Über Nacht in Paris

Stadt, Land, Fluss, Hotel

Von Franziska Horn
 - 06:57
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Leben an und auf dem Wasser hat Tradition in Frankreich. „Sogar bis ins Jahr 1971 fuhren Waschboote, die hölzernen bateaux-lavoirs, auf dem Fluss Mayenne durch Laval“, sagt Gérard Ronzatti. Eine Tradition, an die der Architekt anknüpft: Im Sommer 2016 eröffnete das erste schwimmende Hotel Frankreichs auf der Seine. Nur ein paar Schritte von der Gare d’Austerlitz liegt das „Off Paris Seine“ am südlichen, linken Ufer der Seine im 13. Arrondissement – zwischen zwei Brücken, dem nostalgischen Viaduc d’Austerlitz von 1904, der sich im dynamischen Bogen über das Wasser spannt, und der modernen Trägerbrücke des Pont Charles-de-Gaulle von 1996.

Stahl, Glas und Holz, das sind die Materialien, aus denen das schwimmende Vier-Sterne-Basecamp mit seinen zwei Wohnetagen gemacht ist. Eine Gangway führt direkt vom Quai d’Austerlitz in die Lobby. Von hier schweift der Blick auf die beiden langen Wohntrakte und linke Hand über das offen gestaltete Restaurant – dazwischen schneidet ein schmaler Pool den Bar-Bereich spektakulär in zwei Teile. Wie eine überlange Badewanne hängt das Becken zwischen den hölzernen Decks, Gäste können hier intim und geschützt auf der Seine planschen. Selbige strömt unterhalb des Pools ruhig und offen zwischen den beiden Schiffsrümpfen dahin. Ein symbolhaftes Bild: „So verkörpert das Off Paris Seine ein Sinnbild für die Stadt Paris mit ihren zwei Ufern, der rive gauche und der rive droite, dazwischen die Seine“, erklärt Architekt Gérard Ronzatti bei einem Rundgang.

Wie ein fließender Spiegel

Achtzig Meter lang und 18 Meter breit, das sind die Abmessungen des langgestreckten Hotels mit seinen vier Suiten und 54 Zimmern, die sich auf zwei Wohntrakte über tragenden Schwimmkörpern verteilen. Dazwischen hat der Architekt einen glasgedeckten Lichthof integriert, der wie ein Atrium mit gemütlichen, glänzenden Sitzkissen als Lounge fungiert und überraschende architektonische Perspektiven bietet. Es ist das Licht, dem Ronzatti hier buchstäblich seinen eigenen Raum gibt und das er im gesamten Objekt mit einbezogen hat: „Das natürliche Tageslicht wird ja auf dem Land vom Erdboden nicht reflektiert, auf dem Wasser aber sehr wohl, es verdoppelt sich sogar. Das vermittelt eine ganz neue Erfahrung. Die Seine ist wie ein fließender Spiegel mit all ihren Reflexen und Lichtern bei Tag und bei Nacht. Man braucht 24 Stunden, um all die wechselnden Schattierungen eines Tagesverlauf zu erleben.“

Als Zweites fällt auf: Obwohl lebhafter Schiffsverkehr auf dem Fluss herrscht, obwohl ständig Frachtschiffe, Ausflugsboote und Motoryachten vorbeiziehen, liegt das Hotel seelenruhig im Wasser, nur minimale Bewegungen sind zu spüren und vermitteln ein eher reduziertes Bootsgefühl. Wie der Architekt das hinbekommen hat? Es gibt einen Trick: Was von außen wie die starre Struktur eines Katamarans mit fest verbundenen Zwillingsrümpfen wirken mag ist gar keine. Der Kniff liegt in den Gelenken, mit denen die beiden Körper verbunden sind. Diese erlauben es, sich unabhängig voneinander auf dem Wasser zu bewegen und so den Wellengang abzufangen. Quelle raffinesse!

Das hat mit Bauen auf dem Land nichts zu tun

Das ist nur ein Beispiel von vielen, wie sehr die aquatische Lage die Konstruktion des Baus bestimmt, bedingt und völlig durchdringt. „Viele Hotelgäste sind das Schwanken eines Schiffes einfach nicht gewohnt, darum haben wir es minimiert“, erklärt Ronzatti. Den stärksten Wellengang erzeugten übrigens gar nicht die großen, langsamen Frachter oder Bargen, sondern die kleinen, schnellen Personenboote des nahen Finanzministeriums.

Dan kommt er zur Sache: „Floating Architecture bedeutet eben nicht, standardisierte Häuser einfach auf einen Ponton ins Wasser zu setzen. Denn so verstehen es landläufig die meisten. Es bedeutet auch nicht, Boote wohnlich einzurichten. Wir beschreiten einen dritten Weg und entwickeln Strukturen, die wie ein Organismus oder ein in sich geschlossenes System aus sich selbst heraus funktionieren. Wir entwickeln transportfähige, nomadische Objekte, die ausschließlich für geschützte Wasserzonen erdacht sind – für einen absehbaren Zeitraum von vielleicht dreißig Jahren oder mehr, dann müssen sie renoviert werden – und die einen möglichst geringen Eingriff in die Natur darstellen. Was wir machen, hat also mit dem Bauen auf Festland nicht mehr viel zu tun.“

Durchdacht und komplex, dabei architektonisch stimmig durchdekliniert, so zeigen sich auch die kompakten Zimmer in ihren erdigen, monochrom gehaltenen Tönen. Wie an Bord eines Schiffes wird der vorhandene Raum optimal genutzt: Bei fünfzehn Quadratmetern pro Zimmer treffen größtmöglicher Komfort auf praktischen Stauraum. Der Flachbildschirm hängt unfallsicher an Lederriemen, ein farbiges Lichtleitsystem schafft Orientierung im Dunkeln, während Vakuum-Toiletten, wie man sie aus der Aeronautik oder aus Zügen kennt, den Wasserverbrauch stark reduzieren. „Wir haben die Zimmer bewusst minimalistisch und zeitlos gehalten, fern von Mode und Trends“, sagt Ronzatti. Das ist durchaus als Anspielung auf die vom Mailänder Designerduo Galante und Lancman gestalteten Dreißig-Quadratmeter-Suiten zu verstehen. Diese schwelgen in Orangerot und sind für den Geschmack des Architekten offensichtlich einen Tick zu modisch. Lieber erklärt er die modular vorgefertigte Bauweise für die Zimmer und verweist auf den clever integrierten Wäscheschacht in der Lounge.

Abends wird es richtig still

Auf dem Wasser, am Wasser, im Wasser und nah am Wasser zu sein: es ist genau dieses Gefühl des Losgelöstseins vom Festland, die Quintessenz eines nomadischen Lebens, das dieses Hotel vermitteln will. Und wer das Glück hat, noch dazu auf der Wasserseite zu wohnen, kann von der Bettkante aus vorbeifliegende Möwen und Enten mit Brot füttern, die Angel auswerfen oder knapp vorbeifahrenden Kapitänen ein „Salut!“ zurufen. Die irrlichternde Oberfläche der Seine liegt dabei auf Höhe des Fußbodens und ist zum Greifen nah. Für das urbane Grundrauschen sorgt die nahe Métro-Linie Nummer fünf, die fast im Minutentakt über die bogenförmige Stahlbrücke des Viaduc d’Austerlitz donnert. Doch abends wird es dann „tranquille“ – still, richtig still. Nur die Lichter der nächtlichen Großstadt tanzen auf dem Wasser.

Außen hat der Architekt einen Anleger für kleinere Boote geschaffen. Über einen Meter Tiefgang verfügen die beiden Schwimmkörper, bei zwei Meter Wassertiefe hier am Rand der Seine, in der Mitte sind es rund fünf Meter. Doch das kann sich ändern. Die beiden Gangways wurden für unterschiedliche Wasserpegel konzipiert: Steigt die Seine durch Hochwasser an, führt statt der oberen die untere Gangway waagrecht ins Innere. Eine nötige Vorkehrung, wie die jüngste Flut vom Juni 2016 kurz nach Eröffnung des Hotels zeigte, als sie Seine auf über sechs Meter anschwoll. Viele Bewohner von Paris kamen damals an den Fluss, der plötzlich eine ungeahnte Stärke und Geschwindigkeit besaß. „Das hat bewiesen, wie sehr sich die ,floating architecture‘ für die Zukunft eignet“, so der Architekt. „Und in seiner modularen Bauweise auch für Großprojekte“.

Die Menschen zurück an den Fluss bringen

Ronzattis Studio heißt „Seine Design“, er selbst ist Ingenieur und Architekt zugleich – mit klarer Präferenz fürs Wasser. „Dabei habe ich persönlich kein Interesse am Segeln, an Schiffen oder an Ozeanen“, sagt er. „Ich interessiere mich für bewegliche Architektur, ob auf dem Wasser, auf Rädern oder auf Flügeln.“ Am anderen Ufer der Seine liegt Ronzattis Büro am Quai de la Rapée, ein schwarzer umgebauter Lastkahn mit Glasdach. Er birgt einen langen, offenen Raum, fünfzehn Mitarbeiter sitzen konzentriert an den Tischen. Das Team besteht aus Designern, Architekten und Ingenieuren. Eine faltbare Stahltreppe, Paravents im Schiffkörper und Details wie das Sonnensegel über dem Glasdach verweisen auf das Ingenieurshirn des Eigentümers. Ein paar hundert Meter weiter liegt seit 2014 die Ginguette „Rosa Bonheur“, eine moderne, schwimmende Taverne, ebenfalls entworfen von Seine Design. Benannt nach einer Malerin des 19. Jahrhunderts, essen, trinken, tanzen, feiern und lachen hier an manchen Abenden Hunderte von Menschen im Rhythmus der Wellen.

Dabei ist die Idee, auf dem Wasser zu leben, gar nichts Neues hier in Paris. Ronzatti zeigt alte Fotografien: „Um 1900 war der Fluss noch viel breiter und eine Menge los auf dem Wasser. Darunter viele Bateaux Lavoirs, Wäschereiboote.“ Diese traditionelle Kontinuität, zwischenzeitlich stillgelegt, weil der Transport über Straßen lief, will er weiterführen. „Wir wollen die Menschen zurück auf den Fluss bringen“, sagt er. Zwei Drittel der Erde sind mit Wasser bedeckt, also 360 Millionen Quadratkilometer. „Für Menschen ein feindlicher Lebensbereich. Weniger als ein Prozent davon, nämlich zwei Millionen Quadratkilometer, sind geschützte Zonen – für diese bauen und planen wir. Denn Städte und Metropolen wachsen weltweit, drei Viertel der Menschen werden in ihnen leben. Man versucht, Land zu gewinnen, indem man auf Pfählen baut oder Polder anlegt. Floating Architecture stellt dabei den geringsten Eingriff dar. Wir wollen exemplarische Beispiele schaffen, die perfekt durchdacht sind“, sagt Ronzatti. Objekte, die für viele zugänglich sind, wie Hospitale, Hotels, Restaurants. „Wir planen für die Heilsarmee ebenso wie für Louis Vuitton. Wir planen in China oder Afrika, in Dubai oder in den Vereinigten Staaten – immer auf Wasser. Damit kehren wir dorthin zurück, wo die Besiedlungsgeschichte der Menschheit begann.“

Ein schwimmendes Museum ist in Planung

Ob ganze maritime Städte für ihn grundsätzlich vorstellbar sind? Die Wendung zum Wasser scheint ein Trend zu sein. Ronzatti winkt ab. „Die Größe der Projekte regelt sich durch die Größe der Werften und was sie in der Lage sind zu bauen“, sagt der Architekt pragmatisch. „Modulare, transportable Organismen sind realistischer als Städte auf dem Meer. Zurzeit planen wir das Hotel-Projekt „Moor“, das hundert mal hundertfünfzig Meter groß ist, es kann überall gebaut werden. Renderings oder phantastische Entwürfe interessieren uns nicht – wir wollen bauen“, sagt er.

Das kann er, das hat er bewiesen. Auch für Paris sind weitere Projekte in Planung: Für den Wettbewerb „Réinventer la Seine“ 2017 hat Ronzatti drei Entwürfe eingereicht, die bereits prämiert wurden: das schwimmende Sportzentrum „L’arche“, eine schwimmende Bäckerei namens „Moulin Seine“, deren Mühlrad vom Fluss betrieben wird sowie das – natürlich ebenfalls schwimmende – Museum „Fluctuart“. Es wäre das erste seiner Art weltweit.

Informationen über das Vier-Sterne-Hotel OFF Paris Seine auf der Website offparisseine.com, Doppelzimmer kosten ohne Frühstück ab etwa 150 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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