Auf zwei Rädern

Patagonien-Express

Von Peter Carstens
© Peter Carstens, F.A.S.

Als Bruce Chatwin vor vierzig Jahren im rückwärtigsten Süden eintraf, herrschten dort uniformierte Rohlinge, denen nicht nur das Blut ihrer Rindersteaks an den Händen klebte. Einige überlebende Anarchisten hausten noch in Patagonien, kroatische und walisische Pioniere, ebenso die letzten Yámana-Indianer. Dazu ein paar Wellblechdächer, Schafe und Zäune. Ansonsten sah Chatwin dieselbe Gegend wie vor zwanzigtausend Jahren.

Der junge Brite reiste mit seinem Notizbuch in den Süden, weil er angeblich nach einem Brontosaurus suchte, von dem seine Großmutter ein behaartes Hautfetzchen besessen hatte, das sie in einer Glasvitrine aufbewahrte. Tatsächlich trieb Chatwin pures Fernweh und die Lust, ein legendäres Reisebuch zu schreiben über eine ultimative Gegend. Sie erinnerte ihn zunächst an den Mond. Obwohl wir vermutlich beide nie auf dem fahlen Trabanten gewesen sind: Die Weiten Patagoniens haben mit dem Mond wenig gemein. Was vom All oder einem Flugzeug aussehen mag wie stumme Ödnis schwarzer Vulkangletscher und trostloser Pampa zwischen endlosen Pulsschlägen von Atlantik und Pazifik, ist aus der Nähe betrachtet eine Landschaft, wo der Ursprung unserer Welt erfahrbar wird. Hier ist der Himmel hundert Kilometer weit. Wütende Winde dreschen gelblich beige Coiron-Gräser in den Pampas und fegen über Gletscher und Blaumilchseen. Darunter verborgen liegen erloschene Lagerfeuer, Dinosaurierknochen, Öl und Lava. Und dann blickt einem ein schwarzes Wildpferd in die Augen, ein Gaucho winkt aus der Ferne, ein Bussard wird für Momente zum Reisegefährten.

Wie ein Leuchtturmwärter auf einer Benzininsel

Das passiert allerdings nur beim Motorradfahren. Es gehörte sich in Patagonien, mit neunzig Sachen über die Schotterpisten der Carretera Austral und der berüchtigten Ruta 40 zu brettern oder mit 150 Stundenkilometern auf einem porösen Asphaltband zu liegen, dessen blassgelbe Seitenstreifen sich am Horizont zum Punkt verengen. Wie schön eine Tankstelle sein kann, wenn sie nur noch alle dreihundert Kilometer auftaucht, besetzt von einem einzelnen, heroischen Pumpenmann, der wie ein Leuchtturmwärter auf seiner Benzininsel hockt. Im Kassenhäuschen werden Heizungsluft angeboten und Getränke. Der Kaffee ist in Patagonien eine geographische Angelegenheit: Fauchen Espressomaschinen, sind wir in Argentinien. Steht öliger Filterkaffee auf der Platte, war es Chile. Fast sicher. Wir sind grenzenlos dankbar für das Benzin und fahren weiter.

Wütende Winde dreschen gelblich beige Coiron-Gräser in den Pampas und fegen über Gletscher und Blaumilchseen.
© Peter Carstens, F.A.S.

Chatwin ging bei seiner Reise in den siebziger Jahren viele Meilen zu Fuß, oder er trampte, so wie viele seiner heutigen Nachfahren. Wir aber nahmen das Motorrad. Die Strecke war lang. Fünftausend Kilometer von Osorno bis zum Ende der Panamericana in Ushuaia. Rund ein Drittel des Weges führte über unbefestigte Straßen, staubige Pisten, glitschige Lehmstrecken und neun Arten von feinem, grobem, vereinzeltem, breiartigem, rundem oder scharfem Schotter. Wir waren acht Motorräder und drei Winchester-Gewehre. Okay, das habe ich jetzt erfunden, wegen der amerikanischen Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid, die von Colorado bis hier herunter geritten kamen. Das dritte Gewehr gehörte ihrer Freundin Etta Place.

Die Himmelsrichtung war eh klar

Also keine Winchester. Dafür ein Begleitfahrzeug mit Ersatzreifen und neunzig Litern Reservebenzin. Der Mann am Steuer verstand etwas von Fahrzeugtechnik. Aber die Herzen der Maschinen schlugen stark und zuverlässig. Es gehört zu den Gegebenheiten zügiger Geländefahrt, dass man das Motorrad mehr oder weniger machen lässt, was es will. Treten zwischen Mensch und Maschine größere Meinungsverschiedenheiten über die Fahrtrichtung auf: Graben oder Straße, ist es eh zu spät. Wir mussten ablassen von dem Glauben, Muskelkraft könne 240 Kilogramm rotierenden, vibrierenden, lodernden Stahl bezwingen. Das machte das Fahren bald unbeschwerter. Natürlich nahm unser Fahrzeug Hinweise zu Geschwindigkeit und Kurvenlage entgegen. Die Himmelsrichtung war ja eh klar. Und dann galt: Das Motorrad findet seinen Weg.

Rund ein Drittel des Weges führte über unbefestigte Straßen, staubige Pisten, glitschige Lehmstrecken und neun Arten von feinem, grobem, vereinzeltem, breiartigem, rundem oder scharfem Schotter.
© Peter Carstens, F.A.S.

Um geeignete Fahrzeuge zu finden, gibt es allerlei Vermieter für Zweiräder südlich von Santiago de Chile. Die Entscheidung für Edelweiss Bike Travel fiel uns trotzdem leicht. Die Österreicher organisieren seit Jahrzehnten weltweite Motorradreisen. Sie wissen, was sie tun, und ihre Scouts kennen alle Strecken. Unserer hieß Milan. Sein Ururgroßvater war der deutsche Politiker und Pharmazeut Carl Anwandter aus dem brandenburgischen Calau. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 war Anwandter gemeinsam mit einigen Dutzend anderen Deutschen auf dem Segelschiff „Herrmann“ nach Chile ausgewandert, wo er Apotheken, Brauereien und eine deutsche Schule gründete. Er wäre stolz auf seinen Ururenkel Milan.

In aller Stille der Europäischen Union gedankt

Man kann die Strecke natürlich auch alleine schaffen und etwa den Papierkrieg führen, der bei jeder Grenzüberquerung zu gewinnen ist. Denn die Strecke führt im Zickzack immer wieder über die Anden, von Pucon (Chile) nach San Martín (Argentinien) nach Futaleufú (Chile) und so weiter. Beide Länder sind schmal und pflegen eine Tradition gegenseitiger Abneigung. An jedem der sechs Übergänge unserer Fahrt wurden sechs verschiedene Stempel eingeholt, das macht sechsunddreißig Kontrollvorgänge – Einreise, Zoll, Bio-Inspektion. Oft hetzten die Grenzer Suchhunde auf die Motorräder, oder junge Agenten durchsuchten die Gepäckrollen. Ihre Fahndung galt weder Waffen noch Kokain, sondern Äpfeln oder Steaks. Beide Länder verbieten einander die Einfuhr frischer Lebensmittel.

Am Perito Moreno kam uns einer der größten Gletscher der Welt entgegen, sechzig Meter hoch, fünf Kilometer breit, Millionen Jahre altes Eis.
© Peter Carstens, F.A.S.

Es geht aber bloß um Vorwände, den Grenzverkehr zu erschweren. Das Niemandsland zwischen den jeweiligen Grenzstationen könnte vermint sein, hieß es. Wenn das Warten lang wurde, haben wir uns die Europaflagge vor Augen geführt und Gott dem Herrn sowie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle für die Europäische Union gedankt. In aller Stille, Aufregen bringt nichts.

Bis Patagonien ist Ché nie gekommen

Dabei kann das Motorradfahren in diesen Breiten durchaus revolutionären Charakter annehmen. Ché Guevara hatte 1951 auf einer neunmonatigen Panamericana-Tour mit einer Norton 500 seine Heimat erkunden wollen. Dabei hatte Ché herausgefunden, er müsse den Kontinent, ja die ganze Welt grundlegend verändern. Aber Guevara knatterte von Buenos Aires aus nordwärts und landete schließlich in Mexiko, wo er Fidel Castro kennenlernte. Der Rest ist Mythos und Geschichte. Bis Patagonien ist Ché jedenfalls nie gekommen, auch wenn entlang der Ruta 40 allerlei Gasthäuser oder Reifenwerkstätten seinen Namen tragen.

Jetzt kommt der Asphalt. Das Reisen wird dadurch jeden Tag ein wenig einfacher. Aber auch langweiliger. Jeder Meter Teerdecke raubt Patagonien ein Stück seiner Eigenart.
© Peter Carstens, F.A.S.

Ein Schnickschnack, der mit dem W-Lan und den Outdoor-Läden nach Patagonien kommt. Vermutlich war es dem Argentinier dort einfach zu kalt, wie den meisten seiner Landsleute. Ché nannte sein Motorrad „La Poderosa“, die Mächtige. Aber so relativ wie die karibische Weltrevolution war auch das Motorrad: Wir jedenfalls hatten dreimal so viel PS zur Verfügung, die sich aus einem BMW-Kraftwerk jedem Wind und Wetter entgegenstemmten.

Acht bis zehn Stunden pro Tag wurde gefahren. Stundenlang ging es meditativ geradeaus, jeder überflüssige Gedanke und das böse Blut des Alltags versickerten in der Pampa oder wurden von den Winden weggerissen. Aus den Ebenen erhoben sich allmählich die Gipfelformation von El Calafate, Fitz Roy oder den Torres del Paine. Am Perito Moreno kam uns einer der größten Gletscher der Welt entgegen, sechzig Meter hoch, fünf Kilometer breit, Millionen Jahre altes Eis, Geschwindigkeit drei Zentimeter pro Jahr.

Sonnenstunden sind seltene Fundstücke

Weil das Land vor den Gipfeln und Gletschern so flach liegt, wuchsen sie beim Annähern langsam zu ihrer phantastischen Größe und Herrlichkeit heran. Die Straße nach Calafate oder zum Fitz Roy führte stundenlang an topasblau schimmernden Gletscherseen vorbei, Lago Viedma, Lago Argentino. Auf den Schotterpisten am endlosen Lago Argentino wurde oft im Stehen gefahren, das konzentriert und stabilisiert den Schwerpunkt auf der Mitte des Motorrades. Je enger die Beziehung zum Fahrzeug wurde, desto entspannter kam abends der Schlaf. Aufgestanden und gepackt wurde morgens um halb sieben.

Mit der steigenden Zahl der Fahrtage sanken die Temperaturen. Die Strecke entspricht der Entfernung von Palermo bis zum Nordkap, und ebenso änderte sich das Klima von sizilianisch zu nordnorwegisch. Sonnenstunden sind in Patagonien seltene Fundstücke, aber wir hatten Glück, es regnete kaum, und die Tage, an denen Seitenwinde und Schotterstrecken gleichzeitig die Kräfte zehrten, waren selten.

Die Straße nach Calafate oder zum Fitz Roy führte stundenlang an topasblau schimmernden Gletscherseen vorbei, Lago Viedma, Lago Argentino.
© Peter Carstens, F.A.S.

Allerdings hatte die Trockenheit auch Nachteile. Regnet es nicht, verwandeln sich die Pisten in graue oder ockerfarbene Staubbäder. Ein leichter Niesel klärt die Sicht und erleichtert das Atmen. So hatten wir das noch nicht gesehen. Eines Abends erreichten wir Puyuhuapi. Bunte Holzhäuser lagen am Fjord hinter der Magdalena-Insel. In den Vorgärten blühten Lupinen, und auf den Bücherregalen bei Frau Ludwig standen die deutschsprachigen Simmel- und Kirst-Romane ihrer Eltern. Die waren Mitte der dreißiger Jahre mit anderen Auswanderern aus dem Sudetenland hierhergekommen.

Das Reisen wird einfacher, aber auch langweiliger

Damals hieß Puyuhuapi noch Waldhagen wie die sudetendeutsche Heimat, die bald darauf im Zweiten Weltkrieg unterging. Patagonien war auch für Chatwin eine mutmaßliche Zuflucht. Als Jugendlicher hatte er sich ausgerechnet, dort den Atomkrieg zu überstehen. Luisa Ludwig, die Tochter der Sudentendeutschen, hat lange in Santiago de Chile gelebt, nun führt sie die kleine Pension ihrer Eltern. Bis Mitte der achtziger Jahre war das Dorf nur per Schiff zu erreichen. Aber dann wurde eine Schotterpiste durch den Kaltregenwald geschlagen, und das Einsiedlerdasein war zu Ende.

Inzwischen waren wieder Bulldozer unterwegs, und am Morgen duftete es am Fjord nach frischem Asphalt. Vor fünfzig Jahren haben rivalisierende Militärs diesseits und jenseits der Anden geschotterte Landverbindungen nach Patagonien auf chilenischer und auf argentinischer Seite gebaut, die Carretera Austral hüben und die Ruta 40 drüben. Jetzt kommt der Asphalt. Das Reisen wird dadurch jeden Tag ein wenig einfacher. Aber, wie Milan findet, auch langweiliger. Jeder Meter Teerdecke raube Patagonien ein Stück seiner Eigenart.

Begleitet von Albatrossen, überquerte die Fähre das silbrige Scharnier. Dahinter lagen Feuerland und dann Fin del Mundo, das Ende der Welt.
© Peter Carstens, F.A.S.

Nicht alle bekümmerte das gleichermaßen. Die Schotterpisten forderten eine Menge ab und brachten Unsicherheit in die Fahrt. Das Hinterrad tanzte Tango, der Vorderreifen suchte schlängelnd nach einer ausgefahrenen Spur, fand er sie nicht gleich, ging er eigene Wege, die in den Graben führen konnten. Je schneller gefahren wurde, desto höher die Stabilität. Einerseits. Wenn man andererseits bei neunzig Stundenkilometern einen Blick zwischen Tank und Vordergabel auf den vorbeiflitzenden Grund wagte, stiegen Endzeitgedanken hoch. Also besser da nicht hinsehen.

Oma Chatwins Dinosaurier war ein Riesenfaultier

Nach siebzehn Tagen war Puerto Natales erreicht. Von dort kam Oma Chatwins Dinosaurierfundstück. Am Ortseingang steht ein überlebensgroßes Exemplar dieses Sauriers, der in Wahrheit ein Riesenfaultier war, ein Mylodon. Jüngste Fundstücke sind kaum zehntausend Jahre alt. Etwa neunzig Millionen Sonnenumrundungen haben die Knochen eines Argentinosaurus hinter sich, die erst vor ein paar Jahren im patagonischen Süden gefunden wurden. Es handelte sich um einen Titan von fast hundert Tonnen Gewicht und der Größe eines siebenstöckigen Hauses. Als wir die Piste zum Nationalpark Torres del Paine befuhren, hielten wir Ausschau, wachsam, aber vergeblich. Die einzigen Urviecher am Weg waren einige Polizisten der chilenischen Carabineros, die uns anhielten. Auf den Türen ihrer Geländewagen prangte ein Wappen mit den gekreuzten Gewehren und dem Wahlspruch „Ordnung und Vaterland“. Die Uniformen und die hohen Schaftstiefel der jungen Männer erweckten den Anschein, als seien sie 1936 aus dem Deutschen Reich geliefert worden. Milan wimmelte sie ab.

Dann erreichten wir die Magellanstraße. Chatwins Beschreibung, wie der spanische Weltumsegler am 11. Oktober 1520, dem Fest der heiligen Ursula, in die Meerenge zwischen dem patagonischen Festland und der Insel Feuerland einbog, hatte uns weniger beeindruckt als eine Kindheitserinnerung: Im Jahre 1977, also kurz nach Chatwins Reise, hatte ein Boot des Kölner Rudervereins den schmalen, von gegenläufigen Strömungen zerwühlten Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik befahren, ein Wahnsinnsunternehmen waghalsiger Rheinländer zu Ehren des hundertsten Vereinsgeburtstages. Begleitet von Albatrossen, überquerte die Fähre das silbrige Scharnier. Dahinter lagen Feuerland und dann Fin del Mundo, das Ende der Welt.

Dort lebt die Stadt Ushuaia längst nicht mehr von den Robbenfängern oder der Strafkolonie der Militärjuntas, sondern von runzligen Texanern und Franzosen, die von Kreuzfahrtschiffen aus zum Sommerschlussverkauf ausschwärmen. Wir bestiegen in Ushuaia ein kleines Boot und ließen uns zu einem unbewohnten Inselchen bringen. Es ist nach Thomas Bridges benannt, der 1898 ein Wörterbuch der Indianer-Sprache veröffentlicht hat, das ihre Ausrottung überdauerte. Auf Bridges wächst steinhartes Moos um einen Millimeter pro Jahr, einige Pflanzen arbeiten sich in sechshundert Jahren auf Kniehöhe empor. Archäologen haben auf der Insel am südlichen Ende der Welt eine Lagerstätte entdeckt, viertausend Jahre alt. Sie gehörte den Yámana-Indianern. Bruce Chatwin hatte geschrieben: „Als Verb bedeutete ,yámana‘ leben, atmen, glücklich sein.“ So war es am südlichsten Ende der Welt.

© F.A.Z., F.A.S.

Zum Ende der Welt

Anreise Entweder mit der südamerikanischen Fluglinie Latam über Madrid und Lima nach Santiago de Chile oder dorthin mit europäischen Anbietern via Miami. Nach Übernachtung in Santiago Weiterflug nach Osorno. Touren Ausgangspunkt für Motorradmieten ist Osorno. Die österreichische Edelweiß Bike Travel (www.edelweissbike.com) hat dort ihre Basis und organisiert die Fahrzeuge, das umfangreiche Formularwesen, Hotels und Begleitauto. Rückreise mit dem Flugzeug von Punta Arenas. Die Strecke, etwa 5500 Kilometer, ist auch mit dem Geländewagen oder Pick-up zu schaffen. Übernachtung Entlang der Route gibt es in den Nationalparks gute Mittelklassehotels oder Pensionen wie die „Hostería Alemana“ in Puyuhuapi. Im südlichen Süden auch Übernachtungen (und Benzin!) auf entlegenen Farmen wie La Angostura (www.estancialaangostura.com.ar).

Quelle: F.A.S.
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