E-Bike Trend

Mit dem Strom!

Von Andreas Lesti
 - 10:03

Beginnen wir vielleicht mit ein paar Aussagen von Picco, diesem, wie die Tiroler sagen, Urviech eines Mountainbikers, die unser Vorhaben in eigenwilliger Präzision auf den Punkt bringen: „Wenn wir genug Strom haben, san mir die Chefs“, sagt er. „Passt’s mim Turbo auf, sonst schmeißt er euch in der ersten steilen Kehre raus“, sagt er. Und: „Es ist der Wahnsinn, wie mich dieses Zwei-Kilo-Ding“ – Blick auf den Akku – „in der nächsten Stunde da rauf befördert“ – Blick auf einen recht hohen Berg in unbestimmter Ferne.

Wir sind in Natters bei Innsbruck und wollen von hier aus in den nächsten Tagen an den Gardasee radeln. Eine Transalp. Allerdings nicht auf normalen Mountainbikes, sondern auf E-Mountainbikes, 22 Kilo schweren Geräten mit breiten Reifen, 500-Watt-Akkus und einem Motor, der uns in den Modi Eco, Tour, Sport oder Turbo über die Alpen schieben wird. Allerdings müssen wir immer mittreten, sonst reagiert der Motor nicht. Es ist schon vier Uhr nachmittags, und wir schauen mit Picco in die wolkenverhangenen Berge.

Heute haben wir noch 35 Kilometer und 1300 Höhenmeter vor uns. Hätten wir herkömmliche Mountainbikes, würden wir uns sehr genau überlegen, ob das noch zu schaffen ist. Aber nun schauen wir nur auf Picco, so wie man bei Turbulenzen im Flugzeug auf die Stewardessen schaut. Wenn sie noch gelassen wirken, ist alles gut. Picco wirkt mehr als gelassen, und wir fragen uns: Ist das alles vielleicht zu einfach? Verstoßen wir hier gegen fahrradethische Grundsätze und entzaubern den Mythos Transalp?

Verstärkt über die Alpen

Eine Transalp ohne elektrische Unterstützung ist ein großes Projekt, das Vorbereitung, Kenntnis und Fitness erfordert. Fünf oder sechs Tage lang bis zu 2000 Meter bergauf und bergab, in eisige Höhen, über windige Pässe, vielleicht sogar durch den Schnee radeln – das macht man nicht mal so nebenbei. Aber das scheint nun keine Bedeutung mehr zu haben. Überhaupt: Alles, was man sich in 25 Jahren Mountainbikefahren angeeignet hat, ist plötzlich außer Kraft gesetzt: Optimale Sitzposition und Klickpedale, damit die Beine ihre Kraft ausspielen können? Egal. Genug zu trinken und zu essen dabei? Spielt keine Rolle. Selbst das Mittagessen hat man bislang genau ausgewählt. Ganz einfach, weil einem beim nächsten Anstieg schlecht wurde von zu viel Fett und Geschmack. Heute gab’s Käsespätzle.

Alles was jetzt noch zählt, ist der Akku-Ladestand und die Frage, in welchem Unterstützungsmodus man sich bequem den Berg hinaufhelfen lässt. „Turbo“, rät Picco, und so rollen wir an den Flanken der Serles, diesem markanten Berg am Eingang des Stubaitals, zügig hinauf. Wir treten locker mit, begleitet vom leisen Surren der tatsächlich sehr starken Motoren. Der Forstweg ist steil, aber es fühlt sich an, als führen wir durch die Ebene. Oder als würde jemand den Film fast forward ablaufen lassen: Wiese, Wald, Kehre, Kehre, Kehre, Almgelände, Kühe, Gewitterwolken, Sattel, hinab ins nächste Tal.

Das Ende des Einstiegstages in diese Transalp beschert uns dann noch so einen E-Bike-Moment: Picco verfährt sich und alle folgen ihm im Turbomodus einen sehr steilen Karrenweg hinauf. Ein paar hundert Meter weiter oben stehen wir vor einem verschlossenen Tor. Wir wenden also und schlagen unten den richtigen Weg ein. Keiner regt sich darüber auf. Warum auch? Picco sagt: „Wenn du dich als Guide ohne E-Bike um sieben Uhr abends auf so einem Weg verfährst, hast du normalerweise ein Problem.“

Als wir am nächsten Vormittag durch eine kleine Ortschaft rollen, spricht uns eine Frau mit roter Strähne im Haar an: „Ja wos macht’s?“, fragt sie kehlig tirolerisch. „Fahrschule? Ja, ja, das muss man auch lernen. Das habe ich erst gestern im Radio gehört.“ Ganz unrecht haben sie und das Radio nicht, denn es ist tatsächlich ein Unterschied, ob man auf einem Mountainbike oder auf einem E-Mountainbike durch die Gegend fährt. Also gibt uns Picco einen kurzen Fahrtechnik-Kurs. Erstens: Mit hoher Frequenz treten, dann ist die Wirkungskraft des Motors am höchsten. Zweitens: Nur mit einem Finger bremsen. „Sonst machts ihr an Headfirst in Schooder nei.“ Das heißt: Man sollte die Kraft der Scheibenbremse richtig einschätzen. Drittens: Beim Bergauffahren auf dem Sattel nach vorne rutschen. „Immer sitzen bleiben und in Lenker beißen! So“, sagt er, und fährt eine absurd steile Wiese hoch. Und viertens: Beim Bergabfahren einen „Kraftkreis“ bilden. Aufrecht. Ellbogen raus und den Blick weit voraus. „Das war’s eigentlich“, sagt er und fährt auf dem Hinterrad davon.

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Picco heißt eigentlich Christian Piccolruaz, ein hagerer Mann mit zerzaustem Haar, der seit 1986 Mountainbike fährt und so ziemlich jeden Berg in Tirol auf zwei Rädern bezwungen hat. Seit einigen Jahren fährt er nur noch E-Mountainbike und ist sich sicher, dass diesen Geräten die Zukunft des Radtourismus in den Alpen gehört. Weil das Image des E-Bikes sich komplett gewandelt hat. Weil nicht mehr nur Rentner damit zum Badesee fahren, sondern Bergsteiger zur Felswand und Leistungssportler damit trainieren. Weil man damit auf steilen Pfaden bergauf fahren kann und der erweiterte Aktionsradius ganz neue Tour-Möglichkeiten eröffnet. Weil E-Bikes die Alpenüberquerung „demokratisieren“ und ambitionierte Hobbyradler nun auch 3000 Höhenmeter und 100 Kilometer pro Tag schaffen. Das sind die Gründe, warum Prognosen des Zweirad-Industrieverbandes besagen, dass bald jedes dritte verkaufte Fahrrad ein Elektrorad sein wird.

Das alles bestätigt sich auf unserem Weg zum Gardasee. Auf einem extrem steilen Pfad schieben uns die Räder über Wurzen und Felsstufen hinauf zum Sattelberg. Mit Leichtigkeit rollen wir auf 2000 Metern auf dem alten Brenner-Grenzkamm an den Bunkern vorbei und zirkeln uns dann auf Bergpfaden hinab nach Südtirol. In Windeseile und Turbomodus schießen wir auf dem Ritten wieder hinauf. Oben schwitzt keiner, wir trinken Cappuccini und rauschen mit glühenden Scheibenbremsen nach Bozen. Mit fast schon obszöner Lässigkeit überholen wir durchgeschwitzte Nicht-E-Mountainbiker mit 180er Puls auf dem Weg zum Molvenosee – und spüren deren abschätzige Blicke im Rücken. Entspannt cruisen wir schließlich durch Weinberge, kleine Bergdörfer, am Toblinosee vorbei ins Sarcatal zum Gardasee. Hier, im Einzugsgebiet der Mountainbike-Hochburgen Torbole, Riva und Arco, sehen wir tatsächlich mehr und mehr Gruppen wie die unsere: schamlos unangestrengte E-Biker. Und dann stehen wir am Ufer des Gardasees, der Wind bläst uns ins Gesicht, wir öffnen ein Bier und stoßen an auf unsere erfolgreiche Transalp. Alles, was fehlt, ist der Muskelkater.

ASI Reisen bietet 2018 diverse geführte und individuelle E-Bike-Transalptouren an (2017 sind alle Termine ausgebucht). Die Acht-Tage-Tour kostet inklusive sieben Übernachtungen in Drei- und Vier-Sterne-Hotels mit HP, Gepäcktransport, Transfers und Radguide 1245 Euro. Bei individuellen Touren stellt ASI Reisen statt des Radguides Toureninfos und GPS-Daten zur Verfügung. E-Bike-Verleih kann organisiert werden. Mehr unter www.asi-reisen.de

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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