Highgrove in England

Hoheit zündet keine Haufen an

Von Astrid Ludwig
 - 11:29
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Erzengel tragen heutzutage nicht mehr Schwert und Flügel, sondern Maschinenpistole und kugelsichere Weste. Gleich zu zweit versperren sie mit entschlossener Miene die Einfahrt. Hier werden Adam und Eva nicht martialisch aus dem Paradies herauskomplementiert, sondern Gartenliebhaber auf dem Weg hinein gründlich kontrolliert. Ein etwas einschüchterndes Szenario für einen Parkbesuch. Doch nach den Anschlägen in London und Manchester macht die Terrorabwehr auch vor Blumenfreunden nicht halt. Erst recht nicht, wenn man Einlass in das private Heiligtum von Prince Charles begehrt.

Highgrove ist sicherlich einer der bestbewachten Gärten der Insel. Eine Mauer aus gelbem Stein umgibt das Anwesen wie ein Schutzwall. Ziemlich hoch und kilometerlang führt sie an der schmalen Landstraße in Richtung Tetbury entlang, einem Marktstädtchen in den Cotswolds in der Grafschaft Gloucestershire. Etwas außerhalb des Ortes hat der Thronfolger für sich und seine Familie seit Anfang der frühen achtziger Jahre ein ökologisches Königreich erschaffen.

Nach Highgrove führt kein Hinweisschild. Was nicht wirklich verwundert, denn ungebetene Gäste sind nicht erwünscht, und spontan kommt man ohnehin nicht hinein. Wer ein Ticket für den Gartenbesuch bucht, erhält vorab eine detaillierte Wegbeschreibung. Sie leitet Besucher zu einer Abzweigung, die ganz unauffällig durch eine Lücke in der Mauer führt. Doch schon nach wenigen Metern stehen wir vor einer Straßensperre mit Portierhäuschen und den schwerbewaffneten Polizisten. Wir zeigen unsere Ausweise, Tickets, ein, wie wir hoffen, harmloses Lächeln und dürfen weiterfahren. Bis zum Parkplatz, da steht abermals eine freundliche Dame und weist uns ein. Eine Viertelstunde vor dem Start der Besichtigungstour sollen Besucher mit dem Auto eintreffen. Langes Herumlungern auf dem Parkplatz ist ebenso wenig erwünscht wie Kameras, Handys oder sonstiges technisches Gerät. Foto- oder Tonaufnahmen sind nicht erlaubt. Der Prinz will seine Privatsphäre schützen. „Aus Sicherheitsgründen“, sagt die Dame am Orchard Room, dem Eingang zum Garten, in freundlich bestimmtem Ton. „Und weil es im Shop Fotokarten und Bücher zu kaufen gibt“, grummelt ein Gast.

Die Aquarelle Seiner Königlichen Hoheit zieren die holzvertäfelten Wände

Mit ihrem eleganten blauen Wickelkleid, Pumps und rutschfester Frisur sieht die Empfangsdame aus wie eine junge Ausgabe der Eisernen Lady. Vermutlich ist ein resolutes Auftreten in Thatcher-Manier nötig: Hobbygärtner in freudiger Erwartung und noch dazu in Gruppen sind zuweilen schwer im Zaun zu halten. Zumindest in Deutschland. Die Engländer scheinen dagegen so zivilisiert zu sein wie in der Warteschlange an der Bushaltestelle: „keep calm“. Rund fünfzig Besucher, überwiegend gartenbegeisterte Briten, harren geduldig im Eingangsgebäude aus. Schließlich ist man bei Königs daheim.

Das Entrée des Orchard Room könnte auch die Lobby eines eleganten Hotels sein. Edler Teppich liegt aus, diverse Gartenutensilien und Bücher über Highgrove werden zu durchaus royalen Preisen feilgeboten. Die Aquarelle Seiner Königlichen Hoheit zieren die holzvertäfelten Wände. Garten- und Landschaftsmotive, keineswegs stümperhafte Laienversuche, sondern professionelle Werke. Der Prinz hat Talent.

Wer die privaten Gartenanlagen besichtigen will, muss Wochen vorher Tickets buchen. Seit ein paar Jahren erst werden von April bis Oktober kleine Gruppen durch das 60.000 Quadratmeter große Anwesen geführt – mit einer einfachen Führung, einer mit Abendessen oder Afternoon Tea und einem Glas Sekt. Bis zu dreihundert Besucher kommen am Tag, erzählt uns unsere Eiserne Lady.

Ein Garten, „der das Auge erfreut, das Herz wärmt und die Seele nährt“

Wir haben die „Tea and Champagne Tour“ gewählt – für stolze 75 Pfund pro Person. Dafür erreicht uns schon Wochen vorher daheim per Post eine edle quadratische Box in Meerblau und Violett mit dem Feder-Wappen Seiner Royal Highness. „You are invited to the Private Gardens at Highgrove“, Sie sind eingeladen, steht in goldenen Lettern auf champagnerfarbenem Papier. Das sind unsere Tickets, samt einem kleinen Buch über die Privatgärten. Der Prinz – beziehungsweise seine Marketingabteilung – lässt grüßen. Die Vorfreude steigt.

Und jetzt, Monate später, sitzen wir zusammen mit anderen Gartenbegeisterten in einem Zelt mit bauschigen Rüschen und Rosen auf filigranen Stühlen. Der Thronfolger hat eine Mission: Auf einem großen Flachbildschirm spricht Seine Königliche Hoheit zu uns über die Freuden des Gartenbaus, des ökologischen Gärtnerns vor allem, und ein bisschen fühlen wir uns wie Jünger in einem Aschram, die der Videobotschaft ihres Gurus lauschen. Die Erleuchtung heißt in diesem Fall Staudenbeete ohne Pestizide, Gemüseanbau ohne künstlichen Dünger, Fruchtwechsel, Heizen mit Erdwärme, organisches Kompostieren, Sonnenenergie und Nutzung von Regenwasser. Prinz Charles beschreibt Highgrove als einen Ort der Schönheit und Ruhe, der die Harmonie mit der Natur nicht stören soll. „Ich war entsetzt über die zunehmende Zerstörung im Namen des Fortschritts. Vieles in der modernen Landwirtschaft und im Gartenbau erschien mir wie ein erbitterter Kampf gegen die Natur“, erzählt er. Beseelt von dem Wunsch, „die Landschaft zu heilen, ihre Wunden zu verbinden und sie wieder in ihre natürliche Form zu bringen“, kaufte er das Anwesen in Tetbury – mit dem Anspruch, einen Garten zu schaffen, „der das Auge erfreut, das Herz wärmt und die Seele nährt“.

Der Cottage Garden gleich zu Beginn kommt diesem Anspruch schon sehr nah. Besucher betreten ihn durch das Torhäuschen mit seiner dreihundert Jahre alten Tür aus dem indischen Jodhpur – ein Geschenk von einer der vielen Auslandsreisen. Dahinter hebt sich der Vorhang für ein romantisches Bühnenbild, in dem rosa Sonnenhut, die blauen Blüten der Katzenminze, purpurne Rosen, Wicken und die pummeligen Kugeln des Allium einen mäandernden Rasenweg in Szene setzen. Zwei der insgesamt dreizehn Gärtner und Gärtnerinnen, die das Anwesen hegen, sind gerade dabei, das etwas zu dominante Geranium in die Schranken zu weisen. Ein rustikaler Pavillon aus dicken Eichenstämmen und mit einem Dach aus Holzschindeln kuschelt sich an die Steinmauern, die den Bauerngarten begrenzen. Englands berühmte Gartendesignerin Rosemary Verey hatte diesen Teil des Gartens mit Charles gemeinsam geplant.

Gepflanzt werden keine sensiblen Exoten, sondern robuste Arten

„Als der Prinz vor fast 37 Jahren nach Highgrove kam, gab es nicht viel mehr als Weideland, ein Dickicht aus Sträuchern und einen vernachlässigten ummauerten Garten“, erzählt Maggie Thompson. Sie ist eine der fünfunddreißig Garden Guides, die durch die verschiedenen Gartenräume des Anwesens führen, unermüdlich Fragen beantworten und auch darauf achten, dass niemand unterwegs verlorengeht. Unbeaufsichtigt herumstreifende Gäste machen den Sicherheitsdienst nervös. „Vorsicht, das könnte einen Alarm auslösen“, warnt Maggie einen grauhaarigen Herrn, der sich etwas zu entspannt an ein Holzgatter im Sonnenuhr-Garten lehnt und daraufhin sofort zurückzuckt. Der Zaun grenzt an das Weideland, das sich vor dem Herrenhaus ausdehnt und in der Ferne den Blick auf den Kirchturm von Tetbury freigibt. Das Haus, erzählt Maggie, gehörte früher mal den Macmillans. Harold Macmillan war in den fünfziger und sechziger Jahren Premierminister von Großbritannien.

Die Wildblumenwiesen entlang der Auffahrt und die überbordenden Staudenbeete im Sundial Garden, dem Sonnenuhr-Garten direkt am Haus, gehören zu Charles Lieblingsorten. Der Prinz scheint ein Faible für Rittersporn zu haben. Dutzende davon wachsen hier. Wilde Blütenpracht und strenge Heckengeometrie bilden einen schönen Kontrast. Über dreißig Wildblumenarten gedeihen auf der Wiese, auf der im Herbst Schafe weiden. Die Bereiche unmittelbar am Haus entstanden als Erstes. „Hier frühstückt der Prinz morgens oft“, berichtet Maggie und deutet auf einen steinernen Tisch im Sonnenuhr-Garten. Wir stellen uns vor, wie seine Königliche Hoheit hier morgens in der Sonne Toast und Ei isst. Einer der Herren der Gruppe versucht einen Blick durch die Fenster ins Herrenhaus zu ergattern – vergeblich. His Royal Highness sei nicht da, sagt Maggie etwas streng. Der Besucher, einer der wenigen Deutschen in der Gruppe, wirkt enttäuscht. Irgendwie hatte man doch gehofft, Prinz Charles mal beim Unkrautzupfen zu erleben, sagt er. Maggie hat ihn natürlich schon getroffen. „Im Garten. Wir haben uns über Pflanzen unterhalten. Er ist sehr kenntnisreich“, erzählt sie.

Das war anfangs nicht so. Als der Thronfolger im Jahr 1980 das Anwesen kaufte, stand er vor einer „leeren Leinwand“. Um sie zu füllen, holte er sich Rat bei Lady Salisbury, einer Pionierin des biologischen Gartenbaus und Verfechterin der pestizidfreien Landwirtschaft in England. Heute ist das Anwesen ein Ökosystem für sich, eine Insel, „wo sich die Welt fast wieder heil anfühlt“, ganz so, wie sich der Prinz das gewünscht hatte. Selbsthergestellter Kompost dient als Dünger, das Abwasser wird in Schilfbeeten geklärt und das Regenwasser aufgefangen. „Die Qualität des Bodens hat Priorität“, erzählt Maggie auf dem Weg zum Gemüsegarten, einem der Herzstücke des Anwesens. Gepflanzt werden keine sensiblen, anfälligen Exoten, sondern robuste Arten. Schädlinge werden von Hand gesammelt oder mit Raubinsekten bekämpft. Schnecken hauchen ihr Leben in Bierfallen aus oder werden mit Ruß bestreut, wenn sie sich den Erbsen, Bohnen und Kartoffeln nähern, die Seine Königliche Hoheit gerne isst. Salat, Erbsen, Lauch, Kräuter, Erdbeeren strotzen in den Beeten – alles für den Eigenbedarf. „Die Äpfel“, Maggie führt die Gruppe durch einen meterlangen Spalierobstbogen, „gehen an ein örtliches Hospiz.“

Fotos nur vom „official event photographer for His Royal Highness“

Sympathisch findet Edith, eine Kielerin, dass man auch ab und zu mal Unkraut sieht und Brennnesseln im Beet, dass eben nicht alles immer perfekt aussieht. Sie und ihr Mann sind extra aus dem Norden Deutschlands angereist, um den Garten zu besichtigen. Für David Howard, der lange Jahre Chefgärtner in Highgrove war, ist das eine der wichtigsten Regeln des Gartens: „Der Glaube, dass Perfektion etwas ist, nach dem man zwar streben kann, das man aber selten erreicht“, schreibt er in dem Buch „Der Garten von Highgrove“. Das hört sich entspannt an, doch Maggie drängt zum Aufbruch. Der Stumpfgarten ist das nächste Ziel, eine Skurrilität in des Prinzen Reich. Dafür ließ Charles mit einem Tieflaster tonnenschwere Baumstümpfe und Kastanienwurzeln herankarren, die ein Gartendesignerpaar für ihn zu Türmen, Haufen und Torbogen stapelte. Anfangs sah das Ganze aus wie der kariöse Rachen eines Dinosauriers. Als Charles seinen Vater, den Herzog von Edinburgh, durch diesen Gartenteil führte, fragte dieser denn auch, wann er „den Haufen anzuzünden gedenke“.

Mary und Gladies, die beiden Freundinnen, die ganz aus der Nähe von Tetbury stammen, finden den Stumpfgarten dagegen ganz hinreißend. Mary hat früher am Meer gelebt und Treibgut gesammelt. Sie kennt den Spott, der Sammelobjekte dieser Art treffen kann. Dabei sieht es heute schön verwunschen aus, findet sie. Jede Menge Funkien und Farne überwuchern die Stümpfe, fast wie in einem Zauberwald. Vermutlich befindet sich deshalb auch das Baumhaus hier, in dem die Prinzen William und Harry als Kinder spielten.

Zu Torten, Krönchen, Kugeln, Säulen oder Sahnehäubchen sind die Eibenbüsche geschnitten, die in einer langen Allee auf der Sichtachse zum Haus wachsen. Hier durften die Gärtner ihre Ideen ausleben, erzählt Maggie, als wir fast auf dem Rückweg wieder angekommen sind. Thymianweg heißt dieser Teil des Gartens, benannt nach den über zwanzig Thymiansorten, die auf dem Boden wachsen zwischen den Formschnittgehölzen, die aussehen wie die merkwürdigen Kartenköniginnen aus „Alice im Wunderland“. Vor ihnen kann sich die Gruppe fotografieren lassen – von Paul Burns, dem „official event photographer for His Royal Highness“, wie seine Visitenkarte stolz verkündet. Bei 25 Pfund für den Download eines Online-Fotos zucken wir jedoch etwas zusammen. Der Erlös geht in die „Prince of Wales’s Charitable Foundation“, die 1979 von Charles gegründet wurde, viele Umweltprojekte unterstützt und zu einer der größten Wohltätigkeitsstiftungen im Land gehört.

Wasn’t it lovely?

Dorthin geht auch der Umsatz, den der Shop erzielt. Es gibt Highgrove-Karten, Bücher, Pflanztöpfe, Westen, Tee, Schokolade oder Champagner, Schmuck und natürlich Stauden. „Wasn’t it lovely“, verabschieden sich Mary und Gladies mit entzücktem Lächeln in Richtung Garten-Einkaufsparadies. Mit einem Panama-Hut, der gerade in der männlichen Gartenwelt der letzte Schrei zu sein scheint, kommt Richard, der weißhaarige Herr, wieder heraus. Er ist Banker in London und will sich demnächst auf seinem Anwesen auf dem Land zur Ruhe setzen. Er hat einen Gärtner, aber ein bisschen will er selbst zu Hacke und Spaten greifen. In Highgrove hat er „nach Inspirationen gesucht“, erzählt er. Er will Sitzplätze und lauschige Ecken anlegen. Und vor allem jetzt erst einmal einen Tee trinken.

Der wird in einem romantischen Hof und im Saal des Orchard Room serviert. Es gibt Highgrove-Champagner, edles Porzellan, eine dreistöckige Etagere mit Lachs-, Gurken- und Eisandwiches, natürlich mit Eiern von königlichen Hühnern und mit Senf aus eigener Produktion. Der Kuchen ist mit echten Gänseblümchen verziert und zu den warmen Scones wird hausgemachte Marmelade gereicht. Üppige, wohlmundende Portionen. Der Prinz knausert nicht bei seinen Gästen. Die Kellnerin nähert sich noch mit zwei meergrünen Kästchen. Eine kleine Aufmerksam seiner Hoheit, sagt sie. Wir sind entzückt und öffnen die Deckel. Zwei gläserne Windlichter mit dem eingravierten Feder-Wappen des Prinzen.

Die stehen jetzt daheim im Garten. Neulich hat mein Mann einen alten Baumstumpf ausgegraben und angeschleppt. Der sei doch schön zur Dekoration, hat er gesagt.

Das Paradies des Prinzen

Informationen: Highgrove ist zwischen April und Oktober für Besuchergruppen geöffnet. Buchungen unter https://www.highgrovegardens.com/visiting-highgrove-gardens oder telefonisch unter 00 44/03 03/123 73 10.

Quelle: F.A.Z.
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