Wandern an der Lahn

Goethe war schon einen Schritt weiter

Von Gerhard Fitzthum
 - 17:42
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Streit bringt bisweilen Gutes – etwa in Runkel für das Baugewerbe. Dort hatten Maurer und Zimmerleute zwischen 1276 und 1288 alle Hände voll zu tun. Nachdem sich Heinrich von Westerburg mit dem Burgherrn, seinem Vetter, überworfen hatte, ließ er sich mit „Schadeck“ einen eigenen Adelssitz bauen – eine „Ecke zum Schaden der Burg Runkel“, wie sich der Name übersetzen lässt. Nicht irgendwo freilich, sondern direkt gegenüber auf der anderen Lahnseite, dreihundert Meter Luftlinie entfernt, aber deutlich höher am Hang. Westerburg wollte auf seinen Intimfeind hinunterblicken können und es genießen, dass dieser zu ihm aufschauen musste. So kommt es, dass Runkel nicht nur mit einem imposanten Feudalbau für sich werben kann, sondern mit deren zwei. Mit der vollständig erhaltenen Steinbogenbrücke von 1440 kommt eine weitere Sehenswürdigkeit ersten Ranges hinzu. Und hätte man die alte Steintreppe zur Anhöhe von Schadeck nicht in ein Mahnmal der Betonsteinzeit verwandelt, das hessische Örtchen könnte sich als Enklave des Mittelalters präsentieren – und wäre längst in ganz Deutschland bekannt.

An historischen Baudenkmälern leidet das Lahntal auch andernorts keinen Mangel. Die Zahl der Burgen, Schlösser und Klöster ist enorm, alle paar Kilometer steht man vor beeindruckenden Gebäuden, mal aufwendig restauriert, mal als gespenstisch drohender Torso, der vom Untergang der Ritterkultur erzählt. Dazu kommen Wassermauern, Stadttore und höfische Parkanlagen.

Trotz dieser Fülle an kulturgeschichtlichen Attraktionen wird das Lahntal erst seit 1994 systematisch beworben. Alle Fäden laufen seither bei Achim Girsig zusammen, der durch eine wissenschaftliche Studie zu den Entwicklungsmöglichkeiten des „sanften Tourismus an der Lahn“ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Zunächst war es der neugegründeten „Lahntal-Kooperation“ darum gegangen, den 242 Kilometer langen Rheinzufluss als Paddelrevier zu vermarkten, ohne mit den Naturschützern in einen Dauerstreit zu geraten. Kommerzielle Kanuverleihe waren in diesen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und hatten bei den Hütern von Flora und Fauna die Alarmsirenen aufkreischen lassen. Obwohl der Boom nachgelassen hat, liegen an der Lahn nach wie vor geschätzt eineinhalbtausend Leihkanus.

Ein Bauwerk auf einem markanten Felsen

Wenig später schwappte die Radlerwelle ins Tal. Die Touristiker beeilten sich, einen durchgehenden Radfernweg zu schaffen und ihn vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, dem ADFC, zertifizieren zu lassen. Der Erfolg blieb nicht aus. Eine Viertelmillion Radfahrer werden hier jedes Jahr gezählt, und ein Abflauen der Nachfrage ist nicht in Sicht.

Mit der Optimierung des Wanderangebots hatte man es weniger eilig: Erst im Jahr 2013 wurde der knapp dreihundert Kilometer lange „Lahnwanderweg“ eröffnet, ziemlich genau hundert Jahre nachdem Westerwaldverein und Taunusclub erstmals eine durchgehende Route von Wetzlar bis zur Mündung in Lahnstein markiert hatten.

Zu den eindrücklichsten der insgesamt neunzehn Etappen gehören die rund um Runkel – eben wegen der beispiellosen Dichte an Sehenswürdigkeiten: der berührende jüdische Waldfriedhof, der für Besucher geöffnete Unica-Marmorbruch, die Villmarer Marmorbrücke, der spektakuläre König-Konrad-Felsen und jene beiden Vesten von Runkel. Das spannendste Gebäude steht allerdings unerreichbar am anderen Lahnufer, was es nur noch verlockender erscheinen lässt: die monumentale St. Lubentius-Basilika, die zwischen 1225 und 1250 erbaut wurde und als Mutterkirche aller Sakralbauten an der mittleren Lahn gilt. Ein atemberaubendes Bauwerk, so bezaubernd auf einem markanten Felsen plaziert, dass man einen prähistorischen Kultplatz unterstellen muss.

Goethe war unglücklich verliebt losmarschiert

Das große Vorbild des Lahnwanderwegs war und ist der nahe Rheinsteig, der den Dörfern und Städtchen zwischen Rüdesheim und Koblenz einen ungeahnten touristischen Aufschwung verschafft hat. Mit einem vergleichbaren Boom hat man an der Lahn nicht gerechnet, und doch braucht man vor der erfolgreichsten Route der Republik nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Als Wanderrevier hat das Lahntal gegenüber dem Rhein einen entscheidenden Vorteil: Die Talsohle ist meistens breit und selten vollständig mit Siedlungen, Autostraßen und Bahntrassen verbaut. Zuweilen bewegt man sich durch herrlich grüne Auwiesen, die noch nicht von Asphalt verunstaltet und durch Verkehrslärm entwertet sind. Bei Eschhofen etwa oder im wildromantischen Seitental der Salzböde.

Im letzten Drittel der Lahn, das bereits auf rheinland-pfälzischem Boden liegt, hat der Lahnwanderweg hin und wieder sogar alpinen Charakter. Weil der Fluss zwischen Diez und Lahnstein den Taunus vom Westerwald trennt, ist das Tal dort so tief eingeschnitten, dass man sich überall wähnt, nur nicht im deutschen Mittelgebirge. Für die in die Route einbezogene Ruppertsklamm sollte der Wanderer über gewisse Kletterfähigkeiten verfügen. Kaum weniger spektakulär ist der Aufstieg von Obernhof in Richtung Dörnberg. Der Steig folgt einem schmalen Felsengrat und musste mit Halteseilen, Metallstufen und Leitern gesichert werden. Er endet am sogenannten „Goethepunkt“, an dem ein überdachter Aussichtspavillon steht. Wer hier in die Runde schaut, kann nachvollziehen, weshalb Goethe den Ort „ein schönes Plätzchen zum Sterben“ genannt hat: Obwohl nur 275 Meter hoch, fühlt man sich der Welt abhandengekommen. Der Blick schweift über endlose Hügelmeere und fällt zur Obernhofer Flussschleife hinunter. Das einzige Weinanbaugebiet an der Lahn liegt einem zu Füßen.

Goethe war am 11. September 1772 unglücklich verliebt in Wetzlar losmarschiert und hatte noch am selben Tag das vierzig Kilometer entfernte Runkel erreicht. Zwei Tage später kam er im Klosterdorf Obernhof an, wo ihn offenbar die Lust überfiel, auf die namenlose Erhebung aufzusteigen, die heute seinen Namen trägt. Die Zuordnung stammte vom gastgebenden Pfarrer und Dorflehrer, der sich bald nach Goethes Weiterreise auf die Suche nach der Stelle begab, über die sich der Meister geäußert hatte.

Der moderne Wanderergast hasst Hartschotterpisten

Die in Balduinstein endende Etappe hat aber noch einen anderen Superlativ: Nur auf elf Prozent der Strecke werden die Füße mit Hartbelag gequält, und nur sechsundzwanzig Prozent bestehen aus normalen, von Forstfahrzeugen befahrbaren Wanderwegen. Die restlichen zwei Drittel sind Fußwege im besten Sinn des Wortes: schmale Trassen mit Pfad- oder Steigcharakter. Näher kann man der Natur in Wanderschuhen kaum kommen. Statt Wege zu nutzen, die eigentlich auf Kraftfahrzeuge zugeschnitten sind, erfährt man sich als Teil der Landschaft, durch die man sich bewegt.

Die Erkenntnis, dass der Erfolg einer Wanderroute ganz entscheidend von den Wegeformaten abhängt, ist erst zwanzig Jahre alt. Mitte der Neunziger hatte der Sozialwissenschaftler und spätere „Wanderpapst“ Rainer Brämer repräsentative Umfragen unter Hobbygehern gemacht. Die wichtigste Erkenntnis: Der moderne Wanderergast hasst nichts so sehr wie trostlose Asphalt- und Hartschotterpisten, vielmehr wünscht er sich möglichst große Naturnähe – also schmale, erdige Pfade, die in die Landschaft eingewachsen sind, sich geheimnisvoll durch den Wald winden und zu bezaubernden Rast- und Aussichtspunkten führen, fernab von Straßen und Siedlungsräumen.

Von touristischen Dachorganisationen beauftragt, begann Brämer nun Routen zu konzipieren, wofür er ein „Premium“-Konzept entwarf, das die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden in Hardware umzusetzen versuchte. Aus Angst, von ihrem charismatischen Intimfeind ausgebootet zu werden, zog der Verband der klassischen Wandervereine mit einem eigenen Bewertungsverfahren nach. Im Prinzip folgt es der Brämerschen Logik, schwächt dessen strenge Qualitätsanforderungen aber deutlich ab. Nicht zufällig gaben die Lahntal-Touristiker Letzteren den Zuschlag, so dass der Lahnwanderweg nur als „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ firmiert. Trotzdem steht die Route an der Lahn dem Premiumweg am Rhein vielerorts in nichts nach, vor allem in den Gefilden zwischen Limburg und Lahnstein, die abwechslungsreicher kaum sein könnten.

Ein umwerfender Blick von der Wolfslei

Allerdings ist durch die neue Streckenführung eine gewisse Verwirrung entstanden, denn es gibt noch Markierungen des alten „Lahnhöhenwegs“. So bestehen jetzt zwei Strecken nebeneinander, meist deckungsgleich, aber eben nicht immer. Soviel zu erkennen ist, ist der neue Lahnwanderweg die naturnähere und damit anspruchsvollere Variante – wer es sich leichter machen will, schwenkt in den Lahnhöhenweg ein.

Die vielen mit dem alten Namen „Lei“ bezeichneten Panoramafelsen lässt auch diese Route nicht aus, obwohl man dafür meistens kleinere Umwege in Kauf nehmen muss. Wahrlich umwerfend ist der Blick etwa von der Wolfslei und dem spektakulären Gabelstein, von wo aus man auf die Lahnschleife von Cramberg hinunterschaut – ein landschaftliches Gesamtkunstwerk mit Fluss und Bahngleisen, aber ohne Straßen.

Spätestens Pfingsten erinnert das Lahntal dann eher an eine Modellanlage des Outdoor-Sports: kein Flussabschnitt ohne Kanus, am Ufer sind Radler unterwegs, oft in der Karawane. Der Wanderer ist nun der einzige Aktivurlauber, der vom Massenandrang verschont bleibt. Auf Abkürzungen auf alten Leinpfaden freilich sollte man in diesen Tagen verzichten.

Wanderer haben keine Lobby

Lein- oder Treidelpfade säumen vielerorts das Ufer, von denen aus wurden einst die Lastkähne flussaufwärts gezogen – meist mit Pferden, seltener von Menschen. Mangels gut ausgebauter Landstraßen war es noch bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts üblich, die Güter auf dem Wasserweg zu transportieren. Kurz zuvor hatte das neugegründete Herzogtum Nassau sogar eine systematische Schiffbarmachung in Angriff genommen: Im Jahr 1810 ging die erste Flotte von zwölf Achtzehn-Tonnern in Weilburg vor Anker. Dreißig Jahre später wurde ein Vertrag zwischen Preußen, Nassau und Hessen-Darmstadt geschlossen, der den Bau von Kammerschleusen bis Gießen vorsah und Güterschiffen bis fünfundsiebzig Tonnen das Befahren ermöglichen sollte. In wenigen Jahren wurden nun mehr als zwanzig Schleusenwerke gebaut.

Der Optimismus der Lahnschiffer hielt nicht lange an. Als wenig später eine Eisenbahnlinie durchs Tal führte, war es mit dem Transport auf dem Wasser vorbei. Trotzdem besitzt die Lahn noch heute den Status einer Bundeswasserstraße, was die Freizeitkapitäne frohlocken lässt, den Naturschützern hingegen ein Dorn im Auge ist. Die Personenschifffahrt spielt nur eine untergeordnete Rolle. Umso wichtiger ist für den Wanderer die im Stundentakt verkehrende Regionalbahn, die in praktisch allen Orten hält. Manchmal können Zwischentransfers mit der Bahn sogar die Rettung sein. Vor allem in der Nebensaison muss man damit rechnen, vor verschlossenen Gasthaustüren zu stehen. Die meisten Wirte öffnen unter der Woche erst am späten Nachmittag. Wer sich morgens nicht genug in den Rucksack gepackt hat, beginnt die vielen Höckerschwäne auf dem Fluss irgendwann im Blick auf ihren kulinarischen Nährwert zu betrachten.

Kein Problem ist die Versorgung in den Städtchen, allesamt einen Besuch wert: Marburg, Wetzlar, Limburg, Weilburg, Diez und Bad Ems. Sehenswert sind aber auch Bad Laasphe, Biedenkopf, Braunfels und Nassau. Leider ist der Mut zur Verkehrsberuhigung dort meist nur schwach ausgeprägt. Kaum ein Markt- oder Rathausplatz, auf dem nicht ständig Autofahrer auf der Suche nach einem Parkplatz kreisen. Schade ist auch, dass man an der gesamten oberen und mittleren Lahn kaum jemals etwas vom Fluss sieht und man sich gelegentlich sogar kilometerweit vom Tal entfernt. Zwischen Wetzlar und Weilburg etwa wurde der Lahnwanderweg weit ins waldreiche Hinterland gelegt – auch deshalb wohl, um das Märchenschloss von Braunfels an die Route anzuschließen. Es gibt aber auch noch einen ganz anderen Grund dafür, dass Wanderwege, die einen Fluss im Namen tragen, die Erwartungen, die sie wecken, nicht immer erfüllen. Seit vor etwa fünfzehn Jahren der Radelboom ausbrach, wurde im Namen des sanften Radtourismus überall massiv aufgerüstet. Mit hohen Fördergeldern wurden Fußwege und Treidelpfade am Ufer zu breiten Asphaltschneisen aufgeweitet, auf denen das Wandern auch dann keinen Spaß macht, wenn kein Radler zu sehen ist. Im Unterschied zu den Autofahrern, Radlern und auch Landwirten haben die Wanderer eben keine Lobby.

Hierarchien im Mobilitätsgeschehen

Die Zertifizierung von Wanderrouten könnte da helfen, denn sie führt dazu, dass immer mehr Wanderer Wege nach menschlichem Maß einzuklagen beginnen. Bei Lichte besehen, sind die Qualitätsrouten letztlich ein Armutszeugnis, denn sie besiegeln die Vertreibung des Fußgängers aus den Flusstälern.

Dass sich die Lahntouristiker erst mal den Paddlern und Radfahrern zugewendet haben, ist also kein Zufall. Es zeigt die hierarchischen Verhältnisse im modernen Mobilitätsgeschehen, die auch mit Qualitätssiegeln nicht aus der Welt zu schaffen sind. Doch Glück im Unglück: In die Höhen des Mittelgebirges getrieben, entfernt man sich nicht nur vom Outdoor-Trubel, man wird auch mit der einen oder anderen wundervollen Aussicht entschädigt.

Quelle: F.A.Z.
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