Australien

Augenblicke der Erleuchtung

Von Freddy Langer
 - 15:12
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Mahshad schreit nicht zum ersten Mal an diesem Tag, und wenn man sie hört, könnte man meinen, sie habe seit Wochen nichts anderes getan. „Ladies and Gentlemen“, kreischt sie sich vergebens die Seele aus dem Leib. Zu mehr als einem heiseren Krächzen reicht es nicht mehr. Aber wenn sie sich auf einem Stuhl über die Köpfe der Besucher erhebt, eine Busladung Touristen aus sechs Kontinenten, wird es jedes Mal ganz von allein still. Dann gleicht sie einer Erscheinung, fast einer Lichtgestalt, und ein wenig muss die Studentin aus Iran, die sich auf diese Weise eine Reise durch Australien finanziert, selbst über ihre Wirkung als Zeremonienmeisterin lachen: „Ladies and Gentlemen! Lassen Sie mich das Programm vorstellen.“

Es wird Musik geben, es wird Theater geben, es wird zu essen geben, eine Überraschung ist auch noch geplant – und am Ende steht der Spaziergang durchs Feld des Lichts. Doch zu viel soll nicht verraten werden. Nur das: „You will enjoy it!“ Und dann fliegt genau in dem Moment, in dem Mahshad darum bittet, die Natur zu respektieren und deshalb stets auf den Wegen zu bleiben, in hohem Bogen der erste Korken durch die Luft. „Ladies and Gentlemen! Champagne! À votre santé.“

Die Gruppe steht im Sand einer Düne, rostrotem Sand, aus dem sich in unmittelbarer Nähe grüne Büsche und gelbe Blümchen recken und aus dem sich in nicht allzu großer Entfernung der Uluru erhebt, der Ayers Rock: ein mächtiger Fels, wie aus der Tiefe des Weltalls in die Leere Australiens geschleudert, so wenigstens sieht es aus, und jetzt, an diesem frühen Abend, da die Sonne untergeht und der Stein ihr sattes Licht in einer Weise reflektiert, dass man glauben könnte, er glühe von innen heraus, da wirkt er noch gespenstischer, noch unheimlicher, noch heiliger, als es am Tag schon der Fall war.

„Tili Wiru Tjuta Nyakutjaku“

Es könnte einem ganz andächtig zumute werden. Zumal da auch noch die Olgas sind, im Westen, dort, wo jetzt die Sonne fast schon den Boden berührt, ebenfalls roter Stein, ebenfalls hingestreckt in die Weite des Nichts, ebenfalls vom Licht überschwemmt, größer noch als der Uluru. Da steigt Mahshad wieder auf einen Stuhl: „Ladies and Gentlemen! Die Show!“ Und es schleichen zwei Aborigines auf die Gruppe zu, nackt bis auf den Lendenschurz, Körper und Gesicht kriegerisch bemalt. Einer hält einen Speer fest in den Händen, der andere hat ihn bald darauf in der Brust stecken, so wenigstens führen sie es auf. Im Hintergrund läuft Musik, und Mahshads Erklärungen dringen nicht besonders weit. Erst als sie ruft: „Ladies and Gentlemen! And now for the dinner“, versteht man sie wieder einigermaßen.

Die Gruppe steigt die Düne hinab und nimmt Platz an festlich gedeckten Tischen. Elektrische Kerzen brennen. Drei Gänge werden serviert, und zwischendurch erklärt unter dem flirrenden Sternenzelt ein Student aus Neuseeland die Entstehung des Weltalls. Am Beispiel von Erbsen schildert er eindrücklich, wie klein die Erde im Vergleich zum Jupiter ist, und mit einem Laserpointer hebt er auf der schwarzen Leinwand der Nacht Alpha Centauri A hervor, einen der hellsten Sterne des Südhimmels und trotzdem so weit entfernt, dass die Raumsonden der Nasa ihn selbst in einer Million Jahren nicht erreichten.

Und dann prasseln die Sterne auf die Erde nieder. Ein Lichterhagel schlägt in den Wüstensand ein. Überall funkelt und glitzert es. Erst weiß, dann blau, dann rot. Hunderte glühender Pünktchen, nein: Tausende. Fünfzigtausend, um genau zu sein. Lauter LED-Leuchten, jede auf einem dünnen Stab. Der Engländer Bruce Munro hat sie ersonnen. Seine Installation nennt er „Field of Light“.

Glaubt man Munro, kam ihm die Idee für das Werk schon 1992 während einer Australien-Reise. Eine „unwiderstehliche Beziehung“ will er damals zur Energie, der Hitze und der Helligkeit der Wüste verspürt haben. Und augenblicklich habe er den Entwurf in sein Zeichenheft skizziert. Es sollte so aussehen, das war sein Plan, dass mit der Dämmerung Blumen aus dem Boden sprießen und ihre Blüten öffnen. Mit dem Nachthimmel hatte es also gar nichts zu tun. Dann vergingen zehn Jahre, bevor er das Werk zum ersten Mal ausführte: hinter seinem Haus in Wiltshire.

Seither leuchtete seine elektrischen Flora an einem Dutzend Orte in Großbritannien und Amerika. Doch erst jetzt wurde er damit nach Australien eingeladen. „Tili Wiru Tjuta Nyakutjaku“ nennen die einheimischen Pitjantjatjara das Werk: auf viele schöne Lichter schauen. Mit der Fläche von sieben Fußballstadien ist es Munros bisher größter Lichtgarten. Wie durch ein Märchenland geht man darin spazieren. Und da der mächtige Fels in der Dunkelheit verschwunden ist, lenkt nichts ab – außer Mahshad: „Ladies and Gentlemen! The bus awaits you.“

Lichterfeld

Das Field of Light wird bis März 2018 bestehen bleiben. Der Besuch kostet umgerechnet 25 Euro einschließlich Transfer von allen Hotels am Uluru, das Arrangement mit Champagnerempfang und Drei-Gänge-Menü etwa 270 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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