Bale-Nationalpark in Äthiopien

Generation Wolf

Von Günter Kast
 - 22:14
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Plötzlich bleibt sie stehen, legt den Kopf leicht zur Seite, schaut Neville Slade für einen Moment direkt in die Augen. Ein wenig kokett wirkt das. Nur fünfzehn Meter ist sie von seinem Geländewagen entfernt. Die Wölfin scheint regelrecht für ein Foto zu posieren.

„So nahe bekommt man sie sehr selten zu sehen“, flüstert der Tierschützer v0n der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). In einem Erdloch taucht plötzlich der Kopf einer Riesenmaulwurfsratte auf, der Lieblingsbeute der Räuber. Sofort geht die Wölfin in Lauerstellung: Sie duckt sich, winkelt die Hinterläufe wie eine Sprungfeder an, unter dem rötlich-braunen Fell zucken die angespannten Muskeln und Sehnen. Doch die Ratte wittert die Gefahr und huscht schnell zurück in ihren schützenden Bau. „Es gibt hier mehr Kleinsäuger als in der Serengeti, Nahrung im Überfluss“, sagt Slade. „Der Bale-Nationalpark ist eigentlich ein Schlaraffenland für die Wölfe.“

Das Schutzgebiet mit seinen mehr als 4000 Meter hohen Bergen, fast so groß wie das Saarland, dehnt sich gut 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Addis Abeba aus. Nur etwa 5000 Touristen kommen pro Jahr. Die meisten Äthiopienbesucher beschränken sich auf den Norden, sie besuchen die Felsenkirchen in Lalibela und Gheralta, die alten Kaiserstädte Gondar und Axum. Dabei ist die Anreise in den Bale-Park ziemlich bequem: Chinesen, die auch hier wie in so vielen afrikanischen Ländern, tatkräftig und nicht uneigennützig in die Infrastruktur investieren, haben eine für das arme Land untypische, weil schlaglochfreie Straße in die alpine Landschaft gelegt. Im Hochtal von Gaysay grasen Bergnyalas und Bohor-Riedböcke, zwischen ihnen suchen Paviane und Warzenschweine nach Futter. Sie alle lassen sich von dem neuen Highway aus bequem beobachten. Erst in Dihso, einem kleinen Dorf, beginnt eine holprige und bei Regen rutschige Allradpiste hinauf zum Web-Plateau, wo die Wölfe leben. Am Wegesrand tauchen verschleierte Frauen auf, die meisten Menschen beten zu Allah. Die Frauen sind allein und auf Pferden unterwegs. Sie sammeln Holz für die kalten Nächte in den Bergen. Begleitet werden sie dabei nur von ihren Hunden.

Zwischen Schakal und Fuchs

Die Landschaft hier oben auf 3400 Metern erinnert mehr an Island als an die Savannen Afrikas, animiert eher zum Lachsfischen als zu einer Safari. Sich zurückziehende Gletscher haben kleine Seen geformt, hinter dem Zeltcamp stürzt ein Wasserfall in einen natürlichen Pool, in dem Enten und Gänse schwimmen. In der ersten Nacht zieht Sturm auf, kalter Regen klatscht gegen die Planen, zwischen den Böen hört man die etwas unheimlichen Rufe der Klippschliefer, optisch eine Mischung aus Hase, Maus und Meerschweinchen. Am nächsten Morgen hängen die Wolken so tief wie in den schottischen Highlands. Awel Sultan, der Guide, stellt Eimer mit glühender Holzkohle ins Küchenzelt. Zwischendurch blickt er immer wieder durch sein Fernglas. „Mein Vater ist Wolf-Scout in den Diensten der Tierschützer. Irgendwo dort draußen ist er jetzt unterwegs, um die Rudel von den Menschen und ihren Viehherden fernzuhalten.“ Nicht etwa, weil die Wölfe Rinder reißen, sondern weil sich die Räuber bei den Hirtenhunden mit Tollwut und Hundestaupe anstecken könnten.

Es sind Krankheiten, die die Wölfe zu einem der seltensten und am stärksten bedrohten Raubtiere Afrikas machen. Erst 1938 wurden sie in den Sämen-Bergen im Norden Äthiopiens entdeckt, wo heute noch einige wenige Rudel leben. Trotz des eher schakal- oder fuchshaften Aussehens sind sie enge Verwandte des europäischen und nordamerikanischen Grauwolfes. Getrennt wurden sie von diesem während der jüngsten Eiszeit. Als es danach wieder wärmer wurde, zogen sich die Tiere in höhere Lagen zurück und wurden so "Gefangene" der Hochgebirge Äthiopiens. In den Sämen- und Bale-Bergen passten sie sich nach und nach an die afroalpine Landschaft an: Ihr Fell wurde hellbraun wie die Vegetation während der Trockenzeit. Ihre Schnauze verlängerte sich und wurde spitzer, um Nager wie Riesenmaulwurfsratten besser packen zu können.

"Sie sind anders als eure Wölfe", sagt Sultan. "Sie sind gesellig und leben in Rudeln, jagen aber einzeln. Sie bellen, anstatt zu heulen. Und sie reißen keine großen Nutztiere." Ganz im Gegenteil: "Sie hängen sich an die Herden dran und jagen in deren Windschatten Nager, die die Rinder und Ziegen aufscheuchen." Dabei gingen sie oft mit Hunden auf Tuchfühlung. Zu Kreuzungen komme es dabei so gut wie nie. Aber eben zur Übertragung von Krankheiten. Sultans Vater darf deshalb zum Gewehr greifen, wenn er auf Hunde trifft, die sich mehr als hundert Meter von den Hirten entfernt haben.

Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit

Für gute Stimmung sorgt das freilich nicht. Und es hilft auch nur bedingt. "Vorgestern erst haben wir den Kadaver eines Wolfes entdeckt", berichtet ZGF-Projektleiter Slade, der seit gut drei Jahren im Bale-Park lebt und arbeitet. Eine Probe des Kadavers befinde sich jetzt auf dem Weg ins Gesundheitsministerium in Addis. Erst wenn dort die Hundestaupe nachgewiesen worden sei, erhalte er die Erlaubnis für das Impfen des betroffenen Rudels. "Das dauert alles viel zu lang", kritisiert er. Aber der Kenianer mit britischem Pass weiß, dass er wenig ausrichten kann. "Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit", pflegen Afrikaner den Weißen zu sagen. Slades französischem Kollegen Eric Bedin, der ebenfalls für eine Tierschutzorganisation arbeitet, geht es nicht anders.

Weil die Impfbewilligungen für die Wölfe auf sich warten lassen, haben die beiden den Spieß umgedreht und bereits 5000 Hunde immunisieren lassen. Gemeinsam koordinieren sie die Arbeit der Wolf-Scouts, rüsten diese mit Pferden und Ferngläsern aus. Sie gehen in Schulen, klären auf. Allein die ZGF stellt dafür jährlich zwischen 400 000 und 700 000 Euro bereit. Von der Regierung kommt so gut wie nichts. Geld für den Tierschutz versickert in unbekannten Kanälen. Selbst die Non-Profit-Organisation "African Parks", die einzige dieser Art in Afrika, die staatliche Naturschutzaufgaben im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften übernimmt, darunter die Verwaltung von Nationalparks, wollte im Bale-Reservat nicht einsteigen. "Die haben gesagt: Wir machen es richtig oder gar nicht", erzählt der ZGF-Mann.

Hat Canis simensis unter diesen Umständen langfristig eine Chance? In ganz Äthiopien seien vielleicht noch 350 übrig, schätzt Slade. 140 bis 150 von ihnen durchstreifen den Bale-Park. Allein 2016 hätten sie dort durch Krankheiten rund 80 Tiere verloren. Immerhin erhole sich der Bestand seither wieder. "Die Wölfe können überleben, wenn es gelingt, binnen zehn Jahren alle Menschen im Park umzusiedeln. Es ist die einzige Lösung", fordern Slade und Bedin. Sie wissen, wie heikel das Thema ist. 40 000 Menschen müssten dafür ihre Heimatdörfer verlassen. Aber wohin mit ihnen? Schon jetzt gibt es mehr als hundert Millionen Äthiopier, die alle ernährt werden wollen. Das Trauma der Hungerkrisen der 1980er Jahre sitzt tief. Und die Bevölkerung wächst weiter rasant. Vier Fünftel von ihnen sind Bauern, ihre Felder und Viehweiden breiten sich wie ein Geschwür im Park aus. Die Regierung schafft es nicht einmal, die den Tierschützern versprochene Zuzugsbeschränkung durchzusetzen.

Hirten sind bereit zu gehen

Tatsächlich wissen auch Slade und Bedin, dass sie nicht zu viel Druck machen dürfen. Sonst kippt bei den Bauern die Stimmung. Sie könnten dann wieder anfangen, Wölfe zu wildern. Auf Märkten im Sudan bekommen sie für ein Fell, dem dort magische Kräfte zugesprochen werden, angeblich so viel Geld, wie sie sonst in einem ganzen Jahr nicht verdienen. Schon heute verenden immer wieder Wölfe, weil sie Köder fressen, die die Bauern für Hyänen ausgelegt haben - was ebenfalls illegal ist.

Spricht man mit den Hirten, dann sagen diese, sie seien bereit, zu gehen, wenn man ihnen einen fairen Preis bezahlt und sie Zugang zu Stromanschlüssen, Krankenstationen und Schulen erhalten. Sie wissen, dass die notorisch klamme Regierung im Sämen-Nationalpark im Norden des Landes ihre Versprechen bis heute nicht gehalten hat. Deshalb sind sie skeptisch.

Graeme Lemon, der erst vor kurzem auf dem Web-Plateau sein mobiles Zelt-Camp errichtet hat, ist zuversichtlich, dass es für die Wölfe doch noch ein Happy End geben wird. "Mensch und Wolf - das war immer schon die Geschichte einer schwierigen Beziehung", sagt er. "Warum sollte es in Afrika anders sein?" Lemon stammt aus Simbabwe, hat vor Jahren seine Farm verloren.

Mehr Touristen wären nötig

Natürlich sei es schon fast tragikomisch, dass ausgerechnet Hunde dem Wolf hier gefährlich werden. Lemon hat einige Jahre in Kanada gelebt. Er weiß, dass dort die Wölfe ihre domestizierten Verwandten regelrecht hassen und ihnen an die Kehle gehen, wenn diese nicht ganz schnell Schutz im Haus suchen. Leider seien Äthiopische Wölfe für solche Mordtaten nicht zu begeistern. Sein - nicht ganz uneigennütziges - Rezept zur Rettung der Bale-Wölfe: "Wir brauchen mehr Touristen im Park. Dann merken auch die Regierung und die Einheimischen, dass die Wölfe Jobs und Einkommen bringen."

Mit Lemon und Slade geht es anderntags zu Fuß auf Wolfspirsch, auf Walking-Safari sozusagen. Ein Gewehr muss dabei nicht mit, denn die "Big Five", die man sonst auf einer Safari zu sehen hofft, gibt es hier nicht. Nur im geheimnisvollen Nebelwald von Harenna auf der anderen Seite des Parks sollen sich noch einige wenige Löwen verstecken. Hier, auf dem baumlosen Hochplateau, gibt es kaum Möglichkeiten, sich zu verbergen. Am Horizont erkennt man Viehherden mit ihren Hirten, auch Hunde sind dabei. Ein unberührtes Naturreservat ist der Park schon lange nicht mehr. Man spürt förmlich den Bevölkerungsdruck. Erst in einem von den Scouts abgeriegelten Seitental entdeckt Slade das gesuchte Rudel.

Fünf Wölfe liegen dort entspannt in der tiefstehenden Abendsonne. Sich ihnen weiter zu nähern, würde sie nur aufschrecken, denn der Wind steht ungünstig. Slade setzt sich deshalb auf einen Felsen und beobachtet sie mit dem Fernglas. "Sie sehen gut aus, gesund", stellt er fest. Ein zufriedenes Lächeln huscht über sein Gesicht. Und dann sagt er: "Bale muss überleben, nicht wegen der Wölfe allein. Der Park ist Wasserspeicher für bis zu 15 Millionen Menschen, drei große Flüsse entspringen hier. Ich hoffe, die Regierung begreift das."

Der Weg nach Äthiopien

Einreise: Visum entweder online beantragen (36 Euro, ethiopiatraveling.com/application) oder bei der Einreise (48 Euro).

Anreise: Äthiopian Airlines fliegt direkt von Frankfurt nach Addis Abeba (ab etwa 500 Euro); Turkish Airlines fliegt über Istanbul, Egypt Air über Kairo. Von der Hauptstadt dauert die Fahrt in den Bale-Park etwa sieben bis acht Stunden.

Veranstalter: Der britische Afrika-Spezialist "Wild Philanthropy" (wildphilanthropy.com), gegründet von dem Naturschützer Will Jones, ist der einzige Veranstalter, der auf dem Web-Plateau im Bale-Park, wo die meisten Wolfsrudel leben, ein komfortables Zeltcamp betreibt. Die Berater stellen individuelle Äthiopienreisen zusammen, auf Wunsch auch mit Kleinflugzeug-Charter.

Preis: bei vier Personen ab etwa 850 Euro pro Person und Tag (alles inklusive), mit dem Auto entsprechend günstiger.

Weitere Informationen: Ethiopian Wolf Conservation Programme: www.ethiopianwolf.org oder bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt: fzs.org (unter "Projekte") oder unter www.äthiopien.de

Literatur: Katrin Hildemann und Martin Fitzenreiter: "Äthiopien", Reise-Know-How-Verlag Peter Rump, 2017.

Quelle: F.A.S.
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