Markiert für das Überleben

Von KATHARINA WILHELM, Fotos von CLAUDIA ANDUJAR

20.02.2017 · Aus einem Auftrag wurde Aktivismus: Die Fotografin Claudia Andujar begleitet das Volk der Yanomami seit Jahrzehnten. Eine Ausstellung in Frankfurt dokumentiert ihre Arbeit.

Um den Hals der halbnackten Yanomami-Frau hängt eine Holzplakette mit der Nummer achtundsiebzig. Ein steinalter Mann trägt die Nummer zweiundzwanzig, ein Yanomami-Mädchen im Blümchenkleid die zwei. Der erste Blick auf die Bilder von Claudia Andujar löst Unbehagen aus: lauter Menschen mit Nummern. Dass es sich um Angehörige einer ethnischen Minderheit, der Yanomami aus Nordbrasilien, handelt, macht die Angelegenheit bloß noch prekärer. Eine diskriminierende Volkszählung des weit verstreut im Amazonasgebiet lebenden Volkes? Eine der fragwürdigen ethnologischen Praktiken vergangener Tage, die auf pseudoanalytische Weise Aufschluss über das Wesen der „exotischen Wilden“ geben sollten? Nur wer Claudia Andujar und ihre Arbeit kennt, kann derlei Zusammenhänge ausschließen.

© Courtesy Claudia Andujar und Galeria Vermelho, Sao Paulo Porträts für das Gesundheitsamt: Fotografien der Serie „Marcados“ – markiert, 1981-1983

Die Fotografin und Aktivistin, die 1931 in der Schweiz zur Welt kam, ist auf das engste mit den Yanomami und ihrer Kultur verbunden - und keine Ethnologin, wie sie betont. Claudia Andujar wuchs in Transsilvanien auf, von wo aus sie mit ihrer Mutter vor den Nationalsozialisten zunächst in die Schweiz, dann nach New York floh. Die Mutter zog weiter nach São Paulo, wo Claudia Andujar sie 1955 nur besuchen wollte. Doch sie blieb. Ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen, bereiste sie das Land. Die Kamera wurde ihr gleichermaßen Kommunikationsmittel und Arbeitsgerät, als sie in den sechziger Jahren begann, für Magazine zu fotografieren.

© Courtesy Claudia Andujar und Galeria Vermelho, Sao Paulo

Im Jahr 1971 führte sie ein Auftrag zu den Yanomami in den Norden des Landes, drei Jahre verbrachte sie dort. Als ihr die Konsequenzen der damaligen Militärdiktatur für das indigene Volk und dessen Land, das sich bis nach Venezuela erstreckt, klar wurden, nahm ihre Arbeit eine Wendung ins Politische. Für die Diktatur waren Indigene keine Menschen, das Amazonasgebiet galt deshalb als unbewohnt. Als man begann, es zu erschließen, gelangten auch Krankheiten in die Region, ganze Dörfer starben. Im Jahr 1978 gründete Claudia Andujar deshalb mit anderen Aktivisten die „Comissão Pró-Yanomami“ zur Verteidigung von Leben und Territorium der Yanomami. Um die Gesundheitssituation der Indigenen zu verbessern, organisierte sie zudem eine Impfkampagne. Mit zwei Ärzten zog sie Anfang der achtziger Jahre von Dorf zu Dorf, dabei dokumentierte sie mit der Kamera den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Weil Yanomami keine Namen im europäischen Sinn besitzen, sondern sich mit Verwandtschaftsbezeichnungen oder abstrakten Spitznamen ansprechen, entschied man sich für Nummern, um die Fotografierten später auf ihren Gesundheitskarten wiederzuerkennen. Dabei gehen Claudia Andujars Fotografien über eine reine Dokumentation hinaus. Sie nahm sich Zeit. So entstand eine Vertrauensbasis zwischen ihr und ihrem Gegenüber, die man den Fotos beim zweiten Hinschauen ansieht: Die Abgebildeten lachen oder lächeln oft warmherzig, viele blicken neugierig oder selbstbewusst.

© Courtesy Claudia Andujar und Galeria Vermelho, Sao Paulo

Erst 2006 wurde eine Auswahl dieser Fotografien öffentlich gezeigt, die Serie nannte Claudia Andujar „Marcados“, markiert. Damit impliziert sie die historischen Assoziationen, die mit dem Motiv einhergehen – der jüdische Teil ihrer Familie wurde im Konzentrationslager ermordet. Dort allerdings waren es für sie für den Tod Markierte, während sie die Yanomami als „für das Überleben markiert“ zeigen will.

© Courtesy Claudia Andujar und Galeria Vermelho, Sao Paulo

Zu großen Tableaus zusammengesetzt, beeindrucken die Aufnahmen jetzt in einer Frankfurter Ausstellung. Und es gibt mehr zu sehen. Früh schon hat Claudia Andujar Demonstrationen in São Paulo begleitet. Und bis heute, mit sechsundachtzig Jahren, steht sie mit den Yanomami in Verbindung. Jetzt fotografiert sie in Farbe. Das Leben im Regenwald ist derweil keineswegs einfacher geworden. Illegale Goldsucher vergiften mit Quecksilber die Flüsse - ein Problem, auf das die brasilianische Regierung mit Überlegungen reagiert, deren zerstörerische Unternehmungen zu legalisieren.

© Daniela Paoliello Claudia Andujar

„Morgen darf nicht gestern sein – Fotografien von Claudia Andujar“, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt; bis 25. Juni. Der Katalog, erschienen im Kerber Verlag, kostet 30 Euro.
Eröffnung: Freitag, 17. Februar 2017, 19 Uhr, mit einem Kurzvortrag (deutschsprachig) von Dr. Katharina von Ruckteschell-Katte, Leiterin Goethe-Institut São Paulo und Region Südamerika.
Der MMK-Gespräch mit Claudia Andujar am Samstag, den 18. Februar, fällt aus!

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16.02.2017
Quelle: F.A.Z.