Burma

Das offene Meer

Von Günter Kast
 - 14:52
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Es ist erst neun Uhr morgens, aber die schwüle Hitze liegt schon wie eine Glocke über Kawthaung. Burmas südlichste Stadt unterscheidet sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von Ranong auf der anderen Seite des Flussdeltas, jenseits der Grenze, in Thailand, nur vier Autostunden von der Ferieninsel Phuket entfernt. Der Geruch von getrocknetem Fisch vermischt sich mit dem faulig-süßen Duft reifer Durianfrüchte. Kahlgeschorene Mönche ziehen durch die Straßen und sammeln in Blechnäpfen Almosen. Händler laden Kautschuk, Langusten und Cashewnüsse in knatternde und stinkende Longtailboote.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Glasnost- und Perestrojka-Politik des burmesischen Regimes allmählich auch hier im Süden ankommt. Das „Honey Bear Hotel“ wirbt um Kunden, ein Straßencafé serviert „Expresso“, und an der Hafenmeisterei ermahnt ein Schild in holprigem Englisch die Behörden, doch bitte freundlich zu den Touristen zu sein. Für einen Staat, der seine Bürger bis 2011 vor „ausländischen Einflüssen“ warnte, ist das durchaus ein Kurswechsel. Vor allem aber: Im Hafen von Kawthaung, das zu Zeiten der Briten Victoria Point hieß, sieht man jetzt neben Fischerbooten auch den schneeweißen Katamaran „SY Meltemi“ der deutsch-österreichischen Charterfirma Burma Boating vor Anker liegen.

Dessen Skipper Roland Bouwkamp erledigt die Zoll- und Einreiseformalitäten mit großer Geduld und Routine. Den an Bord kommenden Beamten schenkt er einen Guten-Morgen-Whiskey ein, das hebt die Stimmung. Formulare wechseln den Besitzer, wohl auch Geldscheine, die Reisepässe bleiben bei den Behörden. Alles wirkt etwas undurchsichtig.

In eine andere Welt

Keine Stunde später segelt die „Meltemi“ hinaus in eine andere Welt. In eine geheimnisvolle, maritime Wunderwelt, die nur per Boot zu erkunden ist. Der Mergui-Archipel in der Andamanensee mit seinen rund 800 Inseln und Inselchen, verteilt auf die Fläche Belgiens, gilt als einer der letzten Gegenden, die es für Segler in den Tropen zu entdecken gibt.

Zwar kamen einige wenige Tauchboote aus Thailand bereits Ende der neunziger Jahre. „Doch sie mussten in Kawthaung einen bewaffneten Aufpasser an Bord nehmen und durften nur wenige Inseln anlaufen“, erklärt der niederländische Skipper. Das Militär, das hier Stützpunkte unterhält, legt keinen großen Wert auf westliche Entdecker. Das änderte sich erst mit der politischen Öffnung des Landes. Während 2015 bereits fünf Millionen Neugierige ins Land strömten, kam auf den einsamen Inseln im Süden nur ein winziger Bruchteil davon an. „Als wir vor drei Jahren anfingen, lag die Zahl der ausländischen Besucher bei unter 2000 pro Jahr. Jetzt sind es etwa 3500“, schätzt Janis Vougioukas, einer der Gründer von Burma Boating.

Die Zahlen dürften bald rasant steigen. Denn dem Reiz dieser Eilande kann man sich nur schwer entziehen. Dabei erfüllen die Inseln die Postkartenklischees nur bedingt: Nur selten wiegen sich Kokospalmen sanft im Wind. Es gibt auch keine auf Stelzen gebauten Luxusresorts wie auf den Malediven oder in der Südsee. Stattdessen sind die meist steil aus dem Meer aufragenden Inseln mit dichtem Dschungel überzogen, in den kein Weg führt. Wie ein Schleier umhüllt der Wald die Eilande. Gelegentlich sieht man Nashornvögel, Weißkopfseeadler und auch Affen, die am Ufer nach Muscheln suchen. Meist aber ist es vollkommen still. Fast gespenstisch still. Drehorte für „Jurassic Park“-Fortsetzungen sehen so aus. Was sich hinter diesem grünen Vorhang aus haushohen Mahagoni- und Feigenbäumen wohl verbergen mag? Es wäre das perfekte Versteck für Verbrecher und Piraten, für Robinsonaden. Aber auch ein guter Ort, um politische Gefangene wegzusperren? Vougioukas sagt, er wisse nicht genau, was das Militär hier macht. Inseln, die der Marine unterstünden, dürften nicht besucht werden. Aber man solle sich die Soldaten nicht als hochgerüstete Außenposten eines paranoiden Staates vorstellen. Er habe einmal den Kommandanten einer Artilleriebasis kennengelernt. Dessen Lager habe auch nicht anders ausgesehen als die Siedlungen der hier lebenden Seenomaden, der Moken. Und auf den Schiffen der Marine sei keine Bewaffnung zu erkennen: „Das sind meist nur umgebaute Fischerboote.“ Es sind diese vielen Fragezeichen, die Geheimnisse, die den Archipel so faszinierend machen.

Schmiergeld unter Palmen

Einmal ankert die „Meltemi“ vor einer Insel, auf der ein rotes Blechschild an einen Baum genagelt ist: „Privateigentum, Betreten verboten!“ Angeblich stehen mutige ausländische Investoren bereits Schlange, um den korrupten Söhnen burmesischer Generäle für viel Schmiergeld Eilande abzukaufen. Für seriöse Interessenten ist es aber wohl noch zu früh. „Keine Rechtssicherheit, wir halten uns da raus“, heißt es zum Beispiel bei der Asienniederlassung des Inselmaklers Farhad Vladi.

Während des sechstägigen Törns begegnet die „Meltemi“ von Skipper Roland gerade einmal einem Dutzend anderer Bootstouristen. Als in der letzten Nacht in der Horseshoe Bay ein zweiter Katamaran vor Anker geht, ärgert er sich mächtig: „Früher hätte es so etwas nicht gegeben.“ Mit „früher“ meint er die Zeit vor fünf Jahren, als er hier erstmals segelte. Für alle Spätergekommenen ist der Archipel auch jetzt noch ein Tropentraum: phantastische Felsformationen aus Granit, backpulverweiße Sandbänke ohne einen einzigen Fußabdruck; verwunschene Lagunen mit dichten Mangrovenwäldern; geheime, von winzigen Sonnenfenstern illuminierte Grotten und Höhlen, in die man nur dann mit dem Kajak hineinpaddeln kann, wenn die Gezeiten es zulassen.

Einmal springt ein Mantarochen fast vollständig aus dem glitzernden Wasser. Dann wieder lädt die Crew zum abendlichen Landgang ein. Während sie ein großes Lagerfeuer aufschichtet und entzündet, lassen die Gäste Heißluftlampions kilometerweit in den dunklen Nachthimmel aufsteigen. Dazu reicht Mr. Soli, der Kombüsenchef, geköpfte und mit Piña Colada aufgefüllte junge Kokosnüsse. Wieder an Bord, verwöhnt der junge Burmese sein Publikum mit scharfen Gerichten aus der Heimat. Am nächsten Morgen zählt der Kapitän die Inseln, die er reihum am Horizont erkennen kann. Es sind 32! „Wie in Thailand vor fünfzig Jahren“ fühle er sich hier, meint der Skipper, der jeden Abend in einer anderen Bucht ankert. Nur auf den Philippinen und in Indonesien vor der Küste Sumatras gebe es in Asien noch derart einsame Inseln. Leider auch Piraten.

Ein vollkommen unberührtes Paradies sind die Inseln trotzdem nicht mehr, zumindest nicht unter Wasser. Beim Schnorcheln sieht man zwar noch viele bunte Rifffische, aber eben auch tote Korallen auf dem Meeresboden. Berufsfischer vom Festland und aus Thailand, die Sprengstoff für einen schnellen und üppigen Fang einsetzen, haben das zu verantworten. Sie zwangen damit auch die Seenomaden, die Moken, zum Dynamitfischen, obwohl das deren Ethik widerspricht. Die Begegnungen mit den Moken sind die Momente, die einen Törn hier zu einem besonderen Erlebnis machen, und man hat noch nicht den Eindruck, dass man sich mit einem Besuch dort dem Vorwurf aussetzt, Ethno-Sightseeing zu veranstalten.

Ein Leben auf dem Wasser

Ansegeln auf das Dorf Ma Kyone Galet auf der Insel Bo Cho. Welch ein Glück und Zufall: Etwa zwanzig miteinander vertäute Kabangs, wie die Hausboote der Moken heißen, laufen gerade aus, aufgereiht wie auf einer Perlenkette. Die Nomaden werden ein halbes Jahr oder noch länger auf dem Meer bleiben, um dort zu fischen, dort zu leben. Als die Dorfjugend den Katamaran entdeckt, hüpfen die Jungen in die Boote und rudern ihm entgegen. Sie stehen dabei in den wackeligen Kähnen, die in der starken Strömung und Dünung gefährlich schaukeln. Aber es heißt, ein Moke könne sich früher auf und im Wasser fortbewegen als an Land. Als sie den Katamaran erreichen, rufen sie „Softdrink“. Roland zögert erst, dann wirft er ihnen einige Dosen zu. Er weiß, dass das auf etwa 3000 Personen geschrumpfte Volk mit größeren Herausforderungen als Zuckerwasser zurechtkommen muss.

Die Moken wanderten vor etwa 4000 Jahren aus dem südchinesischen Raum in den Mergui-Archipel ein. Den verschiedenen Herrschern, von den Briten über die Japaner bis zu den Burmesen, war das freiheitsliebende Volk stets suspekt. Es muss mit Vorurteilen leben wie auch die Sinti und Roma in Europa. Noch die Großväter der heutigen Generation waren ohne Ausnahme Seenomaden. Sie wurden auf Kabangs geboren, verbrachten hier ihr ganzes Leben, starben auch in den Kähnen. An Land gingen sie nur, um Frischwasser zu holen. Die Burmesen zwangen viele Nomaden, sesshaft zu werden. Sie nahmen sich dabei leider die thailändische Regierung zum Vorbild, die „ihre“ Moken auf den Surin-Inseln ansiedelte und zu einer Touristenattraktion degradierte.

Ma Kyone Galet im Marinenationalpark Lampi läuft Gefahr, ebenfalls zu einer solchen zu werden, wenn jetzt jedes Jahr mehr Besucher kommen und mit Kameras durch das Dorf hetzen, ohne viel über die Lebensweise der Menschen zu wissen. Von den etwa 600 Bewohnern sind nur 150 Moken, die Mehrheit der Einwohner stammt vom Festland. Ein buddhistischer Mönch hat eine Pagode errichten lassen. Man lebt eher nebeneinander als miteinander. Zu groß sind die Ressentiments. Die sea gypsies, wie sie sich selbst nennen, wurden von den Burmesen gezwungen, in Minen zu arbeiten, mit Opium abhängig gemacht, ihre Fischgründe geplündert.

Eine neue Lebensgrundlage?

Tania Miorin von der italienischen Nichtregierungsorganisation Istituto Oikos, die in dem Dorf ihre Zelte aufgeschlagen hat, glaubt dennoch, dass sie die Menschen hier in eine bessere Zukunft begleiten kann. Sie bildet Dorfführer aus, die den Gästen die Lebensweise der Moken näherbringen. Es gibt einen Laden, in dem die Bewohner Souvenirs aus Recyclingmaterial verkaufen. Oikos bezahlt Parkwächter, die das Fischen mit Dynamit stoppen sollen. Die Organisation finanziert auch ein Schnellboot, GPS-Geräte und Ferngläser. In einem nächsten Schritt sollen Touristen die Möglichkeit bekommen, mit den Nomaden auf traditionellen Kabangs hinauszufahren und eine Nacht auf See zu verbringen. „Leicht ist es nicht“, sagt Miorin. „Wir wollen den Moken nichts aufzwingen. Sie sollen selbst entscheiden. Aber wenn es uns in einem respektvollen Dialog mit Hilfe eines Anthropologen gelingt, hier sanften Tourismus zu entwickeln, hätten die Moken wieder eine Lebensgrundlage, und wir könnten das Problem der Überfischung lösen.“

Es wäre zu schön, wenn das gelänge und andere Inseln, die bewohnt sind, einen ähnlichen Weg einschlagen würden. Wenn die Touristen den Archipel nicht überschwemmen wie der Tsunami von 2004. Dann würde vielleicht auch Skipper Roland noch einige Jahre länger bleiben. Er liebe die Inseln, sei aber nicht mit ihnen verheiratet, er hat acht Jahre für Ärzte ohne Grenzen in Afrika gearbeitet, ist genauso lang über die Weltmeere gesegelt. Er sagt: „Ich schaue mir an, wie sich das verändert. Wenn es mir zu viel wird, dann gehe ich.“

Der Mergui-Archipel

Anreise Mit verschiedenen Airlines nach Phuket/Thailand. Von Phuket vier Stunden Autotransfer nach Ranong, der Grenzstadt zu Burma. Das Spezialvisum für den Mergui-Archipel besorgt der Veranstalter Burma Boating (Visum ist nicht im Rest des Landes gültig). Auf den Schiffen sind Privat- oder Kabinencharter möglich. Preis für sechs Tage: umgerechnet etwa 2500 Euro pro Person. Im Preis enthalten sind die „Permit“-Gebühren an die burmesischen Behörden von mehreren hundert Dollar pro Person. Weitere Informationen unter www.burmaboating.com

Reisen im Land Der Veranstalter „One World / Reisen mit Sinnen“ aus Dortmund ist unter anderem auf Burma spezialisiert und kann passende Flüge sowie Anschlussprogramme auf dem Festland buchen. Die 14-tägige Rundreise „Vom Nordosten bis zum Goldenen Felsen“ kostet beispielsweise ab 2780 Euro, eine 15-tägige Reise mit Flusskreuzfahrt auf dem Irrawaddy ab 2700 Euro. Buchbar sind auch individuelle Reisebausteine, weitere Infos: www.reisenmitsinnen.de

Quelle: F.A.S.
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