Tagebucharchiv Emmendingen

Diese bescheuerten Bundesjugendspiele

Von Wolfgang Albers
 - 15:06
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Heinz W. gehört nicht zu den Großen der Geschichte. Er war einer derjenigen, mit denen Geschichte gemacht wurde, einer aus der Millionenschar der Durchschnittsbürger mit nur sehr begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten. Aber sind seine Erfahrungen weniger wert als die der Politiker, Generäle, Wirtschaftslenker, die Geschichte machten und dann ihre Memoiren verfassten – und das Bild der Geschichte damit beeinflussen?

Auch Heinz W. hat Geschichte aufgeschrieben – für sich. Wie ihm zum Beispiel als Elfjährigem im Jahr 1933 auffiel, dass sich das Verhalten seiner Lehrer änderte: „Einer stand in betont selbstbewusster Haltung an der Schultür, so dass jeder auf das runde Abzeichen mit dem Hakenkreuz in der Mitte, das er im Knopfloch an der Jacke trug, aufmerksam wurde. Nur unser Lateinlehrer war stiller geworden. Unübersehbar, dass er sich verkniff, auf die jungen Bürschchen in ihren braunen Hemden zu schimpfen, die draußen vorbeigingen – in ganzen Kolonnen jetzt.“

Dass man diese privaten Aufzeichnungen kennenlernen kann, ist das Verdienst des Vereins Deutsches Tagebucharchiv. Er sitzt in Büroräumen der oberen Etage des Alten Rathauses von Emmendingen, einem repräsentativen Barockbau. Besuchern wird persönlich aufgeschlossen. An den Wänden stehen Regale voller säurefester Archivkartons, auf dem Tisch liegt gerade ein abgewetzter Lederkoffer, voll mit Tagebüchern einer Frau – eine schöne Handschrift, die einzelnen Tage sind ausführlich beschrieben. Es ist eine von etwa zweihundert Schenkungen, die das Archiv jedes Jahr von Nachfahren bekommt.

„Oh – Scheiß – null Bock drauf“

Mehr als zwölftausend Tagebücher sind inzwischen inventarisiert, dazu jeweils dreitausend Erinnerungen und Briefe-Sammlungen. Das älteste Tagebuch ist ein Schreibkalender des württembergischen Pfarrers Gottlieb Christoph Bohnenberger aus dem Jahr 1760, Neuzugänge kommen vor allem aus den Jahrgängen der Kriegsgenerationen. Aber auch die Gegenwartsnöte einer Schülerin sind dokumentiert: „Morgen muss ich diese bescheuerten Bundesjugendspiele absolvieren. Oh – Scheiß – null Bock drauf.“

Lilly A. hat das geschrieben. Den Nachnamen erfährt man nicht, das Archiv wahrt in der Regel die Anonymität, und man darf auch nicht einfach in jedem Tagebuch schmökern. Mit den Überlassern sind meist Nutzungsbedingungen ausgemacht.

Momentan zeigt das Haus Auszüge aus Tagebüchern und Briefen zum Wandel der Familie. Die Besucher erhalten Einblicke in das entbehrungsreiche Leben einer Großfamilie im neunzehnten Jahrhundert, in das Zerbrechen von Beziehungen, die Sorgen um Kinder, die Schwierigkeiten der Vor-Emanzipations-Generation, als Frau ein eigenes Leben zu führen. Tagebücher, das merkt man, sind oft Ansprechpartner, bei denen man seine Sorgen abladen kann. Und so enthalten sie einen ganzen Kosmos an Erfahrungen und Geschichten.

„Es half nichts, dass der Treiber eigenhändig verhauen wurde“

In einer Leseecke zeigen Publikationen einen Querschnitt durch Themen, etwa das Reisen. Dann sitzt man mit auf einem Ochsengespann deutscher Siedler voller Herrendünkel in Südwestafrika („Unser mühsam gepackter Wagen mit Piano, Nähmaschine, Kochherd rutschte die Böschung hinunter und lag im Sande. Es half nichts, dass der Treiber eigenhändig verhauen wurde.“). Oder vernimmt die Gedanken eines flanierenden alternden Mannes: „Meinen Weg haben ein paar junge Frauen gekreuzt, und ich musste mir wieder in Erinnerung rufen, dass ich ja längst aus dieser Generation ausgeschieden bin. Ich darf da nicht in Versuchung fallen, Goethe spielen zu wollen.“ Man liest Erinnerungen an den Mauerfall, die Schule, die Arbeitswelt.

All diese Gedanken und Erlebnisse wären verloren, verschwänden Tagebücher mit dem Tod ihrer Autoren. Aber gerade all das Private ist eine ergiebige Quelle für die Geschichts- und Kulturforschung, weil es den amtlichen Quellen eine subjektive Sicht entgegensetzt. Deshalb hat Frauke von Troschke im Jahr 1998 dieses Archiv gegründet – um auch Stimmen wie der von Veronika D. eine Chance auf Ewigkeit zu geben, mit der sie nie gerechnet haben: „Ich blicke in meine Seele, schreibe, was ich fühle, bin keine Berühmtheit, sondern nur ein normal denkender Mensch wie ich und du.“

Deutsches Tagebucharchiv

Marktplatz 1, 79312 Emmendingen, geöffnet Dienstag bis Donnerstag 14 bis 16 Uhr, Führungen nach Vereinbarung, Tel.: 07 64 1 / 57 46 59, Information im Internet: www.tagebucharchiv.de.

Quelle: F.A.Z.
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