Cimetière de Montmartre

Die große Mausefalle mitten in Paris

Von Jürgen Richter
 - 11:01
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Werd ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand, oder ruh ich an der Küste eines Meeres in dem Sand“ – das kann man natürlich auch in Heinrich Heines Gedichtbänden nachlesen. Aber die Größe und Tragik eines solchen Verses hat eine ganz eigene, persönliche Wirkung, eingemeißelt in den weißen Marmor des Dichtergrabs auf dem Cimetière de Montmartre. Überragt wird es von der mit Schmetterling und Leier dekorierten Büste auf einem konischen Pfeiler, der den Schriftsteller heraushebt aus der Masse der Lapières und Binoches – alles solide und solvente Zeitgenossen, denn sie haben alle nicht wenig investiert in das kleine Abbild des großen Häusermeers aus der Stadt der Lebenden, in die steinernen Grufthäuser entlang der gepflasterten oder asphaltierten Avenues und Chemins in der Stadt der Toten.

Die schmalen Gruftbauten aus verwittertem grauen oder beigen Sandstein mit Giebeln und Pyramiden, mit Kuppeln und Türmchen geben das Entree zu den steingefassten Schächten, in denen die Toten auf vier, fünf oder sechs Etagen gebettet liegen. Das lebende, rasende Paris ist dabei ganz nah, nur durch eine stählerne Autobrücke getrennt und mit dem Lärm vom Boulevard de Clichy immer präsent.

Blumen für melancholische Chansons

Viel mehr als die beiden weiteren historischen Großfriedhöfe von Paris – Montparnasse und Père Lachaise – ist Montmarte geprägt vom durchgehenden Grün, von einem Baumbestand, so betagt wie die Stelen, Säulen und Grabkapellen. Der hat sich ausgebreitet auf den elf Hektar eines ehemaligen Steinbruchs, und der Gipsabbau hat eine zackige Landschaft mit Terrassen und Abhängen hinterlassen, auf denen die Grabmäler eindrucksvoll gestaffelt aufragen und deren Gelände nicht nur von Alleen, sondern auch von Treppen, Serpentinen und Trampelpfaden erschlossen ist.

Während für Heinrich Heine immer mal ein Gebet oder gar eine Rose abfällt, ist etwa der kubische Granitaltar für Dalida, auf dem die Sängerin als weiße Madonna im Strahlenkranz dargestellt ist, zu nahezu jeder Jahreszeit mit einer Batterie opulenter Blumenarrangements bestückt – ein melancholisches Chanson kommt offensichtlich besser an als romantische oder verbitterte Verse. Für die anderen Prominenten wie Stendhal, Zola oder Offenbach allerdings bleibt fast gar nichts übrig.

Die meisten Friedhofsbesucher freilich kommen nicht mit Blumen, sondern mit Schachteln und Dosen voller Katzenfutter für eine höchst lebendige Population in dieser Stadt der Toten. Die Samtpfoten revanchieren sich mit ihrer dekorativen Präsenz zwischen den Steinen der meist Vergessenen. Mit ihnen ist der Friedhof wahrscheinlich die wahre „große Mausefalle mitten in Paris“, nur ein paar Schritte entfernt von der Place Pigalle.

Jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen

Die Pariser Friedhöfe sind Schöpfungen der napoleonischen Epoche, als die Toten den Kirchhöfen und damit auch dem kirchlichen Begräbnismonopol entrissen und in die neue laizistische Gesellschaft eingeordnet wurden. Deshalb geistern hier keine geflügelten Engel und dräuen keine Kruzifixe, und die Architektur zitiert die Antike von Athen bis Byzanz. Neben den allgegenwärtigen Satteldachhäuschen gibt es trotzige Heroen und trauernde Schöne, gegossen oder gemeißelt. Der Figurenkanon reicht vom nachdenklichen Pierrot bis zur Gruppe in Leid gebeugter Gewaltopfer. Der religiöse Ausdruck beschränkt sich auf ein gelegentliches Giebelkreuz – und wer ein richtiges Kreuz sehen will, suche Madame Piaf auf dem Père Lachaise auf. Da bindet das Kruzifix auf der schwarzen Granitplatte die Blicke wie einst auf dem schwarzen Kostüm der Sängerin bei ihren Auftritten im Olympia.

Heinrich Heine wollte es gewiss ähnlich schlicht, hätte sich statt der Gedenkbüste womöglich noch mehr Verse gewünscht. Für Empfindungen wie „jetzt bin ich müd vom Rennen und Laufen, jetzt will ich mich im Grab verschnaufen“ reichte der Platz auf dem Stein nicht – im Jahr 1851 geschrieben, fünf Jahre vor seinem Tod. Heine verfasste in seiner Matratzengruft zahlreiche todgeweihte Verse – ausreichend allemal für einen halben Friedhof.

Quelle: F.A.Z.
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