England

Beet und Breakfast

Von Astrid Ludwig
 - 10:26
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Das mit der Richtung beschäftigt uns jetzt schon. Was hatte Karin gesagt? Der Eingang in ein Tudor-Haus aus dem 16. Jahrhundert führt immer nach rechts, nicht nach links. Links lauert das Böse, der Teufel. Rechts dagegen das Gute. Politisch kann das nicht gemeint gewesen sein, daran lässt unsere liberale Hausbesitzerin in Brexit-Zeiten keinen Zweifel. Also doch jahrhundertealter Aberglaube aus der Zeit Heinrichs VIII. Aber liegt unser Zimmer jetzt rechts oder links vom Eingang? Schließlich gibt es gleich vier davon – einen vorne und drei hinten, wobei ein Eingang im Nichts endet. Wir entscheiden uns für den Vordereingang. Von dort führt die Treppe direkt in den Flur zum Garden Room, in dem wir logieren. Der liegt rechts, also im Reich des Guten und bietet, wie der Name schon vermuten lässt, einen wunderbaren Blick vom ersten Stock in den romantischen Garten von Clapton Manor, einem rund fünfhundert Jahre alten, herrschaftlichen Farmhaus in der kleinen Ortschaft Clapton-on-the-Hill in den Cotswolds von Gloucestershire.

Alles am Garden Room ist sehr Garten: die Blumenmotive auf den Kissen, die botanische Literatur im Regal, die Bilder an den zartgrünen Wänden und das Farnmuster der Vorhänge. Morgens kratzt die Kletterrose „Fantin Latour“ in der leichten Brise mit ihren zartrosa Knospen am Fenster, die tiefblauen Blüten der Clematis „Perle d’Azur“ wetteifern mit dem klaren Morgenhimmel, und beim Blick nach draußen schaukeln die pummeligen Kugelköpfe des Allium drei Fuß hoch in den Staudenbeeten gleich gegenüber. Bonzo, der schwarze Labrador-Mischling, und Blitzen, der weißgescheckte Terrier, haben es sich bereits auf dem Rasen bequem gemacht und dösen in der Sonne. Herrlich, so könnte jeder Morgen beginnen.

Karin Bolton steht in ihrer riesigen Küche am anderen Ende des Hauses und hat wie stets gute Laune und einen bissigen Scherz parat. Einmal das volle Programm bitte – English Breakfast mit Ei, Tomaten und Pilzen, Sausages, Beans und Black Pudding, der erdig schmeckenden Blutwurst, die nichts für Zartbesaitete ist. Die sechzigjährige Hauswirtin kocht Marmeladen zum Niederknien, und bei bis zu zehn verschiedenen Müslisorten beginnt die Entscheidungsnot gleich nach dem Aufstehen. Riesige Feuerstellen sind typisch für den englischen Baustil der Tudor-Zeit, und vor solch einem Kaminungetüm, in das glatt ein Kleinwagen passen würde, steht auch der alte Mahagonitisch im leuchtend orange gestrichenen Esszimmer. Meist ist für vier gedeckt. Das Clapton Manor ist ein winziges Bed and Breakfast mit nur zwei Gästezimmern – dem Windrush Room, benannt nach dem benachbarten Flüsschen Windrush, und dem Gartenzimmer.

Sozialkontakt gehört dazu

Wir gehören zu den Gästen, die sich gleich tagelang eingebucht haben, weil wir das Haus kannten. Vor fast zwanzig Jahren waren wir schon einmal hier. Die Mehrheit von Karins Besuchern übernachtet dagegen nur für ein Wochenende oder zwei, drei Nächte. Und so lernen wir bei Toast und Ei morgens die Gartenfreunde Edith und Olaf aus Kiel kennen und das Pfarrer-Ehepaar Iris und John aus Yorkshire. Wir plaudern angeregt mit Susan und Paul aus London, die demnächst heiraten wollen. Auf das Software-und-Investment-Banker-Paar aus San Diego, das all unsere insgeheimen Vorurteile über Nordamerikaner bestätigt, hätten wir verzichten können. Aber Sozialkontakt gehört bei B&B schließlich dazu.

Der winzige Ort Clapton-on-the-Hill liegt etwas abseits der Touristenpfade auf einem Hügel. Clapton Manor, das kleine Herrenhaus, thront auf dem höchsten Punkt. Der Blick schweift auf die sattgrüne Ebene und die geschwungene Landschaft rund um Bourton-on-the-Water, das mit Kanälen und Wasserwegen durchzogen ist und als das Venedig der Cotswolds im Sommer Heerscharen von Besuchern anzieht. Von hier aus starten zahlreiche Wanderwege in die liebliche Umgebung, und auch berühmte Gartenanlagen wie Hidcote Manor oder Kiftsgate Court Gardens sind nicht weit. Die Universitätsstadt Oxford mit ihrer schönen historischen Altstadt liegt nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt.

In Clapton-on-the-Hill lebten früher Erdbeerbauern. Die roten, saftigen Früchtchen wuchsen überall auf den Feldern. Eine Tradition, die heute nicht mehr lukrativ und daher ausgestorben ist. Karin und ihr Mann James Bolton kamen vor rund 25 Jahren von Oxford hierher, auf der Suche nach einem Haus für sich und die Kinder. Clapton Manor stand zum Verkauf. „Ich wollte immer schon in so einem alten Haus leben“, erzählt Karin, die in London aufgewachsen ist. Sie träumte vom Landleben in Englands englischster Landschaft, den Cotswolds. Zwei Acres, rund achttausend Quadratmeter, ist das Anwesen groß. Im zwölften Jahrhundert stand hier einmal eine Abtei, vier Jahrhunderte später wohnten die Ashfields of Northleach, später ein Sir Charles Blomfield in dem herrschaftlichen Haus mit seinen spitzen Giebeln aus gelbgrau verwittertem Stein. Es war das Heim eines wohlhabenden Landbesitzers und das größte in dem kleinen Dorf. Die Boltons füllten es nach und nach mit zwei Erwachsenen, vier Kindern, zwei Hunden, einem Hahn und vier Hennen.

Green obsessed

Als sie einzogen, war der älteste Sohn gerade drei Jahre alt und taub, eine Meningitis im Babyalter. Karin war schwanger mit Zwillingen, und das Haus musste renoviert werden. Die Idee, zwei Zimmer an Gäste zu vermieten, entstand schon recht bald. Die Familie musste Geld verdienen, und Karin wollte das große Haus aus dem sechzehnten Jahrhundert mit Leben füllen. „Anfangs haben wir auch noch immer Dinner für unsere Gäste gekocht“, erzählt sie. Vier Jahre lang, dann wurde der Aufwand zu groß. Inzwischen war auch Dido, die einzige Tochter unter drei Söhnen, auf der Welt. Doch auch ohne Abendessen im Programm entwickelte sich das B&B zu einer guten Adresse. 2014 und 2015 gewann es eine Auszeichnung von Sawday’s, einem Hotelportal, das sich unter anderem auf Unterkünfte für „Garden Lovers“ spezialisiert hat. Das sind kleine Pensionen und private Gästehäuser mit schönen Gärten für die in England so weit verbreitete Spezies der Gartenliebhaber, die auch beim Kurzurlaub nicht aufs Grün und anregende Gespräche unter Gleichgesinnten verzichten wollen.

In einem kleinen Gewächshaus neben der Scheune zieht Karin Blumen. Sie und ihr Mann James arbeiten als Gartendesigner und Anbieter kleiner, feiner Gartenreisen. Karin hat früher beim Auktionshaus Sotheby’s in London gearbeitet. Eine Arbeit, die auch dem gemütlichen ländlichen Einrichtungsstil des Hauses anzusehen ist. Ihr Mann besuchte die Eliteschule Eton, wollte dann aber nicht den beruflichen Weg weitergehen, den seine Familie für ihn vorgesehen hatte – als Versicherungsagent bei Lloyds. Er interessierte sich viel mehr für Gärten, für Kunst, Design und Geschichte. Er schmiss den alten Job und schrieb sich an der renommierten Kunstschule Inchbald in London ein. Weil die Familie sauer war, erzählt Karin, lebten sie und ihr Mann eine Zeitlang in Paris, wo sie sich mit Jobs als Englischlehrer durchschlugen, dann zogen sie nach Oxford und Clapton und starteten ihre Gartenkarriere. James Bolton arbeitete als Head Gardener, entwirft Privatgärten und hält Vorträge. Karin, deren Vater Däne war, ist die Tochter einer leidenschaftlichen Gärtnerin. Ihre Mutter war „green obsessed“, sagt sie, besessen von der Gartenarbeit. Das hat abgefärbt.

Gemeinsam bieten James und Karin seit zwanzig Jahren ganz besondere Gartenreisen an. „Border Lines“ heißt das kleine Unternehmen. Die Touren führen in private Gartenanlagen in England, Italien, Frankreich und auch Südafrika, die sonst für die Öffentlichkeit kaum zugänglich sind. Gärten rund um Rom sind darunter, private Schätze in den Grafschaften Somerset, Devon oder Wiltshire und demnächst auch in Dänemark. Gärten, deren Besitzer James persönlich kennt und die nur deshalb ihre Türen für die kleinen Reisegruppen öffnen. Ein Exklusivität, die sich herumgesprochen hat. Die Mitreisenden für die Tages- oder Wochenausflüge kommen aus England, Deutschland oder auch Österreich. „Oftmals sind die Touren schon innerhalb von vierundzwanzig Stunden ausgebucht“, sagt Karin. Manchmal empfangen die Boltons auch im eigenen Garten Gäste. In ihrem großen Wintergarten steht ein riesiger Tisch, der Platz für eine ganze Gruppe bietet. Ihr eigenes Grün ist eine Mischung aus formaler Strenge und üppiger Blütenpracht. „Als wir hier einzogen, stand das Unkraut hüfthoch“, erinnert sich Karin. Zwei Jahre brauchten sie, um Form in das Chaos zu bringen.

Auf Tee kann der Engländer nie verzichten

Am Sonntagmorgen wecken uns die Kirchenglocken. Genau gegenüber von Clapton Manor steht die St. James Church, die kleinste Kirche in den Cotswolds. Einmal im Monat bietet sie Platz für 45 Gottesdienstbesucher. Clapton-on-the-Hill war immer ein kleiner Weiler, im vierzehnten Jahrhundert lebten hier genau dreizehn Menschen, im siebzehnten Jahrhundert waren es fünfzehn Familien, und auch heute sind es vielleicht gerade dreißig oder vierzig Häuser.

Wir schlendern über den Friedhof mit seinen windschiefen Grabsteinen. Der Pfarrer bittet uns in den Kirchraum, wo die kleine Gemeinde bei einer Tasse Tee den Gottesdienst ausklingen lässt. Auf Tee kann der Engländer nie verzichten. Von der Decke des Turms baumeln bunt verzierte Glockenseile, und fast ist man versucht, einmal daran zu ziehen. Der kleine Innenraum ist frisch renoviert und gemütlich. Stolz führt uns der Pfarrer zu einem neuen Kirchenfenster. Das wurde zum 65. Thronjubiläum der Queen eingebaut. Es zeigt die Krone und einen reichverzierten Kranz aus Erdbeerranken und Früchten, eine Reminiszenz an die Historie von Clapton. Entworfen, erzählt uns der Pfarrer stolz, hat es ein Designer aus dem Ort: James Bolton.

Im grünen Herzen Englands

Übernachten: B&B Clapton Manor, Cheltenham, Gloucestershire, Telefon: 00 44/14 51/81 02 02, Internet: www.claptonmanor.co.uk, E-Mail: bandb@claptonmanor.co.uk.

Gartenreisen: Border Lines, Telefon: 00 44/14 51/82 18 04, Internet: www.border-lines.co.uk, E-Mail: james@border-lines.co.uk.

Berühmte Gärten in der Nähe sind: Hidcote Manor Garden, ein berühmter „Arts and Crafts“-Garten im Nordosten von Chipping Campden. Er wurde 1907 von dem amerikanischen Gartenplaner Lawrence Johnston angelegt und gehört seit 1948 dem National Trust. Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, Website: www.nationaltrust.org.uk/hidcote. Nur wenige Schritte entfernt liegen die Kiftsgate Court Gardens, ein großartiger Hanggarten, der bis heute in Privatbesitz ist. Geöffnet in den Sommermonaten, täglich von 14 bis 18 Uhr, außer donnerstags und freitags, Website: www.kiftsgate.co.uk.

• Literatur: Garden Lovers Bed & Breakfast, Alastair Sawday’s Special Places to Stay, 348 Seiten. Teilweise ist das Verzeichnis auch online einsehbar unter www.sawdays.co.uk/collections/garden-lovers.

Quelle: F.A.Z.
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