Wales

Auf einen Sprung nach Wales

Von Paul Ingendaay
© ZWEA, F.A.S.

Irgendwann, wenn man ein paar Minuten gehüpft hat, kommt man auf die Idee, die Netze zu prüfen. Die Faser, die einen in diesem düsteren Raum – groß wie eine Kathedrale, kühl wie ein Grab – über einem ziemlich tiefen Abgrund hält. Nur das Licht, das matt die surreal anmutende Halle beleuchtet, sagt uns, dass wir im modernen Leben sind, es leuchtet grün, blau, rot, orange und erinnert an das, was frühere Generationen „Diskothek“ und die Jungen von heute „Club“ nennen. Sind wir wahnsinnig? Gehen in eine alte Schieferhöhle und spielen Riesentrampolin? Aber darin besteht gerade der Spaß: etwas zu tun, was sich herrlich anfühlt und außerdem ein bisschen verrückt ist.

Das müssen sich die Leute der Firma Zipworld auch gedacht haben, als sie in das Projekt „Bounce Below“ nahe dem Nest mit dem unaussprechbaren Namen Blaenau Ffestiniog im nördlichen Wales investierten – und eine menschengemachte Höhle des britischen Bergbaus in eine sechsstöckige Hüpfbühne verwandelten. „Bounce Below“ ließe sich frei übersetzen mit „Hüpfen in der Tiefe“. Und so hüpfen, taumeln und rudern wir jetzt hier herum, nicht immer mit der größten Eleganz, aber korrekt ausgestattet mit Helm und Sneakers, bei zehn Grad Celsius auch am heißesten Sommertag, und je mehr Menschen auf einmal eines der Riesentrampoline bevölkern, desto unsicherer wird der eigene Schritt – und desto schneller purzeln wir. Was ja das Schöne daran ist. Das Umfallen. Das kindliche Gefühl, sich aus dem Gleichgewicht bringen, sich aus der Kurve tragen zu lassen, ohne dass es wehtut.

Wie dick also müssen die Netze sein, damit wir ihnen zehn, zwanzig Meter über dem harten Steinboden unser Leben anvertrauen? Das größte Trampolin hier im Inneren des Berges ist von der Weite eines kleinen Sportfeldes; ein Mensch zusätzlich darauf darf kaum mehr ins Gewicht fallen als eine Fliege. Ich prüfe mit der Hand: straff gespannte, knallharte Kunstfaser in mehreren Schichten. Vier Netze übereinander. Würde eines reißen, wären noch drei weitere da. Es müsste reichen.

Hopsen wie ein Frosch

Als ich liege, habe ich den Drang, die Augen zu schließen und mich vom Hüpfen der anderen herumrollen zu lassen wie ein Paket. Was für eine schöne Übung: nichts tun müssen, alle Verantwortung abgeben. Mir fällt ein, dass ich einen Notizblock dabeihabe, ich bin ja in Ihrem Auftrag hier, liebe Leserinnen, aber wer wäre blöd genug, auf diesem wabbeligen Untergrund schreiben zu wollen? Der Notizblock ist im Rucksack. Und der Rucksack liegt nicht mehr da, wo er vorhin noch lag – ein paar Hüpfer meiner Mithüpfenden, und er hat sich hopsend wie ein Frosch zwei Meter von mir entfernt. Soll er. Weit wird er nicht kommen.

Ich schaue nach oben. Die Kinder, die heute dabei sind, wechseln ständig die Etagen. Nach unten geht es durch eine bewegliche Rutsche, nach oben über eine seitlich angebrachte Treppe, in die Seitenhöhlen durch einen schwankenden Tunnel, so dass man sich festhalten muss, um nicht auf allen vieren zu landen. Hin und wieder ruft jemand oder lacht, aber es ist seltsam, der Berg zwingt uns allen eine gewisse Feierlichkeit auf, als wären wir in der Kirche. Das Angemessenste innerhalb dieser uralten Wände ist Schweigen. Dann habe ich es. Das Raumempfinden erinnert ein bisschen an Weltall – oder zumindest unser filmgeprägtes Bild davon.

Plitsch! Ein Tropfen hat sich von der Höhlendecke gelöst, die hoch oben im Halbdunkel zu ahnen ist, und ist mir auf die Nase gefallen. Jetzt frage ich mich, ob es hier auch Fledermäuse gibt. Die Betreuer, die uns hereinbrachten, haben nichts davon erzählt.

Offiziell heißt die Schieferhöhle Llechwedd, aber da ich das genauso wenig aussprechen kann wie den Namen des benachbarten Städtchens, lasse ich es gleich bleiben. Besucher zahlen den nicht ganz unerheblichen Preis von 25 britischen Pfund (20 Pfund für Jugendliche unter siebzehn Jahren), bekommen einen Helm und werden durch einen langen Gang in die Höhle geführt. Empfohlen wird robuste Kleidung, man könnte beim Hüpfen schmutzig werden. Sandalen oder Flipflops sind nicht erlaubt. Besucher mit schwachem Herzen oder in schlechter Verfassung sollten klug sein und aufs Hüpfen verzichten. Einmal in der Höhle, hat man eine Stunde, um sich frei im Gewölbe zu bewegen und zu hüpfen, was das Zeug hält. Wer ordentlich hüpft, dürfte nach sechzig Minuten fix und fertig sein.

Riesige Stollen und unterirdische Räume

Der Spaß für die ganze Familie hat einen ernsten Hintergrund: das Verschwinden der Arbeit im Bergwerk und der Untergang eines ganzen Industriezweigs. In den achtziger Jahren der Thatcher-Ära waren die Streiks in den nordenglischen Kohleminen legendär und wurden von Sting besungen. Die britische Popband Flying Pickets benannte sich nach den mobilen Streikposten und sang 1983 „Only You“. Genützt haben Widerstand, politischer Protest und sanfte Lieder gar nichts.

Die Auszehrung der Schieferindustrie dagegen hatte schon viel früher begonnen. Sie ähnelte dem Verenden eines Tiers, dessen Habitat sich unwiderruflich verändert hat. So ist das nördliche Wales heute von riesigen Stollen und unterirdischen Räumen durchzogen, die längst keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr haben. Als hätte die Hand eines Giganten am Fels gekratzt, zeigen die Berge dieser idyllischen Landschaft, in der einem Schafe nachschauen, vielfache Kerben, Stufen und tiefe Zerklüftungen: Dort haben die Kumpels des 19. Jahrhunderts auf dem Rücken von Eseln die anthrazitfarbenen Blöcke abtransportiert, um sie weiter unten zu verarbeiten. Schiefer hat den Prozess der britischen Industrialisierung und die Bevölkerungsexplosion der Inseln treu begleitet. Gab es 1801 in Großbritannien erst neun Millionen Menschen, waren es 1881 schon 26 Millionen. Entsprechend verdreifachte sich auch die Zahl der Häuser. Mehr als fünf Millionen Dächer wollten mit Schiefer gedeckt sein.

Als wären die Arbeiter eben gegangen: Schiefermuseum am Dinorwig-Steinbruch
© Paul Ingendaay, F.A.S.

Doch die walisischen Bergwerke produzierten nicht nur für den heimischen Markt. Da Schiefer schwer, unhandlich und außerdem empfindlich ist, war es leichter, ihn vom nächsten Hafen aus zu verschiffen, als die bleischwere Fracht über holperige Eselspfade durchs Landesinnere zu schleppen. So kam es, dass der Schiefer zum britischen Exportschlager wurde. Vom späten 19. Jahrhundert bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg nahm Deutschland ziemlich konstant achtzig Prozent der jährlichen walisischen Schieferproduktion ab.

Eine halbe Autostunde entfernt von der Llechwedd-Schieferhöhle liegt der Dinorwig-Steinbruch. Hier wurde bis 1969 voll gearbeitet, dann verloren viele ihren Job, die Letzten gingen erst im Herbst 2016. So ein Steinbruch will offenbar ordentlich abgewickelt sein. Heute ist am Fuß des Bergs das Nationale Schiefermuseum untergebracht. Die geschlossene quadratische Anlage mit der Mauer und den Türmchen an der Ecke erinnert an ein britisches Fort im Kolonialstil. Schienen führen über das Gelände. In den Räumen sind Möbel und Gerätschaften so bewahrt, als wären die Arbeiter am Abend zuvor nach Hause gegangen. In einem eigenen Turm dreht sich das mit fünfzehn Metern Durchmesser größte Wasserrad auf dem britischen Festland. Ein Mann von Mitte fünfzig, er nennt sich George, führt der Besuchergruppe vor, wie Schiefer gespalten wird. George sitzt auf einem Stuhl, hat zum Schutz des Knies das Stück eines alten Autoreifens auf dem Bein und demonstriert uns die Präzisionsarbeit seines Handwerks: Hammer, Meißel, ein gutes Auge und viel Gefühl in den Pfoten. An der Wand hängen die verschiedenen Größen der Schieferplatten, die in der damaligen Industrie üblich waren.

Sechs Generationen im Schieferbergbau

Jetzt schneidet er sorgfältig ein Herz zu. Er macht es spannend, so dass wir lange Zeit nicht wissen, was er da fabriziert. Dann hält er das Herz hoch, wir lachen, manche sagen: Unglaublich! George durchmustert unsere Reihen, dann wählt er einen Herrn und sagt: Hier, schenken Sie das doch Ihrer Frau. Der Herr lacht. Seine Frau errötet. Mit Schiefer kann man fast alles machen.

Mit Menschen leider auch. George erzählt, die letzten sechs Generationen seiner Familie hätten im Schieferbergbau gearbeitet. Was er nicht zu sagen braucht: dass er der Letzte ist. Dass mit ihm die Tradition ausstirbt. Als es vorbei ist, nickt George uns zu und sagt: Schön, dass Sie da waren. Kommen Sie wieder.

Ich frage ihn, wie lange er schon im Schiefermuseum arbeite. Ein paar Monate, lautet die Antwort. Dann ein verlegener Blick. George muss nichts erklären. Es dürfte sein wie bei Buffalo Bill, der aus dem wirklichen Westernleben ausstieg und zum Hauptdarsteller einer fahrenden Westernshow wurde. Menschen sind eben nicht ewig. Nur Höhlen.

© F.A.Z., F.A.S.

Der weg nach Wales

Anreise Der nächste Flughafen ist Liverpool (z. B. Blue Air direkt ab Hamburg oder Easyjet ab Berlin), dann weiter mit dem Mietwagen.

Bounce Below Eine Stunde Hüpfen kostet 25 britische Pfund, 20 Pfund für Jugendliche unter siebzehn Jahren (zipworld.co.uk).

Unterkunft Das „Royal Oak“-Hotel in Betws-y-Coed ist eine typisch britische Unterkunft mit Flair.

Informationen zum Schiefermuseum am Dinorwig-Steinbruch unter museum.wales/slate/

Weitere Informationen unter visitwales.com und visitbritain.com

Quelle: F.A.S.
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