Auf Sand landen

Liegt ein Hai auf der Landebahn

Von Andreas Spaeth
 - 18:25

Das da unten könnte die Südsee sein. Tiefblaues Wasser, breite, schneeweiße Strände, üppiges Grün dahinter. Und das nicht einmal eine Flugstunde von Glasgow entfernt.

Annag Bagley senkt die Nase der 19-sitzigen Twin Otter, legt sie in eine Linkskurve. Die 35-Jährige sitzt auf dem linken Sitz im Cockpit und hat ihre rechte Hand über der Instrumentenkonsole an den Schubhebeln. Langsam drosselt die Pilotin die Kraft der beiden Pratt & Whitney-Motoren, das Dröhnen der Propeller wird leiser. Annag Bagley ist in Barra geboren und aufgewachsen, dieser kleinen Insel der Äußeren Hebriden westlich von Schottland, 90 Meilen übers Wasser von Oban entfernt.

Ein sicherer Hafen

Rund 1200 Menschen leben hier, früher war die Insel strategisch wichtig, weil sie den ersten sicheren Hafen nördlich von Irland bot. Noch bevor die Kelten hier siedelten, gab es Menschen auf Barra, Piraten machten die Insel zu Zeiten der Wikinger zum Ausgangspunkt ihrer Raubzüge auf Nachbareilande mit Namen wie Fuday, Flodday und Pabbay.

Doch daran denkt Annag Bagley jetzt nicht. Und die nur sieben Passagiere in der kleinen Kabine auch nicht. Wer noch nie hier, war könnte jetzt erschrecken: Wo zum Teufel sollen wir hier eigentlich landen? Die Twin Otter überfliegt einen endlos breit scheinenden Strand, sinkt weiter. Rechts huscht ein kleines Abfertigungsgebäude unter der Tragfläche vorbei, doch durch die Cockpitscheibe sieht man nur Wasserlachen und Watt voraus. Eine Tür zwischen Piloten und Passagieren gibt es hier nicht.

Nur deswegen hergekommen

Und dann ist es so weit, manche Besucher kommen gar aus Australien her, um das zu erleben: die weltweit einzige Landung eines Linienfluges am Strand.

Mit einem kleinen Hüpfer setzt die blau-weiße Twin Otter auf den Sand auf, es rüttelt ein wenig, die vom Wasser gleichmäßig geformten Riffeln am Strand sind in der Kabine zu spüren. Trotz Ebbe steht noch ein wenig Wasser auf der „Landebahn“ – auch wenn von einer Piste nichts zu sehen ist. Hüfthoch spritzt es an den beiden Rädern des Hauptfahrwerks hoch, wie ein Geländewagen pflügt das Flugzeug hindurch und bremst schnell ab. Dann stellen Annag Bagley und ihr Copilot die Maschine auf trockenem Sand nahe dem Terminal ab. Flug BE6851 aus Glasgow ist pünktlich am Ziel. „Willkommen in An Tràigh Mhòr auf meiner Heimatinsel Barra“, sagt die Pilotin zum Abschied. Das heißt so viel wie „großer Strand“. Annag Bagley läuft die paar Meter über Muschelreste und getrocknete Algen zum Gebäude. „Ich habe schon als Kind hier den Flugzeugen zugesehen, dass ich die jetzt selbst fliege, war immer mein Traum, diese Flüge sind die Lebensader für die Insel.“ Wenn sie Dienst hat, ist sie meist einmal am Tag hier, allerdings kaum eine halbe Stunde lang, bis der Rückflug ansteht. „Unser Flugplan richtet sich natürlich nach den Gezeiten, bei Flut kann man nicht landen, daher finden unsere täglich zwei Flüge nach Glasgow innerhalb von zwei Stunden statt.“

Ungewöhnlichster Flughafen der Welt

In dem kleinen Café im Terminal ist es brechend voll. Schulferien in Schottland, viele Insulaner wollen aufs Festland. An der Wand hängen historische Fotos, im August feierte der Flughafen von Barra, der ungewöhnlichste der Welt, seinen 80. Geburtstag. „Im August 1936 hat das hier angefangen, damals wurde nur geflogen, wenn genügend Buchungen eingegangen waren“, sagt Michael Galbraith. „Es hat nie einen Unfall gegeben, aber es bleibt schon mal ein Flieger im losen Sand stecken“, berichtet der Flughafenchef. Er sitzt auf dem Tower und nimmt plötzlich eilig sein Fernglas ans Auge, zückt sein Funkmikrofon: „Scott, kannst du mal eben rausfahren und die Muschelsammler da vorne wegschicken, wir haben gleich einen Start“, weist der Manager seinen Feuerwehrchef an. Der besteigt daraufhin einen Golfkarren und saust ins Watt hinaus, um unbedarfte Touristen aus der Gefahrenzone zu bringen.

„Wir schalten ein Blinklicht auf dem Tower an, wenn eine Landung bevorsteht, der Windsack draußen weht auch nur, wenn aktiver Flugbetrieb herrscht, aber das ignorieren manche Leute oder wissen es nicht“, sagt Galbraith. Seit 22 Jahren arbeitet der Schotte auf dem Flughafen Barra, „am Anfang hatten wir nur einen provisorischen Container“, erinnert er sich, vor 20 Jahren wurde dann das jetzige Gebäude hingestellt.

Immer auf das Gewicht achten

Genau 10 658 Passagiere wurden hier 2015 abgefertigt, verteilt auf 947 Linienflüge. „Im Sommer platzen wir hier aus allen Nähten, da sind die Flüge ausgebucht, aber wir können wegen des Gewichts keine größeren Maschinen als die Twin Otter einsetzen, und das enge Zeitfenster der Gezeiten erlaubt auch nicht mehr Flüge.“ Zumal gerademal zwei Flugzeuge bereitstehen, die die schottische Regierung beschafft hat, sie subventioniert auch die Tickets. Ab 36 britische Pfund (40 Euro) ist der einfache Flug ab Glasgow schon zu haben.

Heute scheint die Sonne, und auch sonst ist das Wetter kein großes Problem für den Flugbetrieb. „Die Fähre von hier nach Oban ist bei Wind oder Nebel viel anfälliger als die Flüge“, sagt Galbraith, trotzdem gibt es an bis zu 60 Tagen im Jahr Flugstreichungen, „das liegt aber viel häufiger an technischen Problemen mit den Flugzeugen als am Wetter.“

Der Traktor glättet den Strand

Auch wenn man es selbst vom Tower aus nicht sehen kann: Barra verfügt über drei ausgewiesene Start- und Landebahnen, zwischen 670 und 850 Meter lang, damit die Flugzeuge immer gegen den Wind anfliegen können. „Markiert sind die nur mit jeweils einer Holzbake an beiden Enden“, erklärt Galbraith. Und verrät, dass auch Pisten, die man gar nicht sehen kann, eine Menge Arbeit machen: „Wir müssen die Bahnen ständig mit Traktoren glätten und Sandbänke abtragen, weil das sonst zu uneben wird für die Flugzeuge, zweimal am Tag fahren wir alles ab.“

Das ist wichtig, weil die Atlantikwellen, die den Flughafen von Barra regelmäßig fluten, oft auch Dinge mitbringen, die auf einer Flugpiste wahrlich nichts verloren haben: Ansammlungen von Seetang oder Algen müssen die Mitarbeiter abtragen, auch Treibholz oder Plastikverpackungen werden entfernt. „Man muss wirklich auf alles gefasst sein hier“, sagt der Flughafenchef, den nichts mehr überrascht in Barra. „Vor kurzem haben wir hier einen zwei Meter langen toten Hai auf der Piste gefunden, auch ein verendeter Delfin lag schon mal auf der Bahn.“

Der Weg auf die Äußeren Hebriden

Der Weg auf die Äußeren Hebriden Anreise Barra, die größte Insel am südlichen Ende der Äußeren Hebriden, wird von Loganair meist zweimal täglich ab Glasgow angeflogen, Buchung unter www.flybe.com, die Flughafen-Website ist: www.hial.co.uk/barra-airport. Ein Flug kostet etwa 100 Euro. Allgemeine Informationen über Barra siehe www.isleofbarra.com, über Schottland im Allgemeinen am besten auf der offiziellen Seite des Landes: www.visitscotland. com/de-de
Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGlasgowSchottland