Antarktis-Kreuzfahrt

In der Kältekammer der Welt wird einem warm ums Herz

Von Mechthild Müser
 - 10:49
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Das soll Kap Hoorn sein? Die Schiffe fressende Inselgruppe vor dem Südzipfel des amerikanischen Kontinents? Doch es tost kein Sturm, das Meer ist nur leicht gekräuselt, sechs Grad Lufttemperatur, Windstille. So zahm kann es hier also auch zugehen. Kap Hoorn ist unser Startpunkt für den Ritt ins antarktische Eis. In diesen Breiten mischen sich die Wasser von Atlantik und Pazifik, keine Landflächen bremsen Stürme aus. Also kann niemand sagen, was uns bevorsteht. Einige Passagiere der „Midnatsol“, des Kreuzfahrt-Expeditionsschiffs der norwegischen Postschifflinie „Hurtigruten“, tragen vorsichtshalber Pflaster gegen Seekrankheit hinter den Ohren, andere schlucken Pillen.

Die Antarktis beginnt laut Antarktis-Vertrag am 60. Breitengrad. Alles südlich davon gehört dazu: Wasser, Land, Eis, Tiere. Hier gelten Regeln, die auch anderen Teilen der Welt guttäten: nur friedliche Nutzung, vor allem wissenschaftliche, keine territorialen Ansprüche, Jagd und Fischfang verboten, ebenso der Abbau von Bodenschätzen. Schiffe müssen auf Schweröl verzichten, für Touristen gilt: Es dürfen nie mehr als hundert gleichzeitig an Land gehen. Ob all das schon reicht? Manche sagen: Nein! Und demonstrierten erst dieser Tage in Berlin etwa für die Einrichtung eines Meeresschutzgebietes im antarktischen Weddell-Meer.

Alle Schneelöcher zuschaufeln

Nebel liegt auf dem Wasser, als wir in die antarktische Konvergenzzone eintauchen, dort, wo sich die wärmeren Wassermassen der großen Ozeane mit dem Südpolarmeer mischen. Über dem Schiff kreisen Möwen und Sturmvögel. Grau ist der Himmel, grau das Meer. Antarktischer Sommer.

Nach eineinhalb Tagen tauchen die Südlichen Shetland-Inseln auf. Flache Eisschilde auf schwarzem Gestein. Pinguine schießen nah beim Schiff durchs spiegelglatte Wasser, zack, zack, zack. Wir sind in der Bransfield-Straße, benannt nach dem irisch-britischen Seefahrer Edward Bransfield, der am Ende der hundertfünfzig Kilometer breiten Meeresstraße das eisüberworfene Elephant Island fand, von dem vor gut hundert Jahren die Besatzung der Shackleton-Expedition gerettet wurde. An Bord machen Geschichten über Entdecker und Seehelden die Runde.

Dann folgen Verhaltensregeln für Anlandungen: kein Essen mit von Bord nehmen, keine Flüsse verschmutzen, zu Tieren mindestens fünf Meter Abstand halten, nur auf eingetretenen Pfaden laufen, aber nicht auf den Pinguin-Highways. Nichts mit zurück an Bord nehmen, weder Steine noch Fossilien, Knochen oder Federn. Wer ein Loch in den unberührten Schnee tritt, muss es zuschaufeln, damit kein Pinguin drin steckenbleibt.

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AntarktisHeimat der Pinguine

Die Saubermacher der Kolonie

Unter tiefhängenden Wolken nimmt die „Midnatsol“ Kurs auf Half Moon Island, die Reste eines Kraterrandes. Am Ufer eine argentinische Forschungsstation, rote Gebäude und Funkmasten, derzeit nicht besetzt. Aber sie wird nicht aufgegeben, bloß um Präsenz zu zeigen, falls sich eines Tages doch noch territoriale Ansprüche durchsetzen lassen.

Wir landen an und steigen an den geborstenen Resten eines Walfangboots vorbei durch Lavasand hinauf zu den Brutkolonien der Zügelpinguine. Lautes Gezeter erfüllt die Luft. Eltern rufen ihre Küken und Küken ihre Eltern, Nesträuber werden vertrieben, auch Männchen, die zur falschen Zeit Avancen machen. Andere Pinguine hocken so reglos auf ihren Nestern aus kleinen Steinen, als meditierten sie. Sie brüten noch. Ein penetranter Geruch durchweht die klare Luft. Zwischen den Nestern trippeln die Saubermacher der Kolonie, Weißgesicht-Scheidenschnäbel, darauf lauernd, dass bei der Fütterung etwas danebenfällt, und oft werden sie belohnt.

Der Himmel bleibt verhangen, Wind ist aufgekommen, und er begleitet uns bis Deception Island. Eine Vulkanspitze mit eingestürzter Caldera, vierzehn Kilometer im Durchmesser – noch immer aktiv! Erst 1970 zerstörte ein Vulkanausbruch auf Deception Island eine britische Forschungsstation, einen alten Walfängerfriedhof und große Teile einer stillgelegten Walverarbeitungsanlage. Als wir in die Caldera hineinfahren, sehen wir die Überreste.

Buckelwale beim Abendbrot

Die Bransfieldstraße war im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert eines der Hauptfanggebiete für Wale, noch 1908 waren etwa zweihundert Norweger am Ort. Hunderte von Walkadavern trieben damals in der Caldera und zogen Unmengen von Vögeln an. Der Gestank lässt sich nur erahnen. Bei einem Vulkanausbruch soll das Wasser regelrecht gekocht haben, die Walfänger konnten tagelang nicht von Bord gehen, und am Ende hatten die Schiffe keinen Unterwasseranstrich mehr. Wir passieren eine spanische Forschungsstation, die den Vulkanismus in der Region untersucht, daneben steht eine argentinische Station, alles sehr einfach.

Dann geht es tiefer hinein ins Eis. Über die Gerlache-Straße steuern wir auf die Antarktische Halbinsel zu und erleben ein großartiges Schauspiel: Buckelwale beim Abendbrot! Plötzlich sind sie in Scharen vor dem Bug, schwimmen zu zweit, zu dritt, zu viert, synchron, so dass der Kapitän gar nicht anders kann, als die Maschinen zu stoppen. Mit hochgestreckter Fluke tauchen einige Tiere ab. Schaut, wo sich Kreise aus Luftblasen auf der Wasseroberfläche zeigen, rät der mitreisende Biologe, da kommen sie wieder hoch. Die Wale umkreisen ihre Beute unter Wasser, binden sie in einen Blasenkreis und schießen dann mit weit offenem Maul in dieser Blasensäule nach oben. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder weit geöffnete rosa Mäuler voller Krill, eine Drehung, dann die Fluke.

Bei Neko Harbour landen wir in einem Feld aus Brucheis, Pinguine und Robben segeln auf Eisschollen vorüber. Eiswände brechen mit dumpfem Donnergrollen ab. Rosa-gelbliche Spuren im Schnee führen vom Strand hügelaufwärts, es sind platt getretene Pinguin-Pfade, die in zwei Kolonien von Eselspinguinen münden. Sonnenstrahlen bringen die Eislandschaft zum Glitzern, weiße Berge spiegeln sich so deutlich im klaren Wasser, als gäbe es dort unten eine ebenso prächtige Unterwasserwelt. Am Ufer machen Eselspinguine Morgenwäsche und rubbeln ihre Rücken an den Steinen im Flachwasser, ihre roten Schnäbel stechen hervor, als trügen sie Lippenstift. Mit Tenderbooten fahren wir in kleinen Gruppen zwischen den Eisbergen herum, manche schimmern türkis, andere sind durchsichtig. Pelzrobben räkeln sich wieder genüsslich in der Sonne, nachdem Jäger im achtzehnten Jahrhundert den Bestand von einer halben Million so gut wie ausgerottet hatten. Riesige glänzende Eiswände tauchen auf, dumpfe Schläge von Abbrüchen sind zu hören.

Vier Frauen von der Südpolpost

Auf dem Weg zur britischen Station Port Lockroy passieren wir hohe schwarze Felswände an Backbord und weiße aus Eis an Steuerbord, der Neumayer-Kanal im Zwielicht, dann vor uns eine Felseninsel, etwa so groß wie ein Fußballfeld. Hier betreiben vier Frauen von November bis März ein Postamt. Im Auftrag des britischen Antarctic Heritage Trust verkaufen sie Postkarten und Briefmarken, stempeln sie ab und verschicken sie über die Falklandinseln. Bis zu siebzigtausend seien es jeden Sommer, sagen sie.

Die Frauen wohnen bescheiden in einer Hütte, die im Zweiten Weltkrieg zu einer britischen Wetter- und Forschungsstation gehörte, sie schlafen im gleichen Raum und freuen sich, wenn sie auf einem Kreuzfahrtschiff eine Dusche nehmen können und zu ihrer Dosennahrung etwas frisches Obst ergattern. Natürlich müssen wegen des Antarktis-Vertrags auch sie wissenschaftlich tätig sein. So restaurieren und katalogisieren sie die Bestände der Station und zählen die Pinguine, die Nester, die Eier, die Küken und gehen der Frage nach, ob die Tiere sich durch die Touristen gestört fühlen. So haben die Briten ihren Weg gefunden, ihre Präsenz und eventuell spätere Ansprüche an diesem Teil der Antarktis zu sichern. Als wir abends an der Reling stehen, schießt ein riesiger Buckelwal unter dem Schiff hervor und präsentiert sich in ganzer Länge. Ein wenig ist die Antarktis wie ein Märchenland. Jetzt folgt eine grandiose Kulisse der anderen, bizarr geschliffene Eiskulpturen lösen einander ab oder verändern sich vor unseren Augen mit einer Drehung kopfüber. Wir steigen in Kajaks und wagen uns nahe heran an Eisberge, aus denen bläuliches Licht schimmert, nah heran an die vielen Muster, die Wind und Wellen eingeschliffen haben. Um uns herum überall Pinguine.

Der Lemaire-Kanal südlich des 65. Breitengrads ist der südlichste Punkt unserer Reise. Was uns dort völlig verzaubert, ist nicht das Eis, es ist das Licht. Gegen Mitternacht mischt sich die Abendröte mit der Morgenröte, lässt Eisberge und vergletscherten Fels in Gold erstrahlen, als dienten sie Göttern als Wohnstatt. Das Licht färbt den Himmel und das Wasser gelb und tief orange, verwandelt sich in Rosa, pastellenes Blau, Türkis und Violett, eine Farbexplosion, die uns völlig einhüllt.

Wer sollte sich hier verirren?

In Damoy Point besuchen wir eine alte Hütte der Briten, ausgestattet mit sechs Betten und einem Herd, wir finden Schaufeln und andere Werkzeuge, Schneeschuhe, Bücher und Konserven. Solch eine Hütte könnte einem Verirrten das Leben retten, aber wer sollte sich hier verirren? Dann geht es über den engen Neumayer-Kanal zurück in Richtung der Südlichen Shetland-Inseln, die Spiegelungen der Felswände erscheinen wie eine Parade grauer Hochhäuser unter Wasser. Der Kapitän schlägt einen weiten Bogen, um keinen Bergausläufer zu rammen. Im Zwielicht verwischen die Konturen zu Weiß.

Die Kältekammer der Erde scheint auf den ersten Blick noch intakt. Der Antarktis-Vertrag schützt sie vor Eingriffen, doch dem Klimawandel ist auch sie ausgeliefert. Gerade am Nordwestzipfel der Antarktis, der Chile am nächsten liegt, soll sich die Temperatur in den vergangenen fünfzig Jahren um fast drei Grad erhöht haben. Die Meereisflächen und Gletscher werden kleiner, an manchen Stellen bilden sich Seen unter dem Eisschild, Königskrabben, die zuvor die polare Zone gemieden haben, siedeln sich jetzt in Massen an.

Als wir wieder gen Norden fahren, bläst der Wind mit sechs Windstärken, es regnet, die See schlägt hohe Wellen, auf denen Schaumkronen tanzen, und wir bekommen eine leise Ahnung davon, wie sie auch sein kann, die Drake Passage.

Hurtigruten fährt jeweils von Oktober bis März mit den beiden Expeditions-Kreuzfahrtschiffen „Fram“ und „Midnatsol“ in die Antarktis. Die Reisen kosten ab 5000 Euro. Detaillierte Auskunft auf der Homepage: www.hurtigruten.de.

Quelle: F.A.Z.
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