Österreich

Hopfen und Malz erleichtern die Balz

Von Jakob Strobel y Serra
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Die Verwandlung des Ischgler Skifahrers vom Pistengourmet zum Partymonster vollzieht sich mit gespenstischer Geräuschlosigkeit immer bei der letzten Talabfahrt. Eben noch hat er sich als Dr. Jekyll im Schnee oben auf der Silvretta in einem der gepflegtesten Skigebiete der Alpen ganz ohne Hüttenhalligalli körperlich ertüchtigt, um fünfzehn Minuten später unten als Mr. Hyde des exzessiven Après-Ski anzukommen und in Lokalen wie dem „Kuhstall“ direkt an der Talstation der Silvretta-Bahn außer Rand und Band zu geraten. Dieser Stall ist eine Krawallbude in Ballsaalgröße, die mit Tierhäuten, Melkutensilien und Milchkannenbarhockern ihrem Namen alle Ehre macht, allerdings nichts von der stillen Beschaulichkeit einer Milchviehunterkunft besitzt. Stattdessen dröhnt ein DJ die entfesselte Menge mit ballermannesker Schlagermusik von Interpreten zu, die sprechende Namen wie Nick Nackig, Tim Toupet oder Peter Wackel tragen und im Wesentlichen über den Beischlaf in stark alkoholisiertem Zustand singen. Auch sonst bewegt sich das Niveau des Amüsements auf der Ebene der lustigen Sinnsprüche in Reimform, mit denen das Lokal verziert ist. „Es pisst der Ochs, es pisst die Kuh, in meinem Herzen bist nur du!“, liest man in tadellosen Jamben, oder aber, rhetorisch nicht ganz so geschliffen: „Ach, wie tut das Herz mir weh, wenn ich vom Bierglas den Boden seh.“ Das Publikum beherzigt diesen Aphorismus pflichtschuldig, vermeidet also jeden kardiologischen Schmerz, so dass die Stimmung bombig, der Umsatz bombastisch und die bange Frage berechtigt ist, ob sich Mr. Hyde jemals wieder in den netten Dr. Jekyll zurückverwandeln wird.

Ischgl ist ein Januskopf, so radikal bipolar wie Stevensons Held oder der habsburgische Doppeladler. Einerseits ist der Fünfzehnhundert-Seelen-Ort im Paznauntal Wiege und Welthauptstadt des Après-Ski mit dem höchsten Champagnerkonsum Österreichs, beginnt und beendet die Skisaison seit zwanzig Jahren größenwahnsinnig mit Konzerten von Superstars wie Elton John, Tina Turner, Kylie Minogue, Bob Dylan, Lionel Ritchie oder Mariah Carey und kennt keine Scheu, nach Liftschluss Go-Go-Girls auf dem Tresen tanzen oder in gleich vier Table-Dance-Bars die Hüllen fallen zu lassen. Andererseits ist Ischgl ein ganz normales Tiroler Bergdorf mit funktionierendem Gemeindeleben, das sich seine Seele vom Teufel des Kommerzes nach jedem Saisonende ziemlich unbeschadet zurückholt. Viel stolzer als auf die Stripperinnen sind die Ischgler auf ihren Schützen- und den Weihnachtskrippenverein, die freiwillige Feuerwehr und die hochaktive Landjugend, den Kirchenchor in Kompaniestärke und die größte Dorfmusikkapelle Tirols, die Tradition des Trachtennähens und die Beständigkeit des Viehbestandes, der seit dem Zweiten Weltkrieg stabil ist, weil fünf Dutzend Ischgler nebenbei noch immer Bergbauern sind.

Das waren viele Jahrhunderte lang alle im Dorf, bettelarme Bergler, die ihre Kinder schon im Grundschulalter auf zweihundert Kilometer langen Fußmärschen zum Arbeiten nach Schwaben schicken mussten, damit weniger Mäuler zu stopfen waren. Doch die Ischgler waren auch berüchtigte Schmuggler, die Nähe zum Engadin war zu verlockend und die Armut wieder nur eine Seite des Januskopfes. Die andere sieht man in der barocken Dorfkirche, in der eine Orgie anderer Art gefeiert wird, nicht mit Schlager und Schampus, sondern mit Blattgoldprunk und Stuckkaskaden und Deckengemälden im Stile Tiepolos, die prachtvollste Abbitte für die Sünde des Schmuggels, die schönste Blendung des Allmächtigen mit dem Glanz des Goldes.

Zwischen Plüsch und Pomp

Erst Anfang der sechziger Jahre, später als die meisten ihrer Tiroler und Vorarlberger Nachbarn, beschlossen die Ischgler, sich nach gottgefälligeren Einnahmequellen umzuschauen. Das ganze Dorf legte 1963 zusammen, um die ersten Lifte auf der Silvretta zu bauen – und konnte damals nicht ahnen, dass es damit den Grundstein einer spektakulären Erfolgsgeschichte legen und ein paar Jahrzehnte später zu den größten Wintersportorten Österreichs mit elftausend Gästebetten und weit mehr als jährlich einer Million Übernachtungen zählen sollte.

Am erstaunlichsten aber ist, mit welcher Konsequenz die bauernschlauen Ischlger dafür gesorgt haben, dass alles Geld brav im Dorf bleibt und bloß kein Grundstück in die Hände Auswärtiger fällt. Das sieht man Ischgl auf Schritt und Tritt an: Anders als in den französischen oder schweizerischen Skiorten gibt es hier keinen industrialisierten Massentourismus und keine globalisierten Investitionsungetüme, keine futuristische Retorte und keine Grandhotels internationaler Ketten, keine Probleme mit kalten Betten in Zweitwohnungen und keinerlei Anzeichen von Verwahrlosung oder Verfall. Pittoreske Folklore mit Almhüttenromantik und Bergbauernidyll hat der Ort trotz seiner siebenhundertjährigen Geschichte allerdings auch nicht zu bieten, selbst wenn es hier und da nach Kuhstall riecht.

Ischgl war das erste Skigebiet, das konsequent seine Schlepplifte gegen Sessellifte austauschte und damit erst in Österreich und dann im gesamten Alpenraum Standards setzte.
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Denn der Erfolg lässt sich nicht verbergen. Er hat das Dorf notgedrungen ein wenig seine Proportion verlieren lassen, weil fast jeder Ischgler irgendwann das Elternhaus aufgestockt, ausgebaut, in eine Frühstückspension, ein Hotel garni oder einen Vier-Sterne-Hotelkoloss umgewandelt hat, um sein Stück vom süßen Tourismuskuchen abzubekommen – selbst der Pfarrer macht mit und vermietet Fremdenzimmer. So ist Ischgl ein wenig aus dem Leim gegangen und hat sich dabei ungeniert in der Klischeekiste des Tiroler Barocks bedient. Monumentale Balkone, ausladende Erker und weit überkragende Dächer, Sgraffiti, Lüftlmalereien und kitschige Genreszenen, Bataillone von Erkern, Türmchen und Giebeln, Exzesse in Fichtenholz und allerlei Glitzerdekor vom Tiroler Nationalheiligtum Swarovski machen aus Ischgl einen typisch österreichischen Wintersportort zwischen Plüsch und Pomp, der keine ästhetischen Selbstzweifel kennt, jedenfalls meistens nicht. Denn an eine Fassade hat ein Hausbesitzer, als ahnte er das freche Naserümpfen mancher Besucher, mit typischem Tiroler Trotz diese Verse gemalt: „Es wird kein Ding so schön gemacht/Es kommt ein Spötter, der’s verlacht/Wärst du früher gekommen/Hätt ich von dir Rat genommen/Drum geh hin und schweige still/Es baut ein jeder, wie er will.“

Die Bergrestaurants könnten beinahe auch in Manhattan stehen

Selbstverständlich gehört auch die Liftgesellschaft noch immer zu hundert Prozent dem Dorf, und natürlich steht an ihrer Spitze seit drei Jahrzehnten ein Urischgler: Hannes Parth, dessen Bruder Alfons wiederum fast genauso lange der örtliche Tourismuschef ist. Doch von solchem Beharrungsvermögen sollte man sich nicht täuschen lassen. Das Ischgler Skigebiet ist alles andere als eingerostet. Vielmehr gilt es unter den österreichischen Wintersportarealen, die ohnehin für ihre Innovationsfreude berühmt sind, als das modernste, als eine Art perpetuierter Pionier – auch deswegen, weil die Ischgler mit ihrer Seilbahngesellschaft genauso schlau verfahren wie mit dem übrigen Tourismus: Seit ihrer Gründung haben sie sich kein einziges Mal eine Dividende auszahlen lassen und stattdessen sämtliche Gewinne komplett reinvestiert. Allein in den vergangenen fünf Jahren waren das sagenhafte zweihundertsiebzig Millionen Euro, eine Summe, die Ischgl für andere Alpengemeinden wie das Reich des Schneekönigs Midas erscheinen lassen muss. Da kann man sich schon einmal ein Schmankerl wie die Gondel auf den Piz Val Gronda leisten, die vierzig Millionen Euro gekostet hat und gar nicht für das Massenpublikum gebaut wurde, sondern ausschließlich Terrain für Freerider erschließt.

Ischgl war das erste Skigebiet, das konsequent seine Schlepplifte gegen Sessellifte austauschte und damit erst in Österreich und dann im gesamten Alpenraum Standards setzte. Es ließ sich vor allen anderen Wintersportorten seine Gondeln im Corporate Design des Ortes entwerfen, führte schon früh die Sitzheizung in Liftsesseln und Gondelbänken ein, verwendet umweltfreundliches Rapsöl als Schmiermittel, hat alle Berghütten an die lokale Kanalisation angeschlossen und tauscht die Laufrollen der Lifte lange vor deren theoretischem Lebensende aus, so dass im Skigebiet surrende Stille statt klappernden Krachs herrscht. Und die Bergrestaurants wie das „Pardorama“ könnten mit ihren offenen Stahlträgern und monumentalen Glasfronten auch in Manhattan stehen – gäbe es da nicht das Panoramaschild mit Almidyll am Eingang, das stolz verkündet, wie viele Rinder die Liftgesellschaft den Ischgler Bergbauern jedes Jahr zu einem sehr generösen Preis für ihre Restaurants abkauft, ein Fanal des kulinarischen Lokalpatriotismus, der kaum irgendwo so ausgeprägt ist wie in Österreich.

Wenn man genau hinschaut, erkennt man im Skigebiet die Insignien der Almwirtschaft, hier einen Melkstand, dort eine Hirtenhütte oder ein Gatter für die Hunderte von Kühen, die jeden Sommer auf den Almen stehen, auf der Idalp oder der Paznauner Thaya, deren Bergrestaurant die cleveren Ischgler nur unter einer Bedingung verpachten: Der Pächter muss sich im Sommer um den Almbetrieb kümmern, was nur ein einheimischer und kein fremder Gastronom kann. So bleibt man unter sich.

Dirndl in Minimalgröße brasilianischer Strandtextilien

Für die Viehwirtschaft hat man im Skigebiet aber selten Augen, dafür sind die Pisten zu überwältigend, diese Topographie der Silvretta, die aussieht, als sei sie eigens für den Wintersport erschaffen und vom Schneegott für den anspruchsvollen Skifahrer modelliert worden. Es ist ein ständiges Auf und Ab von Flanken, Kuppen und Bergrücken, kompakt gruppiert rund um die Idalp und bis hinunter nach Samnaun ins Engadin reichend, das ideale Gelände für breite Pisten in allen Neigungswinkeln und Schwierigkeitsgraden, eine Landschaft ohne schroffe Grate oder steinerne Zacken. Zweihundertfünfzig Kilometer Pisten, die Nacht für Nacht Meter für Meter präpariert werden, bietet Ischgl seinen maximal zwanzigtausend Skifahrern pro Tag, zwei Drittel davon oberhalb von 2300 Metern, was eine ungewöhnlich lange Saison von Ende November bis Anfang Mai ermöglicht. Da nimmt man auch gerne den Malus hin, den Ischgl mit vielen österreichischen Skigebieten teilt: Seine Panoramen können nicht mit der Dramatik der Dolomiten oder des Berner Oberlandes, nicht mit den grandiosen Silhouetten Savoyens oder des Wallis konkurrieren. Doch das ist egal, denn schließlich geht es hier ums seriöse Skifahren und nicht ums Herumstehen an der Champagner-Bar mit Matterhornblick.

Beim Ischgler Après-Ski herrscht eine perfektionistische Arbeitsteilung. Die Lokale an der Pardatschgratbahn wie die „Schatzi Bar“ oder das „Freeride“ verschreiben sich einer besonderen Form der Skigymnastik und schicken Lohntänzerinnen im Doppelschichtbetrieb ins Rennen.
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„Wir wollen keine Sauferei hier oben“, sagt Hannes Parth in einem Ton so trocken wie ein Martini, „wir schicken die Leute zum Trinken hinunter.“ Man darf ohne Übertreibung sagen, dass dieses Unterfangen sensationell gut gelingt – und dass man nur allzu gerne das Rezept für den magischen Trank ergründen würde, mit dem die Ischgler ihren Gästen gleich welchen Alters übernatürliche Feierkräfte verleihen. Der Spaß geht gleich nach der letzten Talfahrt los und endet für manche nicht vor zwei Uhr morgens, wovon am nächsten Tag auf der Piste, Wunder der Konstitution, nicht das Geringste zu spüren ist, im Gegenteil: Am vollsten sind die Gondeln hinauf zur Silvretta ganz in der Früh, und gegen Mittag schmeckt schon wieder ein maßvolles Glas hervorragenden österreichischen Weines, der in den Berghütten viel lieber als ordinäres Bier bestellt wird.

Beim Ischgler Après-Ski herrscht eine perfektionistische Arbeitsteilung. Die Lokale an der Pardatschgratbahn wie die „Schatzi Bar“ oder das „Freeride“ verschreiben sich einer besonderen Form der Skigymnastik und schicken Lohntänzerinnen im Doppelschichtbetrieb ins Rennen. Diese Amüsiermädchen stecken in Dirndln, die man auf die Minimalgröße brasilianischer Strandtextilien zusammengeschnitten hat, tragen Strapse zur Bargeldbefestigung, wobei die Spender mit Kuss und Selfie entlohnt werden, und zeigen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale mit einer derart routinierten Anzüglichkeit, dass die Stammgäste – immerhin siebzig Prozent des Ischgler Publikums – schon gar nicht mehr hinschauen. Manche lenken sich vom Gehopse der Go-Go-Girls sogar mit echtem derben Spaß ab: Sie stellen sich rund um einen Holzklotz auf und versuchen, mit der spitzen Seite eines Zimmermannshammers Nägel ins Holz zu klopfen.

Die Ischgler schämen sich ein wenig ihrer Strip-Lokale

In den Lokalen bei der Silvrettabahn stehen hingegen Gesang und gehobene Getränke im Mittelpunkt, schließlich ist das Ischgler Party-Publikum keine enthemmte Jugendgruppe, sondern eine gesetzte Gästeschar meist zwischen Anfang dreißig und Ende fünfzig. Die weniger Bedürftigen unter ihnen finden in der „Champagnerhütte“ Obdach, einer Art überdimensioniertem Almstadel mit Glitzerbeleuchtung, der seinen Namen in höchsten Ehren hält: Die Hütte ist bis unter die Decke mit Champagnerflaschen im Übergrößenformat dekoriert, deren Leerung per Datum und Unterschrift der Schaumweintrinker verifiziert wird – Trophäen der angeberischen Dekadenz, gewiss, doch niemand wird bestreiten, dass ein Laurent-Perrier oder Roederer Cristal in Salmanazar-Größe besser schmeckt als ein Dutzend Jägermeister-Fläschchen. Auf der Karte, die im besten österreichischen Anarchistenhumor so billig laminiert ist wie bei einer Würstlbude, stehen die üblichen Verdächtigen unter den Grandes Maisons de Champagne und für die ganz und gar nicht Bedürftigen auch ein Armand de Brignac Brut Rosé in der Nebukadnezar-Flasche für vierunddreißigtausend Euro oder ein Dom Pérignon Vintage Rosé im handlicheren Methusalem-Format für fünfundfünfzigtausend Euro – Ischgler Après-Ski ist eben kein Schnäppchenspaß, auch wenn der Ort auf protzigen Luxus à la St. Moritz fast vollständig verzichtet und seine Dorfstraße lieber mit Tiroler-Speck-Geschäften als mit Gucci-Boutiquen schmückt.

Gleich nebenan rumst es gewaltig in der dreimal so großen „Trofana Alm“, in der spätestens um sechs Uhr abends nicht nur die Getränke, sondern auch die Gäste auf den Tischen stehen, um sich gemeinsam mit Udo Jürgens lauthals nach New York zu träumen. Hier findet eine andere Form der Dekadenz statt, die plötzlich die „Champagnerhütte“ im hellsten Licht des Savoir-vivre erstrahlen lässt: Die Champagnerkühler werden auf grässliche Weise entweiht, indem man sie für Rum- und Colaflaschen missbraucht. Überhaupt gibt man sich in der „Trofana Alm“ etwas profaner als der Nachbar und erheitert die Gäste mit epikureischen Sinnsprüchen wie „Die erste Pflicht der Musensöhne ist, dass man sich ans Bier gewöhne“ oder mit erogenen Fürbitten dieser Art: „Hopfen und Malz erleichtern die Balz, Gott erhalt’s.“ Draußen auf der Dorfstraße übernehmen dann zu etwas späterer Stunde irgendwelche Tatjanas und Swetlanas die aktive Rolle bei der Balz: junge Damen mit osteuropäischem Zungenschlag im hautengen Skianorak, die frauenlose Männer enthusiastisch umarmen und zu einem alkoholischen Erfrischungsgetränk in der „Showarena“ eingeladen werden wollen, einer Mischung aus Casino, Discothek und Striptease-Bar, in der bei „Emergency Sexy Nurse Partys“ die medizinische Zweitversorgung sichergestellt wird. Der Champagner ist hier übrigens nicht billiger als in der „Champagnerhütte“ und ganz bestimmt nicht besser – wenn er überhaupt welcher ist.

Seit dieser Saison ist es verboten, nach acht Uhr abends mit Skischuhen durch den Ort zu stapfen, eine Notverordnung zum Schutz des Dorffriedens und der Skifahrer selbst, die von einem eigens engagierten Wachdienst rigoros durchgesetzt wird und für deutlich mehr Zivilisiertheit gesorgt hat.
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Man muss so ehrlich sein, vom Gram der Ischgler über die Exzesse ihres Après-Ski zu berichten, über Wildpinkler, Gruppengröler und weit Schlimmeres. Deswegen haben sie die Reißleine gezogen: Seit dieser Saison ist es verboten, nach acht Uhr abends mit Skischuhen durch den Ort zu stapfen, eine Notverordnung zum Schutz des Dorffriedens und der Skifahrer selbst, die von einem eigens engagierten Wachdienst rigoros durchgesetzt wird und für deutlich mehr Zivilisiertheit gesorgt hat. Wahr ist auch, dass die Ischgler sich ein wenig ihrer Strip-Lokale schämen und viel lieber über ihre vielen Gourmetlokale mit Gault-Millau-Hauben reden, von denen es inzwischen ein halbes Dutzend gibt und die Ischgls Janusköpfigkeit um ein drittes Gesicht ergänzen.

„Stüva“ und „Kuhstall“

Auch der Sohn von Tourismuschef Alfons Parth – in diesem Ort scheint wirklich alles in der Familie zu bleiben – hat sich dem guten Geschmack verschrieben. Im väterlichen Hotel Yscla steht Benjamin Parth im Feinschmeckerrestaurant „Stüva“ am Herd, ein stiller Mann von Ende zwanzig, der schon immer nichts anderes als Koch werden wollte und sich bis heute daran erinnern kann, was er als Siebenjähriger bei Alain Ducasse gegessen hat, später bei Heinz Winkler und Santi Santamaría sein Handwerk lernte und mit einundzwanzig Jahren der jüngste Haubenkoch Österreichs war. Er ist ein Purist vor dem Herrn, reduziert seine Teller bis an die Grenze des kulinarischen Minimalismus und gibt seinen Gästen trotzdem nie das Gefühl, dass sie etwas vermissen – höchstens den Lokalpatriotismus in der Küche, denn der Vaterlandsverräter Benjamin Parth gehört zu den besten Kunden von Rungis express in Ischgl.

Es ist eine verblüffend reife Küche für einen solch jungen Koch, immer klassischen Vorbildern verpflichtet, doch nicht in Konventionen erstarrt, stilistisch ungemein sicher, ohne sich hinter routinierten Aromenmustern zu verschanzen. Sein Langostino mit Erbsenschaum, Minze und Kaviar kann es an barocker Opulenz locker mit der Dorfkirche aufnehmen, während die Rotbarbe nicht mehr als einen Safran-Sud und ein Ratatouille-Küchlein braucht, um sich im Paznauntal so wohl zu fühlen wie im Atlantik. Der Steinbutt macht mit seiner Jakobinermütze aus Jakobsmuscheln und roh gehobelten Champignons auch im rauhen Hochgebirge eine glänzende Figur, das Dashi-Consommé zum Hummerschwanz könnte man guten Gewissens genauso Kaiser Akihito vorsetzen. Und spätestens beim Lammfilet mit einem Türmchen aus Tomate und Aubergine und einer Kartoffelpraline in einer Panade aus provenzalischen Kräutern vergisst man endgültig, dass man im hintersten Tirol und nicht an der Côte d’Azur isst – und dass da draußen das Après-Ski gerade seinem allabendlichen Höhepunkt entgegentorkelt.

Keine zwanzig Meter Luftlinie entfernt grölt im „Kuhstall“ die Menge „Mädchen aus Schwaben, die muss man nur fragen“, während der DJ immer wieder wie von Sinnen „zicke zacke, zicke zacke, hoi, hoi, hoi!“ brüllt. Auf der Dorfstraße gehen Tatjana und Swetlana weiter auf Männerfang, in der „Champagnerhütte“ wird wahrscheinlich gerade wieder ein Mittelklassewagen versoffen, über die Pisten auf der Silvretta huschen die Schweinwerfer der Raupen wie Schneeglühwürmchen. Und oben im Himmel blickt Janus, der Gott des Anfangs und des Endes, auf die Welt hinab und lächelt wohl leise vor sich hin.

Hopfen und Malz

Informationen: Tourismusverband Paznaun Ischgl, Dorfstraße 43, A-6561 Ischgl, Telefon: 0043/50/990100, www.ischgl.com/de.

Quelle: F.A.Z.
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