Südafrika

Der Tourist im Wellblech

Von Katharina Wilhelm
© Katharina Wilhelm , F.A.Z.

Sechs Fremde drängen sich zu Lohlobo in die Wellblechhütte. Sie ist die letzte Station der „Township Tour“. Lohlobo trocknet gerade ihr Geschirr ab, eine zweite Frau, vielleicht ihre erwachsene Tochter, sitzt abwesend in einem rosa Bademantel auf dem Bett. Der kleine Fernseher läuft. Es ist ein grauer Tag, und in der dunklen Hütte zieht es.

Lohlobo grinst die fremden Besucher fröhlich über beide Backen an: „What’s your name?“ Das ist wohl das, was in den Werbeprospekten für die Tour mit der „unbeschreiblichen Lebensfreude“ der Townshipbewohner gemeint ist. Was sie sonst noch sagt, wirkt allerdings weniger lebensfroh: „Es gibt keine Arbeit für uns! Es ist das fünfte Jahr, in dem ich nicht arbeite. Alles, was ich tue, ist, diese Hütte instand zu halten, zu waschen und sauberzumachen.“ Sie zuckt mit den Schultern. Die zweite Frau sagt nichts, sondern betrachtet die Fremden in ihrem Zuhause nur verschüchtert. Wir, die Fremden, mit unseren Smartphones und Kameras in der Hand, wissen darauf nichts zu erwidern. Der ein oder andere versucht es mit einem aufmunternden Lächeln. Dann stolpern wir aus der Hütte zurück ans Tageslicht.

Seit zweiundzwanzig Jahren ist die staatlich organisierte „Rassentrennung“, die sogenannte Apartheid, in Südafrika beendet. Das Land ist jetzt eine Demokratie. Townships, die während der Apartheid eingerichteten Wohnsiedlungen für die schwarze oder farbige Bevölkerung, gibt es aber noch immer. Der Trennung nach Hautfarbe folgte eine wirtschaftliche. Doch heute zählen die Townships zu den Sehenswürdigkeiten des Landes.

Hütten halb so groß wie die Hotelzimmer der Touristen

In vielen Townships gibt es sogenannte „Township Touren“, bei denen Einheimische oder Guides die Besucher durch das Viertel führen. Brasilien, Indien und eben auch Südafrika - der sogenannte „Slum-Tourismus“ boomt.

Unsere Tour führt durch Langa, das älteste Township der Kapregion. Langa ist ein schwarzes Township, die meisten der schätzungsweise zweihundertfünfzigtausend Einwohner sind Xhosa. Wie im Rest des Landes gab es auch in Langa vor vierzig Jahren Proteste, erzählt Odwa, der aus dem Township stammt. Am 16. Juni 1976 demonstrierten mehr als zehntausend Schüler zunächst in den South Western Townships, bekannt als Soweto, gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache, der Sprache der weißen Oberschicht. Für die meisten schwarzen Schüler wurden die Chancen auf Bildung dadurch enorm verringert, schlicht, weil sie der Sprache nicht mächtig waren. Hunderte schwarze Kinder und Jugendliche kamen bei den Protesten ums Leben. Der Aufstand galt als Wendepunkt für den Widerstand im Land, es folgten landesweit nicht endende Proteste gegen das Apartheidsregime.

Heute ist die Sprache der Bevölkerungsmehrheit in den Townships Unterrichtssprache und Englisch erste Fremdsprache. So gut wie alle Kinder in Südafrika gehen zur Schule - vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr herrscht Schulpflicht. Nur an die Universität wird es keines der Kinder aus dem Wellblech schaffen, vermutet Odwa. Dabei hatte er selbst Glück: Seine Mutter war Haushälterin bei dem Rektor einer weiterführenden Schule, über Beziehungen bekam er sogar ein Stipendium für die Uni - das reichte zumindest für ein paar Kurse. Jetzt führt der Sechsundzwanzigjährige Touristen durch seine Heimat. Er weiß, dass viele von ihnen in Hotelzimmern schlafen, die doppelt so groß sind wie die Wohnungen der Townshipbewohner.

„Im Township fühle ich mich sicher“

Odwa arbeitet für „Hajo’s Lodge & Tours“, das Unternehmen eines Deutschen. Hajo Kowalke kommt aus Lübeck. Seine Lebensgeschichte ist recht ungewöhnlich, und er erzählt sie gern. Als gelernter Drucker durchlief er eine Phase rasch aufeinanderfolgender Krisen, bevor er 2002 - pleite und arbeitslos - zum ersten Mal durch einen Freund nach Südafrika kam. „Schon als ich aus dem Flugzeug stieg, hatte ich das Gefühl: Hajo, hier gehörst du her“, erzählt er, heute vierundfünfzig Jahre alt. In seiner Wahlheimat Berlin fühlte er sich nach der Reise nicht mehr wohl, und so kehrte er nur drei Wochen später nach Kapstadt zurück. Auch er unternahm eine „Township Tour“. Und gleich sei ihm aufgefallen, wie fröhlich die Menschen trotz größter Armut seien. „Wir wurden mit dem Auto durchgefahren und konnten nicht aussteigen“, sagt Kowalke. Er fragte sich, ob es nicht möglich sei, solche Touren zu Fuß anzubieten, damit man näher an die Menschen herankäme. Von da an geht alles ganz schnell: Ende November des gleichen Jahres erfolgt schon der Umzug. Geld verdient er durch ein Gästehaus, das er noch heute betreibt. Zugleich macht er eine Ausbildung zum Guide und spezialisiert sich schließlich auf die Township-Touren, die er seit 2003 anbietet.

„Ich bin der einzige Deutschsprachige, der das permanent im Programm hat, und auch bis heute der einzige Tourbetreiber, der mit durch das Township läuft“, sagt er. In Langa macht ihn das zu so etwas wie einem Lokalprominenten. Straßenköter und Kinder folgen ihm auf dem Fuß, allerdings hat er heute nur für die Hunde Leckerlis dabei. Jeder zweite grüßt ihn, der anderen Hälfte ruft er selbst einen Gruß zu.

Trotz anhaltender Berichte über gravierend hohe Kriminalitätsraten und des neunten Platzes auf der Liste der gefährlichsten Städte weltweit, gemessen an der Mordrate, sei ihm in Kapstadt noch nie etwas passiert, sagt Kowalke: „In mein Haus in der Innenstadt wurde zweimal eingebrochen, aber im Township fühle ich mich absolut sicher.“ Um das zu untermauern, erzählt er von der teuren Kamera eines Kunden, die er im Pub in Langa hatte liegen lassen - und die Kowalke später unversehrt zurückgegeben wurde. „Ich gehe lieber in Langa ein Bier trinken als im Zentrum. Ich bin dann oft der einzige Weiße“, sagt er auch. „In meinem Freundeskreis sind sowieso nur Schwarze, Farbige und Einwanderer. Keine weißen Südafrikaner.“ Dann schickt er eilig hinterher, dass das natürlich Zufall sein könne. Kowalke empfiehlt trotzdem nicht, es ihm gleichzutun und in die Townships hineinzuspazieren: „Dafür braucht man Kontakte. Das hat Jahre gedauert, bis ich die hatte.“

Die Einheimischen werden über den Tour-Preis entlohnt

Er konzipiert die Township-Touren für maximal vier Teilnehmer, nur in Ausnahmefällen ein paar mehr. Aber alles „nach Maß“. Die Vielfalt der Programme lässt keine Wünsche offen: Man kann einen halben oder ganzen Tag zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein, kann im Township zu Mittag essen, eine Abendtour samt Essen und Pub-Besuch buchen oder eine Morgentour mit Gottesdienst. „So hat jeder Teilnehmer sein ganz persönliches Erlebnis“, sagt Kowalke. Deshalb komme bei ihm nie das Gefühl auf, einen Zoo zu besuchen.

Bei der Führung durch Langa kommen vor allem Einheimische zu Wort - zum Beispiel Odwa, unser junger Guide. Startpunkt ist das Guga-S’thebe-Kulturzentrum am Rand von Langa, das unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wird. Die Räume werden an Künstler vermietet, die hier arbeiten und mit dem Verkauf ihrer Werke ihre Familien ernähren. Sogar ein kleines Freilufttheater gibt es im Hinterhof. Der talentierte Teil der Jugend Langas ist in den Ferien eingeladen, ins Kulturzentrum zu kommen und von den Künstlern zu lernen.

Dann geht es los, zunächst in eine Metzgerei, die abends zum Treffpunkt der Einheimischen wird. Auf dem Weg ermuntert uns Odwa, keine Scheu in den Häusern der Menschen zu haben und gerne auch Fotos zu machen. Geld sollte man den Einheimischen dafür nicht geben; ihre Bereitschaft, Fremde in ihren Wohnraum zu lassen, wird über den Preis der Tour entlohnt. „Nicht über die Maßen, nur so, dass es ihrem Einkommen angemessen ist“, sagt Kowalke. Wohnungen werden nie zweimal hintereinander besucht, damit das Geld einigermaßen gleichmäßig verteilt werden kann.

Die Hierarchie der Hautfarben

Odwa bringt uns ein paar Worte seiner Muttersprache bei, das käme gut an bei den Menschen. Da es sich bei isiXhosa um die Sprache mit den meisten Klicklauten der Welt handelt, haben wir unsere liebe Mühe. Doch „Molo“, ohne Klicken, für „Hallo“ können wir uns merken. Odwa erzählt auch ausführlich die Geschichte des 1927 gegründeten Townships: Die Bevölkerung entstand durch mehrere Zwangsumsiedlungen aus anderen Gebieten, die „weiß“ werden sollten. Und natürlich spricht er über die Schikanen der Apartheid, als Schwarze sich nur an einem gewissen Strandabschnitt oder auf eigenen Spielplätzen aufhalten durften und Restaurants oder Kinos komplett tabu waren.

Und heute? „Wir haben die weißen Vorstädte, die schwarzen Townships, und die ,coloured‘ Townships, also die Bezirke für die Farbigen“, sagt Odwa. Als „farbig“ gilt in Südafrika, wer weder eindeutig weiß noch eindeutig schwarz ist - also Kinder eines schwarzen und eines weißen Elternteils, aber auch die vielen eingewanderten Asiaten, vor allem Inder, oder Nachkommen einiger indigener Gruppen wie den Khoikhoi oder San. Die „Farbigen“ seien immer etwas besser gestellt gewesen, und noch heute seien deren Townships größer und reicher. „Es gibt dort keine Wellblechsiedlungen“, sagt Odwa. Da mischt sich Kowalke ein: „In den ,coloured townships‘ kann man nicht aussteigen, noch nicht einmal an einer roten Ampel anhalten. Dort gibt es mehr Geld, deshalb mehr Drogen und am Ende auch mehr Kriminalität als in den schwarzen Townships.“ Zu arm, als dass sich ein Überfall lohnte - auf solch eine Gleichung muss man erst einmal kommen.

Im südafrikanischen Alltag existiert sie also noch immer, die Hierarchie der Hautfarben. Je dunkler die Haut, desto schlechter die Chancen. In Langa wird diese Hierarchie zumindest ein wenig durchbrochen. Hier leben einige Farbige und sogar ein Weißer, der isiXhosa spricht und dem der „Vibe“ hier gefalle, sagt Odwa. Abgesehen davon kämen sehr viele Touristen aus dem Ausland. „Mehr als Südafrikaner selbst. Es wäre schön, wenn sich das ändern würde“, findet er.

„Setzt euch ruhig auf die Betten“

Im Zentrum des Townships angelangt, führen Kowalke und Odwa die Gruppe zu einigen Wohnungen. Wir betreten einen heruntergekommenen Hof, Mülleimer quellen über, Wäsche flattert im Wind. Links und rechts erstrecken sich barackenartige Gebäude, die früheren „Single-sex Hostels“, in denen die männlichen Arbeitsmigranten untergebracht waren. Heute leben hier Familien. Einer Familie gehört eine „unit“. Eine „unit“ besteht aus einem Bett sowie dem Platz darüber und darunter. Die „units“ werden vermietet. Auf eine Tür, die zum Hostel 911 führt, hat jemand „Hall of Fame“ gepinselt. Wir betreten die Unterkunft neben der „Ruhmeshalle“.

Es gibt ein Gemeinschaftsbad und ein gemeinsames Wohnzimmer für die sechs Zimmer eines Hostels. Die Küche ist Stauraum, weil es bei der gemeinsamen Essenszubereitung Neid auf die gab, die mehr verdienten und mehr Lebensmittel kaufen konnten, sagt Odwa. Jetzt kocht jeder in seinem Zimmer.

Als wir in den Gemeinschaftsraum treten, wäscht wieder einmal eine Frau gerade ihr Geschirr ab. Wir begrüßen sie brav auf isiXhosa mit „Molo“, sie sagt etwas zu Odwa und schaut uns müde an. Teilnahmslos nimmt sie zur Kenntnis, wie sechs Weiße durch ihren persönlichen Bereich spazieren. In einem dunklen Zimmer, das Odwa uns zeigt, stehen auf zehn Quadratmetern drei Betten, die mit Kleidung beladen sind. „Setzt euch ruhig auf die Betten“, sagt Kowalke. Keiner der Bewohner ist da. Niemand setzt sich. In diesem Zimmer wohnen drei Familien, das macht zwölf Personen. Die Erwachsenen und Kleinkinder schlafen in den Betten, der Rest auf Matratzen auf dem Boden.

Zehn Minuten in einem fremden Leben

Trotz der vielen Personen, die hier auf engstem Raum zusammenleben, wirkt das Zimmer recht aufgeräumt. Die Kleidung auf den Betten ist ordentlich gefaltet und zu kleinen Häufchen aufgetürmt, einige Jacken hängen an Kleiderbügeln am Bettgestell. Zwölf Zahnbürsten stehen in einem Becher auf dem einzigen Nachttisch. Wer so oft und spontan ganze Besuchergruppen empfängt, der muss wohl dafür sorgen, dass immer Ordnung herrscht. Aber vielleicht lässt sich die Enge anders auch gar nicht aushalten.

Auch hier läuft ein kleiner Fernseher. Ein schwarzer Mann im Anzug ruft etwas ins Mikrofon und zeigt sein Zahnpastalächeln. Es scheint eine Art Talentshow zu sein. Ausgerechnet! Das Format also, das den Teilnehmern verspricht, aus ihrer Welt ausbrechen zu können. Kann das klappen?

Wie sollen wir das wissen, wir, die morgens aus dem großen Hotel losgefahren sind. Wir haben keine Vorstellung davon, was es heißt, Tag für Tag so zu leben, und ob man es schafft, dabei fröhlich zu sein oder nicht. Wir können nur beklemmt und mit großen Augen in dem engen Raum stehen, in diesem Ausschnitt einer völlig fremden Lebenssituation, in die wir für zehn Minuten hineingepfercht worden sind. Als zappe man durch die Fernsehprogramme und bliebe bei einer Reality-Show hängen, die nun uns mit Szenen aus einem fremden Leben und Wohnungen versorgt. Nur stehen wir mittendrin im fremden Leben und der fremden Wohnung, und was wir sehen, ist so weit von unserer eigenen Wirklichkeit entfernt, dass wir es kaum begreifen können. Jeder versucht auf seine Weise, angemessen auf die Situation zu reagieren - niemandem gelingt es wirklich. Der eine lacht zu laut, der andere hat ein stummes Beerdigungsgesicht aufgesetzt, und der Dritte quittiert jede neue Gegebenheit mit einem einfühlsamen „Ach je“.

Smartphones haben die auch!

Keiner will so recht etwas fotografieren. Ich fühle mich wahrlich nicht wie bei einem Zoobesuch, ich stehe ja inmitten des Käfigs. Bin ein Eindringling in die Privatsphäre eines anderen, so gering diese auch sein mag. Kowalke gibt sich alle Mühe, solche Bedenken mit den viel bemühten Argumenten zu zerstreuen, dass „der Afrikaner“ in dieser Hinsicht ganz anders denke und viel offener und gastfreundlicher sei. Außerdem verdienten sich die Familien durch unsere Anwesenheit ja etwas dazu.

Auch Odwa betont, dass die Bewohner Gäste gewohnt seien und dass sie immer schon große Solidarität und Bereitschaft zum Teilen zeigten: „Diejenigen ohne Fernsehen besuchen diejenigen mit, und wem ein bisschen Reis fehlt, der bekommt ihn vom Nachbarn.“

Dennoch - statt Reis bringen wir Kameras, und so schwindet das befangene Gefühl auch dann nicht, als wir das Hostel verlassen und die nächste Unterkunft betreten: eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Hier gebe es, erklärt Odwa, ein wenig mehr Privatsphäre und danach strebten alle im Township. Also doch! Verschämter denn je beginne ich mich zu fragen, wieso wir dann im Flur dieser Familie stehen. Einer Familie von neun Personen, von denen einige nebenan im Schlafzimmer sitzen. Wir rufen wieder: „Molo!“, obwohl uns Odwa vorhin erklärte, dass man mehrere Personen mit „Molueni“ begrüßt. Undefinierbares Murmeln und Lachen kommt aus dem Schlafzimmer zurück. Nur ein Mädchen im Teenager-Alter, das krause Haar zu zwei Zöpfen wie Mickey-Mouse-Ohren gebunden, kommt neugierig heraus und lacht uns offen an. Irgendwo fiept ein Handy den Jingle des Nachrichtendienstes Whatsapp. Unwillkürlich macht sich so etwas wie Erleichterung breit. Smartphones haben die auch!

„Beverly Hills“ liegt am Rand der Wellblech-Hütten

Nur ein Viertel der Bewohner des Townships kann es sich leisten, in einer Wohnung zu leben, sagt Odwa. Um aus den Hostels in die Wohnungen zu kommen, müssen sie regelmäßig Miete zahlen, ein bisschen Glück haben - und jemanden bestechen, um auf der Warteliste nach oben zu gelangen. Wir drängen uns im Wohnzimmer zusammen, wo Wasser in einem Topf vor sich hin köchelt. Kowalke kommentiert: „Was wir hier haben, ist eine ganz typische Situation für das schwarze Leben. Egal, wo ihr reinkommt, ihr werdet immer Kochen, Essen und Wohnen in einem Raum haben. Wo gekocht wird, wird auch gelebt.“ Eine ethnologische Erklärung dafür hat er auch: „Das kommt daher, dass der Schwarze ja ursprünglich mal gewohnt war, auf dem Land zu leben, und da hat man das ganze Soziale um diesen Feuerplatz herum gehabt. Das wird auf die Wohnungen übertragen.“ Dass „der Schwarze“, der schon recht lange nicht mehr auf Feuerstellen angewiesen ist, dies nur aus Platzproblemen so handhabt, glaubt Kowalke nicht - das sei auch in den großen Einfamilienhäusern so.

Diese Einfamilienhäuser sind der Traum aller Bewohner Langas. Der Teil des Townships, der direkt am Rand des Wellblech-Viertels liegt, wird „Beverly Hills“ genannt. Schmucke Einfamilienhäuser stehen Garten an Garten. „Hier wohnen die, die einen guten Job in der Stadt haben, die Anwälte sind oder Geschäftsleute“, sagt Odwa.

Ein Grund, warum die Bewohner von „Beverly Hills“ nicht gleich ins Zentrum gezogen sind, ist die freie Ausübung ihrer Religion. „Die meisten Xhosa sind Christen, aber beten gleichzeitig ihre Ahnen an. Und opfern ihnen auch, geben große Feste zu bestimmten Anlässen, etwa der Beschneidung der Jungen oder einer traditionellen Hochzeit“, erklärt Odwa. All das sei in der Stadt nicht möglich, teilweise sogar verboten. Hier könne man leben, ohne sich anpassen zu müssen - also zu ändern. Und: „Als Schwarzer hast du selbst mit Geld eine andere Stellung in der Stadt als hier.“

Was man baut, gehört einem

Einbrüche seien selten, da jeder jeden kenne, sagt Odwa. Er findet es gut, dass Arm und Reich hier direkt nebeneinander wohnen: „So haben die Jugendlichen vor Augen, was sie erreichen können, wenn sie sich anstrengen.“ Dann schauen wir uns an, was passiert, wenn man es unterlässt.

Nach „Beverly Hills“ geht es ins Viertel der Ärmsten, unsere letzte Station. Hier stehen, so weit das Auge reicht, sogenannte „Shacks“, bunte Wellblechhütten. In einer der „Shacks“ lebt Lohlobo mit ihrer Tochter, genau wie die meisten anderen in Langa. Die Hütten sind selbst gezimmert und stehen dicht gedrängt direkt auf dem Lehmboden. Was man baut, gehört einem. Miete muss niemand bezahlen. Stromkabel und Wäscheleinen hängen wie Verbindungslinien zwischen ihnen.

Diese Hütten sind leicht entzündlich, weshalb regelmäßig Flächenbrände entstehen, und sie halten Wind und Wetter nur bedingt ab. „Aber sie haben einen Vorteil gegenüber der Hostels: Sie bieten Privatsphäre“, sagt Kowalke. Wer keine Wohnung bekommt und nicht im Hostel leben kann oder will, der baut sich solch eine Hütte. Und wieder einmal sind wir dabei, in diese so hart erarbeitete Privatsphäre einzudringen. Böse scheint uns auch hier niemand zu sein, die meisten lächeln uns auf unserem Spaziergang durch die Wellblechhütten entgegen oder schauen teilnahmslos zu, wie wir vorüberziehen. Nur die Kinder folgen uns kreischend und lachend, oder eher Kowalke und den Hunden. „Mir kommt es immer so vor, als seien die Leute hier im Township herzlicher und fröhlicher als draußen, schaut euch doch nur die Kinder an“, bemerkt Kowalke. Der Rundgang endet in Lohlobos Hütte. Nicht alle sprechen so gut Englisch wie sie. Ihren Namen, den man „Lochloba“ ausspricht, muss sie buchstabieren. „Excuse me, I don’t have an English name!“, sagt sie und lacht schon wieder ausgelassen.

Armut ist jetzt Teil des Sightseeing-Programms

Viel mehr Konversation kommt nicht zustande. Odwa erklärt etwas über die Bauweise der Hütte, und dass es draußen Toiletten gibt und der Strom im Supermarkt gekauft wird. Lohlobo als anwesendes Anschauungsobjekt lauscht den Ausführungen freundlich lächelnd. An manchen Stellen nickt sie bekräftigend. Auch als Kowalke uns etwas auf Deutsch erklärt, reißt ihr geduldiges Lächeln nicht ab. Als er geendet hat, entsteht eine unangenehme, fast peinliche Stille. Wir stehen eng beieinander im Wellblech, auf dem bisschen Platz zwischen Bett und Tür, den es in der Hütte gibt, und keiner weiß, was er sagen soll. Also tun wir es Lohlobo gleich, lächeln, und grinsen uns eine Weile ein wenig dümmlich an. Irgendwann fragt Odwa: „Any questions?“ Dumpf schauen wir uns an. Eigentlich müssten da tausend Fragen sein. Aber keiner schafft es, eine zu formulieren.

Beim anschließenden Mittagessen in Marias „Majoro Bed and Breakfast“ im angrenzenden Township Khayelitsha, einem der größten des Landes, sagt Kowalke, seine Touren brächten den Bewohnern des Townships neben dem finanziellen auch einen kulturellen Vorteil. „Es findet ein gewisser Austausch statt. Und die Leute haben endlich das Gefühl, dass sich jemand für sie interessiert.“

Auf seinem Werbeflyer steht: „IHRE ganz persönliche Tour - Ihre Inspiration!“ Die Botschaft ist klar: Auch die Touristen sollen einen Nutzen ziehen, etwas mit nach Hause nehmen, wie man so schön sagt. Doch was? Ein reines Gewissen, weil man sich neben wilden Tieren, dem Tafelberg und dem Hotelpool auch die „andere Seite“ des Landes angeschaut hat? Demut und Bescheidenheit, weil man selbst mehr Glück im Leben hat? Oder Fotos, die man den Freunden mit dem erhabenen Gefühl zeigen kann, mehr von der harten Wirklichkeit gesehen zu haben als sie?

Ob in den indischen oder kenianischen Slums, den brasilianischen Favelas oder den Ghettos von Los Angeles - der Armut ins Auge zu blicken gehört nun zum Sightseeing-Programm. Und auch in Südafrika kommen vierzig Jahre nach dem Schüleraufstand von Soweto die Weißen als Besucher in die Townships. Es wird noch lange dauern, bis sie als Nachbarn kommen.

Informationen: Hajo’s Lodge & Tours, 83 Ascot Road, Milnerton, Kapstadt, Telefon: 002721/ 5558700, info@hajo-sa.co; eine Tagestour zu Fuß inklusive Mittagessen kostet für eine oder zwei Personen 175 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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