Kneipen in Amsterdam

Das Geheimnis des verräterischen Falken

Von Rob Kieffer
 - 21:36
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Ein feuchter, salziger Wind pirscht sich von der Nordsee heran und pfeift gespenstisch durch die Grachten Amsterdams. Hausboote beginnen zu schaukeln, regenschwere Wolken ersticken den kleinsten Hauch von Tulpenfarbigkeit, schwarz gekleidete Radfahrer holpern wie pedalierende apokalyptische Reiter übers Pflaster. Es ist eine morbide Atmosphäre wie in den Gruselszenen von „Amsterdamned“, dem 1987 gedrehten Kult-Kinoschocker von Dick Maas. Doch wir wollen keinem harpunenbewehrten Serienkiller begegnen, der im Taucheranzug aus dem blubbernden Kanal steigt. Also steuern wir an der Ecke von Prinsengracht und Brouwersgracht ein Giebelhaus an, dessen gardinenlose Fenster wohliges Licht nach draußen in die düsteren Gassen leiten.

Als wir das „Café Papeneiland“ betreten, wissen wir zuerst nicht, ob wir uns in einem vollgestopften Antiquitätenladen befinden oder in einem typischen Amsterdamer Wirtshaus. In einer Ecke bollert ein gusseiserner Ofen, auf dem Uromas Bügeleisen stehen. Eine Lichterkette schwingt sich wie eine Weihnachtsgirlande um einen Kronleuchter. An den Wänden hängen Zinnteller, kupferne Bettpfannen und blauweiße Keramikkacheln aus Delft. Alte Stiche mit fleckigen Rändern zeigen, wie Amsterdam sich zur Gründungszeit des „Papeneiland“, also Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als aufstrebende Handels- und Hafenstadt präsentierte. In einem eingerahmten Brief wird Besitzer Tiel Netel für „one of the nicest experiences I have had in quite a while“ gedankt. Unterschrieben hat Bill Clinton, der 2011 mit seinen Bodyguards vorbeischaute, um sich einen Cappuccino und ein Stück der legendären hausgemachten Apfeltorte zu genehmigen.

Mehr Wirte und Weinhändler als Kaufleute

Die Kneipe trägt den Namen „Papisteninsel“, weil sie während der Reformationskriege mit einem unterirdischen Gang ausgestattet war, durch den die von den Protestanten verfolgten Katholiken zu einem geheimen Kirchenraum gelangten. „Papeneiland“ gehört zu den traditionsreichen „bruine cafés“ von Amsterdam, die ihren Namen den uralten, dunklen Holztäfelungen und den vom einstigen Dauerrauchen tabakbraun gefärbten Decken und Wänden verdanken. Gepafft wurde damals nicht nur aus Genuss, sondern auch, um den höllischen Gestank zu überdecken, der aus den mit Schlachtabfällen und verwesenden Tierkadavern überfüllten Grachten aufstieg.

Und um es in der aus allen Nähten platzenden Stadt auszuhalten, wurde eifrig gezecht. Schon Rembrandt erholte sich beim kräftigen Korn von seinen Pinselarbeiten. Die Chronik verzeichnet für 1730 mehr Wirte und Weinhändler als Kaufleute. Die Zahl der Pinten wuchs in Amsterdams Blütezeit rasant. Oft wurden sie auf hastig und schlampig in dem Morast eingerammten Pfählen errichtet, so dass die Grundmauern bald einsackten. Ein Zeugnis für diesen Pfusch am Bau ist das „Café de Sluyswacht“ an der Sankt-Antonius-Schleuse, das trotz seiner bedenklichen Schieflage bis heute überdauert hat und für seine „bitterballen“, knusprig frittierte Fleischkroketten mit Limburger Senf, beliebt ist.

Die Stammkneipe des Bierbarons

Um Komfort und Geräumigkeit scherte man sich früher genauso wenig, wie man es heute tut. So ist die Stube eines braunen Cafés bisweilen nicht viel größer als das Interieur eines Wohnmobils. Da die campingbegeisterten Niederländer in ihrem dichtbesiedelten Land ohnehin an Enge gewöhnt sind, fühlen sie sich umso wohler, je mehr soziale Kontakte sich auf kleinster Fläche abspielen. Und in den überschaubaren, plüschigen Däumlingswelten der rustikalen Schenken ist die „gezelligheid“ mehr als irgendwo sonst zu Hause, ein Kokon ungezwungenen holländischen Lebensgefühls, zu dem auch das spontane Duzen von zufälligen Tresenbekanntschaften gehört.

Eine Kostprobe davon bekommt man im „Café Lowietje“. Es liegt im Herzen des Jordaan, der früheren aufmüpfigen Arbeiterhochburg, die erst von Hausbesetzern und Hippies vor der Abrissbirne gerettet und dann zu einem blank geputzten Viertel mit Designerboutiquen und Bioläden saniert wurde. An Wochenenden ist das „Lowietje“ proppenvoll, wenn Volkssänger und Ziehharmonikaspieler alte holländische Lieder singen, in denen alles „lekker“ ist: die Mädchen, das Bier, der Käse. Noch bekannter als durch seine Liederabende ist das „Lowietje“ wegen der Krimiserie „Baantjer“, die von 1995 bis 2006 in hundertdreiundzwanzig Folgen die Straßen des Königreiches leerfegte. Der ältere Inspektor De Cock und sein trotteliger junger Assistent Dick Vledder gehen auf Verbrecher- und Mörderjagd in Amsterdams Rotlichtbezirk und Chinesenviertel, und so wie die Kölner „Tatort“-Kommissare Ballauf und Schenk die Auflösung eines Falls bei Currywurst und Kölsch an einer Imbissbude am Rheinufer feiern, kehrt das Amsterdamer Ermittler-duo in jeder Episode zu einem rituellen Cognac im „Lowietje“ ein.

Den Winzigkeitsrekord hält das puppenstubenhafte „Café De Dokter“, mit achtzehn Quadratmeter Fläche die kleinste Kneipe Amsterdams. Von den Lampen hängen staubige Spinnweben, wobei man im Schummerlicht nicht sieht, ob sie echt oder nur Geisterbahndekor sind. Hinter dem Tresen dreht sich ein Plattenspieler. Wirt Henny Elout, akkurat in bordeauxrotem Pullover und mit bordeauxroter Krawatte, ist leidenschaftlicher Jazz-Fan. Wenn er nicht gerade mit einem Abstreifer das gezapfte „pilsje“ auf knappes niederländisches Schaummaß zurechtstutzt, legt er Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Miles Davis auf.

Die Stammkneipe des Bierbarons

Einer der Stammgäste des „De Dokter“ war ein Amsterdamer, der sich dank seines Reichtums luxuriösere Ausgehadressen hätte aussuchen können. Doch wenn Bierbaron Alfred Heineken mit seinem ihm freundschaftlich zugetanen Leibchauffeur Ab Doderer um die Grachtenhäuser zog, landeten sie für den Absacker häufig beim „Dokter“. Vom eigenen Heineken-Bier berauscht, spann der von seinen Landsleuten respektvoll „Mijnheer Freddy“ genannte Unternehmerpatriarch verwegene Marketingideen. Einige machten Heineken zur Weltmarke, andere floppten. So kam das Projekt der „world bottle“, eine dickwandige eckige Bierflasche im Ziegelformat, die als Baustein in Drittweltländern genutzt werden sollte, über eine Testphase nie hinaus.

Um Gesundheit und Verstand soff sich der österreichische Schriftsteller und Journalist Joseph Roth, der wie viele vor den Nazis geflüchtete Literaten einige Exilmonate in Amsterdam verbrachte. Am liebsten saß und schrieb er im „De Engelse Reet“, das sich beharrlich allen Restaurierungsbemühungen widersetzt. Die Tapete ist vergilbt und zu Fetzen verkommen, Risse im ledernen Windfang sind mit Klebeband geflickt, doch ausgeschenkt werden exquisiteste Gerstensäfte von der Insel Texel und aus dem Trappistenkloster Onze Lieve Vrouw van Koningshoeven bei Tilburg.

Der Kellner zeigt eine Nische gleich am Vorderfenster, an der eine Plakette auf den Stammplatz des stets von Geldnot geplagten Autors aufmerksam macht, der einmal der am besten bezahlte Journalist Deutschlands war. Es kam öfters vor, dass Joseph Roth kurz vor der Sperrstunde seine Zeche nicht zahlen konnte. Dann ließ ihn der Patron mit seinem Gönner Fritz Landshoff telefonieren, dem Leiter der Exilliteratur-Abteilung des Amsterdamer Querido Verlages. Landshoff schwang sich aufs Fahrrad, nur notdürftig einen Mantel über den Pyjama geworfen, um seinen Schützling zum wiederholten Mal aus der finanziellen Notlage zu befreien.

Bet und ihr Geheimknopf gegen Spitzel

Zu den schrillsten Wirtschaften der Stadt gehört das „Café ’t Mandje“, das Einkaufskörbchen. Die dominierende Farbe ist hier allerdings nicht Braun, sondern Rosarot, und das aus gutem Grund: Bei der Eröffnung im Jahre 1927 war das Lokal die erste öffentliche Schwulen- und Lesbenkneipe Amsterdams. Hinter dem Tresen stand die unerschrockene Bet van Beeren, die Königin der Lesbenszene, die in der damals noch gar nicht so toleranten Stadt für die Rechte der Homosexuellen stritt.

Den Einheimischen war Bet, die sich nebenbei um die Kinder aus den Armenvierteln kümmerte, ans Herz gewachsen. Nur die Radfahrer mussten sich in Acht nehmen, wenn sie – in voller Ledermontur und eine Zigarette im Mundwinkel – auf ihrem schweren Motorrad durch die Gassen knatterte. Für die damals noch sittenstrenge Polizei war dieser erste „homokroeg“ ein verdächtiger Sündenpfuhl, den sie im Auge behielt. Erblickte Bet unter ihren Gästen einen Spitzel, gab sie Alarm. Sie betätigte einen Geheimknopf, und schon leuchteten zwei Glühbirnen auf, die hinter den hohlen Augen eines Porzellanfalken verborgen waren. Nun waren die Stammgäste gewarnt und ließen gleichgeschlechtliche Schmusereien lieber sein.

Das „Wynand Fockink“, eines der vornehmsten und ältesten Jenever-Lokale Amsterdams, befindet sich dort, wo man es nie vermuten würde: im Viertel De Wallen mit seinen Sexshops, Animierdamen und Coffeeshops, aus denen es süßlich nach Haschisch riecht. Doch am Pijlsteeg steht man unvermittelt vor einer Fassade, die eher an einen feinen englischen Pub als an einen Ausschank für Hochprozentiges erinnert. Drinnen im Probierraum sieht es aus, als sei seit der Gründung im Jahre 1679 nicht viel verändert worden: niedrige Deckenbalken, ein wuchtiger Holztresen, mit Wacholderbrand gefüllte Steinkrüge und Fässchen.

Jenever aus tulpenförmigen Gläschen

Der „kastelein“, so die sehr vornehm klingende niederländische Bezeichnung für den Wirt, empfängt die Gäste, als seien sie alte Freunde, und lehrt sie, wie in den Niederlanden Jenever getrunken wird: Das tulpenförmige Gläschen wird randvoll geschüttet, so dass man sich bücken muss, um schlürfend den ersten Schluck zu nehmen. Dann bekommt man anhand großzügiger Kostproben den Unterschied zwischen „oude“ und „jonge“ erklärt, der nichts mit dem Alter, sondern mit verschiedenen Herstellungsprozessen zu tun hat. Der „alte“ Jenever hat eine gelblichere Färbung, eine rachenkratzende Schärfe und einen malzig-rauchigen Geschmack. Sein „junger“ Verwandter ist wasserklar und weicher.

Mit zunehmendem Probieren wird auch der verklemmteste Besucher immer „gezellieger“, duzt den Bartender und kichert, wenn ein Likör mit dem drolligen Namen „Hansje in de kelder“ verkostet wird – „Hänschen im Keller“ ist eine alte holländische Umschreibung für Schwangersein. Väter servieren den gleichnamigen Tropfen, wenn sie Freunden und Bekannten die Schwangerschaft ihrer Tochter bekanntgeben. Irgendwann scheinen die akkurat aufgereihten Flaschen auf den hölzernen Regalen nicht mehr ganz gerade zu stehen. Dann ist es höchste Zeit, schweren Herzens dieses beschwingende Branntwein-Arkadien zu verlassen. Auf dem Rückweg muss man wieder durch das Wallen-Viertel, den lasterhaften Amsterdamer Kiez – und kommt spätestens hier zu dem Schluss, dass die holländischen Lebenswasser viel bessere Muntermacher sind als all die Kiffer-Gräser, Haschkekse, Blue-Velvet-Kräuter und psychedelischen Pilze, die hier an jeder Grachtenecke angepriesen werden.

Traditionslokale in Amsterdam

Papeneiland, Prinsengracht 2, www.papeneiland.nl; Sluyswacht, Jodenbreestraat 1, www.sluyswacht.nl; Lowietje, Derde Goudsbloemwarsstraat 2, www.cafelowietje.nl; De Dokter, Rozenboomsteeg 4, www.cafe-de-dokter.nl; Engelse Reet, Begijnensteeg 4; ’t Mandje, Zeedijk 63, www.cafetmandje.amsterdam; Wynand Fockink, Pijlsteeg 31, www.wynand-fockink.nl.

Quelle: F.A.Z.
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