Australien

Schni, Schna, Schnappi, Schnappi, Schnappi, Schnapp

Von Freddy Langer
 - 11:36
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Es sah nach Regen aus, als ich John am Uluru traf, dem riesigen roten Felsbrocken im Zentrum Australiens, der früher Ayers Rock hieß, aber das soll man nicht mehr sagen. Das Licht war trüb. Die Wolken hingen tief. Es waren schwarze Schleier, die wie Geister aus der Ferne angeritten kamen. John schien sich nicht daran zu stören, im Gegenteil. Er grinste, während ich am Sattel eines Leihfahrrads schraubte, mit dem ich den Berg umrunden wollte. Nein, er komme nicht mit, sagte er. Nicht jetzt, nicht mit dem Fahrrad. Später schon, im Auto, na klar, deshalb sei er ja hier. Und dann sagte er, dass er schon einmal alles richten wolle. Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, trotzdem warf ich ihm den Autoschlüssel zu. „Well, get things started“, wiederholte ich sein Angebot, fast wortgetreu, betonte es nun aber als Aufforderung. Ich würde mich überraschen lassen. Er hatte eine Stunde Zeit.

John war Radiomoderator gewesen, bevor er vor einigen Jahren in Rente ging und sich daranmachte, kreuz und quer durch Australien zu reisen. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. John Kenneally. Ich hatte den Namen nie gehört. In Südaustralien dagegen war John mit seinen täglichen Radioshows ein kleiner Star gewesen. Zehn Jahre lang verantwortete er gemeinsam mit einem ebenfalls glatzköpfigen Partner die Bald Brothers Morning Show bei ABC, dann warb ihn ein kommerzieller Sender für dessen FIVEaa Breakfast ab, und Samstag Nacht war er auch regelmäßig auf Sendung. Alle hörten ihm zu, viele riefen ihn an, man konnte mit ihm plaudern, live, in der Sendung. Über Kurioses reden. Noch lieber über Musik. Er nahm die Zuhörer ernst, wollte von ihnen lernen. Das war das Geheimnis seines Erfolgs. Wenn sie etwas zu erzählen hatten, behielt er sie eine Stunde lang am Telefon, nur hin und wieder von Musik unterbrochen. So jedenfalls erzählte er es mir später. Wir teilten uns das Auto bis Adelaide, etwas mehr als sechzehnhundert Kilometer. Dreieinhalb Tage hatten wir für die Strecke eingeplant.

„All set“, sagte John, als ich von meiner Runde zurückkam. Er saß am Steuer, das Fenster war offen, den nackten Ellbogen streckte er über den Türrahmen hinaus. Die Wolken hingen jetzt noch tiefer, und sie waren noch dunkler geworden. „Mind if I drive?“ Das war natürlich rein rhetorisch gemeint. Vom Autoradio führte ein dünnes Kabel zu einem iPod auf seinem Schoß, einem winzigen Kästchen, metallicviolett. Mit der einen Hand drehte er den Zündschlüssel. Mit der anderen tippte er auf das kleine Gerät. Und noch bevor der Dieselmotor leise zu nageln begann, schlug aus den Autolautsprechern John Williamson sacht die Saiten seiner akustischen Gitarre an, zart klang ein Didgeridoo wie aus der Ferne herüber, doch gleich darauf brauste eine elektronische Orgel mitten in das Lied, wie ein Sturm, der über flaches Land fegt. Oder sollte das der letztgültige Ausdruck sein für diesen gewaltigen Stein, zu dessen Füßen wir noch immer parkten?

„Rain Songs“ vom Reisen in Australien

„It’s raining on the Rock“, sang John Williamson und beschrieb ein Farbenspektrum von Weinrot bis Gold, sang von Gänseblümchen und Wüstenrosen, beschwor die Macht des Uluru, kritzelte im Refrain auf eine Postkarte den Standardgruß „Wish you were here“ und erzitterte angesichts der Erhabenheit des Felsens, an dessen Flanken der Regen herunterrann. John grinste. „Well, not quite“, sagte er, zuckte mit den Schultern und schaute den steilen roten Fels hinauf, auf dessen Plateau sich die Wolken nun ausgebreitet hatten, als legten sie sich zum Schlafen nieder. Doch der Regen blieb aus. Es tröpfelte nicht einmal. „Na, vielleicht auch besser so“, murmelte John, der sich um seinen grandiosen Regieeinfall betrogen sah. Er legte den Gang ein und gab Gas.

John Williamson ist der bekannteste Countrymusiker Australiens, und „Raining on the Rock“ ist sein bekanntestes Lied. Auch davon hatte ich noch nie gehört. „It’s an Australien classic“, belehrte mich John und bezeichnete die Landschaftsschilderung darin als „evocative image“, als sinnträchtiges, beziehungsreiches Bild. Ich fragte nicht schnell genug nach, wie er das meinte. Und später vergaß ich es, obwohl wir das Stück in den kommenden Tagen etliche Dutzend Mal hörten. Schon am zweiten Tag konnte ich mitsingen. „I’m proud to travel this big land, like an Aborigine“, heißt es darin. Nun, das taten wir auch. Bloß nicht nach Art der Aborigines. Wir fuhren in einem gemieteten Geländewagen.

Ich gab den Takt der Reise vor, John den Takt der Musik. Er hatte Lieder mitgebracht, die er einst auf einer CD hatte herausbringen wollen. „Aussie Images“ sollte sie heißen, lauter Stücke vom Reisen in Australien, lauter Lieder vom Unterwegssein. „Road Songs“, sagte John. „Rain Songs“, sagte ich später irgendwann, weil es in der einen Hälfte der Lieder regnete und in der anderen die Menschen um Regen bettelten. Komisch, sagte John, das sei ihm gar nicht aufgefallen. Dabei hieß eines der Lieder sogar „Hey Rain“ und ein anderes „Raining down“. John musste lachen. Die CD ist nie erschienen, er fand keine Plattenfirma, die sie herausbringen wollte. Vielleicht, blödelte ich, war den Leuten das Wetter darauf zu schlecht. John winkte ab. Es sind die Großstädter, sagte er, die können mit Country nicht allzu viel anfangen. Wir aber hatten seine Zusammenstellung nun im Auto. Lauter Ohrwürmer. Ein Lied schöner als das andere. Sie machten mich süchtig.

Wenn im Juli die Wintersonne am Himmel steht

Zunächst klingen die australischen Stücke kaum anders als amerikanische Country-Musik. Viele Fiedeln, hin und wieder eine Mundharmonika, einmal ein Akkordeon, und ein ums andere Mal wird von Männern erzählt, die weit draußen und allein ihre Arbeit verrichten. Ganze Kerle zu Pferde auf der Weide. Oder im Lastwagen auf verlassenen Landstraßen, unterwegs durch eine nicht enden wollende Nacht. Erst wenn man genau zuhört, werden kleine Unterschiede deutlich. Dann fallen einem in den Liedern Namen kleiner australischer Ortschaften auf oder die Bar in Renner Springs am Stuart Highway, in der ein Sänger am Abend dann aber doch nur vor verschwindend kleinem Publikum auftritt. Tiere recken in den Texten ihre Köpfe aus der Ebene, die einzig in Australien leben, Emus, Wallabys, Kängurus. Auch käme wohl kein Amerikaner auf die Idee, eine Akazie zu besingen, so wie es auch keinem Amerikaner einfiele, den Maler Albert Namatjira zum Zeugen für die Schönheit des Landes aufzurufen. Und dann ist da noch die Sache mit der Südhalbkugel, weshalb in John Williamsons Lied „Cootamundra Wattle“ im Juli die Wintersonne am Himmel steht.

Bis Adelaide war ich mit allen Musikern vertraut, nicht nur mit John Williamson, der es mit gleich drei Songs in Johns Sammlung geschafft hatte, sondern auch mit Neil Murray, der einst mit der Warumpi Band durchs Land gezogen war, und mit dem blinden Sänger Geoffrey Gurrumul Yunupingu. Mit Slim Dusty, der schon 1945 seine erste Platte aufnahm und als Vater des australischen Country gilt, und mit Smoky Dawson, der noch mit neunzig „The Days of Old Khancoban“ eingespielt hat, mit dem Folkie Gary Shearston und dem Duo James Reyne und James Blundell, das Anfang der Neunziger mit „Way out West“ einen großen Hit landete. Keine Musik hätte die Reise schöner begleiten können. Es war, als legten sich die Melodien besänftigend über dies leere, lebensbedrohende Land und als illustrierten zugleich die Bilder, die am Fenster des Autos vorüberflogen, die Schilderungen und Lebenserinnerungen der Lieder. Nicht nur, wenn Kasey Chambers davon sang, als Kind hinter dem Haus der Eltern im „Biggest Backyard in the World“ gespielt zu haben, dem größten Hinterhof der Welt. Dann jedoch ganz besonders.

John hatte einige der Sänger in seine Sendung geholt. Aber er zögerte, wenn es um Namen ging. „I don’t believe in name dropping.“ Beeindruckt war er von Shane Howard, der es mit der Band Goanna in Australien zu erklecklichem Ruhm gebracht hat. Statt von sich zu erzählen, nutzte er die Zeit, um auf Mängel in Australiens Naturschutz hinzuweisen. Er hatte sich als Mahner verstanden und in seinem Lied „If the Well Runs Dry“ ausdrücklich vor den Gefahren einer Versandung und Verwüstung gewarnt. „Ein beeindruckendes Stück Rockmusik“, sagte John. Ich war überrascht. Kein Country? Nein, in seiner Sendung habe es jede Art von Musik gegeben. Mal Klassik, mal Jazz, mal Pop. Er hatte freie Hand und machte, was er wollte.

Deutsche Schlagerabende im australischen Radio

Vor allem samstags widmete er die Sendung oft nur einem einzigen Thema. Einmal, erzählte er, als in Adelaide überall die Jacaranda-Bäume blühten, bat er die Zuhörer, sich Musik zu wünschen, die einen Bezug zur Farbe Purpur hat. Dann wünschten sie sich natürlich „Purple Rain“ von Prince und ebenso Lieder von der Lokalband Purple Dentist wie von der weltberühmten Rockband Deep Purple. „Ach ja“, fiel es John nun ein, „John Lord hatte ich auch mal im Studio sitzen.“ Und natürlich forderte er die Hörer auch einmal auf, von ihren liebsten Road Songs zu erzählen. „What a night!“, lachte er. Jeder musste seine Wahl begründen. Das sei spannend gewesen und rührend, und zum Teil sei es so persönlich geworden, dass manche Leute mitten im Satz aufgelegt hätten. Und dann sagte er: „You folks would have said Sehnsucht, right? But tell me, what exactly does Sehnsucht mean?“

Gute Frage, John, dachte ich: Was bedeutet Sehnsucht eigentlich ganz genau? Longing, yearning, desire: keine der Vokabeln schien mir das Wesen der Sehnsucht vollkommen wiederzugeben. Und als ich gerade loslegen wollte, fragte John mit seiner sonoren Stimme und seinem breiten, australischen Akzent: „Is it not ,Das alte Lied der Taiga‘?“ Mich traf der Schlag. Mitten im Herzen Australiens, in diesem Vakuum von Landschaft, unterwegs im Nirgendwo, herausgehoben aus Raum und Zeit, zitierte John, der pensionierte Radiomoderator aus Adelaide, wie nebenbei einen Uraltschlager von Alexandra.

„O ja“, sagte er und lachte schon wieder. Seine Schlagerabende im Radio seien Kult gewesen. Deutsche Lieder. „Die Hörer waren ganz wild danach.“ Und dann rasselte er von Heinobis zu Rex Gildo und Roy Black alle herunter, die Dieter Thomas Heck mit der ZDF-Hitparade einst groß gemacht hat, wollte von mir wissen, ob Helene Fischer oder Andrea Berg die größere Künstlerin sei, und prustete plötzlich los, weil ihm einfiel, wie man ihn lange Zeit genannt hat: Schnappi! Das hätte er rauf und runter gespielt, bis es den Leuten auf die Nerven ging, und dann weiter, bis sie es wieder mochten, und irgendwann war das Lied so eng mit ihm und seinem Namen verbunden, dass ihm eines Abends in einem Restaurant der Bundesstaatsanwalt auf die Schulter getippt und sich als großer Schnappi-Fan geoutet habe, vor allen Gästen im Lokal. „Schni, Schna, Schnappi, Schnappi, Schnappi, Schnapp“, trällerte John und trat aufs Gas.

Draußen tauchten bunte Flecken in der Wüste auf. Grün, gelb, rot. Über Hunderte von Metern blühten in kleinen Senken winzige Blümchen. Jahrelang liegen die Pflanzen mitunter wie tot am Boden. Aber nun hatte es hier geregnet, ein, zwei Tage war es wohl her, und für einen Moment strahlte die Flora mit dem roten Sand der Wüste um die Wette. Wie romantisch, sagte ich. Und John begann den „Lindenbaum“ zu singen: „Am Brunnen vor dem Tore“. Wäre Schubert die geeignete Musik, die einen auf einer Reise durch Deutschland begleiten könnte?, wollte er wissen. Ich nickte. Heftig. „Oder besser die schöne Müllerin?“ Und er sang daraus die ersten Takte.

John sprach kein einziges Wort Deutsch. Aber er kannte die Texte von Dutzenden deutscher Lieder. Das passiere eben, wenn man die Platten tausendmal höre, behauptete er. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Ja, sagte ich, die Volkslieder und Wanderlieder seien in gewisser Weise die deutschen Road Songs. Sie vermittelten ein Gefühl von Heimat, von Dazugehören und natürlich vom Unterwegssein. Viel mehr als jeder Schlager, selbst wenn sich da jemand auf den Weg nach Mendecino machen sollte oder behauptet, dass es hinter dem Horizont weitergehe.

Am Straßenrand warb eine Tafel für die nächste Bar mit eiskaltem Bier. Es waren noch gut zweihundert Kilometer. „John“, sagte ich, „ich glaube, jetzt kann ich dir das Wort Sehnsucht erklären.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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