Alaska

Das Gold schwimmt jetzt im Glas

Von Frank Rumpf
© Frank Rumpf, F.A.Z.

Am Hafenpier begrüßt ein Schild aus regennassen Holzplanken die Gäste und weist fast trotzig auf die Funktion des Kaffs als Hauptstadt hin: „Welcome to Juneau, Alaska’s Capital City“. Im Hintergrund schaukelt eine putzige rote Gondel den tausend Meter hohen Mount Roberts empor, Möwen stürzen sich auf Reste eines Fischbrötchens. Nicht etwa Anchorage mit seinen Ölkonzernen und Hochhäusern ist der Regierungssitz des größten Bundesstaates der Vereinigten Staaten, sondern das Dreiunddreißigtausend-Einwohner-Städtchen in den tiefen Regenwäldern des Südostens von Alaska. Keine Straße führt hierher.

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Juneau, das mit seinen bunten Häusern am tannengrünen Wasser des Gastineau-Kanals wie aus Skandinavien herbeigeweht wirkt, erreicht man nur vom Wasser aus oder aus der Luft. Die Lokalzeitung „Juneau Empire“ hat eine Auflage von viertausendfünfhundert Exemplaren und hebt statt Trump aus dem fernen Washington ein ortsansässiges Ungeheuer auf die Titelseite: „Face to Face with a Bear“. Eine cholerische Braunbärin hat einen jungen Wanderführer ins rechte Bein gebissen. Das sind die Nachrichten, die in Juneau zählen.

Fast wie das Rheintal, nur mehr Wind

Einst hatte Sarah Palin hier ihren Dienstsitz. Die ehemalige Gouverneurin von Alaska wurde 2008 bekannt als Kandidatin für das Vizepräsidentenamt. In Fernsehdebatten fiel sie nicht nur durch ihre Liebe zu Feuerwaffen und konservativen Familienwerten auf, sondern auch mit seltsamen geographischen Zuordnungen. Afghanistan hielt sie für ein Nachbarland der Vereinigten Staaten und Nordkorea für einen Verbündeten. Juneau liegt eben weit weg vom Rest der Welt. Es liegt allerdings auch sehr schön, mitten in einer Insel- und Fjordlandschaft, der Inside Passage, die das nordamerikanische Festland vom rauhen Golf von Alaska trennt. Im Sommer landet fast eine Million Passagiere mit Kreuzfahrtschiffen am Pier an, stürmt die Souvenirgeschäfte und besichtigt das wenig repräsentative Kapitol.

Die größten Gebäude sind die Kreuzfahrtschiffe: Eine Million Passagiere spucken sie jedes Jahr aus.
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Der schmale Gastineau-Kanal, eine dreißig Kilometer lange, aber nur anderthalb Kilometer breite Meerenge, an deren Ufern sich die Stadt erstreckt, ist von hohen, steilen Bergen umgeben. Man fühlt sich an das Rheintal erinnert, in vergrößertem Maßstab und aufgrund der Einsamkeit mindestens doppelt so verwunschen. Gleich hinter der Stadt beginnt das Juneau Icefield, eine gewaltige Kappe aus Eis, fast anderthalbmal so groß wie das Saarland. Die frostigen Winde, die vom Eis herab wehen, spürt man selbst an warmen Sommertagen auf den Straßen Juneaus. Im Herbst und im Winter rasen Stürme darüber hinweg, die mehr als zweihundert Stundenkilometer erreichen. Vor einigen Jahren wurden Messgeräte auf den Berggipfeln installiert. Sie sollten erforschen, wie stark die Winde wirklich brausen. Der nächste Sturm kam, die Messgeräte schlugen bis zum Anschlag aus, dann rissen sie aus ihrer Verankerung und segelten auf Nimmerwiedersehen davon.

„Steht der Bär auf Old Spice, sind Sie dran!“

Mehr als dreißig Gletscher speisen sich aus der Eiskappe. Einer ist der Mendenhall, der Hausgletscher der Stadt. Nach Souvenirgeschäften und Kapitol ist er die beliebteste Attraktion und kann sich rühmen, Amerikas einziger „Drive-in“-Gletscher zu sein. Juneau ist zwar nicht mit dem Auto erreichbar, doch ein Straßennetz gibt es, sogar eine Autobahn: den sechzig Kilometer langen Highway 7. Nördlich der Stadt führt er über die Glacier Spur Road direkt zur blauweißen Eiszunge des Mendenhall.

Das Gletschertal könnte von einem englischen Landschaftsgärtner angelegt sein mit einem hübschen See in der Mitte, in den sich Schmelzwasser und ein donnernder Wasserfall ergießen. Statt Enten schwimmen Eisbrocken herum. Am Ufer stehen lichte Haine aus Fichten und Laubbäumen, durchzogen von Wanderwegen. Schilder warnen vor Bären auf Lachsjagd. Ein Parkranger weist die Besucher darauf hin, dass sie geräuschvoll durchs Unterholz stapfen sollten, um die Fauna nicht zu überraschen, und duftendes Parfüm oder Rasierwasser nachteilig sein könnte: „Steht der Bär auf Old Spice, sind Sie dran!“ Eine ältere Dame muss das genau andersherum verstanden haben. Man hört nichts von ihr, als sie sich auf dem Pfad zum Wasserfall aus der entgegengesetzten Richtung nähert. Und sie verströmt schon einige Meter im Voraus Maiglöckchenduft. Gleichwohl folgt der Dame keine Horde interessierter Schwarz- und Braunbären.

Diese Stadt, so ist aus der Seilbahngondel am Mount Roberts zu erkennen, ist nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen.
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Wie aus einem alten James-Bond-Film wirkt das Gletscher-Besucherzentrum, ein steingraues Gebäude von 1962 mit halbrunder Aussichtsetage im futuristischen Stil. Es ist der größte Wurf eines Architektenbüros aus Juneau, das zuvor Nationalparks mit Toilettenhäuschen ausgestattet hatte. Nach mehr als fünf Jahrzehnten ist das Ende des Besucherzentrums in Sicht: Der Mendenhall schrumpft wie viele Gletscher in Alaska; in zwanzig Jahren wird seine blauweiße Zunge wohl hinter den Bergen verschwunden sein.

Hundert Wolldecken und eine Anstellung

Doch nicht alles Eis um Juneau schmilzt. Der Taku-Gletscher im Süden, der größte Auslassgletscher des Eisfelds, hat über die vergangenen Jahrhunderte an Größe mal verloren, mal gewonnen. Am besten gelangt man mit dem Hubschrauber hin, vom mit leichtem Größenwahn als „international“ bezeichneten Flughafen. Der halbstündige Flug führt am Gastineau-Kanal und wolkenverhangenen Bergen vorbei in eine stille, menschenfeindliche Welt. Der tief ins Land zum Gletscher schneidende Fjord ist unbesiedelt. Kein Schiff, kein Hütte, nur die Reste eines Kraftwerks sind zu sehen und ein Holzpodest, auf das der Pilot den Hubschrauber setzt. Die Passagiere erhalten dicke Jacken gegen die Gletscherwinde und Kopfhörer gegen Propellerlärm. Dann steigen sie in ein Airboat um, das mit infernalischem Dröhnen über das flache, milchig weiße Wasser zu kubistischen Wunderwerken rast. Über mehrere Kilometer ragen blau leuchtende Wände aus Zacken, Kegeln und Pyramiden empor, als hätte ein alaskischer Georges Braque Hand angelegt. Der Bootsführer stellt den Propeller ab und lässt das Schifflein treiben. Leise rauscht das Wasser, in der Ferne brechen krachend Gletscherstücke aus der Wand heraus und versinken zischend im Fjord.

Die Stadt Juneau entstand im späten neunzehnten Jahrhundert zu Zeiten des Goldrauschs. Die Geschichte verlief ein wenig kurios, und fast wäre es nicht zur Stadtgründung gekommen. Ein in Sachsen geborener Bergbauingenieur namens George Pilz hatte im hundertfünfzig Kilometer entfernten Sitka, der von den Russen übernommenen Hauptstadt Alaskas, unter den Ureinwohnern einen Wettbewerb ausgerufen: Jeder Indianer, der ihm Gold bringt, sollte als Belohnung hundert Wolldecken und eine feste Anstellung bekommen. Der Tlingit-Häuptling Kowee vom Stamm der Auke reiste im August 1880 zu Pilz und legte vielversprechendes Gestein aus seiner Heimat am Gastineau-Kanal vor. Pilz schickte ein Erkundungsteam los.

Bei der Namensgebung mit Freibier nachgeholfen

Viele Freiwillige gab es damals in Sitka nicht, und so begleiteten Häuptling Kowee zwei notorische Gauner und Trinker: Dick Harris und Joe Juneau. Sie erreichten die Meerenge zügig, aber das Wetter war schlecht, das Gelände unzugänglich. Zur Verblüffung des Häuptlings paddelten die beiden Goldsucher wieder zurück, bevor sie sich richtig umgesehen hatten. Doch Kowee wollte die hundert Wolldecken. Er folgte den Männern und legte Pilz neue Goldklumpen vor. Der schickte die murrenden Harris und Juneau postwendend wieder zum Kanal, und tatsächlich stießen nun auch sie auf Gold in dem von Erosionen und Gletscherabflüssen aufgeschütteten Geröll unterhalb des Eisfeldes, nicht weit von der heutigen Stadtmitte Juneaus.

Ein Parkranger weist die Besucher im Mendenhall darauf hin, dass sie geräuschvoll durchs Unterholz stapfen sollten, um die Fauna nicht zu überraschen.
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Claims wurden abgesteckt, eine Siedlung gegründet, die erste Neugründung in Alaska seit dem Kauf von den Russen im Jahr 1867. Hin und her ging es mit der Namensgebung. Zunächst hieß der Ort nach dem sächsischen Ingenieur Pilztown, dann Rockwell, dann Harrisburg – nach einem Vorschlag von Dick Harris. Doch bald gab es Streit um Harris und seine Geschäftspraktiken. Die Einwohner forderten einen neuen Namen, schließlich wurde Harris’ Kompagnon die Ehre zuteil. Angeblich hatte Joe Juneau bei der Abstimmung mit Freibier nachgeholfen. Lange genoss er die Ehre nicht. Auf der Suche nach Abenteuer und Gold zog er weiter und starb 1899 im Yukon-Territorium. Dass das kleine Juneau sich zum Wirtschaftszentrum entwickelte und sogar den Verwaltungssitz von Sitka übernahm – Anchorage existierte damals noch nicht –, erlebte er nicht mehr.

Bier statt Gold

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten diskutiert, ob Alaskas Hauptstadt verlegt werden sollte. Im Jahr 1974 sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung für eine Neugründung auf freiem Gelände zwischen Anchorage und Fairbanks nach dem Vorbild Brasílias aus. Doch als die Kosten für den Umzug bekanntwurden, etwa eine Milliarde Dollar, gab man in den achtziger Jahren die Pläne auf.

Gold findet man heute kaum noch, goldenes Bier, gebraut aus dem klaren Wasser des Eisfeldes, dafür in rauhen Mengen. Das würde den trinkfreudigen Stadtgründern Harris und Juneau vermutlich gefallen. Kaum eine Kneipe gibt es in den Weiten Alaskas, die das obergärige Altbier der in Juneau ansässigen Alaskan Brewing Company nicht im Ausschank hätte. Selbst die Eisenbahn serviert es in ihren Waggons. An der Franklin Street steht eine Niederlassung des 1986 gegründeten Unternehmens, dort werden allerdings nur Souvenirs verkauft. Gebraut wird eine Viertelstunde entfernt am Lemon Creek.

Ex-Banker Kent ist ein Wirtschaftsflüchtling im umgekehrten Sinn.
© Frank Rumpf, F.A.Z.

Dort, im rustikalen Besucherraum, wartet Kent aus Minnesota hinter der Theke. Der Siebenundzwanzigjährige mit Brille und rotblondem Haar arbeitete bis vor kurzem als Banker bei Wells Fargo. Jetzt verkauft er Bier statt Kredite, trägt T-Shirt und Fleecejacke statt Anzug und Krawatte. Er ist ein Wirtschaftsflüchtling im umgekehrten Sinn, hatte genug vom Amerika der Großunternehmen und freut sich, nun an abgelegenem Ort in wilder Natur seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Fast zwanzig Biersorten sind im Ausschank. Vom bernsteinfarbenen „Alaskan Amber“ über helles Hefeweizen bis zu einem mit Fichtennadelaroma angereicherten Weißbier, dem „Spruce Berliner“. Ungewöhnlich sind das nach Holzfeuer schmeckende „Smoked Porter“, vergleichbar dem Rauchbier aus Bamberg, und das zu einem Drittel mit Kaffee versetzte „Coffee Brown“. Verrücktes Alaska! Einsam liegt seine Hauptstadt, gewaltig sind seine Gletscher und tollkühn seine Bierbrauer. Nur ein Gerstensaft mit Lachsgeschmack fehlt noch.

In Juneau

• Kreuzfahrten: Die Inside Passage mit einem Zwischenstopp in Juneau hat unter anderem die Reederei Silversea bei ihren Alaska-Kreuzfahrten im Programm (www.silversea.com).

• Gletscher: Zum Mendenhall-Gletscher fährt der Stadtbus auf den Routen 3 und 4 (http://www.juneau.org/capitaltransit), oder man nimmt ein Taxi. Der Ausflug mit Hubschrauber und Airboat zum Taku-Gletscher kann hier gebucht werden: 8995 Yandukin Drive, Juneau, Alaska 99801, Telefon: 001/907/7 89 56 10 oder 1-800- 789-5610, www.coastalhelicopters.com/tours/airboat-tour/.

• Alaskan Brewing Company: 5429 Shaune Drive, Juneau, Alaska 99801-9540, Öffnungszeiten: 11 bis 18 Uhr (Oktober bis April), 11 bis 19 Uhr (Mai bis September), https://alaskanbeer.com/.

• Information: Fremdenverkehrsamt Juneau, 800 Glacier Avenue, Ste. 201, Juneau, Alaska 99801, www.traveljuneau.com.

Quelle: F.A.Z.
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