70 Jahre Costa-Kreuzfahrten

Tanz zwischen den Kontinenten

Von Peggy Günther
 - 22:41
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Hunderte Menschen stehen, mit Kameras bewaffnet, an der Reling der Costa Favolosa und sehen genau hin. Sie wollen den magischen Moment nicht verpassen, wenn die Kulisse der Stadt sich plötzlich bewegt. Wenn das Schiff auf das offene Meer hinaus gleitet und sich anschickt, den Atlantik zu überqueren. Doch es bleibt fest an der Pier verankert, als könne es sich nicht von Brasilien lösen. Der Animationstanz zum Auslaufen endet, die Sonne geht unter, der Kapitän informiert: „Die Hafenbehörden haben das Schiff noch nicht freigegeben.“ Hochgezogene Augenbrauen bei den deutschen Gästen, gefolgt von nervösen Blicken auf die Uhr. Die Brasilianer hingegen nehmen es gelassen, trinken noch ein Bier und nehmen am Gesangswettbewerb teil. Irgendwann wird es schon losgehen. Als in der Nacht das Vibrieren der Motoren die Costa Favolosa endlich auf den Weg bringt, schlafen viele Europäer schon. Die Brasilianer feiern noch in der Disco.

Vor siebzig Jahren trafen auf dem ersten Kreuzfahrtschiff der Reederei ebenfalls Welten aufeinander: Auswanderer auf Urlauber, große Träume auf Neugier. In sechzehn Tagen fuhr die Anna C. von Genua über Rio de Janeiro nach Buenos Aires. Die siebenhundertachtundsechzig Passagiere verteilten sich auf drei Klassen: In der ersten warteten klimatisierte Kabinen, vielgängige Menüs und ein umfangreiches Serviceangebot. In der Touristenklasse A genossen die Urlauber einen mittleren Standard, während in der Touristenklasse B all diejenigen viel Gepäck an Bord brachten, die in ein neues Leben wollten.

Das große C am Schornstein war vielen bekannt: Costa galt in den dreißiger Jahren als Italiens größter Olivenölproduzent, der mit eigenen Schiffen das flüssige Gold über das Mittelmeer transportierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien das Geschäft mit den Emigranten das lukrativere, doch auch Luxusreisende befanden sich bereits im Visier von Firmenchef Angelo Costa. Sein rasches Handeln zahlte sich aus – nicht zuletzt, weil die Costa-Schiffe schon im Liniendienst über den Atlantik kreuzten, als die staatliche Schifffahrtslinie Italiens noch auf die Rückgabe ihrer Transatlantikliner warten musste. Erst 1949 war es so weit.

Die Passagiere haben sich verändert

Schnell folgten weitere Neubauten und mehr Komfort: Die Franca C. fuhr 1959 als erstes Kreuzfahrtschiff in die Karibik, und zwar mit eigenen Nasszellen in jeder Kabine. Fünf Jahre später waren mit der Eugenio C. die Passagierklassen Vergangenheit, und es gab erstmals einen Hauptpool. Hier begann die Laufbahn von Ignazio Giardina, inzwischen Kapitän der Costa Favolosa. „Die Passagiere haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert“, stellt der Sizilianer fest, denn Kreuzfahrten seien erschwinglicher geworden. Aber nach wie vor beobachtet der Kapitän an Bord denselben Prozess: Die Gäste wachsen während der Überfahrt zu einer Gemeinschaft zusammen.

Für Atlantiküberquerungen, bei denen die Passagiere fünf Tage lang nichts als Wasser sehen, gilt dies in besonderem Maß. Zwei Tage noch begleiten Kaptölpel im eleganten Flug die Flanken des Schiffes. Danach beginnen Zeit und Raum an Bedeutung zu verlieren. Fliegende Fische und die Gischt – mehr ist draußen nicht zu sehen. Die Welt schrumpft zusammen auf den Mikrokosmos Schiff. An Bord herrscht pure Vorfreude. Der Italienisch-Kurs erfreut sich einer regen Teilnahme, viele Passagiere sind auf den Spuren ihrer Vorfahren unterwegs. Allein in São Paulo leben mehr als sechs Millionen Menschen italienischer Herkunft. Marisa etwa begleitet mit ihrem italienischstämmigen Mann Ivan eine Gruppe Brasilianer, die kein Englisch sprechen. Auf der Costa Favolosa ist man mit portugiesischen Speisekarten, Tagesprogrammen und Durchsagen perfekt vorbereitet. Bei den Hafenstopps in Europa wird es schwieriger werden.

Doch im Moment hat alles, was Tausende Kilometer entfernt auf den Kontinenten geschieht, keine Relevanz. Stattdessen greifen vertraute Rituale des Kreuzfahrtuniversums. Quizveranstaltungen und Tanzstunden, Maskenball und Mitternachtsbüfett funktionieren heute noch genauso gut wie vor fünfzig Jahren. Und selbstverständlich gehört eine Äquatortaufe zum Programm – ganz im klassischen Stil, wie Kreuzfahrtdirektor Naim Ayub versichert. Der fünfundfünfzigjährige Brasilianer startete seine Costa-Karriere vor dreißig Jahren als erster Bordanimateur. Und auch heute noch strahlen seine Augen, wenn der Kapitän einem verkleideten Neptun den symbolischen Schlüssel zum Schiff übergibt. Die Täuflinge tanzen in selbstgebastelten Kostümen über das Deck, lassen sich mit Pudding, Mehl und Eiern einreiben und springen anschließend in den Pool.

Eine Pille aus Gewürzen und Separatordreck

„Das war ja wohl ein Witz“, sagt ein neunundsechzigjähriger Passagier aus Stuttgart, der 1962 erstmals mit einem Massengutfrachter nach Rio de Janeiro gefahren ist. „Bei uns gab es damals eine Pille aus Gewürzen und Separatordreck in die Haare, der tagelang nicht mehr herunterging. Anschließend wurde man so lange untergetaucht, bis man genügend Bierkästen gespendet hatte.“ Heute ist es ihm während der Atlantiküberquerung manchmal zu laut auf der Costa Favolosa – er mache sie ja schließlich nicht wegen des „Remmidemmis“, das veranstaltet wird. Mit dieser Einstellung steht er jedoch auf recht verlorenem Posten. Etwa die Hälfte der zweitausendsechshundert Passagiere an Bord der Costa Favolosa sind Brasilianer, und die lieben „Remmidemmi“.

Kreuzfahrt
Der Luxus-Kreuzer MS Europa II
© DW, Deutsche Welle

Stefano di Naia, der Hotelmanager, bringt das Schiff bereits seit zehn Jahren durch die Brasiliensaison und erklärt: „Musik ist eine Kraft, der die Brasilianer nicht widerstehen können.“ Auch wenn Italiener und Brasilianer sich sehr nahe stehen – schließlich gibt es in fast jeder brasilianischen Familie mindestens einen Italiener –, passt Stefano di Naia das Angebot an Bord an die südamerikanischen Vorlieben an: Das Büfettrestaurant ist auf den Reisen entlang der brasilianischen Küste täglich vierundzwanzig Stunden geöffnet, die Musik lauter, und es gibt deutlich mehr Fitnesskurse und Tanzstunden. Viele Programmpunkte rücken in den späten Abend.

Letzteres galt auch schon vor fünfzig Jahren an Bord der Anna C. Auf einer Karibikkreuzfahrt hatten die Passagiere nach dem Welcome-Aboard-Dinner die Wahl zwischen Bingo und Tanzveranstaltung, bevor das Schiff um 21.15 Uhr im Bahamas-Hafen Freeport festmachte. Der Nachtclub öffnete um 0.30 Uhr, der letzte Tender fuhr um zwei Uhr morgens zurück zum Schiff. Das Tagesprogramm von 1965 könnte übrigens auch eine Unsitte der modernen Kreuzfahrt erklären: Es empfiehlt ganz offiziell die Kontaktaufnahme mit den Stewards für eine Liegestuhl-Reservierung.

Am Tag, an dem die Reederei ihren siebzigsten Geburtstag zelebriert, tragen die Animateure historische Matrosenuniformen und laden zum Dosenwerfen und anderen lustigen Spielen ein. Die Kleidungsempfehlung „Gala“ am Abend wird sehr unterschiedlich interpretiert. Nach dem Offiziersball auf der Costa Favolosa legt Steward Sunil im Restaurant vor jedem Gang das passende Besteck nach, damit es einfacher für all jene ist, die zum ersten Mal an Bord sind. Einige Offiziere sitzen an einem Tisch in der Mitte des Restaurants. Serviert wird ein Klassiker der Kreuzfahrtgeschichte: Filet Wellington.

Beim anschließenden Tanzwettbewerb in der Grand Bar schlingt eine Dame ihren Schenkel um das Bein des Herren, seine Füße finden sogleich einen neuen Weg, um weiter über das Parkett zu gleiten. Sie führt ihren Tanzschuh weit nach oben und setzt ihre verführerische Bewegung fort. Nur wenige Meter weiter schwebt eine Dame im weißen Kleid allein durch die Paare, geführt von einem unsichtbaren Mann. Und am Rand der Tanzfläche bewegt ein Mann auf einen Stock gestützt seine Hüfte im Rhythmus der Musik. Sertanejo, Merengue, Baraonda – die Costa Favolosa tanzt über den Atlantik.

Von Tag zu Tag wird es auf den Außendecks ein wenig kühler, und die Gischt nimmt zu, doch im Inneren herrscht weiterhin südamerikanisches Feuer. Nun werden auch die Europäer ein wenig lebhafter, und jeden Abend lassen sich mehr europäische Damen von brasilianischen Tänzern auffordern.

Quelle: F.A.Z.
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