Italien

Mach einen Bogen um Venedig!

Von Elke Sturmhoebel
 - 14:00

Je näher der Törn rückt, desto mulmiger wird uns bei der Vorstellung, wir könnten einem Kreuzfahrtschiff ins Gehege kommen. Bei etwa tausend Ozeanriesen, die sich übers Jahr in der Lagune von Venedig tummeln, ist der Gedanke nicht so abwegig. Die Befürchtungen wurden erfüllt, so viel vorweg. Aber der Reihe nach.

Die Reise mit dem Hausboot beginnt in Chioggia, einem 50000 Einwohner zählendem Inselstädtchen am Südrand der Lagune, über Brücken mit dem Festland verbunden. Auch diese Stadt wurde auf Holzpfählen errichtet, hat Kanäle und Brücken, Palazzi und Kirchen und sogar einen in Stein gehauenen Markuslöwen als Wahrzeichen. Allerdings präsentiert sich das Tier weitaus mickriger als sein Vorbild, weshalb es von den Einheimischen liebevoll „el gato“, Kater, genannt wird.

Anders als in Venedig spielt Tourismus in Chioggia nur eine geringe Rolle. Hinter der Porta Garibaldi herrscht Alltag. Geschäftiges Treiben unter den Arkaden, Gewimmel vor den Klamottenständen auf dem großen Donnerstagsmarkt und in der Fischhalle. Auch vor den Cafés und Aperitivo-Bars auf dem Corso del Popolo sitzen am frühen Abend überwiegend Chioggiotti, wie sich die Bewohner nennen. Die Stadt verdient ihr Geld vor allem mit dem Fisch, der hier, am größten Fischereihafen Norditaliens, angelandet wird. Dass die Altstadt mit den abzweigenden Gassen von Corso und Vena-Kanal von oben wie eine Gräte aussieht, ist jedoch reiner Zufall.

Bei Ebbe ist das Gewässer der Lagune oft kaum mehr als achtzig Zentimeter hoch

Unter den Hausbooten an der Basis zwischen Chioggia und dem Badeort Sottomarina liegen überwiegend Pénichettes, die das Unternehmen Locaboat eigens für die führerscheinfreien Hausboot-Ferien konstruiert hat. Pate dafür stand das französische Binnenschiff, die Péniche. Die Hausboot-Variante ist eleganter und natürlich viel kürzer. Die uns zugedachte „Aquileia“ von nur 10,20 Meter Länge flößt uns dennoch jede Menge Respekt ein.

Es ist schon eine Weile her, dass wir mit einem Hausboot unterwegs waren. Damals gab es noch keinen doppelten Steuerstand innen und außen, und auch kein Bugstrahlruder, das Anlegemanöver vereinfacht. Nach der Einweisung machen wir eine kleine Probefahrt. Das Rückwärtseinparken wird uns nach einer Woche hoffentlich besser gelingen. Jetzt richten wir uns erst mal ein und gehen in den nächsten Alimentari. Frühstücken werden wir an Bord. Sicherheitshalber versorgen wir uns auch mit Spaghetti und Pesto. Man kann ja nie wissen. Vielleicht haben wir doch noch Gelegenheit, die gut ausgestattete Küche einschließlich Espressokocher und Austernmesser zu nutzen. Jetzt in der Nebensaison haben Restaurants auf kleinen Inseln womöglich noch geschlossen.

Am nächsten Morgen legen wir ab, werfen vom Oberdeck noch einen letzten verschwörerischen Blick hinüber zu der auf eine Duckdalbe montierten Madonna und nehmen Kurs auf Venedig. Vor uns liegt „La Laguna Veneta“, eine amphibische, von den Gezeiten modellierte Landschaft mit zahlreichen Inseln, Sandbänken, Schilfteppichen und schwimmenden Salzwiesen. Vor Urzeiten geschaffen im Zusammenspiel der hier mündenden Flüsse, die Schwemmland aus den Alpen mitbrachten, und der Gezeitenströmung der Adria, die dagegenhielt. Gut vierzig Kilometer Länge und bis zu dreizehn Kilometer Breite misst der von Landzungen und Nehrungsinseln weitgehend abgetrennte Meerbusen. Reichlich Platz also zum Hin-und-herkreuzen, sollte man meinen. Der Blick auf die Seekarte belehrt uns eines Besseren. Das fünfhundertfünfzig Quadratkilometer große Gewässer der Lagune an sich ist flach. Bei Ebbe oft kaum mehr achtzig Zentimeter hoch und somit weniger, als unsere „Aquileia“ Tiefgang hat. Nur in den ausgebaggerten Kanälen, die von gebündelten Holzpfählen, den sogenannten Bricole, flankiert werden, ist die Lagune schiffbar.

Angst vor einem Giftcocktail aus den Chemiefabriken

Das dicke Bord-Handbuch spricht Bände: „Falls infolge von Unachtsamkeit das Boot im seichten Wasser aufsitzt, muss als erstes der Motor auf Leerlauf gestellt und geprüft werden, ob das Kühlwasser normal aus dem Heck fließt.“ Keine Panik, heißt es da. Stattdessen im Gezeiten-Kalender nachsehen, ob das Wasser fällt oder steigt. Bei steigendem Wasser könne man in Ruhe warten. Bei fallendem Wasser hat man ein Problem. In dem Fall wird empfohlen, ins Wasser zu steigen, das Boot um 180 Grad zu drehen und durch kräftiges Ziehen versuchen freizukommen. Diese Umstände wollen wir unter allen Umständen vermeiden.

Nicht lange nach Abfahrt queren wir den breiten Kanal, der zur Porto di Chioggia führt, der ersten von drei Zufahrten von und zur Adria. Schon von weitem sehen wir schweres Gerät und Kräne in den Himmel ragen. Dort wird Mose auferstehen - die Abkürzung für Modulo Sperimentale Elettromeccanico - und vermutlich ab Herbst 2017 die Fluten der Adria zurückhalten und Venedig vor dem Hochwasser schützen. Große, mit Wasser gefüllte Module auf dem Meeresgrund können dann mittels eingepumpter Pressluft hochgefahren und alle Öffnungen zur Lagune hin dicht gemacht werden. Das 5,5 Milliarden teure Küstenschutz-Projekt ist umstritten. Umweltschützer fürchten, dass die Abwässer der alten Chemiefabriken in Porto Marghera nicht mehr abfließen können, der Wasseraustausch nicht mehr funktioniere und die Lagune zu einem Giftcocktail werde. Wissenschaftler und Techniker versichern, dass die Mose-Wehre kaum mehr als zehnmal im Jahr zum Einsatz kämen und das Ökosystem somit keinen Schaden nehme. Die meisten Bewohner wären jedenfalls froh, keine nassen Füße mehr zu kriegen. „Wir hoffen alle auf Mose und darauf, dass es seinen Preis wert sein wird“, erklärte uns der Wirt einer Osteria in Chioggia auch in Hinblick auf die vergangenen Korruptionsskandale. Und nicht nur Venedig leidet in den Wintermonaten unter Acqua Alta.

Ebenso wie der benachbarte Lido di Venezia ist Pellestrina eine lange Sandbank, die sich wie ein Bollwerk schützend gegen die Brandung der Adria stemmt. Schon oben vom Steuerstand aus sehen wir die Adriawellen an die Flutmauer der handtuchschmalen Nehrungsinsel klatschen. Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Serenissima, wurden die sogenannten Murazzi gebaut, ein viereinhalb Meter hoher Flutschutzdamm aus massiven Steinquadern. Lange Zeit haben sie gute Dienste geleistet. Doch dann fehlte es an der nötigen Wartung, und 1966 riss eine große Sturmflut Löcher ins fünfzehn Kilometer lange Mauerwerk. Nachdem Venedig komplett überspült worden war, machte man sich intensive Gedanken über den Küstenschutz.

Kranke, Aussätzige und Irre wurden aus der Stadt ausgelagert

Wir fahren Pellestrina im ruhigen Fahrwasser auf elf Kilometer Länge ab. Steuerbord die Kaimauer, die von bunten Muschelfischereischiffen gesäumt wird. Dahinter in einer Reihe die pastellfarbenen Häuser und wuchtigen Kirchen. Backbord wachen die in den Grund gerammten Bricole darüber, dass man mit dem Boot nicht aus der Reihe tanzt - sprich: in der fünf Meter tiefen Fahrrinne bleibt. Gleich hinter den Markierungen haben die Lagunenfischer Pfahlhütten ins flache Gewässer gesetzt. Die Lagune ist aber nicht nur reine Idylle. Das erkennt man schon an den qualmenden Schloten von Porto Marghera, der drittgrößten Industriestadt Italiens.

Je weiter wir uns Venedig nähern, desto voller wird es auf dem Wasser. Auf dem Canale di San Spirito passieren wir winzig kleine Inseln, die zur Gruppe der Isole del Dolore gehören, der Inseln des Schmerzes. Alles, was störte oder dem Geldverdienen hinderlich war, lagerte die stolze Republik Venedig seinerzeit aus. Auch Kranke, Aussätzige, Irre. Die Toten wurden auf San Michele bestattet. Auf einigen Inseln stehen noch Ruinen der Anstalten, auf anderen sind Luxushotels entstanden.

Im breiten Canale di San Nicolo zieht „Michelangelo“ flott an uns vorbei. Dabei sorgt das Flusskreuzfahrtschiff für hohe Bugwellen, die uns ins Schwanken bringen. Unser heutiges Ziel ist die Insel Le Vignole, wo der Veranstalter Anlegeplätze reserviert hat und Wasser gebunkert werden kann. Beim Festmachen lassen wir Leinen und Fender ordentlich Spiel, damit wir bei Ebbe keine böse Überraschung erleben. Das angepeilte Restaurant hat leider geschlossen. Wie gut, dass wir so vorausschauend waren. Hier ist kein Laden weit und breit. Überhaupt scheint uns diese Insel der ruhigste Ort der Provinz Venedig zu sein.

In der Ferne die Alpen

Am nächsten Morgen ist es mit der Ruhe vorbei. Unter Anfeuerungsrufen nähern sich Rudermannschaften in Sportgondeln und liefern sich ein Wettrennen. Im Boot stehen jeweils vier Mann und ziehen den Riemen durch das Wasser. Es ist Sonntag. Um Venedig machen wir heute besser einen Bogen. Somit biegen wir vom Canale di San Nicolo ab in den Canale Sant’ Erasmo und sind erst einmal irritiert. Nur eine Reihe Bricole weist den Weg zur Gemüseinsel Sant’Erasmo. Müssen wir nun links oder rechts davon fahren? Die richtige Seite, auf der man sich halten muss - verrät das schlaue Bordbuch -, ist durch eine Nummer und weiße Schildchen auf dem Pfahl im Kanalinneren gekennzeichnet. Die Zahlen sind aber so verwittert und ausgeblichen, dass wir zur Orientierung dicht heranfahren müssen.

Schon bald tuckern wir durch eine verträumte Lagunenlandschaft mit ausgedehnten Salzwiesenteppichen. Am Rande der sogenannten Barene staken Reiher und halten Ausschau nach Essbarem. Wir teilen uns den Canale Passaora mit Enten und Tauchhühnern und mit Bauern, die Kisten mit Gemüse zum städtischen Rialtomarkt transportieren. Vor allem die violetten Artischocken von Sant’Erasmo sind bei den Venezianern heiß begehrt. Aus der ufernahen Kirche im Zentrum tritt unter lauten Orgelklängen gerade eine Trauergemeinde. Weiter vorne gerät die beschauliche Klosterinsel San Francesco del Deserto ins Blickfeld, leicht zu erkennen an den hohen Zypressen.

Wie schön die Lagune ist, sehen wir vom Glockenturm der Basilika Santa Maria Assunta auf der Insel Torcello. Silbrige Wasserläufe, grüne Wiesen, Schilfgürtel und Ackerflächen umschlingen sich zu einem abstrakten Gesamtkunstwerk. Hier im nördlichen Teil, der „laguna morta“, machen sich Ebbe und Flut kaum noch bemerkbar. In der Ferne blitzen schneebedeckte Alpengipfel. Und ganz nah leuchten himbeerrot, violett, quietschgrün und kürbisgelb die Häuser von Burano. Dazwischen der bedrohlich schiefstehende Glockenturm der Chiesa San Martino.

Einen Ozeanriesen im Nacken

Die Besiedlung der Lagune nahm im 7. Jahrhundert auf Torcello ihren Anfang und erreichte vierhundert Jahre später ihren Höhepunkt mit etwa 25000 Einwohnern. Aus der Zeit stammt auch die prächtige dreischiffige Basilika mit den byzantinischen Goldmosaiken und dem wandfüllenden Weltgerichtsmosaik. Heute leben auf Torcello gerade noch fünfundzwanzig Menschen. Warum die Insel im Mittelalter verlassen wurde, ob vielleicht eine Naturkatastrophe daran schuld war, bleibt bis heute ein Rätsel. Am Wochenende allerdings bevölkern viele Ausflügler Torcello. Wir machen am Nachmittag an der bäuerlichen Insel Mazzorbo fest, die durch eine Brücke mit der Fischerinsel Burano verbunden ist. Besorgen uns Misto Fritto - frittierte Meeresfrüchte -, setzen uns damit aufs Oberdeck und gucken in den filmreifen Sonnenuntergang.

Früh am Morgen warten viele Leute am Vaporetti-Anleger auf das nächste Linienboot, um zur Arbeit nach Venedig zu fahren. Dorthin wollen wir auch. Die Türme der berühmtesten Lagunenstadt sind in der Ferne schon zu erahnen. Je näher wir dem Campanile rücken, desto dichter wird der Verkehr auf den Wasserstraßen. Schon auf der Höhe von Murano geht es zu wie auf einer sechsspurigen Autobahn. Wassertaxis, Ambulanzboote, Postboote, Müllschiffe, Transportschiffe und Vaporetti fahren kreuz und quer, überholen rechts und links. Darunter ein schmales Lieferboot, das zwei hochkant gestellte Konzertflügel nach Venedig bringt. Berufsschiffe haben auf der Lagune Vorfahrt, und das sind fast alle.

Inzwischen nehmen wir den brausenden Verkehr auf dem Wasser mit einiger Gelassenheit. Auf dem breiten Bacino di San Marco, der Hauptverkehrstraße, die in den Porto di Lido mündet, in den alle großen Passagierschiffe auf direktem Weg nach Venedig einfahren, wird uns dann aber doch Angst und Bange. Als wir einen Blick zurückwerfen, schiebt sich gerade der Bug eines Kreuzfahrtschiffes um die Ecke des Lido und nimmt nach und nach Gestalt an. Nichts wie weg hier mit unserer Nussschale. Wir geben Gas und machen die Biege in den schmalen Canale Lazzaretto und suchen an der Isola di San Servolo Schutz.

Den Markusplatz muss man sich teilen

Wenig später zieht am Haken der Schlepper die „Island Princess“ vorbei - ein Schiff höher als alle umliegenden Kirchenkuppeln und Paläste. Elf Passagierdecks, 987 Kabinen für 1970 Kreuzfahrer, knapp dreihundert Meter lang und 32 Meter breit - wie ich später im Internet nachlese. Dimensionen, die Venedig zu einem Miniaturwunderland schrumpfen lassen.

Endlich! Bahn frei für den Markusplatz. Es ist schon ein erhebendes Gefühl, vor Dogenpalast und Markusbasilika, dieser sagenhaften Kulisse, zu dümpeln. Allerdings sind wir bei weitem nicht die einzigen. Ausflugsschiffe sind unterwegs. Und unzählige Gondeln, die am laufenden Band Richtung Canale Grande ablegen. Dabei wird die lange Schlange der mit Selfie-Sticks bewaffneten Chinesen am Gondel-Anleger nicht kürzer. Die Asiaten müssen ein Segen für Venedig sein. Voller Begeisterung decken sie sich mit Souvenirs ein, kaufen Karnevalsmasken und Murano-Glas und empfinden es als Geschenk, für achtzig Euro pro halbe Stunde mit der Gondel fahren zu dürfen.

Alles ist gut gelaufen. Auf dem Weg zurück nach Chioggia machen wir in Pellestrina vor dem Fischrestaurant „Da Celeste“ halt. Das Einparken an einem der für Hausgäste reservierten Anlegeplätze geht inzwischen wie geschmiert. Wir probieren Cicale di mare, in der Karte als Heuschreckenkrebse übersetzt. Lassen uns die Jakobsmuscheln aus dem Ofen schmecken, bestellen Spaghetti alle vongole und Linguine mit Dorade. Und genehmigen uns ein Fläschchen Weißwein. Der ganze Nachmittag liegt noch vor uns. Wir müssen nicht so früh an der Basis in Chioggia ankommen. Die Sonne scheint, eine warme Brise weht, und übermütig beschließen wir, noch ein paar Runden zu drehen. Dabei waren wir wohl etwas leichtsinnig und haben die Markierungen übersehen. Es hörte sich auf einmal so an, als würde jemand eine Schaufel Sand schippen. Wir saßen auf - und es war absteigendes Wasser! Wir haben schnell geschaltet, in den Rückwärtsgang, was man eigentlich nicht machen soll. Zum Glück hatten wir den Grund nur touchiert und kamen leicht aus dem Schlamassel wieder heraus. In der Lagune ist unbedingt darauf zu achten, immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel zu haben.

Rund um die Lagunenstadt: Bootsvermietung noch bis Ende Oktober. Eine Woche kostet zwischen 910 Euro (bis 5 Personen) und 4823 Euro (bis 12 Personen). Es empfiehlt sich, eine Inklusivpauschale in Höhe von 297 bis 466 Euro je nach Boot abzuschließen. Darin enthalten sind der Rückkauf der Kaution, Diesel sowie Endreinigung. Anbieter ist zum Beispiel Locaboat Holidays, Postfach 867, 79008 Freiburg, Telefon: 0761/207370, www.locaboat.com.

Über Nacht: Die öffentlichen kostenfreien Liegeplätze sind auf der zur Verfügung gestellten Seekarte gekennzeichnet. Nicht alle eignen sich für ein Hausboot. In einer Marina in Venedig kostet die Nacht ab 50 Euro, in Murano ab 40 Euro.

Buchtipp: „Venedig“ von Michael Machatschek, Michael Müller Verlag. Ein Kapitel beschäftigt sich eingehend mit der Lagune und ihren Inseln.

Quelle: F.A.Z.
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