An den Ufern des Nils

Ein Dutzend Touristen zwischen Luxor und Assuan

Von Volker Mehnert
 - 11:00
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Es ist die Stunde unserer Sprachlosigkeit. Kurz nach Sonnenuntergang stehen wir im halbdunklen Säulenhof des Amun-Tempels von Luxor, und weil sich dort außer uns nur noch ein Dutzend Besucher verlieren, herrscht plötzlich eine überwältigende Atmosphäre. So müssen wohl einst die Priester ihren Tempel erlebt haben, wenn sie das Heiligtum zwischen den aufwendigen Festlichkeiten für sich allein hatten und beim Versinken der Sonne hinter dem Wüstenhorizont ihren rituellen Verpflichtungen nachgingen.

Sechsundneunzig gigantische Pfeiler säumen den Raum, stilisierte und überdimensionierte Abbilder der Papyruspflanze, die den Ägyptern als Symbol des Lebens und Gedeihens galt. Die Hieroglyphen darauf können wir nicht entziffern, der Obelisk und die gewaltigen Ramses-Statuen am Eingang sind uns auf einmal ebenso gleichgültig wie die kunstvollen Reliefs an den Tempelwänden, die Geschichten von Kriegen, Prozessionen und ruhmreichen Pharaonen erzählen. In diesen Augenblicken verblasst auch das angelesene Wissen über die altägyptische Kultur, jegliche historische Sinndeutung verflüchtigt sich. Allein der kühne Gigantismus dieses Raumes mit seinem versteinerten Papyruswald hält uns in Atem und drängt nun die schönsten Details in den Hintergrund.

So war es wohl damals beabsichtigt, und so wirkt es bis in die Gegenwart: Ihr Menschen seid bloß winzige, unbedeutende Wesen zwischen diesen kolossalen, den Gottheiten gewidmeten Monumenten, die uns Heutigen von einer Zeit berichten, als an den Ufern des Nils das erste zivilisatorische Leuchten zu einer kräftigen Flamme menschlicher Hochkultur wurde. Es ist ein ergreifendes Erlebnis, das schon Rainer Maria Rilke nach seiner Ägypten-Reise 1910 in unnachahmliche Poesie gegossen hat: „Und hier war das gefasst, / was nie verborgen war und nie gelesen: / der Welt Geheimnis, so geheim im Wesen, / dass es in kein Verheimlicht-Werden passt! / Bücher verblätterns alle: keiner las / so Offenbares je in einem Buche –, / was hülfts, dass ich nach einem Namen suche.“

Und doch ist auch die Gegenwart für einen Teil der Wirkung verantwortlich, denn die Beleuchtungstechnik projiziert einen zusätzlichen Zauber in die Werke der Antike. Wie eine moderne Lichtinstallation erscheinen die von hinten angestrahlten Säulenreihen, und dieser illuminierte Gleichklang wird beinahe avantgardistisch konterkariert, wenn man vom Säulenhof durch die Eingangshalle zurückschaut. Denn in der Sichtachse scheinen die blauen Lichter der Abu-el-Haggag-Moschee auf, die vor Jahrhunderten in die ägyptische Tempelanlage hineingebaut wurde und als eine Art kulturelle Brücke von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit fungiert. Diese zufällige Beleuchtungskomposition erscheint viel eindrucksvoller als jene aufdringliche Ton- und Lichtschau, die allabendlich wenige Kilometer weiter am Amun-Tempel von Karnak inszeniert wird.

Bilderbücher des Sonnen- und Totenkults

Dort freilich hatten ein paar Stunden zuvor unsere altägyptischen Hochgefühle begonnen: im großen Säulensaal mit seinen hundertvierunddreißig Pfeilern, jeder dreizehn Meter hoch, manche an den Kapitellen mit geschlossenen Papyrusknospen, manche mit geöffneten Blütenkelchen. Zwar waren auf dem Gelände in Karnak noch eine ganze Reihe von Besuchergruppen unterwegs, aber in dem gigantischen Labyrinth aus Pylonen und Plattformen, Tempeln und Nebentempeln, Prozessionskapellen und Obelisken, die sich über eine Grundfläche von zwanzig Hektar erstrecken, zerstreuten sich die Menschen jenseits des Eingangs rasch. Zuvorkommend machten sich die Grüppchen wechselseitig Platz, wenn man sich doch einmal über den Weg lief.

Immer wieder konnten wir einen Innenhof, eine Säulenabteilung oder das verzierte Mauerwerk eines riesigen Torbaus für uns allein beanspruchen. Sogar in der mehr als fünftausend Quadratmeter großen Säulenhalle störte uns niemand beim stillen Betrachten der endlosen Reihen von Hieroglyphen, Reliefs und Abbildungen, mit denen der Saal übersät ist. Das nachmittägliche Sonnenlicht strömte jetzt ungehindert hinein, während der Raum in der Antike von einem mächtigen Dach bedeckt war, das astronomische Darstellungen enthielt und die Halle damit zu einer Art Abbild der Welt und des Universums machte. Eineinhalb Jahrtausende lang hatten zahlreiche Herrscher an diesem kolossalen Wunderwerk bauen lassen, immer wieder Elemente hinzugefügt, andere verändert oder abgerissen.

Am nächsten Tag im Tal der Könige von Theben-West waren die Parkplätze wiederum nur spärlich gefüllt, und so konnten wir auch die unterirdische Magie der Pharaonengräber in aller Ruhe auf uns wirken lassen. Im Wechsel sind immer nur wenige der mehr als sechzig Gräber geöffnet, und doch hatten wir das eine oder andere minutenlang für uns allein. So fiel es leicht, in jene Welt des Jenseits abzutauchen, die sich die alten Ägypter vorgestellt und farbig ausgeschmückt an die Felswände gemalt hatten. Endlose Reihen von Unterweltsbüchern berichten von der nächtlichen Fahrt der Sonne durch die Dunkelheit, von den Gefahren des Jenseits, von göttlichen Gerichten und einem verborgenen Leben nach dem Tod – alles in phantastisch konservierten Farben, bis zu dreieinhalbtausend Jahre alt und doch wie neu, vieles unvollendet, nur weniges vom Zahn der Zeit zerstört. Es sind Bilderbücher des Sonnen- und des Totenkults, die je nach Dauer der Regentschaft des hier begrabenen Pharaos tiefer oder weniger tief in den Fels hineingehauen und schmuckvoller ausgestaltet wurden.

Der Ägyptologe mag hier Geschichte und Geschichten von den Pharaonen Ramses, Thutmosis und Echnaton lesen, von den Königinnen Nofretete und Hatschepsut, vom tausendjährigen Wechsel der Dynastien und dem Aufstieg Ägyptens zur antiken Weltmacht. Wir Laien aber standen gebannt vor der gewaltigen Menge an Zeichen und Bildern, die in der Stille der kaum besuchten Gräber für sich allein wirkten und in uns erst einmal gar kein Bedürfnis nach Erklärung weckten. Wir staunten einfach nur über das, was hier vor drei-, viertausend Jahren gebaut und bebildert wurde und bis heute in großartigem Zustand erhalten geblieben ist.

Nur noch zehn Prozent der Schiffe in Betrieb

In Luxor, Karnak und Theben-West, später auch in den antiken Stätten von Esna, Edfu, Kom Ombo, Assuan und Abu Simbel erlebten wir inmitten der Relikte des Altertums erhebende Augenblicke des Alleinseins, von denen in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Nil-Tourismus schon lange niemand mehr träumen konnte. Bereits nach der Entdeckung des Tutanchamun-Grabes 1922 fand sich eine illustre Gästeschar in Oberägypten ein, für die vornehme Hotels wie das Old Cataract in Assuan oder das legendäre Winter Palace in Luxor entstanden, in dem Agatha Christie ihren Kriminalroman „Tod auf dem Nil“ schrieb. Im Niltal formierte sich ein Prototyp der modernen Kultur- und Bildungsreise, und im Schlepptau günstiger Pauschalarrangements wurde Oberägypten schließlich zum Ziel des Massentourismus. Luxor verwandelte sich vom Dorf in eine Großstadt, die fast ausschließlich von den internationalen Besuchern lebte. Nicht ganz zu Unrecht durfte sich die Stadt als „Capital of World Tourism“ bezeichnen. Umso härter schlug hier nach den Aufständen und dem Sturz des Mubarak-Regimes im Jahr 2011 die Krise zu: Der Arabische Frühling ist am Nil seither in eine touristische Eiszeit übergegangen, die auch die Wüstensonne nicht mehr zu wärmen vermag. Uns ermöglichte sie in den Königsgräbern und Tempelanlagen magische Augenblicke, den Einheimischen jedoch, vom Hotelbesitzer bis zum Souvenirhändler, beschert sie Arbeitslosigkeit und Armut.

Das düstere Spiegelbild des antiken Zaubers erlebten allerdings auch wir – besonders drastisch am Schiffsanleger. Wie üblich lagen in Luxor die Kreuzfahrtschiffe im Fünfer- oder Sechserpack am Ufer. Bevor wir das eigene Schiff betreten konnten, stapften wir deshalb erst einmal durch das Zwischendeck eines schon halb abgewrackten Dampfers. Viking Princess hieß dieser Schrotthaufen einst, dessen ausgeweidete Lobby uns deutlich machte, dass dieses Schiff eine Vergangenheit, aber keine Zukunft hatte. Von dort erreichten wir den nächsten Dampfer, und der befand sich in kaum besserem Zustand. Aber hier hatte der Eigner offenbar die Hoffnung noch nicht aufgegeben, denn einige Arbeiter werkelten auf den Decks herum. Ob es freilich für diesen Kahn tatsächlich eine Perspektive gibt, wissen nicht einmal die ägyptischen Götter. Erst danach betraten wir das erste halbwegs intakte Schiff, an dem jedoch ebenfalls der Rost fraß. Es hat längst den einen oder anderen Stern verloren und wird nun in seltenen Fällen als Billigschiff verchartert, weil für größere Investitionen nicht genügend Besucher kommen. Schließlich erreichten wir über eine letzte Planke das von uns gebuchte Schiff, das zu den wenigen gehört, die noch regelmäßig in Betrieb und deshalb in ordentlichem Zustand sind.

Die Geschichtsschreibung der Nil-Kreuzfahrten vor 2011 spricht von fünfhundert Schiffen, die zwischen Assuan und Luxor unterwegs waren; auf dem zweihundertfünfzig Kilometer langen Abschnitt schwamm also im Durchschnitt alle fünfhundert Meter ein Dampfer. Jetzt sollen noch dreihundert übrig sein, von denen aber nur zehn Prozent in Betrieb sind. Die anderen liegen vertäut am Ufer, viele rotten langsam vor sich hin. Die schwimmenden Sechserpacks in Luxor und Assuan erscheinen bereits wie Schiffsfriedhöfe, Ruinen aus jener Glanzzeit des Nil-Tourismus, in der pro Jahr fünf Millionen Besucher durch Oberägypten geschleust wurden. Davon ist wenig geblieben. Nach dem dramatischen Einbruch 2011 halten sich vor allem die Europäer und Amerikaner weiterhin zurück. In Deutschland werden teilweise sogar Bettenkontingente auf den komfortabelsten Schiffen von Billiganbietern verramscht, deren Gäste nur selten Interesse am Besuch der antiken Stätten haben, sondern sich bloß auf den Sonnendecks vergnügen und in den Restaurants und Bars „all inclusive“ versorgen wollen. Hätten nicht seit einigen Jahren chinesische Touristen Ägypten als Reiseziel entdeckt, sähe es noch weit schlimmer aus. Mehr als drei Viertel der Besucher kommen derzeit aus Asien, und ihre Gruppen bringen zumindest für einige Stunden ein wenig Leben in die Tempel und Königsgräber. Dennoch warnen ägyptische Behörden davor, dass die Monumente verfallen, wenn nicht bald wieder mehr Besucher kommen und Geld für deren Pflege zurücklassen. Jeder terroristische Anschlag im Land aber bremst aufs Neue den zaghaften Zustrom.

Gruselig und einsam in den Tempelkammern

Der Leere in den antiken Stätten entspricht die überraschende Abwesenheit von Betrieb auf dem Fluss und an seinen Ufern. Wir sahen kaum Verkehr auf dem Nil, höchstens einmal eine rostige Fähre oder ein paar Ruderboote mit Anglern. Auf den Feldern wurde gelegentlich auf archaische Weise mit Hilfe von Tieren oder per Hand gearbeitet, hin und wieder schnaufte ein Zug auf den Schienen am Ufer entlang, dahinter begann die Einsamkeit der Wüste. Einer der längsten Flüsse der Erde scheint in diesem Abschnitt als Wasserstraße und Transportweg nicht die geringste Bedeutung zu haben. Die wenigen verbliebenen Kreuzfahrtschiffe sorgen immer noch für den meisten Verkehr, aber auch für den meisten Dreck. Weil sie von veralteten und schlecht gewarteten Maschinen angetrieben werden, stinken die Abgase zum Himmel, und weil die Kapitäne sich offensichtlich gern überflüssige Wettrennen im Pulk liefern, ist die Nil-Kreuzfahrt auch in diesen eher stillen Zeiten kein durchweg beschauliches Erlebnis.

Den Höhepunkt der Verlassenheit und der touristischen Abstinenz erlebten wir in Abu Simbel, dreihundert Kilometer südlich von Assuan, mitten in der nubischen Wüste gelegen. Dort wurden vor fünfzig Jahren in einer spektakulären Aktion die beiden Felsentempel mit den vier kolossalen Ramses-Figuren für damals sagenhafte vierzig Millionen Dollar versetzt, um sie vor den Fluten des aufgestauten Nassersees zu retten. Jetzt verlaufen sich sogar nach Ankunft der Busse aus Assuan nur wenige Besucher auf dem weitläufigen Gelände, und in den höhlenartigen, seitlichen Nischen und Kammern des großen Tempels war uns manchmal sogar ein wenig gruselig zumute, weil wir niemanden mehr sahen oder hörten. Abu Simbel, ein Wunderwerk der Antike und durch die detailgetreue Verlegung in einen künstlich aufgeschütteten Berg auch eine technische Meisterleistung des zwanzigsten Jahrhunderts, ist ein von der westlichen Welt gerettetes und nun beinahe vergessenes Kulturerbe.

Nachdem auch die letzte kleine Besuchergruppe hinter dem Hügel verschwunden war, saßen wir am Ufer des Nassersees, schauten auf die einsamen Ramses-Kolosse und genossen noch einmal eines jener Hochgefühle, die in den Tempeln von Luxor und Karnak begonnen hatten. Zusammen mit dem wortgewaltigen Rainer Maria Rilke fragten wir uns, ob nach dem Gang durch die steinernen Papyrushaine nicht alles andere Menschenwerk verblasst, ob das touristische Umherirren in der Welt mit diesem Erlebnis nicht seinen Höhepunkt und sein Ende gefunden haben könnte: „Ist Reisen – Suchen? Nun, dies war ein Ziel. / Der Wächter an dem Eingang gab uns erst / des Maßes Schreck. Wie stand er niedrig neben / dem unaufhörlichen Sich-Überheben / des Tors. Und jetzt – für unser ganzes Leben, / die Säule –: jene! War es nicht genug?“

Allein am Nil

Information: Nilkreuzfahrten und Reisen auf den Spuren der ägyptischen Antike bieten unter anderem die Veranstalter FTI (www.fti.de) und Phoenix (www.phoenixreisen.com) an. Weil sich die Angebote und die Situation ständig verändern, sollte man sich vor der Buchung im Reisebüro beraten lassen. Auskunft über die Sicherheitslage geben die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes (www.auswaertiges-amt.de). Kulturhistorisch sachkundig und einigermaßen aktuell ist der Reiseführer „Flusskreuzfahrten Nil“ von Barbara Kreißl, Trescher Verlag 2017.

Quelle: F.A.Z.
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