, die Städte wachsen auf der ganzen Welt. Die Weltbevölkerung soll bis 2050 von gut 7,5 auf rund 10 Milliarden Menschen ansteigen, am meisten in den Metropolen der Entwicklungsländer. Auch deswegen erscheint es sinnvoll, dass der Anbau zurück in die Städte kommt. Und das passiert: In Tokio gab es vor rund zwei Jahren die ersten Erdbeeren zu kaufen, die in der Stadt in einem Gewächs-Hochhaus unter LED-Licht im Hochregal gereift sind. Gerade in Japan, das arm an Ackerland ist, wird Landwirtschaft zum urbanen Hightech. Fujitsu, der Elektronikkonzern, investiert Millionen und bietet im Hochregal gezüchtete Salate an. Das erscheint dem Verbraucher vertrauenserweckender als Freilandanbau bei Fukushima.

Urbane Landwirtschaft entsteht dort, wo Ackerland knapp ist, das Land verseucht oder die Bevölkerung besonders stark wächst –in Asien, in Afrika: In Sambia züchten Kleinbauern-Kooperativen Speisepilze in Holzhütten mitten in den Städten und verkaufen sie an Luxushotels. Afrikanische Städte ziehen sich in die Fläche, zwischen Wellblechhütten laufen zwischen Plastikmüll und Gemüsepflanzen Hühner und Ziegen, auch das ist urbane Selbstversorgung, aber die der Vergangenheit.

Pilzzucht geht in jedem Slum

In Sambia bringen neue Ideen wie die Pilzzucht vor allem den Ärmsten einige Dollar. Auch in den prekären Vierteln amerikanischer Städte ist die urbane Landwirtschaft nicht nur ein Thema für Hipster. Vielen Millionen fehlt das Geld für den Einkauf. Das, was im Garten wächst, hilft zu überleben, auch Nüsse aus dem Park und Brombeeren vom Straßenrand.

Berlin ist auch nicht reich, aber clever genug, um Future Food als Popkultur zu betreiben. Da gibt es urbane Gärten am Tempelhofer Feld, und hier wachsen auch die Kräuter im Supermarkt, im verglasten Regal im Edeka. Erste Projekte bringen aber auch hier schon größere Mengen Lebensmittel, etwa im Berliner Stadtteil Schöneberg. In einem alten Fabrikgebäude der früheren Schultheiss-Brauerei mit Ziegelsteinen und Gartenteich, züchtet das erste Start-Up, das ECF Farmsystems heißt, Barsche und Basilikum in einer urbanen Kreislaufwirtschaft.

Abwasser lässt sich vor Ort nutzen

Das Abwasser der Fischzucht, voller guter Nährstoffe, fließt hier nicht in die Kläranlage. Sondern, durch Filter und technische Anlagen, als Nitratdünger in ein Gewächshaus. Davon lebt das Basilikum. Vom frischsten Fisch Berlins spricht der Gründer. 30 Tonnen Fisch im Jahr können hier wachsen, Metro oder Rewe nehmen ihn ab. 70 bis 90 Prozent Wasser-Ersparnis rechnen die Betreiber vor, verglichen mit üblicher Fisch- und Basilikumzucht. Der Buntbarsch, der in einem guten halben Jahr auf 600 Gramm wächst, braucht dafür nur gut 700 Gramm Futter.

Er ist sogar ein besserer Verwerter als das schnellwachsende Hähnchen. So könnte die Zukunft der urbanen Selbstversorgung aussehen. ECF Farmsystems verdient mit den Fischen und Kräutern allerdings noch kaum Geld. Dafür mit den Anlagen: Fisch-Gemüse-Kreislaufgewächshäuser haben sie neuerdings nach Belgien und in die Schweiz verkauft. Ein beliebter Standort: Flachdächer.

Der Experte gähnt weise

Die Fachjournalisten der „Lebensmittel-Zeitung“ arbeiten im achten Stockwerk eines Verlagshauses in Frankfurt am Main, und von dort aus sieht man zahlreiche Flachdächer. Die „idealen Standorte“ für die Gemüse- und Fischzucht. Doch was sieht man? Nur Rohre, Kiesel, dünne Begrünungen, Bierbänke. Bernd Biehl, der stellvertretende Chefredakteur, blickt spöttisch hinaus. Urbane Selbstversorgung? Er glaubt nicht daran. Biehl sagt: „Ich halte das für romantische Rückzugsgefechte. Der globale Trend geht zu einer deutlich stärkeren Arbeitsteilung von Stadt und Land. In Frankfurt gibt es neuerdings im Ostend einen urbanen Garten, aber von dem Gemüse können Sie schätzungsweise zwei Häuser ernähren, und das vom 1. bis 7. Januar. Das hat eine sozialpsychologische Funktion. Pilze anbauen im Keller, das ginge. Aber da sind ja schon die Parkhäuser.“

Journalisten wie Biehl sind Genies im Kleinreden der Zukunft. Vielleicht aber wird er Recht behalten. Was die Gegenwart betrifft, liegt er nicht verkehrt. Urban Farming und urbanes Gärtnern, das ist auch ein Spiel, ein Spielfeld für Hipster in der Identitätskrise, ein Luxussegment – gar ein Feld post-politischer „Ideologisierung“, wie der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder sagt. Eine Revolution ist es nicht.

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Aber wer Karl Marx studiert hat ahnt, dass das food-kulturelle Spiel einen ernsten Hintergrund hat. Selbst dem Feudalismus konnte Marx gegenüber der agrar-kapitalistischen Entfremdung etwas abgewinnen. Zwar beutete der Adel den Bauernstand vortrefflich aus. Jedoch habe das Landleben noch seine „gemüthliche Seite“ gehabt, kritzelte Marx in seinen Block. Damit meinte er: Der Bauer hat eine Beziehung zu „seinem“ Land, er beobachtet und experimentiert, er produziert, was ihm sinnvoll erscheint, er entscheidet selbst und hat sein Maß an Freiheit, auch wenn er Abgabe leistet. Marx verherrlicht nicht das Landleben, das hart war. Er drückte es so aus: Der Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde sei gestört.

Diese Metapher ist uns vertraut. Wie auch diejenige für die Heilung: Kreislaufwirtschaft. Davon reden alle: die Start-Ups in Berlin, die Bundesregierung, die CDU und die Grünen, die Agrarhochschulen, der Rewe und die Food-Industrie. Doch Mülltrennung, Kompost, Wassersparen und veganer Brotaufstrich bilden noch keine Kreislaufwirtschaft. Das Wort ist, wie vor ihm die Nachhaltigkeit, herabgesunken in die Niederungen des Marketings, des Politiker-Gewäschs, der Beliebigkeit.

Bringt das LED-Licht die Revolution?

Finden Stadt und Land in Zukunft doch wieder zusammen? Versorgt sich die Stadt eines Tages selbst, mit LED-Licht und Pumpen, in Hochhausfarmen? Wie utopisch, im Sinne von weltfremd, diese Idee ist, zeigen auch auf anderen Gebieten, als dem Basilikum, die bisherigen Erfolge: Die erste Erdbeere in Tokio kostete zuletzt fünf bis acht Dollar – pro Stück. Melonen wurden für mehr als 200 Euro verkauft. Teuer ist der Quadratmeter, teuer ist die Energie, aufwendig die Wartung. Und für einen Berliner Supermarkt, in dem nicht Petersilie und Basilikum, sondern Erbsen und Spinat oder vor allem die Brotfrucht Weizen wachsen, gibt es noch keine Pläne.

Vom Brot aus der Stadt spricht niemand, der bei Verstand ist. Um die Mengen zu erzeugen, die wachsende Metropolen in relevanten Anteilen versorgen können, bräuchte es die Fläche weiter Äcker – und diese Flächen gibt es in Städten nur in der Höhe. Aber man kennte die Quadratmeterpreise.

Phantasie überall

An Phantasie mangelt es trotzdem nicht. Eindrucksvolle Architektenstudien für vertikale Farmen in Hochhäusern, die in sich geschlossene Kreislaufwirtschaften darstellen, gibt es: Oben im 30. Stock grasen auf den Skizzen die Kühe, drunter wächst Getreide, Gemüse. Dies zu realisieren wäre nicht nur hohe Architekten-, sondern vor allem Ingenieurskunst. Aber noch niemand hat so ein Treibhaus je gebaut. Die Stadt Völklingen hingegen, im Saarland, war ihrer Zeit wohl voraus. Sie geriet vor Jahren hingegen scharf an den Rand des finanziellen Ruins, weil sie Millionen Euro Steuergeld einmal visionär investierte: in eine Meeresfischzucht hunderte Kilometer von der Küste entfernt.

Die Anlage war viel teurer, als gedacht, und die Kunden wollen Fisch aus dem Meer. Nach Anlaufschwierigkeiten erntet nun die „Fresh Corporation AG“ dort Doraden, Wolfsbarsch oder Kingfish – mehr als 60 Tonnen im Jahr. Der Schweizer Investor Peter Zeller kaufte sie, seither läuft das Geschäft. Die Doraden gehen über die Kette Globus in die Schweiz und nach Luxemburg. Ein Beispiel einer Luxus-Indoorfarm. Das Fisch wird zu Sushi.

Der Einzelfall futurologischer Food-Konzepte ist stets faszinierend; mal nützlich für die Ärmsten der Welt, mal heilend für die kranke Erde, mal ein kleines Luxus-Business. Einen Überblick über die ernste Agrar-energetische Krise bietet er nicht. Den gibt es bei Michael Braungart, und in diesem Land eigentlich nur bei ihm. Braungart ist ein Professor in Lüneburg und Rotterdam und seit vielen Jahren wie eine prophetische Figur für den kleinen Kreis der öko-intellektuellen Szene. In Amerika hingegen war er Bestsellerautor, und in China der meistgelesene Deutsche – gleich nach, natürlich: Karl Marx. In Deutschlands grüner Politszene kommt er aber nicht so recht an: Braungart hält nichts vom Dämmen und Trennen, Sparen und Müllverbrennen.

Er sieht eine Kreislaufwirtschaft in großem, industriellem Maßstab als den einzigen Überlebensweg. Geschlossene Stoffkreisläufe in allen Bereichen, nicht nur im Agrarischen. Er will alle Stoffe in biologische und technische Kreisläufe trennen. Was sich abnutzt, in der Erde, im Meer oder in der menschlichen Lunge verbleibt, solle abbau- und essbar sein. Mit anderen Worten: Es darf keinen Müll mehr geben. Kein Plastik im Meer, kein Nitrat im Boden, kein Phosphor im Abwasser. Alle Nährstoffe auffangen und wieder in die Nutzung. „Alles“, sagte Braungart, müssten die Menschen „konsequent in Nährstoffen denken“. Sein Vorbild sind die Ameisen. Sie leben gut ohne Müll.

Ohne Kreislauf geht es nicht

Seine Ideen setzt an der Kernfrage an: Wie kann mehr oder gleichviel geerntet und produziert werden, und zugleich weniger Erdöl, Kohle, aber auch Wasser, Sand, Erze, Seltenerden verbraucht werden? Durch konsequente Wiederverwertung. Aber auch Braungarts Konzept, das vor Jahren selbst Konzerne wie Puma begeisterte, hat zuletzt Rückschläge hinnehmen müssen. Puma verabschiedete sich von seinen Plänen, die Produktion in Richtung der Kreislaufwirtschaft umzustellen. Der Preiskampf kann auf ganzheitliche Ideen keine Rücksicht nehmen. Auch die Pflanzennährstoffe müssten, Braungarts Logik zufolge, im Kreislauf geführt werden. Weniger Nährstoffe aus dem Bergbau und aus Öl, mehr wiederverwerten.

Dabei ist besonders fraglich, wie mit den Fäkalien der Menschen umzugehen sei. Auf sie kommt es letztlich an. Kreislaufwirtschaft hieße: Die menschlichen Fäkalien müssten raus auf die Felder, anstatt sie ins Meer fließen zu lassen. Doch Stadtwerke und kommunale Abwasserbetriebe dürfen das nicht: Das Abwasser der Städte ist voller Hormonen von der Antibabypille, und voller Arzneimittelrückständen: Schmerzmittel vor allem, auch Kosmetika und Mikroplastik.

Anthropogene Gülle

Im großen Maßstab müsste all das aus der Fäkalbrühe herausgefiltert werden, damit die anthropogene Gülle zurück aufs Feld dürfte. Und auch das ist, im Herbst 2017: viel zu teuer. Und technisch Zukunftsmusik. Noch ist das frische Phosphat aus Marokko ist billiger, und versorgt die Königsfamilie vortrefflich. Derzeit werden unsere Fäkalien zumeist mitsamt allem Müll getrocknet und verbrannt. Daraus entsteht Strom, der unsere schönen iPhones nährt.

Und der Stickstoff? Fließt in die Flüsse und Meere. Und der aus der Landwirtschaft? In Niedersachsen, im Nordwesten, gibt es schon so viel Gülle, dass sie auf Schiffen nach Mecklenburg verfrachtet wird. Sie kostet wenig, ist im Überfluss da. Sie kommt aus Hühnern und Schweinen, die brasilianisches Soja fraßen. Das ist im Überfluss da. Denn tausende Tonnen Glyphosat – „Roundup“ von Monsanto – und genveränderte Saaten wachsen in Monokulturen. Doch die Grenzen des Wachstums sind immer deutlicher: Resistenzen von Sojapflanzen gegen Glyphosat, ausgelaugte Böden. Ökologische Krisen überall: Etwa 40 Prozent der weltweiten Böden sind als ausgelaugt klassifiziert; arm an Humus und bestimmten Nährstoffen.

Die Zukunft gehört den guten Nematoden

Ein Grund sind die auf maximalen Ertrag gezüchteten Pflanzen, ein anderer der, dass immer weniger Pflanzenreste auf den Feldern verbleiben – alles wird genutzt, etwa als Tiernahrung. Auf Weiden stehen zu viele Tiere, die Farmer düngen. Dies alles hat komplexe Auswirkungen auf das Ökosystem Boden: Würmer und Nematoden, Bakterien. In einer Handvoll „gesundem“ Boden leben mehr Mikroorgansimen, als es Menschen jemals auf der Welt gibt.

Die Lösung muss nicht in „100 Prozent Bio“ bestehen, sondern vielleicht in Forschung an intelligenteren Ackerbausystemen. Etwa so: der Bauer kippt die Nützlinge aufs Feld, die es in der Agrar-Natur nicht mehr gibt. BASF und andere bieten das schon an: Nematoden und Käfer im Tausenderpack. Auch andere Ideen, die künftig Standardtechniken werden könnten, finanziert ausgerechnet das Agribusiness selbst. Nahe Cloppenburg, im Herzen von Deutschlands Intensiv-Agrarwirtschaft, sitzt ein Start-Up, das seit gut drei Jahren an ganz neuartigem Saatgut forscht. Beziehungsweise, das ihm einen neuen Mantel gibt: Der besteht aus denjenigen Mikropilzgeflechten, die durch den zerstörerischen Ackerbau immer weniger werden (Mykorrhiza). Wilhelms Best heißt das Unternehmen, finanziert mit Millionen vom steinreichen Mittelstand, dem Landhandel Bröring.

Mykorrhiza heilt die Erde

Mykorrhiza sind in ihrer Bedeutung für die Versorgung der Pflanzen lange unterschätzt worden. Sie versorgen die Wurzeln der Pflanzen mit Nährstoffen, die sie aus schwer zugänglichen Boden- und Gesteinsschichten heraussaugen. Die Idee von Wilhelms Best lautet: Weiter intensiv ackern, aber die Folgen mit neuen Präparaten reparieren. So brauchen die Bauern weniger Dünger. Unweit sitzt ein anderes Start-Up, das aus Gülle trockenen Nährstoff und Trinkwasser macht.

Wenn in der Zeit nach dem Erdöl alle oder noch mehr Menschen zu essen haben wollten, muss entweder die Erzeugung näher an die Städte, oder der Abfall der Städte als Nährstoff zurück aufs Land. Man bräuchte Filter und Trennanlagen, die zudem energiesparsam funktionierten, sie bräuchten Rohre und Leitungen, sie müssten verzahnt sein mit dem Wissen über komplexe Wechselwirkungen in den Ökosystemen, den Böden, der Luft, dem Wasser, mit der Pflanzenzucht, der Tierzucht. Wenn es nun um Verzahnung, ganzheitliche Koordination geht, in Zeiten von „Big Data“: Dann wird auch die Agrarwende zum Hightech-Projekt, wie zuvor die Energiewende.

Robert Habeck brachte den neuen Ton

Dafür steht Robert Habeck. Der erste grüne „Jamaika“-Minister in Kiel ist der Pionier seiner Partei im post-ideologischen Landwirtschaftsdenken. In Kiel sagte er kürzlich, er wolle die „Digitalisierung in den Mittelpunkt meiner Überlegungen stellen“, denn „für die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie spielt sie eine große Rolle in der Landwirtschaft“. Er sprach von Melkrobotern, selbstfahrenden Traktoren, automatisch gesteuerten Schweineställen. Und sagte Sätze, die nicht so vertraut „grün“ klingen, wie die Klagen über Lobbys, Tierqual oder Ackergifte: „Der Ersatz des Pralltellers durch Injektionsverfahren, denen per Sensorik der Nährstoffbedarf der Pflanze, die Bodenbeschaffenheit, die Wetterprognose, der Nährstoffgehalt der Gülle simultan und in Echtzeit berücksichtigt und dokumentiert werden, bringt unstreitige ökologische Vorteile.“

Jedoch: Drei Viertel der Bauernhöfe könnten im Zuge der Digitalisierung auf der Strecke bleiben, schätzt Habeck, denn die neuen Geräte sind teuer. „Die emotionale Entfremdung zwischen Landwirten und Tieren und Böden und Feldfrüchten könnte größer werden“, fürchtet Habeck auch, „vielleicht gibt es ja irgendwann ein Label für computerfreie Landwirtschaft.“

Melkroboter, selbstfahrende Traktoren und Schweineställe, in denen Computer das Sagen haben – das alles gibt es schon. Es bietet Chancen, und man kann es aus guten Gründen bedauern. Die Daten-Revolution steht am Anfang, Mittels Daten können die Behörden Landwirte gezielt überwachen, genauere Bilanzen von Dünger-Input und Produktion erstellen, die Bauern können dokumentieren, dass die automatisierten Trecker Brutvögel und Rehkitze umfahren.

Die Vorstellung, ausgerechnet die Digitalisierung könnte das Verhältnis von Land und Mensch wieder „gemüthlicher“ gestalten, enthält gewisse Ironie. Doch sie kann bestimmt dazu führen, dass viel Energie und Nährstoffe eingespart werden. Zweitens kann sie die Logistik verbessern, also die Essgewohnheiten erforschen; der Kühlschrank kann Daten an den Händler schicken oder den Erzeuger, es kann mehr nach Bedarf und weniger für den Müll geerntet werden. Vielleicht wird die Erdbeerzucht in Tokio signifikant günstiger. Die Datenwissenschaft macht die Landwirtschaft effizienter, auf dem Land, in der Stadt.

Sie ist ein Pflaster, aber kein Heilmittel. Denn die Landwirtschaft muss auch klüger werden, nicht nur sparsamer: Regenerative Landwirtschaft lautet ein Stichwort, sie ließ sich inspirieren von der Permakultur – ökosystemisch begründete Gartenkonzepte, die ohne Dünger auskommen. Pflanzen wie Bohnen binden Stickstoff aus der Luft, andere wie Tomaten verbrauchen ihn. Man spürt, dass die forschenden Gärtner, die Idealisten, die Selbstversorger aus den Ökodörfern, die gärtnernden Bürger, die interessiert sind an alten Sorten und Omas Hausmitteln, und die Industrie dringend miteinander ins Gespräch kommen müssten. Denn niemand weiß, wer uns übermorgen füttert, und die Industrie denke noch viel zu wenig darüber nach.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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