Bhutan

Am Tag, als der Schnee kam

Von Freddy Langer
 - 17:43
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Wir wären zu zehnt gewesen. Ein kleiner Trupp. Fast schon eine Expeditionsmannschaft. Ein Träger, ein Koch, ein Hirte. Dazu Tashi, mein Guide, und ich. Außerdem fünf Pferde. Sie sollten das Gepäck schleppen. Zelte, Matratzen und Schlafsäcke, Küchenutensilien und Lebensmittel, für jeden einen Beutel mit Reservekleidung und was man sonst noch so braucht bei einer dreitägigen Wanderung in Höhen zwischen drei- und viertausend Metern. Nach dem Frühstück wäre es losgegangen, von Haa aus, einem Weiler im Haa-Tal nahe der Grenze zu China. Über einen historischen Pass wollten wir durch die Ausläufer des Himalajas bis Paro wandern.

Zumindest ein Gipfel unterwegs ragt ein Stück weit über siebentausend Meter in den Himmel. Auf Postkarten ist er schneebedeckt, während sich unten in sattem Grün eine liebliche Landschaft ausbreitet wie im deutschen Mittelgebirge. Viel davon gesehen hatte ich nicht. Am Vortag hatte es geregnet. Die Wolken hingen tief und schwarz zwischen den Flanken der Berge, und bevor wir über eine schaglochübersäte Piste mit Tausenden von Kurven unser Quartier erreicht hatten, war es Nacht geworden. Im Lichtkegel der Scheinwerfer waren nur noch Schilder mit Warnsprüchen zu erkennen gewesen, an denen wir im Schritttempo vorüberhockelten. „Speed thrills, but kills“ stand da etwa oder „After whisky, driving risky“.

Am nächsten Morgen war alles weiß. Es hatte geschneit. Und es schneite noch immer. Dreißig Zentimeter hoch lag der Schnee bereits, der erste in diesem Jahr und der erste richtige Schneefall im gesamten Winter. Dabei waren es nur noch acht Tage bis zum Frühlingsbeginn. Die Angestellten im Hotel veranstalteten auf dem Parkplatz eine Schneeballschlacht, und aus dem Tal drang Kinderlachen herauf. Schneefall bedeutet schulfrei in Bhutan. Niemand ist darauf vorbereitet, nicht einmal im zweitausendsiebenhundert Meter hoch gelegenen Haa. Es gibt keine Räumfahrzeuge, keine Schneeschieber, auch keine Säcke mit Salz. Als der Fahrer eines Kleinbusses die Anlage verlassen wollte, kam der Wagen ins Rutschen und stellte sich im Tor des Hotels quer gegen die Wand. Dort würde er stehenbleiben und die Einfahrt blockieren, bis der Schnee geschmolzen war. Aber auf der Piste durch die Berge wäre er ohnedies nicht weit gekommen. Auf Tashis Mobiltelefon prasselten im Minutentakt Fotos von dramatischen Unfällen ein. Autos im Graben, Autos am Klippenrand, Autos auf dem Kopf. „We are stranded“, sagte er. „Wir stecken fest.“ Keine Wanderung. Und dann empfahl er mir, ausgiebig zu frühstücken und danach zu lesen, die hundert Kanäle im Fernsehen auszunutzen oder mit ihm und den anderen Guides Karten zu spielen. Das taten sie bis in die Nacht, und am Ende hatte Tashi umgerechnet dreißig Euro verloren. Aber er zuckte nur mit den Schultern. Er sei einmal in Singapur gewesen, auf Einladung eines seiner Gäste. Da habe er im Casino einiges mehr verloren. Sehr viel mehr, korrigierte er sich und nannte eine Summe, die ich kaum glauben konnte.

Betelnüsse statt Zigaretten

Das Hotel war leer um diese Jahreszeit, jetzt, etliche Wochen vor Beginn der Saison. Aber wahrscheinlich ist es nie richtig voll. Haa war bis zum Jahr 2002 für ausländische Besucher gesperrt. Und es gibt auch nicht viele Gründe, dort mehrere Tage zu verbringen. Der einzige andere Gast im Hotel war ein Amerikaner aus Bozeman, Montana. Er hatte ein Werbeplakat für den Yellowstone-Nationalpark mitgebracht. Es hing im Speisesaal. „Ein bisschen Heimat“, sagte er „ein bisschen Erinnerung an zu Hause.“ Er hieß Ken und überwachte seit nunmehr sechs Monaten den Bau einer Blockhütte, die der Premierminister gemeinsam mit dem Volk, wie er es formulierte, um die Vokabel Steuergeld nicht verwenden zu müssen, als Geschenk für die Königsfamilie in Auftrag gegeben hatte. Es sei ein bescheidenes Haus, führte er aus, wie überhaupt Bhutans Könige für ihre Bescheidenheit bekannt seien. Ein Wohnzimmer mit offenem Kamin, zwei Schlafzimmer, ein Bad, viel mehr war es nicht, trotzdem würden seine Männer noch etliche Monate lang an der Blockhütte bauen. Davor breite sich eine große Terrasse aus, von der aus man die wunderbare Landschaft des Haa-Tals genießen könne, eine angeblich überwältigende Natur, von der ich allerdings noch immer nichts gesehen hatte. Das Schneetreiben war dichter geworden. Als Ken mit einem Geländewagen zur Baustelle abgeholt wurde, beschloss ich, spazieren zu gehen.

Die Ortschaft Haa sei dreigeteilt in Lower Town, Upper Town und Main Town, erklärte mir die junge Verkäuferin im General Store, und als sie sagte, dass fünfzigtausend Menschen in und um Haa lebten, wuchsen meine Erwartungen. Nach links gehe es zum Tempel und dem alten Verwaltunsgebäude, nach rechts zur Hauptstraße mit den Geschäften, Restaurants und Bars. Beides sei je einen Kilometer entfernt. Ihr Haus stand in einer Art Niemandsland dazwischen, unmittelbar an der Weggabelung mit dem Sträßchen, das zum Hotel hinaufführt.

Sie lud mich auf eine Tasse Tee ein, die wir in der Bar ihres Hauses tranken. Ich dachte allerdings, wir säßen im Wohnzimmer. Es war der Raum, den man durchqueren musste, um in den Laden zu kommen. Bänke entlang der Wände, in einem Eck ein Fernseher, auf dem Fensterbrett ein Dschungel aus Geranien. Wir machten es uns an einem gusseisernen Ofen bequem. Während sie erzählte, schnitt sie grüne Blätter in Streifen und wickelte sie um Betelnüsse. Dann schob sie jeweils acht Päckchen in eine Tüte. Jeder in Bhutan kaue Betelnüsse, sagte sie, was ich schon nach einem Tag bestätigen konnte. Die roten Spuren im Schnee verrieten es. Und seit dem strengen Zigarettenverbot aus dem Jahr 2004, fügte sie an, sei der Verkauf noch einmal in die Höhe gegangen. Irgendwann tat es vor der Tür einen gewaltigen Schlag, ein markerschütterndes Krachen, fast wie ein Gewitter. Ein Obstbaum war unter der Last des Schnees zerborsten, und der halbe Stamm samt der gesamten Krone lag quer über der Straße. Nun, sagte die junge Frau, würde es im Herbst in ihrem Laden keine Pflaumen mehr geben.

„In Pursuit of Excellence“

Sie hieß Purmina, war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte in Indien Wirtschaftswissenschaften studiert, war aber zurück nach Haa gekommen und führte mit ihrer Mutter den General Store. Der Laden sah aus, wie man für Kinderbücher Läden malt oder wie Mädchen sie bei uns als Kaufladen zu Weihnachten geschenkt bekommen. Eine lange Theke, dahinter ein langes Regal und davor einige offene Säcke und große Schachteln. Es gab alles, was man im alltäglichen Leben braucht, adrett sortiert nach Art der Ware und nach Farben, weshalb die Arrangements im Geschäft an Farbfeldmalerei erinnerten. Hier Limonadenflaschen, dort Kekse, da Haarshampoo und Seife. Alles mit preußisch wirkender Pedanterie aufgeschichtet oder in Reih und Glied gestellt.

Nein, sagte sie, natürlich nutze ihr das Studium in diesem Laden nichts. Das sei in ganz Bhutan das Problem. Der Staat stecke viel Geld in die Bildung der jungen Menschen, baue neue Schulen und Universitäten und unterstütze Studien im Ausland. Aber zurück in Bhutan, gibt es für sie keine Stellen. In Thimphu, der Hauptstadt, habe die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen ein erschreckendes Ausmaß erreicht. Manche der jungen Leute rotteten sich schon zu Gangs zusammen. Nachts gehe man dort besser nicht allein auf die Straße. Das konnte ich von meinem Abend in Thimphu zwar nicht bestätigen, aber gehört hatte ich es schon öfter. Nein, sagte sie noch einmal, beim Führen des Ladens helfe ihr das Studium nichts. Da verlasse sie sich lieber auf die Erfahrung ihrer Mutter. Der Laden öffne um sechs am Morgen, die Bar schließe um neun Uhr abends. Da müsse man sehr genau wissen, was man tue.

Die Familie kam vor zwanzig Jahren nach Haa. Sie seien Nepali, und das allein hätte wohl eine abendfüllende Geschichte ergeben können, denn Bhutan hat sich im Umgang mit den Nepali kein Ruhmesblatt erworben. Aber zur Zeit der Vertreibungen war sie noch nicht auf der Welt, und ihre Familie hatte irgendwie Glück. Der Vater sei bei der Armee gewesen, deshalb zogen sie damals nach Haa, sicher sei mir die Kaserne am Ortseingang aufgefallen. Die Kaserne nicht, musste ich gestehen. Aber ein Plakat hatte ich gesehen, so groß wie ein Haus: Darauf war ein Soldat zu sehen, der auf eine Puppe buchstäblich zufliegt und ihr in diesem kühnen Sprung das Bajonett seines Gewehrs in den Bauch rammt. Es warb für die Wangchuk Lo Dzong Military School, in der indische Militärs unter dem Motto „In Pursuit of Excellence“ die Soldaten Bhutans ausbilden. Das Hauptquartier ist im alten Verwaltungsgebäude untergebracht. Und weil dort auch die öffentliche Leihbibliothek ihre Räume hat, ist es für jedermann zugänglich. Ich versprach Purnima, am Abend auf ein Bier vorbeizukommen, und machte mich auf den Weg dorthin.

In Bhutan darf kein Reisender auch nur einen Schritt ohne seinen Guide tun

Ein paar Militärlastwagen hatten mittlerweile eine Spur in den Schnee gefahren. Drei Frauen waren in derselben Richtung unterwegs wie ich. Sie trugen riesige Bündel auf dem Rücken, und bei ihrem Anblick schämte ich mich einen Moment lang, dass wir den Plan für unsere Wanderung so mir nichts, dir nichts aufgegeben hatten. Wegen eines bisschen Schnees. Tashi hatte allerdings, wie ich später erfuhr, für die Tour nur Tennisschuhe mitgebracht.

Der Bibliothekar war Inder. Er herrschte über dreizehntausend Bände, das meiste Militärliteratur, Angriff und Verteidigung, aufgeteilt auf zwei Etagen. Es gab aber auch Populäres, vor allem amerikanische Taschenbücher, ein ganzes Fach John Grisham beispielsweise und irgendwo ein zerfleddertes Exemplar des Bestsellers „Hollywood Wives“ von Jackie Collins. Noch bevor er überhaupt guten Morgen gesagt hatte, wollte der Bibliothekar von mir wissen, wo mein Guide sei. Denn in Bhutan darf kein Reisender auch nur einen Schritt ohne seinen Guide tun. Oder sollte es zumindest nicht tun. Kontrolle? Bei Tashi hatte es wie Gastfreundschaft geklungen. „I will always be by your side“, hatte er mich am Flughafen begrüßt. „You can always ask me. I am like your Walking Talking Google.“ Als ich dem Inder von unserer geplatzten Unternehmung erzählte, nahm er einen Wanderführer aus dem Fach „Travel“ und blätterte ihn auf zum Kapitel „Saga La Trek“. Und weil wegen des Schneefalls in Haa der Strom ausgefallen war, schob er mich damit sacht zu einem Fenster. Ich las.

Die Strecke, die wir hatten gehen wollen, war in der Region als „Haa Planters Trek“ bekannt. Es war ein uralter Pfad, den die Menschen aus Haa jedes Frühjahr genommen hatten, um den Reisbauern in Paro beim Pflanzen der kleinen Stengel zu helfen. Im Herbst wiederum kamen die Bauern aus Paro zu ihnen und brachten ihnen statt eines Honorars Säcke voller rotem Reis, eine Spezialität dieser Weltgegend. Der Autor stufte die Tour als „leicht“ ein, und der Weg verlief offenbar ganz und gar unanstrengend durch Wälder und Wiesen, also wirklich so wie in unseren Mittelgebirgen. Zu den Höhepunkten unterwegs zählte ein Fels mit zwei Augen und einem schiefen Mund – der gebannte Dämon Nyela, den der heilige Thangthong Gyelpo erst mit dem Schwert zurichtete und anschließend in einen Stein verwandelt hat. Auf der Passhöhe sei es Tradition, „Lhagyelo“ zu rufen, las ich: Möge Gott stets das Böse besiegen. Und von genau dort aus öffne sich der spektakuläre Blick auf den 7315 Meter hohen Mount Jhomolhari, Grenzberg zwischen Bhutan und Tibet.

Bruttonationalglück

Natürlich ist es die Nähe zu China, weshalb hier eine Garnison stationiert ist. Über den exakten Grenzverlauf herrscht bis heute Uneinigkeit. Für Indien ist Bhutan der Puffer zu der anderen Großmacht, und Indien tut alles dafür, Bhutan zu festigen. Die Zahl der Soldaten in Haa sei Staatsgeheimnis, sagte der Bibliothekar, trotzdem verriet er sie. Sie war beeindruckend. Die Zahl der Einwohner von Haa hingegen korrigierte er auf fünftausend.

Erst 1961 wurde die erste Straße zwischen Indien und Bhutan asphaltiert. Seitdem ist Indien der größte Handelspartner. Lastwagen fahren im Konvoi. Dabei nehmen Waren nur den Weg von Süden nach Norden, da Bhutan fast nichts produziert. Selbst Fleisch und Gemüse werden importiert, obwohl ein ganzer Gürtel des Landes einem Garten gleicht, in dem auf paradiesische Weise nahezu alles wächst. Den umgekehrten Weg nimmt nur der Strom. Die gewaltigen Wasserkraftwerke von Bhutan erzeugen so viel Elektrizität, dass sie die Haupteinnahmequelle des Landes darstellen. Alles umweltschonend gewonnen, wie es heißt, zumindest ohne einen einzigen Stausee. Wie ja überhaupt der Naturschutz im Zentrum der bhutanischen Verfassung fest verankert ist. Das führt dazu, dass der König das Land aufforsten will, obwohl schon jetzt fünfundsiebzig Prozent der Fläche bewaldet sind. Achtzig seien besser, soll er gesagt haben. Nie zuvor, hatte Ken im Hotel erzählt, sei in Bhutan ein Blockhaus gebaut worden. Die Bäume sind heilig, und wenn nicht die Bäume, dann wenigstens die reine Luft, die sie produzieren. Sie ist eines von mehr als hundert Kriterien, mit denen das Bruttonationalglück gemessen wird, Gross National Happiness, eine Bewertung der Gesellschaft und des Lebens fern vom Bruttosozialprodukt

Wenn eine Regierung ihr Volk nicht glücklich machen könne, steht seit 2008 in der Verfassung des Landes, habe sie ihre Berechtigung verloren. Mit seinem Versuch, das Glück zu messen, hatte der damalige König schon vor zwanzig Jahren für einiges Aufsehen gesorgt. Erst in jüngster Zeit begannen auch andere Länder, mit den neun Hauptindikatoren – darunter Gesundheit, Lebensstandard, Gemeinschaftswesen, Bildung sowie kulturelle und ökologische Vielfalt – die Zufriedenheit ihrer Bürger zu untersuchen, und es ist keineswegs so, wie sich ein Vorurteil hartnäckig hält, dass in Bhutan die glücklichsten Menschen der Welt lebten. Auf Platz eins stand über Jahre hinweg Dänemark, erst dieser Tage abgedrängt von Norwegen. Bhutan rangiert um den fünfzehnten Rang, erreicht mit seinem Bruttosozialprodukt allerdings, das ist das Überraschende, nur einen Platz um die hundertfünfzigste Stelle. Dass Glück und Geld einander nicht bedingen, gehört freilich auch zu den wesentlichen Erkenntnissen des Buddhismus.

Die Angestellten des öffentlichen Dienstes gehen in Kira und Gho zur Arbeit

Mittlerweile war so viel Schnee gefallen, dass der Buddha-Statue vor dem Verwaltungsgebäude ein mächtiger Helm gewachsen war, fast so, wie die Wachsoldaten vor dem Buckingham-Palast ihn tragen, nur eben weiß. Keiner der Soldaten konnte daran vorübergehen, ohne sein Handy aus der Tasche zu ziehen und ein Foto zu machen. Buddha-Statuen, Gebetsmühlen, Stupas, Tempel und Klöster sind in Bhutan omnipräsent. Man folge in Bhutan einem sehr gemäßigten Buddhismus, hatte mir Tashi, mein Guide, erzählt, als er im Tempel von Punakha entlang eines riesigen Wandgemäldes sämtliche Etappen im Leben Buddhas nacherzählte. So wie er es darstellte, könne jeder den Buddhismus interpretieren, wie er wolle. Was nicht heiße, dass die Menschen nicht tief religiös seien; im Gegenteil. Beten, opfern, meditieren ist unlösbar mit dem Alltag verknüpft. Noch das kleinste Bauernhaus hat einen eigenen Altarraum. Und in der Haupstadt Thimphu umrunden jeden Morgen Hunderte von Angestellten auf ihrem Weg zur Arbeit dreimal im Uhrzeigersinn die Stupa und bringen mit gehörigem Schwung die Gebetsmühlen zum Rotieren. Als mir Tashi von seinen drei taubstummen Schwestern erzählte, kommentierte er trocken: „Schlechtes Karma. Wer weiß, was sie in ihrem vorigen Leben angestellt haben?“

Der König habe gut daran getan, so scheint die einhellige Meinung zu sein, das Land ganz behutsam gen Westen zu öffnen und zu modernisieren. Im Fernsehen laufen indische Liebesschnulzen und amerikanische Actionfilme, aber zwölfjährige Knirpse träumen davon, Mönch zu werden, und die Angestellten des öffentlichen Dienstes gehen in Kira und Gho zur Arbeit, der traditionellen Kleidung, ein langer, enger Rock für Frauen, ein kurzes, weites Kleid für die Herren, dazu Strümpfe exakt so lang, dass ein schmaler Streifen des nackten Knies zu sehen ist. Selbst die sechsundzwanzigjährige Purmina hatte im Laden ihrer Mutter gesagt, dass sie die eigene Kultur mehr wertschätze als all die importierten Güter und Ideen. Dann hob sie hervor, wie schön es sei, wenn zu offiziellen Anlässen alle Menschen in Tracht kämen, und wie froh sie darüber sei, dass dies für immer so bleibe, denn das Gesetz schriebe es ja vor. Im Laden trug sie Blue Jeans und einen Rollkragenpullover.

Wie fröhlich bunt und festlich zugleich es bei solchen Anlässen zugeht, hatten wir zwei Tage zuvor in Punakha erlebt, bei den letzten Stunden eines Festivals, zu dem Tanzgruppen und Besucher aus dem Land für fast eine ganze Woche zusammengekommen waren. Tausend Menschen saßen im Hof des Dzong, der Festung der Stadt, auf dem Boden und verfolgten Musikdarbietungen, Volkstänze und Clownerien. Alle trugen die herrlichsten Gewänder. Manche der handgewebten Stoffe mit ihren verschwenderischen Mustern kosten ein Vermögen. In Thimphu liegen sie gerollt in schier endlos langen Regalen der vielen Stoffläden entlang der Hauptstraße. Die Geschäfte liefen gut, sagten die Händler unisono. Dafür sorge schon das Gesetz. In den Hinterstuben der Geschäfte ratterten die Nähmaschinen.

Schnee-Stupas bauen

Auch Künstler müssen sich in Bhutan um ihr Einkommen nicht sorgen. In Thimphu wird an der Akademie Kunsthandwerk in dreizehn verschiedenen Fächern gelehrt, von Schnitzen und Malen bis Weben, Schmieden und Bildhauern. Vier bis sechs Jahre dauert die Ausbildung, anschließend, so klingt es, können sich die Künstler ihre Aufträge aussuchen. Selbst das modernste Wohnhaus wird in Bhutan bemalt mit Drachen und anderen Glücksboten, die Türen sind aufwendig gestaltet, und während in den oberen Stockwerken noch Armiereisen aus Betonsäulen ragen, werden unten schon Fensterrahmen mit den schönsten Ornamenten eingesetzt.

In Haa hatte sich ein Künstlerkollektiv in einem Bauernhaus direkt gegenüber dem Tempel eingemietet. Aus Schnee hatten sie vor ihrer Tür eine fast zwei Meter hohe Stupa errichtet, so wie Kinder bei uns einen Schneemann gebaut hätten. Deshalb kamen wir ins Gespräch, und sie führten mich in ihre Ateliers. Düstere, kalte Räume, in denen früher Vieh untergebracht war. In einer Kammer waren Matratzen aufeinandergeworfen, es war ihr Schlafzimmer. In einem anderen war eine riesige Leinwand aufgespannt, an der sie gemeinsam arbeiteten. Es war ein Gruppenbild: der bärtige Lama, der 1616 von Tibet nach Bhutan gekommen war und in der Geschichte des Landes eine zentrale Rolle spielt, umgeben von seinen Schülern. Das Kloster auf der anderen Straßenseite hatte den Auftrag für die Arbeit gegeben.

Die Gesichter waren bisher nur als hautfarbene Flächen angelegt, aber die Konturen schon mit feinen Linien gezogen, inmitten eines Farbenrausches aus Blütenmustern direkt aus der Tube aufgetragen, wie Verzierungen auf einer Sahnetorte. Die Konterfeis, die sie nun einzufügen begannen, gingen auf Vorlagen aus dem siebzehnten Jahrhundert zurück, wie auch jede Geste, jedes Ornament und jede Lotusblüte exakt den traditionellen Darstellungen abgeschaut waren. Ob sie denn in ihrer Freizeit versuchten, das Korsett der Tradition zu sprengen und mit der Kunst neue Wege zu gehen, einen individuellen Ausdruck zu finden, Türen aufzustoßen, wollte ich wissen. Aber sie schienen die Frage nicht zu verstehen. In ihrer Freizeit, sagten sie irgendwann und schauten noch immer ein wenig irritiert drein, malten sie genau das Gleiche, nur im kleineren Format. Für die Souvenirläden.

Wie die Illustration in einem Märchenbuch

Über Haa wussten sie nichts zu erzählen. Sie seien Wanderarbeiter. Aber selbst die Besitzerin des Hauses, die vorbeischaute, um die Miete zu kassieren, konnte nicht viel über den Ort erzählen. Etwa tausend Einwohner lebten in Haa, schätzte sie. Fast alles Bauern. Der Ort wurde immer kleiner. Und damit auch meine Erwartungen. Trotzdem machte ich mich auf den Weg an sein anderes Ende. Zwei Kilometer durch Niemandsland.

Hunde schnüffelten im Schnee und trugen anschließend eine weiße Nase vor sich her. Einige Kinder kamen mir entgegen. Sie waren barfuß in ihren Latschen. Einige Autos schlingerten über die glatte Straße. Ein Fahrer bot mir an, mich ein Stück mitzunehmen, was ich gerne annahm. Doch nur dreihundert Meter weiter parkte er den Wagen bereits vor einer Hütte. Die Landschaft sah nun aus wie die Illustration in einem Märchenbuch. Die Zedern trugen ein weißes Kleid, und an den Weiden hing der Schnee so dick wie hingesprüht. Der Ort entpuppte sich als doppeltes Straßendorf. Eine Straße im Tal, Main Town, links und rechts Geschäfte und Restaurants. Eine Straße parallel ein wenig den Berg hinauf, Upper Town, links und rechts Geschäfte und Restaurants. Wegen des Schneefalls hatten die meisten Läden geschlossen. Durch die Fenster war das gleiche Angebot zu sehen, wie es bei Purmina in den Regalen gestanden und gelegen hatte. Lieferungen aus Indien und China.

In den Lokalen saßen Einheimische an Plastiktischen und aßen aus Plastiktellern irgendein buntes Nudelgericht. Als ich fragte, ob ich mich dazusetzen dürfe, lachten sie. An der Theke suchte ich mir gefüllte Teigtaschen aus, das meiste scharf, weil Chili eine wichtige Rolle in der Küche Bhutans spielt. Wir redeten kaum miteinander, dafür fotografierten wir uns gegenseitig um so mehr. Jeder hatte ein Handy dabei. Dann zeigten sie mir die Bilder ihrer Kinder und Frauen. Am Morgen aufgenommen, vor ihren Häusern im Schnee. Alle waren noch immer fassungslos angesichts des Wetters.

Königporträts in der Diskothek

Als ich Deutschland erwähnte, gratulierten sie mir zum Sieg der Fußball-Nationalmannschaft. Einer von ihnen hatte angeblich viel Geld auf diesen Sieg gewettet und entsprechend viel gewonnen. Und dann sagten sie noch, dass Mesut Özil der beste Fußballer aller Zeiten sei. Für den Abend empfahlen sie mir die Karaoke Bar. Dort wird keineswegs gesungen, sondern getanzt. Junge Frauen bieten an, sich gegen einen geringen Betrag auf einer Bühne zur Musik zu bewegen. Ich kannte das schon, von einem der vorhergehenden Abende. Die Frauen trugen den traditionellen engen Rock Kira, und weil die Heizung ausgefallen war, rote Daunenjacken. Die Lieder waren Pop aus Tibet, die Tanzschritte hingegen amerikanischen Musikvideos abgeschaut. Den Betrag, den die Besucher dafür zu bezahlen bereit waren, mussten sie in die Tabellen einer Art Haushaltsbuch eintragen, und er wurde dann samt Namen vorgelesen, bevor die Drei-Minuten-Schau begann. Manchmal nickte die Gruppe der Besucher anerkennend, manchmal lachten sie. Oft aber schauten sie gar nicht auf, sondern tranken ihr Bier und versuchten im Gespräch gegen den Lärm der Musik anzureden. Über der Bühne der kleinen Diskothek hingen zwischen Lichtgirlanden und bunten Scheinwerfern die fünf offiziellen Porträtfotografien der bisher fünf Könige von Bhutan.

Ich wolle mir die Sache mit der Karaoke Bar überlegen, versprach ich. Dann stapfte ich durch den Schnee zurück zum Hotel und beschloss unterwegs, mir diesen Weg am Abend zu ersparen. Außerdem war ich ja am gusseisernen Ofen des General Store auf ein Bier verabredet.

Bhutans verborgenes Shangri-La

• Reisen in Buthan sind nur als gebuchte Touren und in Begleitung eines Guides möglich. Jedes Arrangement kostet mindestens 200 Euro am Tag, das hat die Regierung vorgeschrieben, um einem Massen- und Billigtourismus, für den Nepal als abschreckendes Beispiel angeführt wird, zu verhindern. „High Value, Low Impact“ heißt das Konzept. Bisher besuchen kaum mehr als 150000 Menschen das Land im Jahr. Dennoch ist der Tourismus schon jetzt der zweitwichtigste Devisenbringer.

• Arrangements: Der deutsche Veranstalter erlebe-fernreisen bietet Reisen durch Bhutan mit seinem Bausteinprinzip an. Damit lassen sich Stadterkundungen, Rundreisen und mehrtägige Trekkingtouren beliebig kombinieren. Erste Informationen kann man der Homepage entnehmen, detailliert wird die Reise am Telefon mit Angestellten geplant und zusammengestellt, die jeden dieser Bausteine aus eigener Erfahrung kennen. Für Bhutan gibt es sieben solcher Bausteine von zwei bis neun Tagen Dauer. Zur Auswahl stehen beispielsweise das zweitägige (eine Nacht) Programm „Ha! Bhutans verborgenes Shangri-La“, das dreitägige (zwei Nächte) Programm „Paro und das Tigernest“ sowie der dreitägige „Chelela Trek“. Der Veranstalter beantragt das Visum und organisiert auch die Anreise über Indien oder Nepal. Die beste Reisezeit ist von März bis Mai sowie September bis Oktober. Information im Internet: www.erlebe-bhutan.de sowie telefonisch: 02837/6638135.

• Literatur: Hervorragend ist der Band „Bhutan“ von Andreas von Heßberg; erschienen im Trescher Verlag, 2016, 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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